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Nachsicht

Ich habe
den Mann der Kantorin gehört
beginnt ein Gedicht
so
verwackelt
sein Blick
Doch er singt
tief und fest und ganz
anders
dabei
sitzt er krumm
pflichtbewusst
arbeitsam
wie die Frau
selten froh
als täte ein Lächeln
dem Mund Unrecht
muss er
für jedes
Abbitte leisten
Niemals
wäre ich so vermessen
sie ist
viel dünner und schöner: Sie
hat ihn verdient

Ich schaue
schaue bewundernd
das Paar
seine Vollständigkeit
diese Ernsthaftigkeit eines Glücks
wiegen schwer

da
mag ein
Gedicht leicht drin sein


von Klara






Nena

Nena entdeckte ihr Nationalbewusstsein irgendwann in der sechsten Klasse Grundschule. Da kannte ich sie schon sieben oder acht Jahre.

Es wurde ihr plötzlich klar, dass sie eine Serbin in Kroatien ist. Wodurch es ihr so sternenklar wurde und warum es ihr als Benachteiligung vorkam in diesem damaligen friedlichen Bruderschafts- und Einheitseinerlei, weiß ich nicht. Elternhaus, würde ich sagen, wäre ich sicher. Das bin ich aber nicht.

Schwuppdiwupp weigerte sie sich, die lateinische Schrift zu benutzen, und fing an ihre Hausaufgaben in Kyrillisch zu schreiben.

Ich mochte Nena, weil sie ein quirliges, lautes kleines Wesen war. Sie war mir aber auch unangenehm, ihre Auseinandersetzungen mit der Kroatischlehrerin, die der Auffassung war, dass es sich um den reinen Wunsch aufzufallen handelte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Lehrerin ein Problem hatte mit dem Lesen der kyrillischen Buchstaben, es war eine gute und gerechte Lehrerin. Möglicherweise hatte sie bloß eine verstärkte Beobachtungsgabe und merkte frühzeitig Nenas Neigung zum Übertriebenen. Die Versuche der Lehrerin, diese Stimmung zu mildern, zu lenken und zu relativieren, ernteten Nenas trotzigen Zorn und ihre leisen, nur mir, die ich daneben saß, ins Kinn gemurmelten Vorwürfe von Chauvinismus. Ja, wir kannten solche Worte, dort und damals. Es waren mächtige Worte, anzündbar wie Streichhölzer. Nena wollte stolz sein dürfen, eine Serbin in Kroatien zu sein, auch wenn die Kroaten sich mit dem Muckefuckstolz zufrieden zu geben hatten, Jugoslawen zu sein.

War ich doof? Oder nur glücklich? Ich hatte keine Meinung über diese Themen und mir genügte es, bloß Tochter meiner Eltern zu sein. Worte wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Ausbildung und Fleiß spielten bei mir zu Hause eine größere Rolle, zumal ich aus einer gemischten Ehe stammte, mit Beimischung Germanen und Ugrofinnen. Abgesehen davon mochte ich die Kroatischlehrerin, ja, ich schwärmte buchstäblich für sie und war ein bisschen verliebt in ihren Auftritt und ihr Wissen. In ihre Bücherregale.

Also mischte ich mich insofern ein, als ich versuchte, Nena mit Jungensgeschichten abzulenken. Das gelang mir auch, weil die Jungs ... Die Jungs waren Nenas andere große Leidenschaft.

Es genügte anzudeuten, dass einer von den Jungs angesagt sein könnte, schon lief Nena Amok und wurde Feuer und Flamme und gab keine Ruhe, bis ihr derjenige Junge, für alle deutlich sichtbar und unmissverständlich, verfallen war. Danach verlor sie das Interesse an ihm, aber ein Neuer stand schon bereit. Nenas Verschleiß an Jungens war bemerkenswert.

Ihr eigentliches Pech bestand darin, dass sie eine super aussehende Mutter hatte. Wahrhaftig sah die Frau wie eine Rakete aus, großgewachsen, schwarzhaarig, mit Wangengrübchen und immer gut gelaunt und spritzig. Sie war immer zehn Jahre jünger als gleichaltrige und immer zehn Zentimeter größer als ihr Mann, Nenas Vater, dessen Statur Nena, zu ihrem Bedauern, geerbt hatte.

