Prosalog

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Nifl
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Beitragvon Nifl » 23.07.2007, 18:09

Bild
Foto A.P. Sandor et moi


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Hier handelt es sich um einen Faden, in dem ihr euch prosaisch zurücklehnen könnt. Lasst euren Gedanken freien Lauf. Erzählt von euren Träumen, eurem Ärger, euren Problemen, euren Sehnsüchten, euren Beobachtungen, euren Wünschen, euren Phantasien, euren Ideen, eurem Kummer, eurer Wut, eurem Tag, euren Spinnereien … "Die Wahrheit" spielt dabei selbstverständlich keine Rolle.
Fühlt euch frei.

Lasst euch von bereits verfassten Texten inspirieren, greift das Thema auf, oder schreibt einfach "frei Schnauze"… alles ist erlaubt.

Ich bin gespannt!




Kleingedrucktes:

Damit eure Kostbarkeiten behütet bleiben, müssen folgende Regeln beachtet werden:

Bitte keine Kommentare
Keine direkten Antworten (zB. Gratulationen, Beileidsbekundungen, Nachfragen etc.)
Keine Diskussionen
Kein Smalltalk oder Talk überhaupt

Geht immer davon aus, dass alle Texte Fiktion sind.



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"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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FawzZalum
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Beitragvon FawzZalum » 26.09.2016, 12:49

So viele fremde Wörter! Nicht alle kann ich übersetzen; und übersetzte ich sie, klängen sie in deutscher Sprache nicht ebenso kühn und kunstvoll. Wie soll das nur gelingen? Einbürgernd oder verfremdend übersetzen? Wofür war Schleiermacher noch gleich? Demnächst kommt eine überarbeitete Version der Luther-Bibel auf den Markt. Da werde ich einen Blick hineinwerfen. Übersetzen ist die Kunst des Scheiterns, sagte Eco ...
Leg dein Gesicht
auf ein Blatt Papier
ist schon ein Gedicht
und wird leben

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Eule
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Beitragvon Eule » 26.09.2016, 19:31

Abrahams Esel, Abrahams Kuh. Zu einer Zeit, als 1000 km für eine kleine Nomadengruppe ein paar Jahre Wanderschaft bedeuteten. Heute las ich in einem Lexikon das Akronym rb3, möglichst meiden, diese Zone grossflächiger Verwüstung. Es scheint eng zu werden zwischen den Backsteinmauern, Treibsandfeldern und waffenstarrenden Karawanen. Eine Tasse Tee. Nur wenige Worte, Handgriffe gegen das letzte Vergessen der Wiklichkeit, dem Versinken im Salzsee, im Sand. Jeder Tag bricht mir das Herz. Auch aus der Ferne. Wohin fliegen die Vögel ?
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Zefira
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Beitragvon Zefira » 16.11.2016, 00:20

Brehm schreibt (1863)*) über Löwen: „Trägheit, mehr als das: ausgesprochene Faulheit ist ihnen angeboren“, beschreibt im weiteren Verlauf seines Artikels, wie der Löwe jagt, und fügt hinzu: „Es erscheint merkwürdig, daß sie (die große Raubkatze) den benzinduftenden Wagen ignoriert, wie die Rundfahrten durch die Reservate beweisen, was z.B. auch die Fotos zeigen, die vom Informationsdienst des Krüger-Nationalparks in Transvaal den Reisebüros zur Verfügung gestellt werden. Auf diesen Bildern sieht man immer wieder imponierende Löwenmütter mit ihren halberwachsenen Kindern mitten zwischen stehenden und langsam dahinrollenden Autos. Auch geruhsame Löwenpaare werden gezeigt, wie sie – hingestreckt im sonnenbeschienenen Sand der Fahrstraße – den Verkehr in Gottes eigenem Tiergarten, wie die Farbigen den Krügerpark nennen, blockieren und für Stunden lahmlegen …“

