Lyrischer Dialog

Hier ist Raum für gemeinsame unkommentierte Textfolgen
Nifl
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Beitragvon Nifl » 11.08.2006, 17:59

Liebe Schreibfanatiker,

ich möchte hier in diesem vitalen Forum einen "lyrischen Dialog" beginnen. Lyrische Dialoge sind kooperatives Schreiben, Gedichte, die (auf-)einander aufbauen. Das können inhaltliche Bezüge sein, oder es werden Worte des "Vorschreibers" aufgegriffen, oder man übernimmt einfach nur die Stimmung.
Hierdurch entstehen unkommentierte Gedichtfolgen. Die Form bleibt dem Autoren überlassen (zB. ob gereimt oder ungereimt ...)
Würde mich über rege Beteiligung freuen!

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Zuletzt geändert von Nifl am 30.08.2006, 19:10, insgesamt 2-mal geändert.

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birke
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Beitragvon birke » 11.06.2017, 00:17

du setzt die segel selbst 
bei sturm
wittern sie unsere nähe
zum meer
weil wir frei sind
zugeneigt
dem wind ergeben
er gibt auftrieb
unser leben
zu lenken
zu schenken
wie sicher das schiff
uns über alles
gleiten lässt
hand in hand
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

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Beitragvon Nifl » 12.06.2017, 21:12

Unsere Hände sind seetüchtig
auch hier beim Landgang
schaukeln wir die Arme
streichen über Segeltücher
tasten nach der Form dahinter
als könnten wir alles
nachmachen
uns Wellenkämme schenken
bei Nacht
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Niko
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Beitragvon Niko » 14.06.2017, 00:15

nischen
dort wo wir begreifen
stehlen sie unsere uferlosigkeit

halte nicht fest
flűsterst du laut
in die nacht
aber leise gräbt sich
ein wort in den himmel
und bevorratet uns

mit hoffnung und glaube
hatt es wohl nichts zu tun

wir nehmen gern das
was wir kriegen
das andere
.Ein Gedicht auf dem Hintergrund der Biographie des Autors zu interpretieren ist so, als würde man einem schwimmenden Schiff das Wasser nehmen. (NJK)


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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 17.06.2017, 20:16




wir streichen die segel
mit weißen punkten
und warten auf den wind ; und wenn

wir auf den stegen sitzen
als berührten sich unsere
fingerspitzen
schneiden wir uns noch immer
ins eigene


Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Niko
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Beitragvon Niko » 24.06.2017, 10:28

stumm
die blicke suchen
die unendlichkeit
zwischen dem verblassenden rot
und dem tiefen blau
eine grauzone

du atmetest
seufzend
als ginge etwas unter in dir
wir nahmen uns an die hand

blűtenweiß
unsere blicke
die den horizont
in des anderen augen fanden

und die see rauschte
zu diesem schwebenden moment

.
.Ein Gedicht auf dem Hintergrund der Biographie des Autors zu interpretieren ist so, als würde man einem schwimmenden Schiff das Wasser nehmen. (NJK)


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Beitragvon birke » 30.06.2017, 23:50

eine grauzone
ohne rot und blau
und grün
funkelt dein blick
der tief und tiefer
versinkt in meinem
und wann wir die töne
verlassen wissen wir
nicht und plötzlich
ist der traum
kein traum mehr
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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Beitragvon Nifl » 01.07.2017, 09:03

Alles Fleisch macht der Mai
schon wieder geschlossen
da nützen auch die Sterne und Farben
nichts in den Augen
und Leere plätschert heraus

Nicht einschlafen nicht einschlafen
rufen sie
schlagen ins Gesicht
und romantisch zieht es
von dort zum Schluss allein
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Beitragvon Ylvi » 01.07.2017, 09:08

die verlassenen töne und der knopf
(eine Schülerei)

einmal muss ich wieder wind sein
und über deinen kühlen kopf streichen

du legst dich zu mir wie birkenrinde
und wir sinken unters weiß

so landen wir see und blau
in unseren worten – leben wir

längst hat jemand diesen knopf gedrückt
da musste ich singen

und war so allein
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Beitragvon Eule » 01.07.2017, 10:29

Dreiteiler

Die Sommersterne über
Den Ästuaren werden
Morgens schon unsichtbar.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Niko
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Beitragvon Niko » 03.07.2017, 04:38

sieben nach vier
erster vogelgesang
gestern trieb mich
die vergessliche sprache
in einen wortkargen wahnsinn

ich verblutete
an meinen aufgaben
lernte ich

jedes wort
war dunkelkammer
hefeloses brot
und
eine tűr vor der wand

ich nahm jetzt
was ich nicht kriegen konnte
und schwieg letzte silben
in die randlosigkeit

fünf vor zwölf
.Ein Gedicht auf dem Hintergrund der Biographie des Autors zu interpretieren ist so, als würde man einem schwimmenden Schiff das Wasser nehmen. (NJK)


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Beitragvon birke » 04.07.2017, 00:07

fünf nach zwölf
schwinden alle worte
halten siesta
im halbschlaf
dieser singsang
diese bilder
eine entwaffnende kraft
liegt im lächeln
der schlaf verwüstet
den verstand
und bringt das herz
auf vordermann
(woher kommt das wort und wohin geht es?)
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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Beitragvon Niko » 05.07.2017, 01:45

ein wort geht dahin
wo es bleiben kann

es lehnt sich an gedanken
klemmt sich zwischen meinungen
redet zweifel aus dem staub

ein wort lächelte uns an
weil wir uns danach sehnten
und noch im schweigen
schnappt es nach luft

dahin geht ein wort
wo es bleiben kann
sagt es niemandem
es bleibt
und sät erneut
wortwege
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Beitragvon Ylvi » 06.07.2017, 15:06




wir trinken die worte wie vodka

weiser aus dem morgenland
hab den stern für dich vergraben

und wie die funken fliegen
unter der decke dem zaum

ich beiß mir auf den finger

wenn wir schwanken
dann nur im toten winkel
und an feiertagen


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Beitragvon Nifl » 06.07.2017, 19:17

Zungenwanderung mit Wodka und Zimt

Bei vierzigprozentiger Wortwahrscheinlichkeit
brennt es leicht
im Hals neben den Klößen
die immer halbgar sind
fuseln und zittern
et Spiritus sankti
in großen Schlücken
Zehnmeterverse schreiben
sich selbst wiederbeleben
und dem Sternengrab gedenken
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)


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