Nenas Vater war liebestoll, die ganzen Jahre über war er liebestoll, und einige Zeit meiner Jugend glaubte ich auch, dass das, was er gegenüber Nenas Mutter rüberbrachte, tatsächlich die große Liebe sein musste, da es so verschieden war vom Alltag meiner Eltern. Aber ich weiß nicht, wie die große Liebe aussehen SOLL, wer weiß das schon?

Nenas Vater stelzte seiner Frau nach, verfolgte sie, fuhr sie hin und her zu ihrem Arbeitsplatz in der Keksfabrik. Er wartete auf sie in dunklen Gassen, um sich zu überzeugen, dass sie auch wirklich alleine nach Hause lief. Keiner aus der Straße, niemand, den ich kannte, schenkte bei uns Blumen, höchstens pflückte mann etwas aus dem Garten, außer, einer hatte Geburtstag oder war hingeschieden. Aber Nenas Mutter bekam oft Blumen von Nenas Vater, und zwar nur so, ohne einen ersichtlichen Grund.

Er kaufte seiner Frau goldene Ketten und Ohrringe, und ganz leidenschaftlich die sündhaft teuren, für seine Kleinbeamtentasche zu teuren roten und lilanen Seidennegligés, die mir Nena dann später, wenn wir alleine zu Hause blieben, stolz und mit erwartungsvollen Blicken vorführte. Es waren wunderschöne Teile, solche sah ich bei meiner Mutter höchstens einmal oder zweimal im Leben, und dann ausschließlich in verhaltenen Pastellfarben. Ich sagte Nena, sie sehe gut aus. Ich sagte nicht, dass ihr das Oberteil etwas leer und unbeholfen Richtung Bauch beutelte, und sie tat auch so, als wüsste sie es nicht. Streit wollte ich ja nicht anzetteln, und schließlich mochte ich sie, weil sie so gern lachte und klein und quirlig war und weil es bestimmt nicht leicht war, eine Rakete als Mutter zu haben.

So verbrachte Nena ihre Pubertät kyrillisch schreibend und die Jungs anderen Mädchen ausspannend. Ausspannen machte Spaß. „Was kann ich dafür?“,
klagte sie, „was kann ich dafür, dass er mich will?“, jammerte sie scheinbar hilflos, aber Sieg blinzelte ihr in den Augen, und ich sah es und kannte es. Mehr als Spaß bedeutete das Ausspannen eine Selbstbestätigung. Etwas zu bekommen, was andere haben wollten oder gehabt hatten, preiste sie höher, und ich glaube ehrlich, dass in diesem empfindlichen Lebensabschnitt unsere Freundschaft ungestört gedieh, nur Dank dem Zufall, dass ich damals einen Freund in einem weit entfernten Ort hatte, dessen ich mir sicher war und mit dem ich leidenschaftliche Liebesbriefe tauschte. Zu dieser Zeit fing ich an, Gedichte zu schreiben. Manchmal schenkte ich Nena ein Gedicht, und sie freute sich und klebte es auf die Wand ihres Jugendzimmers, direkt über das Bett. Ja, sie mochte mich auch, zweifelsohne, weil eines konnte ich gut, nämlich zuhören.

Irgendwann verlor das Jungensausspannen an Charme. Etwas Neues, eine Steigerung musste her. Jungs waren zu leicht zu kriegen in diesem zarten, hormongesteuerten Alter, das konnte ja jede. Also suchte sie und fand ihre neue Leidenschaft. Sie fing an, mit Leib und Seele einen bekannten serbischen Fußballer zu verehren.

