Achter(bahn) Mai

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
jondoy
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Beitragvon jondoy » 23.05.2014, 14:26

Frühling im Voralpenland

Vor mir die Berge (in Breitbandpanorama), aufgestellt wie zum Gruppenfoto,
alle noch weiß bis an die Füße,
während in den Wiesen um mich herum
bereits die Grillen zirpen
und von irgendwoher der Kuckuck ruft.

Die mono-janitscharischen Löwenzahnarmeen
haben sich diesmal
um einen Monat geirrt,
die meisten von ihnen sind schon Ende April
verblüht.

Junge Frauen wollen mir ungefragt
auf einmal
unbedingt ihre Tattoos zeigen,
sie stellen sich vor mir hin
schieben ungeduldig ihre Träger zurück
und beginnen sich vor mir zu lüften.

Der Frühling hat dieser Szenerie
bereits den Rücken zugedreht,
er unternimmt seine jährliche Bergwanderung
hält dort als junger Bergfrühling Einzug,
demnächst steigt er mit dem Heißluftballon auf,
die Pflanzen hecheln ihm dann nur noch hinterher.
Tschüss Frühling,
wir werden dich dort oben besuchen kommen.

Unten im Flachland
ist derweil der Sommer schon
mit dem Panzer einmarschiert
und hat das Land in antigonische Sinnlichkeit versetzt.

Achter(bahn) Mai






Erstversion

Frühling im Voralpenland

Vor mir die Berge (in Breitbandpanorama)
alle noch weiß bis an die Füße,
während in den Wiesen um mich herum
bereits die Grillen zirpen und
irgendwoher der Kuckuck ruft.

Die monojanitschischen Löwenzahnarmeen
haben sich diesmal
um einen Monat geirrt,
die meisten von ihnen sind schon Ende April
verblüht.

Junge Frauen wollen mir ungefragt
auf einmal
unbedingt ihre Tattoos zeigen,
sie stellen sich vor mir hin
schieben ungeduldig ihre Träger zurück
und beginnen sich vor mir zu lüften.

Der Frühling hat dieser Szenerie
bereits den Rücken zugedreht,
er unternimmt seine jährliche Bergwanderung,
demnächst steigt er mit dem
Heißluftballon auf,
die Pflanzen hecheln ihm dann nur noch hinterher.
Tschüss Frühling,
wir werden dich dort oben besuchen kommen.

Unten im Flachland
ist derweil der Sommer schon
mit dem Panzer einmaschiert.

Achter(bahn) Mai
Zuletzt geändert von jondoy am 02.06.2014, 22:40, insgesamt 1-mal geändert.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 27.05.2014, 11:23

Hallo Jondoy!

Du hast diesem Text Zeilenumbrüche aufgezwungen, meinem Empfinden nach gegen seine innere Anlage. Prosasätze bleiben Prosasätze, in dieser Form sehen sie aus wie schlecht verkleidet - was ihnen viel von ihrer Wirkung nimmt. Mir jedenfalls wäre der Inhalt in einem durch wenige Absätze angenehm gegliederten Prosatext deutlich leichter zu vermitteln!

Gruß,

Ferdi
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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Beitragvon Zefira » 27.05.2014, 11:52

Komisch, mir geht es anders - mir gefällt die zentrierte Form, die mich stark an einige der ironischen Naturgedichte von Arno Holz erinnert. Nur die beiden Zeilen "Tschüss Frühling" etc. sind mir ein bisschen zu neckisch.

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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Beitragvon Niko » 27.05.2014, 16:52

Muss es nicht heißen: stellen sich vor MICH hin?
Beste grüße-niko
.Ein Gedicht auf dem Hintergrund der Biographie des Autors zu interpretieren ist so, als würde man einem schwimmenden Schiff das Wasser nehmen. (NJK)


Homepage Niko

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Beitragvon Zefira » 27.05.2014, 17:12

Nein, muss nicht - "vor mir hin" ist etwas absichtsfreier als "vor mich hin".
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

jondoy
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Beitragvon jondoy » 27.05.2014, 20:03

Hallo Ferdi!

deine Anmerkungen, die Zeilenumbrüche betreffend, nehme ich zum Anlass, mir die Zeilenumbrüche noch einmal vorzunehmen...

