Kritikkostproben
Die folgenden Auszüge aus Textkritiken sollen einen kleinen Eindruck vermitteln, was wir im Forum unter konstruktiver Textarbeit verstehen. Unter dem jeweiligen Auszug findet sich jedes Mal der entsprechende Link zum Thread, der die ganze Kritik und den Text beinhaltet. Die Auswahl kann vielleicht bei der Entscheidung helfen, ob der Salon für jemanden das richtige Literaturforum ist.

[...] Ich lese '"Das Bild" als Variation zu "Brot" und Deiner "Geschichte ohne Ende". Das vordergründige Hauptkennzeichen aller drei Texte ist, dass ein angeblich neutraler Erzähler wahlweise eine Geschichte, eine Erkenntnis oder eine Wahrheit kolportiert, die wiederum qua Binnengeschichte/-text, erzählt von den Protagonisten (Spangenbach in "Brot", ein "Bekannter" in der "Geschichte ohne Ende" und hier der "Großvater"), aus kolportierten Inhalten besteht . Tatsächlich aber thematisieren diese drei Texte die Frage, inwiefern überhaupt die Möglichkeit für den Hörer (rsp. den Leser) besteht, Wahrheit im Gesagten und Erzählten ausfindig zu machen und, so dies (scheinbar) glückt, jener Wahrheit länger als eine Minute zu vertrauen.
In der "Geschichte ohne Ende" überantwortest Du dem Leser die Weitergabe des soeben Erfahrenen und die Aufgabe, für (end)gültige Aufklärung zu sorgen. In "Brot" führst Du uns aufs Eis, indem Du die eine Seite der Medaille reportagehaft und mit vermeintlich wissenschaftlichen Aussagen schreibst/belegst, am Ende aber dem Leser die Kehrseite jener Medaille zuwendest, auf der mit einem einzigen Satz alles rückseitig Gesagte genullt wird. In diesem Text machst Du den Leser (erst den männlichen, am Ende auch den weiblichen) identifikationshalber zum Kind (die einzig möglichen Sympathieträger ergo Identifikationsfiguren sind ja die beiden Kinder), das mit der Frage zurückbleibt: inwiefern ist Gesagtes überhaupt entkoppelbar von der Absicht des Erzählenden?
"Das Bild" zeigt, wie auch die anderen beiden Texte, zum einen eben dies, dass das Wort und sein Wahrheitsgehalt immer gefärbt ist von der Absicht des Sprechers und zum anderen, dass eine Wahrheit niemals eineindeutig ist (geschweige denn etwas eineindeutig in der Lage ist abzubilden: ein Bild ist ein Grabstein, die Brotbuße erfunden, eine Geschichte ohne Ende nicht denkbar).
Ambivalenz als übergreifende Thematik: ein weites, ein interessantes Feld, das Du sehr klug bearbeitest. [...]
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ich gebe zu, dass ich beim Titel "Ölpest" zunächst einmal "Ohje" dachte. Es ist beileibe keine Spezialität des Salons im Frühling Frühjahrslyrik zu haben, im Sommer Sommertexte und im Winter Texte, in denen es stürmt und schneit. Darüber hinaus werden auch viele Ereignisse des Lebens kommentiert - es ist keine Spezialität des Salons, aber auch wir haben diese Texte und ich wünsche mir dann jedesmal ein Schreiben, das über den Tag hinausreicht. Daher kam also mein "Ohje".
Hier muss ich allerdings sagen, dass das ein ganz feiner Text geworden ist, der sich nicht nur mit der Problematik "Soll ich oder soll ich beschreiben" auseinandersetzt, sondern diese Auseinandersetzung auch sehr kunstvoll gestaltet. Gelungen finde ich nicht nur die vielen Assoziationen, die einem vielleicht kommen, wenn man darüber nachdenkt, aber nicht gleich einfallen, wenn man an Ölschlamm denkt (bei all dem geht einem auch wieder auf, wie sehr man selbst auch mit Auslöser eines solchen Ölteppichs ist - wenn ich das Öl nicht brauchen würde, würde man es schließlich auch nicht fördern) , gelungen finde ich nicht nur allgelegentliche Wortspiele, gelúngen finde ich vor allem, dass der Text an seinen Gedanken klebt und die Worte aneinander zu kleben scheinen, wie eben bei einem Ölteppich.
Das ist keine leichte Kost, kein gebrauchstfertiges kulturkritisches Gedicht - aber ein ganz feiner Text.[...]
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[...]Ich finde die Idee zu dieser Geschichte sehr spannend.
