Ein Drabble-Strauß

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Wolfgang
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Beitragvon Wolfgang » 04.12.2017, 13:26

Ein Gott gegen schlechten Geschmack


Wie ich Handwerker verachte. Sie verschandeln Wohnungen, ich aber will nicht einfach bloß Wände tapezieren, ich will der Wohnung eine Seele einhauchen.

Aus dem Grund tapeziere ich selbst.

Bei meiner Familie stoße ich damit auf eine Wand aus Unverständnis. Wie lächerlich.

Die halten mich doch glatt für krank! Doch ich bin ein Genie, ein Gott gegen schlechten Geschmack.

Leider sind die nicht allein. Ich bekam schon zig Anzeigen wegen Sachbeschädigung und Einbruch, da ich nachts in fremde Wohnungen einstieg und sie tapezierte.

Heute ist Verhandlung – was ein Sakrileg gegen mich!

Wie alle Genies bin ich das Opfer meiner ignoranten Umwelt.






Liebeserklärung auf der Weihnachtsfeier


Baby – du bringst mich zum Glühen, wie niemand sonst. Du – du bist immer für mich da. Du bist der Beweis, dass Gott seinen besten Tag hatte, als er dich erschuf. Und: du erhörst mich immer, egal wo.

Ich war verschlossen, du weißt, dass Gefühle nicht meine starke Seite waren, du jedoch füllst alle mit Leben.

Sieh nur – ich weine vor Glück. Was hast du nur aus mir gemacht?

Verlass mich niemals! Niemals! Niemals! Wir sind füreinander bestimmt.

Der Gedanke, dass dich ein anderer besitzen könnte, macht mich wahnsinnig – ja rasend!


„Franz, sei bitte kein Egoist, unsere Gäste wollen auch Glühwein!“








Der Unfall hätte schlimmer enden können


Er könnte Sinfonien komponieren. Die Inspiration ist da, die Noten sind da. Aber er hat keine Hände und er kann sich auch nicht richtig verständigen. Seine einzigen Mittel: Augen rollen und Lippen bewegen.

Beklagt er sich? Gelegentlich. Der Unfall hätte schlimmer enden können, das weiß er. Immerhin funktioniert sein Kopf so, wie er soll und er kann Noten zu Sinfonien verknüpfen. Er könnte längst ein zweiter Beethoven sein! An manchen Tagen regt sein Schicksal ihn auf. Doch wem soll er das mitteilen? Wer soll ihn verstehen?

„Meine Wiedergeburt war ein krasser Unfall!“, blubbert Ludwig in seinem neuen Heim, dem Goldfischglas.









Berta und Hans feiern Hochzeitstag


Mit vollen Einkaufstüten wartete Berta auf den Fahrstuhl. Heute war sie fünf Jahre mit Hans verheiratet.

„Bestimmt hat er es vergessen“, dachte sie und verdrehte die Augen. Berta hatte ihm nichts gesagt, er musste von ganz allein darauf kommen. Eingekauft hatte sie aber trotzdem, sie wollte ein kleines Festessen zaubern aus Braten und Kartoffeln.

Welche Ausreden würde er wohl haben?

Da ging auch schon die Tür zum Hausflur auf und herein kam ... Hans! Beide Hände voller Einkaufstüten.
Berta wurde blass im Gesicht.

„Das ist nicht für unseren Hochzeitstag - oder?“

Hans zuckte die Achseln: „Du sagst ja nie was.“











Äpfel pflücken ist ein Risiko


„Äpfel pflücken ist ein Risiko!“, stöhnte Kunibert. Unter seinem Gewicht war eine mittlere Sprosse der Leiter geknackst. Er blickte ängstlich hinab.

„Sei ein Mann!“, ermutigte ihn Kunigunde, die unten stand und beide Holme eisern festhielt.

„Bin ich!“, sagte er trotzig und kletterte vorsichtig weiter. Endlich konnte er in die Äste greifen.

„Na also!“, hörte er Kunigundes rauhe Stimme.

Unter Jammern und Stöhnen füllte sich der Eimer, den er mitgenommen hatte, randvoll.

„Geschafft!“, jubelte Kunigunde. „Äpfel pflücken ist eben doch kein so großes Risiko!“

„Stimmt, das größere steht noch aus.“

„Du meinst runterklettern?“

Kunibert schüttelte den Kopf: „Deinen Apfelkuchen zu essen!“









Advent mit einem lieben Unbekannten


„Ich könnte für Lebkuchen sterben!“, hatte Natalie ihrem Bruder gesagt. Prompt hatte der ihr eine Packung Lebkuchenherzen geschenkt - gefüllt mit Abführmitteln.