.....hab bereits selbst einen ersten Schreibfehler entdeckt, richtig sollte das zweite Wort im zweiten Absatz "monojanitscharischen" heißen..Löwenzahnwiesen entstehen ja durch erst infolge einer latenten Form von jahrelanger Überdüngung des Bodens, vermutlich bedarf es dazu auch bestimmter Mengen von Stickstoffen, bin kein Botaniker, der erst diese Monokulturen entstehen und wachsen lässt, eines weiss ich jedenfalls sicher, es dauert einige Jahre, bis sich einer ehemals bunte Blumenwiese in ein Meer von gelben Löwenzahnarmeen vewandelt hat, die natürlich auch ihren optischen Reiz hat, eigentlich schaut dieses Naturereignis "Löwenzahnblüte" wunderschön aus, das ist eine Pracht, den sogar bereits die Werbeindustrie aufgegriffen hat und light zu vermarkten beginnt, aber sind halt ökologisch auch ein Zeichen von Überdüngung; die Janitscharen waren doch diese legendären osmanische Elitekrieger, die von den anderen zweibeinigen "Blumen" gefürchtet waren, weil sie oft kriegsentscheidend im Umfeld ihres Herrschers (durch ihre Entschiedenheit) dafür sorgten, dass sich das, wofür sie standen und kämpften, dorthin ausbreitete, so weit das Auge reicht....ich wollte damit auch die Ambivalenz ausdrücken, es ist schön fürs Auge, doch von den Schattenseiten weiss ich auch, ohne dass ich es auszusprechen bräuchte...

......hab jetzt mal versucht, die Zeilenumbrüche zu reduzieren, um vielleicht diese Wirkung zu erzeugen, von der du sprichst, Ferdi..

....mir ist jetzt übrigens wieder der ursprüngliche Inhalt der ersten Zeile des Textes eingefallen..dieser Text entstand tatsächlich an einem achten Mai, in meinem Kopf, er ist mir sozusagen zugeflogen, ich brauchte ihn abends nur noch aufzuschreiben, dann war er komplett bis auf diese berühmte innerliche "ein Wort hin- und her-Schieberei" ...fertig, neulich hab ich aus Versehen eine ganze Datei mit lange von mir gesammelten unfertigen Textbruchstücken aus Versehen gelöscht, trotz.. unbeholfener"*.tmp und *.rtf" Rückhol-Versuchen....konnte ich nichts mehr retten, man muss loslassen können, dieser Text war auch futsch, ihn hatte ich noch halbwegs in meinem Kopf abgespeichert, weil er erst ein paar Tage alt war, so versuchte hinterher, ihn (und alles andere, an was ich mich noch erinnerte) wieder zu rekonstruieren....es fielen mir nur einzelne Fragmente von ihn ein, er hat (meinem Empfinden nach) nicht mehr die ursprüngliche Schönheit, doch ich kann ihn ja nicht mehr herzaubern....

Vor mir die Berge (in Breitbandpanorama), wie aufgestellt zum Gruppenfoto,
alle noch (schnee)weiß bis an die Füße,
während in den Wiesen um mich herum bereits die Grillen zirpen und
abends von irgendwoher der Kuckuck ruft.

Die Löwenzahne haben sich diesmal um einen Monat geirrt,
die meisten von ihnen sind diesmal schon Ende April verblüht.

Junge Frauen wollen mir ungefragt auf einmal
unbedingt ihre Tattoos zeigen, sie stellen sich vor mir hin,
schieben ungeduldig ihre Träger zurück und beginnen sich vor mir zu lüften.

Der Frühling hat der Szenerie bereits den Rücken zugedreht,
ist aufgebrochen zu seiner jährlichen Bergwanderung,
demnächst steigt er (wohl) mit dem Heißluftballon auf,
die Pflanzen hecheln ihm dann nur noch hinterher.


Das war so etwa die ursprüngliche Fassung.
Ferdi, ich weiss nicht, ob dir diese Zeilensetzung Prosatext leichter vermittelt.
Das kannst nur du beantworten.