Ich gönnte ihr ihre Liebe. War ich verlogen? War ich egoistisch auf eigene Ruhe bedacht? Es ist möglich. Aber ich mochte sie trotzdem, das schwöre ich. Ich verfolgte meine Linie, schrieb Gedichte und las Bücher, und sie verfolgte die ihre. Bald wusste sie von dem Fußballer mehr als seine eigene Mutter, ich wurde Zeugin einer wachsenden Obsession. Sie schnitt ihre Haare ab, weil er die burschikosen Mädchen mochte. Sie aß, was er auch gern aß. Trank plötzlich Weißwein. Kannte alle Namen der verschiedenen feindlichen Fußballmannschaften auswendig, und Begriffe wie Abseits und Ähnliches. Ich langweilte mich zu Tode mit ihr. Manchmal las ich ihr ein Gedicht vor, aber überwiegend redete sie von IHM, mit dem Blick, vernebelt wie ein Kupferstich unter Seidenpapier. Sie besorgte sich die Stadtpläne von der großen weißen Stadt Belgrad, und lernte die Straßennamen auswendig, die sie zu seiner Residenz bringen würden.

Sie lernte die Reihenfolge der Bushaltestellen auswendig, die zum Stadion „Roter Stern“ führten.

So war sie gut bewaffnet mit Insiderwissen beim nächsten jährlichen Besuch unsres Gymnasiums zur Buchmesse in Belgrad. Da die Bücher meine Leidenschaft geworden waren, freute ich mich auf den Duft der großen weiten Welt, auf üppige Werbegeschenke fremdländischer Aussteller und auf seltene Buchausgaben.

Und da, in dieser großen weißen Stadt, die ihren kostbaren Schatz aufbewahrte, entkreuzten sich unsere Wege zum ersten mal. Wir standen an einer Straßenmündung, und sie wollte zum Stadion „Roter Stern“. Schon während ich versuchte, mit ihr einen Treffpunkt auszumachen, (weil für mich feststand, dass ich zur Messe gehe, komme was da wolle), wurde mir klar, dass sie es sich ganz anders vorgestellt hatte. Ich sollte an ihrer Leidenschaft teilnehmen. Ich sollte mit ihr die Luft des leeren Stadions „Roter Stern“ einatmen und hoffen, dass mich dieselben Luftpartikel erfüllten, die ihr Idol in die Atmosphäre ausgeatmet hatte. Auf heiligen Rasen sollte ich mich stellen und mit meinem Segen ihr Gefühl würdigen. Schließlich war ich ihre beste Freundin.

Ich weigerte mich. Ich sah nichts Schlimmes darin, dass wir uns trennten und zu einem späteren Zeitpunkt an einem Ort wiederfanden. „Wenigstens werden wir uns etwas zu erzählen haben“, argumentierte ich, aber Nena war wütend, sie schrie mich an, lautstark fing sie an zu weinen auf dieser Straßenkreuzung und mir verschiedene Sachen vorzuwerfen, mit den Füßen aufzustampfen und mit den Armen zu wedeln. Sie fing an persönlich zu werden. Also sagte ich: „Ich gehe jetzt und warte hier auf dich um 18 Uhr. Mach was du willst.“

Und ich ging. Sie schrie noch etwas hinter mir her, aber ich drehte mich nicht mehr um. Ich wusste, wie sie da steht, mit dem Kinn weit nach vorne und auf der Brust gekreuzten Armen.

Nach diesem Vorfall, den wir stillschweigend begruben und zu vergessen beschlossen, sahen wir uns etwas seltener. Sie zog mit ihren Eltern in einen anderen Stadtteil, wo sie eine größere Wohnung bekamen. Sie wechselte die Schule, die Zeiten änderten sich und vergingen. Sie fing an Jura zu studieren, und ich Pädagogik, und unsere Horizonte erweiterten sich mit neuen Leuten. Unsere Wege kreuzten sich nicht mehr so oft.

Später trafen wir uns hin und wieder zu einem Cappuccino in einer Cafébar auf der Hälfte der Strecke zwischen unseren Unis. Sie damals: eine aufgedonnerte, einen Touch überschminkte junge Frau, sehr laut und kokett, in Hemden mit riesigen Seidenschleifen, mit auffälligen Ohrringen und hochtoupiert. Und wenn sie auch ein Klischee war, war ich nicht besser mit meinen blassen Jeans und ewig grauen ausgeleierten T-Shirts, mit Crayonresten zwischen den Augen und Augenringen vom Vortag. Mit Plateauschuhen und Rucksack, in dem man vielleicht eine Hühnerbatterie wohnen lassen konnte, aber auf Anhieb das finden, was man brauchte, auf keinen Fall. Ich hielt von Äußerem nicht viel zu der Zeit, zu allen Zeiten ist mir das geblieben. Aber damals war ich auf der besonderen Suche nach der Seele. Nach WAHRHEIT. Nach wirklicher Tiefe der wirklich ewigen und wirklich allumfassenden Wahrheit. Ach. Ich versank zunehmend in poetische Welten, mich interessierten die Dinge hinter den Dingen ... Ja, auf eine Art fand ich mich auch zu wichtig.

