Nachsalz III

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 14.06.2010, 02:00

Wo ist das Wunder hinverschwunden? Heiße Hunde
springen in den grauen See, mein Liebster
ist ins tiefe Schilf gewunden, er ist im Irgendwo
und nie mehr dort, wo ich ihn seh –

Schau die weißen kleinen Brüste einer Zarten
oder schau woanders hin, weil sie sich schämt;
ich gleite in das nasse Lichterspiel und warte,
dass sich meine Dichterspindel lähmt.

Ich will das Wasser durch alle Erinnerungen
jagen, aber es dringt mir kaum bis unters Haar;
all die Jahre hab ich mich am Schilf geschnitten,
denn Wunder waren dunkel und das Wasser klar.

So klar, dass man den Grund noch lange sehen kann,
mein Liebster würde nie dort liegen, denn zum Grunde
sinkt das Tote hin und man kann es sehr gut sehen!
Wir treiben dann darüber oder tauchen manchmal ab…

Ich schaue lang herüber ins Gesträuch und bete, dass
es raschelt – ach, er ist so weit ins Grün gegangen
und hat mir einen Haken tief im Bauch gelassen,
ich versuche ihn herauszuziehen, doch es tut mir weh –

Mein Liebster ist ins tiefe Schilf verschwunden
und ich will ihn fragen wie es ihm dort geht
und ob er sich am Halm verletzte oder ob er weiß
von diesem Ufer, wo wir uns vor vielen Träumen trafen

und ob er weiß wie er ins Grün gewickelt war und wie ich
in den See gefallen bin, und ich will ihn fragen
und ich will ihn fragen wie es war





Änderungen:

1. Aus der "Dichterspule" wurde die "Dichterspindel"

2. Die Hunde laufen nicht mehr, sie hetzen und nun springen sie

3. In der letzten Strophe bin "ich" zuerst in den See gesprungen, nun falle ich

aram
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Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 14.06.2010, 06:45

liebe lou

der schmerz mündet hier ruhig und klar in eine tiefe traurigkeit

sehr schöne bilder in eingängiger sprache (nur 'dichterspule' verstehe ich nicht)

das wasser als lösungsmittel, das "kaum bis unters haar" dringt

am klaren grund das tote

der mit lebens_müh verbundene schmerz, so schlicht - "doch es tut mir weh"

und das paradox, das wenden auch hier - nach dem verschollenen, um noch zu sprechen

im gefasst_schmerzlich_vergeblichen versuch, hinzunehmen, bleibt der wunsch nach sprache... die sehnsucht nach mit_teilung, ob es noch mitteilung gibt

das gedicht findet die sprache

selbst die hinnahme kann sich nur ans verlorene wenden


- wunderbar in bilder gefasst

Louisa

Beitragvon Louisa » 14.06.2010, 11:10

Hallo Aram!

Das hast du angenehm gedeutet. Danke.

Naja, ich dachte mit der Spule, auf der ein Faden zum "Spinnen" ;-) aufgewickelt wird - wenn diese Spule "gelähmt" wäre - so stelle ich es mir vor - könnte man den Faden nicht mehr abrollen - und deshalb warte "ich", dass sich diese Dichterspule - Also die Spule auf der das Dichten über etwas wie ein langer Faden aufgerollt ist unbeweglich wird.

Vielleicht nicht deutlich genug.

Schönen Tag!
l

aram
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Beitragvon aram » 14.06.2010, 20:45

liebe lou,

in diesem fall fände ich "dichterspindel" verständlicher/ bildhafter und auch vom wort/vokalklang treffender.

vom spinnen verstehe ich kaum etwas, aber es geht wohl weniger um 'abrollen' als um 'spinnen + aufrollen des garns', und 'spindel' ist glaube ich nicht weniger korrekt als 'spule', wenn man mal nicht an ein spinnrad, sondern eine handspindel denkt - wenn die spindel sich nicht drehen bzw. nicht 'tanzen' kann, weil sie gelähmt ist, kann das garn nicht gesponnen werden - falls zefi das auch so sieht, wäre das bild der 'dichterspindel' stimmig.

ganz habe ich allerdings noch nicht verstanden, was sich im sinn des textes ändern würde, wenn die lähmung einträte - das lyr.ich könnte dann nicht mehr dichten - wären die begegnungen mit den erinnerungen dadurch 'entschärft', oder ist es ein bild für den tod -

- das ist nur eine detailfrage, die ich mir jetzt eigentlich schon selbst beantwortet habe. ich finde den text insgesamt sehr klar und berührend.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 14.06.2010, 21:01

Hallo Louisa,

diesem Nach-Hall kann ich sehr gut folgen, eine schöne Schilfrohrmelodie, vom Liebsten, der im Klaren versinkt, wo sonst im Trüben gefischt wird. Hat mir sehr gut gefallen ... lyrischer Gesang,

liebe Grüße
Renée

Louisa

Beitragvon Louisa » 16.06.2010, 01:49

Halllo Aram!