Hallo Zefira,

diese leichte Ironie ist erst bei der Rekonstruktion in diesen Text eingeflossen.
Weisst du, das ursprüngliche "Gedicht" war einfach nur das pure Staunen über die Schönheit....die da uns umgibt, kein Wunder, dass so viele Urlaub in dieser Gegend machen wollen, die einzige Ironie, die ich in der ersten Fassung im Sinn hatte, war ein Zusatz, den ich damals aber wieder gestrichen hab, er hätte so sanft-ironisch dieses entschiedene Wollen dieser jungen Frauen unterkommentiert ("ein Anfall wegen der Luftveränderung"), dass weiss ich noch, denn es hat ganz bestimmt etwas mit der Luft zu tun, mit dem Frühling, bei uns im Bergland werden die Übergänge vielleicht noch intensiver wahrgenommen.

"Tschüss Frühling", Zefi, das wusste ich doch bereits beim Schreiben, dass dies Lyrikern, du hast es ja noch wohlwollend beschrieben, zu neckisch, zu seicht vorkommt.

Eines wollte ich ganz bestimmt. Ich wollte kein "klassisches" Frühlingsgedicht (dieser Text ist eine Ode an den Frühling) schreiben, ich wollte es in meiner eigenen Sprache ausdrücken, erst beim Rekonstruktionsversuch ist dann noch ein zweiter, neuer Gedanke hinzugekommen, was ich in diesen Text einfließen lassen, mit diesem Text beschreiben wollte, wie schnell mittlerweile sich die Jahreszeiten übergangslos von einem jahreszeitlichen Zustand in den nächsten verwandeln, wollte mit diesen Zeilen auch diese Dynamik ausdrücken, die ich bisher in klassischen "Frühlingsgedichten" noch nie beschrieben gefunden habe.


Hallo Niko,

du hast recht, und auch ich hab bei dem Wort lange überlegt, ob ich an dieser Stelle dieses "mir" stehen lassen soll oder "mich" schreiben soll. Grammatikalisch richtig müsste es sehr wahrscheinlich "mich" heißen.

Ich hab dann abgewogen zwischen "hochdeutscher Grammatik" und meinem eigenen Empfinden...und bei dem Wort hab ich mich dann ganz bewusst für...mein eigenes Empfinden entschieden, ich schreib ja nicht für die Grammatik, und nur so kann ich mich in meinen Texten wiedererkennen, manchmal lese ich Texte nach Jahren wieder, da weiss ich gar nicht mehr, dass ich die geschrieben habe, aber ich kann sie genau an dem identifizieren, ich erkenne meine Sprache wieder, wäre ich ein Gutachter, könnte ich genau sagen, ob das echt ist (von mir) oder nicht). Verrückt, oder.
Die Zefi hat es sehr schön beschrieben, dieses "vor mir hin" ist etwas absichtsfreier als "vor mir hin". Genauso isses.
Das sind so winzig kleine Nuancen, ich bin manchmal wirklich überrascht, wie manchmal nur ein Punkt oder Komma oder ein so kleines Wort bereits den Klang verändern kann...und dass ist wiederum auch wieder anstrengend.. wie kann etwas durch Worte ausleuchtend ausdrückend, das ist manchmal auch etwas wie Mathematik.

Herzlich,
jondoy

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Beitragvon ferdi » 29.05.2014, 23:01

Hallo Jondoy!

Ich weiß, das ist in den allermeisten Fällen ein unersprießliches Unterfangen, aber könntest du mir verdeutlichen, worin für dich die "Gedichthaftigkeit" dieses Textes besteht? Deine eingestellte Fassung gefällt mit besser als die in deiner Antwort genannte Erstfassung; wenn ich da alle Zeilenumbrüche rausnehme, sieht die so aus:


Frühling im Voralpenland

Vor mir die Berge (in Breitbandpanorama), alle noch weiß bis an die Füße, während in den Wiesen um mich herum bereits die Grillen zirpen und irgendwoher der Kuckuck ruft.

Die monojanitscharischen Löwenzahnarmeen haben sich diesmal um einen Monat geirrt, die meisten von ihnen sind schon Ende April verblüht.