Sie gönnte mir meine Farblosigkeit, und es machte ihr nichts aus, dass ich so ungepflegt zu unseren Treffen erschien. Zwar waren ihre Motive zweifelhaft, (womöglich diente ich als Kulisse für ihren Glanz), aber ich war ihr dankbar dafür, dass sie mich in Ruhe ließ, zumal ich die ständigen Meckereien meiner Mutter nicht ausstehen konnte darüber, wie eine junge Frau auszusehen hat. Als hätte ich mich auf der Suche nach Seele darauf herablassen können, eine Frau zu sein!

Ich erfuhr in unseren Cappuccinogesprächen nebenbei, dass Nena den Fußballer ganz zufällig kennengelernt hatte. Sie schlief sogar mit ihm, und es war nichts Besonderes. Er kam zu früh.

Zur Zeit, sagte sie, sei sie mit dem Türsteher einer stadtbekannten Disco zusammen, und er trage sie auf Händen. Fürchterlich eifersüchtig sei er, sagte Nena, und noch, dass er alle verprügele, die ihr zu nahe kämen. Ihre Augen glänzten voller Stolz dabei, und ich war mir ganz sicher, dass sie stets bemüht war, sämtliche und viele zu nahe kommen zu lassen.

Irgendwann landete der Türsteher im Gefängnis, aber das war lange, nach dem sie das Interesse an ihm verloren hatte und auf ihre neue Leidenschaft umgestiegen war: Politik.

Da sie Jura studierte und sich erneut zu erinnern schien, eine Serbin in Kroatien zu sein, versuchte sie Examensmisserfolge damit zu erklären und zu rechtfertigen, dass sie keine Kroatin war. Sie war von Komplotten überzeugt und von bösen Spielchen, ihr Benehmen bekam etwas paranoïde Züge. Ich weiß nicht, ob was Wahres dran war. Ich wusste es auch damals nicht. Aber weil ich sie kannte, wusste ich, dass es keinen großen Unterschied machte, ob was Wahres dran war oder nicht. Es konnte gewesen sein zu diesem Zeitpunkt der Geschichte. Es konnte aber auch nicht gewesen sein. Aber wäre es nicht gewesen, hätte sie es „seiend“ gemacht.

...

Ich gab mein Studium auf, jobbte gelegentlich und schrieb Gedichte wie von allen guten und schlechten Geistern verlassen. Ich schwebte in einer Traumwelt, in der ich nicht wusste, welchen Tag wir haben und welche Woche. Mein Glück störten von Zeit zu Zeit nur die Stimmen von außen, die einen Krieg prophezeiten, konstruierten, schürten. Ohnmächtig gegen Kettenrasseln und Lautstärke der Fanfaren der Neuen Zeit, beugte ich mich umso tiefer in Verse. Nicht bereit eine Farbe zu bekennen, eine Seite zu ergreifen, mich für eine Wahrheit zu entscheiden, da ich inzwischen, in der Welt der großen Philosophen und Dichter, unzählige Wahrheiten entdeckt hatte. Ich wollte bloß in Ruhe gelassen werden, lesen, schreiben, schlafen und hoffen, dass die verrückt gewordenen Politiker, Massen und Medien zur Vernunft kamen.
Aber kommt Zeit, kommt Rat. Und manchmal leider sogar Tat. Unentschlossen kann man nicht für immer stehen. Jeder wird einmal gezwungen, eine Farbe auszuwählen. Er tut es nicht aus freien Stücken, es wird ihm getan. Das Passiv zersprengt seine Starre und wird beweglich. Die Steine rollen den Berg hinunter.