Was Brehm nicht beschreibt, vielleicht weil er es damals wirklich nicht wusste, ist das mitunter dramatische Familienleben der Löwen. Als Besucher des Krügerparks hat man vermutlich Glück, wenn man überhaupt Löwen bei irgendeiner Tätigkeit zu sehen bekommt, denn sie schlafen tatsächlich achtzehn Stunden am Tag (wie der Guide mehrmals ironisch mit Geste zu den faul daliegenden Löwen bemerkte: „That’s what they can do best“). Mit Glück beobachtet man die Löwen beim Fressen, oder unmittelbar danach beim Verdauungsschlaf in der Nähe der zerpflückten Beute. Mit außerordentlichem Glück beobachtet man sie beim Trinken und anschließendem Markieren des Reviers, denn – so steht es jedenfalls in meinem Reiseführer – Löwen brauchen eigentlich so gut wie gar kein Wasser, das Blut der Beutetiere genügt, um ihren Durst zu löschen, und Wasser trinken sie nur, um anschließend irgendwo hinzuspritzen.
Wir hatten sehr großes Glück und fanden zwei Löwinnen, die so fett gefressen waren, dass sie nicht mal auf der Seite liegen konnten; sie lagen mit gespreizten Beinen auf dem Rücken, von der Anstrengung des Verdauens hechelnd wie Hunde. Sie hatten einen Wasserbock geschlagen; der abgerissene Schwanz lag ein paar Meter weiter im Gebüsch. Sie hatten keine Kinder. Die Größere von ihnen, bemerkte der Guide in resigniertem Ton, hätte schon zwei Würfe verloren. Vom letzten Wurf sei eines verhungert, das andere durch einen aufgebrachten Büffel zu Tode gekommen, und – fügte er hinzu -, leider sei die Löwin auch keine besonders gute Mutter gewesen.
Der Löwin, die faul im Sand lag, war nichts anzumerken; ihre Geschichte war über sie hinweg gegangen wie der Wind, der die Trittspuren im Sand verwischt.

Obwohl die beiden so fett waren, dass sie sich kaum rühren konnten, stand eine von ihnen auf und machte sich erneut ans Zerlegen der Beute. Die Beine (bis auf ein Hinterbein) und der Unterbauch waren schon weg; nun nahm sich die Löwin den Hals vor und zog schweratmend ein paar weißliche Röhren heraus. Ich fragte mich, ob diese Aktion überhaupt einen Mehrwert für ihren Organismus haben konnte. Das Fressen allein schien mir so anstrengend, dass sie wahrscheinlich alle dabei aufgenommenen Kalorien sofort wieder verbrauchte.

Am nächsten Tag sahen wir sie wieder, fast eine Fahrstunde von ihrem alten Platz entfernt. Ihre Gefährtin, ihre Schwester, war nicht dabei, dafür ein junges Männchen. Sie lagen nebeneinander an einem Wasserloch. Das würde sich noch mindestens einen Tag lang hinziehen, meinte der Guide. Während wir sprachen, stand Herr Löwe auf, wandte sich der Dame zu, biss sie kräftig in den Nacken und legte sich über sie. Es dauerte nur Sekunden. Er gab ein atemloses Grollen von sich. Im nächsten Augenblick lagen beide wieder nebeneinander im dürren Gras.
Wo die Schwester Löwin sei, fragte ich. Ach, die sei wahrscheinlich weit weg, aber die beiden würden wieder zusammen finden, das sei immer so. Wahrscheinlich in wenigen Tagen. Das Männchen sei neu, fügte er hinzu – erst vor kurzem im Revier angekommen.
Wir hätten Glück, so etwas zu sehen zu bekommen, meinte er, während er den Wagen wendete.

Am nächsten Tag, kilometerweit in eine andere Richtung, begegneten wir dem scheidenden König. Er war ein paar Jahre älter, aber, wie der Guide versicherte, immer noch in den besten Jahren, ungefähr acht Jahre oder so. Er war gewaltig, muskulös, gut genährt, mit dunkler Mähne. Zwei Jeeps folgten ihm bereits, unserer war der dritte. Ja, sagte der Guide. Der müsse nun gehen. Die Jüngeren – das Männchen von gestern und sein Bruder – hätten ihm das Rudel weggenommen. Der Löwe verfolgte zügig, aber ohne Hast seinen Weg. Er sah nicht erfreut aus. Ich fand eher, dass er missmutig und frustriert aussah, ohne so recht zu wissen, woran ich das zu erkennen meinte. Erst später ging mir auf, dass ich noch nie einen Löwen so unbeirrt und ausdauernd dahingehen gesehen hatte. Es schien irgendwie gegen seine Natur zu sein, meinte ich und dichtete ihm einen entsprechend mürrischen Gesichtsausdruck an.
Drei Wagen folgten ihm wie Paparazzi, die Kameras klickten, bis der scheidende König einen Fahrweg überquerte und in den Busch eindrang, wohin ihm die Wagen nicht folgen konnten oder vielmehr durften, denn dort begann das Nachbarrevier, wo die Guides keine Lizenz hatten.