Ein Lektor lehnt "unverblümt" ein in seinen Augen "albernes" Romanmanuskript ab und erfährt danach den fiktionalen Horror ganz real, sozusagen am eigenen Leib. Die "kleine Aster" wird zum Tod bringenden Symbol, eben zur "Blume des Bösen".
Elsa verarbeitet in ihrem Text m M auf gekonnte Art und Weise Benns bekanntes Gedicht. Das geht allerdings so weit, dass ohne Kenntnis der "Vorlage" der Text wohl nicht ganz verständlich sein dürfte. Die "blutgetränkten Holzspäne" sowie die direkt zitierte Verszeile "trink dich satt" dürften demjenigen mystisch oder eine Chiffre bleiben, der das Gedicht nicht kennt. Letztendlich paßt das aber wiederum zum Charakter der Geschichte, so dass ich revidieren muss: derjenige, der um die Vorlage weiß, hat mehr von Elsas Text (selbst die Tatsache, dass Oskar auf einem Brett liegt/festgebunden wird, vorher Bier getrunken hat, ist ein direkter Verweis auf die Situation in Benns Gedicht).
Der kalten, distanzierten, sezierenden (!) Sprache des expressionistischen Benn Gedichtes setzt die Autorin einerseits eine lebendige, umgangssprachlich gefärbte gegenüber, in der temporeich die Ereignisse des Hauptstrangs erzählt werden. Andrerseits nimmt sie diese Sprache wiederum auf, wenn sie den Lektor die Absage an den Autor formulieren läßt.
Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Geschichte irgendwie mit dem letzten Satz nicht ganz zu Ende ist. Ob es noch eine Fortsetzung gibt oder etwa andere, ähnlich gebaute Geschichten zu einem übergeordneten Ganzen? [...]
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[...] Was mir neben allem, was schon erwähnt wurde noch gefällt, ist, dass Du Klara, Dich nicht in Formen pressen lässt. Und so neue erfindest, hier eine neue Form der "Rezension", die einfach hundertmal spannender ist als die, die man so kennt. und so dem Klischee entrinnst, dass ja im Grunde durch eine Verfestigung entsteht (scheint mir).
Und so führst Du im Grunde ja durch, was dieser Film offensichtlich nicht schafft.
Im Grunde bewegst Du Dich auf der darunterliegenden Ebene, machst Dich verletzlich, outest Dich. Ich glaube, das Paradoxe ist, dass man als Zuschauer gerne das Klischee löschen würde aufgrund der Sehnsucht nach Echtheit, Unverfälschtem, dass man aber als der/die, der/die es darstellen kann, manchmal das Echte löschen möchte, weil man sich selbst riskiert, weil man angreifbar wird und manchmal auch pathetisch oder gar peinlich. [...]
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[...] erst einmal allgemein: Muehevoll habe ich deinen Text nicht finden koennen, noch fand ich deinen Stil kompliziert. Die Verstaendlichkeit eines Satzes haengt nach meiner Leseerfahrung nicht allzu stark mit seiner Laenge zusammen - Mann, Kleist, Brecht, Kant, Hegel, Schopenhauer und viele andere bringen es fertig, sehr ausgedehnte Satzgebilde gestochen scharf zu schreiben. Die grammatische Einheit korrespondiert hier mit der inhaltlichen es wird bedaechtig ein ausgreifender Gedankenbogen geschlagen, der in einem Atemzug aufgenommen werden muss und unter einer Zerstueckelung sehr leiden wuerde. Wenn eine solche Verbindung um Inhalt besteht - oder die Form dem Inhalt sogar direkt zuwaechst - gebe ich einem entsprechenden Stil jederzeit den Vorzug. In literarischer Hinsicht ist ie Form in meinen Augen ein eigenstaendiges und maechtiges Darstellungsmittel, durch dessen gekonnten Einsatz ein Text sehr gewinnt.
In diesem speziellen Fall sehe ich die Verbindung. Mitgefuehl kommt zwar auch bei mir keines auf, ich habe aber auch nicht den Eindruck, dass der Text das einfordert - die Protagonistin zeigt sich schliesslich bereit, ihr Schicksal an- und auf sich zu nehmen. Mir scheint hier eine aehnliche Grundstimmung am Werk wie beim Vater Rhein, diesmal aber in eine andere Richtung und fuer mein Gefuehl viel angenehmer ausgelegt. Lediglich an einigen Stellen sehe ich die von Gabriella auch schon angesprochene Larmoyanz im Kontrast zum Mut des Lyrich. Wenn ich sie naeher bestimmen kann, melde ich mich noch mal. [...]
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