An diesem Tag besuchte mich Nena zu Hause, und brachte mir ein Bündel Schreibmaschinenpapier, da sie wusste, wie ich mich drüber freuen würde. Ich brühte uns einen Kaffee, und wir nisteten uns auf meiner Couch ein, die Füße in Decken gewickelt, und fingen an, von Gott und der Welt zu sinnieren. Was aber nicht lange andauerte. Ich war gerade im Begriff, von meiner neue Geschichte zu erzählen, da fing sie mit Politik an. Missgestimmt hörte ich ihr geduldig zu, aber schon sehr bald durfte ich feststellen, dass diese Obsession von besonderer Intensität war. Einen Eifer verrieten ihre Augen, eine noch nie dagewesene Lautstärke erfüllte das Zimmer. Nena schimpfte über den neu gewählten kroatischen Präsident, nannte ihn Nazihelfer und – wollte meine Meinung hören. „Ganz dicht ist er nicht,“ sagte ich, „aber das sind sie alle nicht.“ Nena war aber anderer Meinung. Sie fing an, von einem aufsteigendem Stern im Osten zu lobhudeln namens Slobodan Milošević. Ich sah diesen Kupferstichblick verschleiert unter Seidenpapier und musste an die große weiße Stadt Belgrad denken und an ihre Liebe zum Fußballer, der dann doch zu früh kam. Ich rief mir in Erinnerung messiasähnlich inszenierte Auftritte Miloševićs in Fußballstadien, Fabriken und Konzerthallen, und mit einem Augenblick wurde mir klar, dass dies hier kein Spiel mehr war, sondern Lebensernst, und dass hier und jetzt der lange vermiedene Moment war, in dem ich Farbe bekennen musste. In dem mir eine Farbe bekannt und zugefügt wird.

Weil ich nicht streiten wollte und mich davor fürchtete, eine unausradierbare Kontur zu bekommen, startete ich einen letzten Versuch und bat Nena, das Thema zu wechseln. Aber sie wollte es nicht. Sie konnte es nicht. Die Steine rollten unaufhaltsam ihren Weg den Berg hinunter.

Sie war endlich auf der Seite der Gerechten und Großen angekommen, sie stand für die Ideale und für die einzige Wahrheit, einzige wirklich wirkliche, wirklich große, wahre Wahrheit. Sie atmete, bereit für diese Wahrheit zu sterben, ja, sogar als Taube auf dem Monumentensockel des großen Vaters und Vereinigers der Nation zu sitzen. Es fielen Worte, wie: „Opfer“. Wie „Helden“. Und viele noch. Sie appellierte an meinen serbischen Anteil, und ich sah mich auf einmal an der Straßenmündung in der großen weißen Stadt Belgrad, mich weigernd, ihr zu folgen zum Stadion „Roter Stern“.

„Ich bitte dich“. sagte ich. „Der Milošević ist nun wirklich noch schlimmer. Ein richtiger Kriegshetzer“.

Und da ich sie mochte, so klein und quirlig, und da sie mich auch mochte, und meine Gedichte in ihrem Zimmer auf der Wand klebten, hatte ich mit diesem Wortschwall nicht gerechnet.

Es flossen wieder die Worte, noch viel mehr bittere Worte, und ich schwieg. Es wurden Worte ausgesprochen wie: „Verräter“ und „feige“. Wie „blind“ und „blöd“. Nena fuchtelte mit den Armen und die Tränen spritzten ihr förmlich aus dem Gesicht, und weil ich sie kannte, wusste ich, wie gern sie jetzt mit ihren kleinen Füßen aufgestampft hätte. Meine Mutter klopfte an die Zimmertür und fragte, ob wir noch Kaffee wollten; ich merkte ihr an, dass sie erschrocken war, also winkte ich sie weg. Nena schwieg, ihr Kinn weit vor ihrem Gesicht.

Wir schwiegen sehr lange. Und die Luft wurde immer stickiger.