Ja, "Spindel" finde ich jetzt auch schöner. Ändere ich gleich! Dankeschön!

Hallo Renée!

Bis auf die Tatsache, dass du mein Bild genau umgedreht hast - denn das geheimnissvolle trübe undurchdringliche Schilf ist ja gerade der Ort des Liebsten wohingegen das klare des Sees fast schon etwas mörderisch Realistisches hat, nicht? Aber du hast Recht, das "Trübe" ist ja auch eine Gefühlsbeschreibung - kann man bestimmt vielseitig interpretieren.

Ich freue mich, wenn es dir gefallen hat.

Schönen Tag/Nacht!

die nachteule! Oh, kennst du das Buch "Der Graf von Monte Christo"? Es empfiehlt sich sehr das nachts zu lesen! Au revoir!

Louisa

Beitragvon Louisa » 16.06.2010, 01:54

PS: Aram: Ja, es ist ja auch nicht unbedingt immer so schön dauernd einen inneren Antrieb zum Dichten zu haben. Es soll ja auch Leute geben, die an einem See liegen und wie man so schön sagt "die Seele baumeln lassen" - und nicht in jedem Schilfrohr eine Metapher für noch präsente Liebesmüh sehen :smile: ! Deshalb soll sich diese Spindel auch mal lähmen, meine Güte :smile: !

Die Gräfin.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 16.06.2010, 17:20

Hallo Louisa,

das gefällt mir sehr, dieses Verschwinden im Schilf und die Ansprache ins Unsichtbare, auch schön über die Bildebene umgesetzt und sprachlich wieder sehr Louisaisch fließend.
Ich bin mal im Text mit ein paar Anmerkungen. Schau einfach, was dir davon einleuchtet. .-)

Wo ist das Wunder hinverschwunden? Heiße Hunde
laufen in den grauen See, mein Liebster

Die heißen Hunde erschweren mir den Einstieg, sind irgendwie unfreiwillig komisch, weil ich an Hot Dogs denken muss... :o) Ist das wichtig, dass sie "heiß" sind? Und mehrere Hunde laufen meistens eher nicht ruhig in den See, sondern springen hinein mit viel Gespritze, Gebell und Schütteln, so zumindest meine Vorstellung, das nimmt der Szene die Stille, in der ich sie eigentlich sehen möchte? Könnten es nicht auch etwas gleitendere Tiere sein... Enten, Blässhühner...?
Schau die weißen kleinen Brüste einer Zarten
oder schau woanders hin, weil sie sich schämt;
ich gleite in das nasse Lichterspiel und warte,
dass sich meine Dichterspindel lähmt.
Diese Strophe schweift für mich ab, ich kann das für mich hier nicht nutzen. Wird da der Leser angesprochen? Und die Dichterspindel-spule verstehe ich leider trotz deiner Erklärung nicht im Gedichtzusammenhang. :blink2:

Ich will das Wasser durch alle Erinnerungen
jagen, aber es dringt mir kaum bis unters Haar;
all die Jahre hab ich mich am Schilf geschnitten,
denn Wunder waren dunkel und das Wasser klar.
Ich schaue lang herüber ins Gesträuch und bete, dass
es raschelt – ach, er ist so weit ins Grün gegangen
und hat mir einen Haken tief im Bauch gelassen,
ich versuche ihn herauszuziehen, doch es tut mir weh –
Beides sehr schön!