Natalie verwünschte ihn für diese Art von Scherzen. Sie hätte ihn erwürgt, stattdessen saß sie auf der Toilette eines fremden Kerls, weil sie es nicht in ihre eigene Wohnung geschafft hatte.

„Männer sind Idioten!“, dachte Natalie. „Machen nur Unsinn, vor allem mein kindischer Bruder.“

Als der innere Druck nachgelassen hatte, spülte sie, zog ihren Rock hoch, wusch sich die Hände und sagte zu dem Unbekannten: „Vielen Dank!“

Er zwinkerte ihr zu: „Ich heiße Manfred.“

„Sanfte Stimme! Noch Single?“









Wie Papi Matheaufgaben löst


„Was ist eine Hypotenuse?“, fragte ihn sein Sohn.

„Äh – die ist da, wo X. ist.“

„Wo ist denn X. ?“

Er kratzte sich verlegen am Kopf. Seit einer Stunde brüteten sie über Algebraaufgaben, aber die Erkenntnis wollte nicht aus dem Ei schlüpfen.

Der Kleine begann zu heulen: „Morgen schreiben wir eine Mathearbeit!“

„Wie lange braucht ihr noch?“, rief die Mutter aus der Küche, „Abendessen ist fertig.“

„Gleich!“, rief er zurück.

„Das höre ich seit einer halben Stunde!“

Der Kleine weinte lauter: „Du hast versprochen zu helfen!“

Er nickte: „Ich schreibe dir eine Entschuldigung.“

Da lachte der Kleine und umarmte ihn.












Ich bin unstoppbar!


Harry ist ein fixer Kerl, so auch beim Einkauf im Penny. Wenn er was fürchtet, dann: aufgehalten zu werden.

Harry nimmt keinen Einkaufwagen, er huscht durch die Gänge, klemmt sich, was er braucht, unter die Arme. Hat er was vergessen, wie üblich? Brot, Käse, Wurst – alles da!

Er eilt zur Kasse: geschlossen. Die Kasse, rechts daneben, ist offen, aber da warten Kunden. Weiter rechts, an der letzten Kasse, steht nur eine alte Frau. Glücklich spurtet er hin, wirft alles aufs Band.

„Ich bin unstoppbar!“, denkt er. „Und nichts vergessen!“

Dann kommt er dran:

„Wo ist schon wieder mein Geldbeutel?“








Harry an der Kasse


Harry widerte es an, dass er im Supermarkt durch alte Leute aufgehalten wurde. Ihre Trägheit war ihm ein Klotz am Bein. Prompt traf es ihn beim nächsten Einkauf erneut.

Er stand hinter einer älteren Dame, die umständlich Münzen auf den Tisch zählte.

Harry fühlte die Ader am Hals klopfen: „Ich habe dringende Termine“, schrie er.

Die ältere Dame zuckte zusammen und ließ ihren Geldbeutel fallen, dass alle Münzen heraussprangen und sich wild verteilten.

„Entschuldigung ...“, stotterte sie und bückte sich.

„Jetzt dauert es noch länger. Ach geh sterben du Mumie.“

„Wer ich?“, sagte die Kassiererin. „Unverschämt, ich rufe die Polizei!“







Ich bin halt kein Hubert!


Mein Kumpel Hubert sieht nicht bloß gelackt aus, er hat sein Leben im Griff und Erfolg im Beruf.

Ich hingegen, naja, ich will nicht klagen … Meine Berufung als Schriftsteller ernährt mich, immerhin kann ich die Miete zahlen und lebe nicht von der Hand in den Mund.

Allerdings könnte ich weniger trinken …

Doch auch mir lacht die Sonne! Dann bin ich klar im Kopf, arbeite an Romanen, Theaterstücken und Abhandlungen zu Fragen der Ästhetik.

Leider halte ich diesen Elan, diesen Kraftakt, nicht durch. Ich bin halt kein Hubert und habe keine Firma ...

Immerhin weiß ich, wie man Drabbles schreibt!

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 09.12.2017, 14:33

Hallo Wolfgang,

am besten gefällt mir "Äpfel pflücken ist ein Risiko". :DD:

Saludos
Mucki


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