Und dann raunte sie mir zu, und es war sehr viel Bosheit in ihrer Stimme: „Weißt du ... Möchtest du deine Mutter an der Türschwelle geschlachtet finden, dann wirst du fühlen, wie es manchen ergangen ist und wovon ich rede!“

Und da Nenas Mutter noch quietschlebendig in ihrer Keksfabrik ihre Negligés auftrug und Nenas Vater den Beamtenstatus noch ungestört genoss und Nena selbst über genug Geld verfügte, um teures Schreibmaschinenpapier zu verschenken; da sie selbst nicht wusste, wovon sie sprach und was sie mir wünschte; und da wir noch in den Tag hinein erwachten und die Vögel noch zu hören waren und die Straße belebt und die Geschäfte voll, der Himmel blau und das Gras grün war, stand ich von der Couch auf, ging zur Eingangstür, öffnete sie breit und sagte leise : „Bitte, geh.“

Sie stand auf, und wir schauten uns mit feuchten Augen noch ein paar Sekunden an. Sie wollte noch etwas sagen, obwohl sie wusste, dass sie schon zu viel gesagt hatte, aber ich drückte ihr das Maschinenpapier in die Hand. „Ich will es nicht!“, zischte sie, und ich wollte es auch nicht, sondern legte es an die Schwelle. Sie rannte die Treppe hinunter und verschwand hinter der Mauer.

Das Papier lag noch tagelang da, bevor es einer wegräumte. Ich vermute, es war meine Mutter.

Wie eine schwarze Flut überkam uns der Krieg. Ich verließ das verrückt gewordene Land und ging nach Deutschland, weil ich mich nicht zu einer einzigen Wahrheit durchringen konnte und wollte. Oder aber ein Feigling war und lieber Bücher las. Aber bevor ich wieder Bücher lesen konnte, musste ich lernen, wie mann Hähnchen verkauft, Blumen bindet und eine Wohnung gründlich putzt.

Nena, hörte ich, wechselte auf die „andere Seite“ des Drauufers zu dem „Feind“, von woher man unsere Wohnungen beschoss. Man munkelte, dass die Wohnungen nicht wahllos beschossen wurden und dass da viele von der anderen Seite genaue Informationen über kroatische und serbische Bewohner aufverschiedenen Etagen hätten. Manche Schüsse waren, sagte man, persönliche Racheakte für einen irgendwann zerwackelten Zaun, geklauten Apfel, betrogenen Ehemann oder vor Jahren weggenommenen Parkplatz. Das kann heute keiner mehr beweisen. Unsere Wohnung blieb wie durch ein Wunder heil; nur die Fensterscheiben zerbrachen von Detonationen, und ein Schrapnell bohrte sich tief in unseren Wohnzimmerschrank ... In die Welt verstreut, spürten wir Verweigerer einander auf und kontaktierten interkontinental. Inzwischen verfügen wir über Technik, um unsere Treffen online zu organisieren und so in Kontakt zu sein. Und so passierte es vor drei Jahren, dass mir ein guter Freund, jetzt sesshaft in London, eine E-Mail schickte mit einer Telefonnummer und Nenas Namen.

Die Nummer verriet mir, dass sie in der großen weißen Stadt wohnt, in der alljährlich eine Buchausstellung stattfindet. Ich rief sie an. Um zwei Uhr in der Nacht.

Sie freute sich wahnsinnig, von mir zu hören, und mein Herz schlug auch aufgeregt. Nena erzählte mir lange: Wovon sie lebt und was sie jetzt macht, dass die Mutti sehr alt geworden ist, der Bruder studiert, und der Vater ist ganz grau. Sie freute sich, dass ich einen Sohn habe, und sagte mir herzliches Beileid zum Tod meiner Mutter. Verlangte ein paar Sätze auf deutsch von mir, kicherte danach und sagte: „Ungewöhnlich!“

Ich fragte sie nach der Liebe. Und sie gestand mir, noch ledig zu sein, eben aber einen neuen Freund zu haben, der ein Fallschirmspringer sei, und volle zwölf Jahre jünger als sie. Der sei so toll, sagte sie, um ihn würden wirklich alle sie beneiden. Aber alle.



von pjesma






du siehst eine frau

du siehst eine frau
an einem tisch
versunken
den mann

sie liebt den schwindel
seiner augen

er geht ihr nach
sie geht ihm nach
und man weiß nicht
wie das gehen soll

nur dass etwas aufgehoben wurde

und noch haben sie nicht einmal
über die farbe der bäume
bei nacht gesprochen

von Flora


Ernst auf Reisen - Januar


von Fenestra


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