Bild

Was würde nun aus ihm werden? Ach, meine der Guide, er würde ein neues Revier finden. Er sei ja kein Greis, nicht wahr, immer noch in den besten Jahren. Nur müsse er jetzt erst mal zusehen, dass er fortkäme, denn die jungen Männchen, seine Nachfolger, seien ihm wahrscheinlich auf den Fersen.
Ausgewachsene männliche Löwen jagen nicht, hatte ich im Reiseführer gelesen. Die große Mähne mache sie schwerfällig und sei im Wege. Ich fragte mich, ob der Herr Löwe, der mit seinen acht Jahren offenbar mit jungen und knackigen Männchen nicht mehr mithalten konnte, wohl eine Chance hatte, eine neue Ernährerin zu finden.

Wie ich inzwischen weiß, ist es ein Gerücht, dass bei Löwens ausschließlich die Damen fürs Futter sorgen. Der Herr Löwe wird sich wahrscheinlich in Zukunft selbst versorgen und einer jener Löwen werden, die auf Werbeplakaten so königlich und alleinstehend mit dekorativ wehender Mähne im Gras liegen. Ich gönne es ihm von Herzen.


*) Datum des ersten "Tierlebens", Zitat stammt aus einer jüngeren Bearbeitung.
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
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Nifl
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Beitragvon Nifl » 26.11.2016, 21:58

Wir gehen in das große Musikgeschäft in Lübeck. Ich hatte schon einiges geraucht. A. (alle meine Lieben tragen mindestens ein A im Namen) setzt sich gleich ans Klavier. Und Scheiße, wie sie loslegt. Ich tanze auf der braunen Industrieauslegware (siehe Satz zwei). Es scharen sich Verkäufer und ja, Leute wie zum Schutz vor den Verkäufern, ein amerikanisch französischer Spielfilm auf Arte. Es schwingt. Sie trägt in meiner Vorstellung einen weißen Schal wie Udo Jürgens, macht mich aber nicht an, ist ganz bei sich. Wenn ich bloß noch wüsste, was sie spielte. So dünn wie sie war mit ihrem Morbus Chron. "So kleine Hände". Verfilztes Haar bis zum Po. In Hochstimmung geht sie weiter. Zu den E-Gitarren. Klampft im Schneidersitz. Ein Verkäufer spielt mit. Hager und narbengesichtig. Sie lächeln sich an. Passen zusammen. Wieder Spielfilm. Perfekt. Es schwingt, es wellt. Dann ist sie wieder ganz bei sich, ich bei mir. Warum denke ich daran. Lese gerade "Lügen über meinen Vater", der Erzähler schreibt abfällig über seine Drogenzeit, verherrlicht aber unterschwellig. Wollte er das, oder lese ich es nur? A. spielt noch einige Instrumente und Titel, die Leute klatschen. Nie würde sie singen, aber das musste sie auch nicht. Auf der Heimfahrt (Volvo 240 was sonst) stößt sie mich an, willst du nicht schneller fahren?
Wieso, ich rase doch? Schaue auf den Tacho, 30 km/ h. Gestern. Und ob sie noch lebt?
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Eule
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Beitragvon Eule » 29.11.2016, 00:05

An sich war er ganz bei sich. Dachte er. Obwohl er sich nicht ganz sicher war. Jetzt auch noch über Sicherheiten, als ob man alles versichern könnte. Sicher, ganz neu war es nicht, dieses Unwohlsein im Kreise. Eigentlich der engste Kreis, nein, nur nicht an Solschenizyn denken. Warum nicht, sehr unbeliebt, weisst Du. Der engste, der Weiteste, von ganz nah bis ganz fern. Die grossen Themen, wo fängt es an ?
Du willst doch gar nichts wissen, willst nur stören, Eigensinn macht selten Sinn, Sinn und los. Die Schauermärchen, alles gewollt, immer mehr, immer gruseliger, zu jung für diese Lektüre, diesen Film, geb bitte nicht auf oder denk Dir doch etwas Schönes. Man ist gar nie bei sich allein, oder doch ?
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birke
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Beitragvon birke » 29.11.2016, 09:45