Mein Liebster ist ins tiefe Schilf verschwunden
und ich will ihn fragen wie es ihm dort geht
und ob er sich am Halm verletzte oder ob er weiß
von diesem Ufer, wo wir uns vor vielen Träumen trafen

und ob er weiß wie er ins Grün gewickelt war und wie ich
in den See gesprungen bin, und ich will ihn fragen
und ich will ihn fragen wie es war
Zu diesen beiden Strophen finde ich keinen richtigen Zugang. Inhaltlich frage ich mich, woher sie weiß, dass er nicht mehr gewickelt ist, und da werden die Bilder, Metaphern die das Gedicht für mich tragen, die verborgene Anwesenheit des LDu, plötzlich Teil einer Traumwelt? Das finde ich schade, weil er dadurch als Person verschwindet? Und wann ist sie in den See gesprungen, weiter oben gleitet sie hinein? Und die letzte Frage, die sie ihm stellen will ist in der Formulierung dann auch ein bisschen zweideutig seltsam?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Louisa

Beitragvon Louisa » 16.06.2010, 23:00

Hallo Flora!

Danke für deine Worte.

Dass die Hunde die Ruhe zerstören finde ich eigentlich gut, denn so eine Verzweiflung muss ja nicht unbedingt ruhig ablaufen - Aber das ein Wort wie "hetzen" oder "sprinten" eher passen würde finde ich auch! Ich ersetze es gleich. Danke.

Die Strophe mit "der Zarten" ist eigentlich fast mein Lieblingsbild, weil ja dieser zarte, unsichere, weibliche Körper ebenso die Stimmung des Textes auf seine Art wiederspiegelt - Man kann darin eine Ansprache des Liebsten sowie des Lesers sehen, glaube ich - Es ist eher ein rhetorisches "Ach schau mal (einer an) !" :smile:

Zu den letzten zwei Strophen: Nun, wenn jemand ins Schilf geht - dann ist er irgendwo auch in das Schilf gewunden und im Schilf verschwunden - ich finde die Übergänge sind und sollen da auch fließend sein. Denn es ist ja gerade dieses "Irgendwo", was das Schilf darstellt, was man nicht festmachen kann und weshalb es auch so mysteriös erscheint.

Wieso verschwindet die Person, wenn sie Teil der Traumwelt ist? Was verstehst du denn unter "Traumwelt" ? Ich finde es ist alles in allem eine Traumwelt - und wie in jedem Traum enthält diese dann ganz plastische, reale Elemente, die man deuten kann.

Dass mit dem in den See gleiten und später springen - ja, das ist schon korrekt, was du sagst... Aber ich überlege noch - denn diese letzten Zeilen spiegeln ja insgesamt ein Wirrwarr wieder - Es werden ja eben ganz viele bereits erwähnte Bilder genommen und modifiziert - Aus dem "ins Schilf gewunden sein" wird ein Verschwinden, aus dem "Gleiten" wird ein "Springen", aus der eigenen Erfahrung der Schnittwunden am Schilf wird nun die Frage nach der Verletzung des Liebsten an den Halmen - Es drückt so in dieser Vermischung aller Bildelemente für mich ein angenehmes Chaos des Gefühls und der Verzweiflung aus -

Und genau deshalb wird dieses "fragen" am Ende ja auch nicht mehr unbedingt ein Fragen nach einer bestimmten Begebenheit, sondern -ähnlich wie aram es gesagt hat- der rasende Wunsch nach überhaupt einer Möglichkeit zum "fragen" -

Das Ende ist mir - wie ich damit sagen will - eigentlich ziemlich durchkomponiert und verständlich. Aber gerne übernehme ich das mit den Hunden - über das "springen" denke ich noch etwas nach.

Vielen Dank für die genaue Beschäftigung!
l

Louisa

Beitragvon Louisa » 16.06.2010, 23:04

PS: Das mit der Dichterspindel: Gut, wenn du es trotz meiner Erklärung nicht nachvollziehen kannst - dann kann ich nichts mehr machen :smile:

Louisa

Beitragvon Louisa » 17.06.2010, 09:50

PS 2: Oder ist euch das zu viel der Alliterationen bei: Heiße Hunde hetzen :smile: ?

Quoth
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Beitragvon Quoth » 17.06.2010, 10:18

Ja, mir ist's zu viel!
Gruß Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Louisa

Beitragvon Louisa » 17.06.2010, 11:08

Ok, dann nehme ich dort oben "springen" - und unten beim Lyrischen Ich stattdessen "fallen" :smile:

Quoth
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Beitragvon Quoth » 17.06.2010, 12:01

Ich hätte noch einen Wunsch: In der Zeile
"Wir treiben dann darüber oder tauchen manchmal ab"
die Vergangenheit nehmen, um die Zeitebenen zu entwirren.
Die Wirzeit ist Vergangenheit, Erinnerung.

Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.


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