als sie im sterben lag, war sie ganz bei sich. bei sich, ihrem müden körper, den geschwollenen händen und füßen. sie konnte nicht mehr weglaufen, wollte es auch gar nicht. durch die geschlossenen lider erzählte sie vom schlaf und davon, wie sie sich langsam vom körper löste. erzählte von der unbändigen alles andere verdrängenden sehnsucht, endlich zu sein. endlich an den ort ihres ursprungs zurückzukehren, um all das sein zu können, was wir uns nicht im geringsten vorstellen können. ganz sein. davon erzählt sie noch heute.
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FawzZalum
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Beitragvon FawzZalum » 09.12.2016, 19:47

Als er die Lider öffnete, war er ganz bei sich. Sich nicht nach anderen verbiegen, das wollte er. Er spürte ihre Worte scheinbar ewiglich ... solange trug er Schürfwunden und blaue Flecke davon. Davon will er nicht bestimmt sein. Sein eigenes Wort sprießt nun, ohne dass jemand es grob und voller Egozentrik zu Tode tritt. "Tritt ein", sagte er mit fester Stimme. "Stimm ein in mein Lied, das ich dir singen werd". Werd ich ihn wohl wiedersehen? Wiedersehen war nicht alles. Alles fügte sich zu einer Zweisamkeit. Zweisamkeit ist dir und mir so eigen wie uns Einsamkeit eigen ist. Ist es nicht so?
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Beitragvon Eule » 11.12.2016, 10:05

Zuerst war es die Freude auf Geschenke. Sie machte vieles erträglicher und schuf eine eigene Stimmung. Ein Wunschanker, wenn die Zeiten stiller wurden, Hektik und Berufsplanung weniger. Auch die gemeinsamen Zeiten, ein Kuss mehr, als die Liebe jung war. Die leidenschaftliche Suche nach dem Sinn hinter der Energieverschwendung und dem Fressrausch, ein einsames Warten ohne Einladungen. Drehscheibe der Jahre hinter Frost und Nebel, er zieht durch Deinen Körper, Tunnelblick und Lagerkoller inklusive. Du wirst durchhalten, Silvester in Sichtweite und abwarten, was dann beginnt.
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 26.01.2017, 18:35

Anker setzen

Liege nachts im Bett. Erinnern möchte ich mich am nächsten Morgen, etwas zu tun. Bin zu träge, es mir aufzuschreiben. Gedanken kennen den Tunnelblick nicht. Sie strudeln umher, halten mich wach. So male ich mir aus, ganz konkret, wie ich einen bestimmten Gegenstand berühre am nächsten Morgen und den Erinnungsgedanken hervorblitzen lässt. Ruhe kehrt ein. Ich schlafe ein. Am nächsten Morgen stehe ich auf wie immer, tue, was ich immer tue. Als ich den Ankergegenstand berühre, stürmt die Erinnerung in meine Sinne. Es funktioniert, wie immer.

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Beitragvon Mucki » 12.02.2017, 13:47

Gruselige Pferdeköpfe
Ich wusste, dass diese Szene kommen würde. Schon bei der Blechtrommel wurde mir schlecht, als die Aale sich durch den Kopf schlängelten. Genauso schlecht, wie es Agnes Matzerath wurde.
Gestern schaute ich den ersten Teil vom Paten. Dann kam das in gelbes Licht getauchte Bett. Und er wendet sich, fühlt etwas Feuchtes, sieht auf seine Hand, die rot verfärbt ist. Ich blinzele. Guck ich weg oder nicht? Halte mir die Hand vor die Augen. Er reißt die Bettdecke weg und ich leider meine Hand. Da liegt er, der schwarze Pferdekopf. Und das Schreien des Mannes durchdringt mich bis ins Mark. Mann! Das ist nur ein Film!
Und doch schlängeln sich beide Pferdeköpfe in meine Träume, vermischen sich zu einer Szene. Aale glitschen durch mein Laken, legen sich mir um den Hals. Sie schmiegen sich, würgen nicht. Der schwarze Kopf liegt lebendig neben meinem. Wache, so verstörend schöne Augen schauen mich an. Ich streichle seine prächtige Mähne, bis ich das Ende seines Halses berühre ...

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 02.06.2017, 23:22

Er saß neben mir, ich hatte lange Zeit nur seine Hände beobachtet, die ziemlich dunkelhäutig waren; auf dem rechten Handrücken war ein Tattoo in Gestalt einer Tomate und links trug er einen Daumenring. „Ich fliege sehr oft“, sagte er nach einer Weile, „beruflich; weil, ich bin Steptänzer“, und zum Beweis klackerte er ein wenig mit den Hacken auf dem Fußboden. „Wenn man mit so einem Fluch belegt ist wie ich, dann hat man beruflich nicht viel Auswahl.“ Taktmäßig klackerte er weiter, während er mir erzählte (in einer Art Rumbatakt), dass er an seinem siebzehnten Geburtstag verflucht worden sei; seitdem bräche er mit jedem Stuhl zusammen. Ich verwies wortlos auf die Bank, auf der er saß. „Das ist kein Stuhl, sondern eine Bank“, sagte er. „Und Sie können wirklich fliegen?“, fragte ich und versuchte mir vorzustellen, wie er mit dem Flugzeugsitz durch Stahl und Eisen brach. „Da passiert nichts“, sagte er, „das ist ein Sitz, kein Stuhl. Aber mit dem Zahnarztstuhl bin ich schon mal zusammengebrochen. Der Zahnarzt war nicht begeistert. Also, deshalb bin ich Tänzer geworden, da muss man nicht so viel sitzen.“ Er stand auf und nahm sein Handgepäck, „entschuldigen Sie bitte, ich muss aufs Klo, und nein, das ist auch kein Stuhl“, er hatte mir wohl angesehen, welche Vorstellung mich heimsuchte, „das ist ein Klo.“ Er steppte in Richtung auf die Leuchtschilder, die anzeigten, wo sich die Herrentoilette befand. Ich verfranste mich in Überlegungen, was nun eigentlich ein Stuhl war und worauf er gefahrlos sitzen konnte. Leider kam er nicht zurück. Ich erinnere mich, dass er dunkle Haare hatte und pflaumenfarbene Augen; später habe ich eine Weile auf Youtube Filmclips mit Steptänzern angesehen, aber ihn fand ich leider nie.
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Beitragvon Eule » 04.06.2017, 23:13

Nebeneinander, Du kannst diese Farben nicht sehen. Ich weiss, die nächste Minute findet nicht statt. Ein deja vu, pardon, steig nicht aus. Du gehst, im Gehen verlierst Du, wie immer, etwas, dass Dir folgen muss.
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Beitragvon birke » 05.06.2017, 23:48

beieinander. siehst du die farben so wie ich? das gelb, dieser honigton. und wie die musik sich dreht - mit uns im takt des grün. wenn die zeit ein bild wäre, und wir mittendrin. aneinander. 
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Beitragvon Zefira » 08.06.2017, 01:04

„Irgendwann landet alles im falschen Regal nebeneinander.“ Jetzt muss ich aufräumen, weil die Bücher einander anfeinden, die Buchrücken in empörte Falten legen, sich winden und ächzen über die unerwünschte Nachbarschaft. Da habe ich ein Buch antiquarisch gekauft, schöner Frakturdruck, allerdings kam auf den ersten zehn Seiten ein Mord vor und der Vorbesitzer hatte ihn herausgerissen. Also habe ich das Buch ein zweites Mal gekauft, die beiden Bücher nebeneinander gestellt und sie ermahnt, gute Freundschaft zu halten, aber das ging natürlich in die Hose. Die Hose ist auch so eine neuzeitliche Erfindung, sie rutscht inzwischen haltlos runter unter dem Gewicht zerfledderter Taschenbücher. Jetzt nehme ich mir ein Klemmbrett und klemme die Hosen zwischen den Oberschenkeln fest, zurre den Gürtel enger, ich bin schon sechzig, viel Zeit zum Lesen bleibt mir nicht mehr, ich gehe mit dem Klemmbrett durch die Buchrücken und mache mir eine Lustliste von allem, was ich noch lesen muss, und sicherheitshalber eine Mussliste von allem, was ich ein zweites oder drittes Mal lesen will, und klemme das Klemmbrett zwischen die Buchrücken. Festgemauert in der Erden, so kann es erst mal bleiben. Wenn ich nach oben schaue, sehe ich den Buchdeckel über mir und die mit Efeu überwucherten Ritzen. Auch ich bin nur geschrieben.
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