Junge Frauen wollen mir ungefragt auf einmal unbedingt ihre Tattoos zeigen, sie stellen sich vor mir hin schieben ungeduldig ihre Träger zurück und beginnen sich vor mir zu lüften.

Der Frühling hat dieser Szenerie bereits den Rücken zugedreht, er unternimmt seine jährliche Bergwanderung, demnächst steigt er mit dem Heißluftballon auf, die Pflanzen hecheln ihm dann nur noch hinterher. Tschüss Frühling, wir werden dich dort oben besuchen kommen.

Unten im Flachland ist derweil der Sommer schon mit dem Panzer einmaschiert. Achter(bahn) Mai.



- Und für mich ist das Prosa; als Gedicht gesetzt kommt mir der Text verkleidet vor, unwahr. Auch, weil er in der Gedichtfassung viel an Darstellungsmitteln der Prosa "mitschleppt", die im Gedicht zum Beispiel ein Zeilenumbruch übernehmen kann. Gleich am Anfang:

alle noch weiß bis an die Füße,
während in den Wiesen um mich herum
bereits die Grillen zirpen und

Drei Wörter, die die Prosa viel eher braucht, um ein adversatives Verhältnis auszudrücken, als ein Gedicht; da entsteht durch die Aufteilung in Zeilen - das hier, das gegensätzliche da - ohnehin schon dieser Eindruck?!

Die einzige Stelle, an der deine Gedichtsetzung das wirklich leistet:

Junge Frauen wollen mir ungefragt
auf einmal
unbedingt
ihre Tattoos zeigen,

Da verteilt die Gedichtsetzung die drei Ergänzungen auf drei Zeilen, während sie in der Prosafassung einfach lieblos und "matschig" aneinander kleben. Trotzdem kann ich das nicht wirklich als Vorteil des Gedichts sehen, denn eigentlich denke ich - unabhängig von allen Überlegungen zur Setzung -, der Text schwächelt hier ohnehin etwas und du solltest sparsamer sein; oder die drei Angaben besser verteilen.

Hm. Ich muss da nicht Recht haben - du hörst ja, Zefira ist da anderer Meinung als ich (aber ich mag Arno Holz ja auch nicht). Nimm es also als eine Meinung zum Aufbau unter anderen ...

Rein inhaltlich finde ich das Bild der einem Heißluftballon hinterherhechelnden Pflanzen ziemlich schräg. Wie machen die das, einmal das hecheln, und dann das hinterher?!

Gruß,

Ferdi
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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Beitragvon jondoy » 03.06.2014, 00:31

Hallo Ferdi,

danke für deine Rückmeldung.

Du hast mich gebeten, dir zu verdeutlichen, worin für mich die "Gedichthaftigkeit" dieses Textes besteht.
Du hast ja bereits angedeutet, dass Du in den allermeisten Fällen keine befriedigende Antwort darauf erhalten hast. Geh also nicht davon aus, dass mir dieses Kunststück gelingen könnte, dennoch will ich es versuchen.

Ich will voraus bemerken, dass ich über die mehr oder weniger in unserem europäischen Kulturräumen verbreiteten und noch dazu in unterschiedlichen Zeiträumen beheimateten, allgemeingültigen Formen, nach denen unter Beachtung der in diesen festgelegten Vorgaben und "Spielregeln" Ausführungen von Texten vorgenommen werden können, die aufgrund dieser Merkmale dann leicht in die entsprechenden Prosa oder Lyrikschubladen eingeordnet werden können, nicht unterrichtet bin, weiss ich nicht, nach welchen Kriterien denn die Trennlinien zwischen Prosa und Lyrik tatsächlich zu ziehen sind. In der einen Szene im Film "Club der toten Dichter" hat dieser Lehrer vor "Blue Wonder" und seinen Mitschülern die diesbezüglichen Seiten rausreißen lassen.
Da ich - aufgrund dieses Hintergrundes - gegen diesbezügliche fachliche Definitionen in gewisser Weise völlig imun bin, will ich mich auf einen einzigen Hinweis beschränken, eine kleine Randnotiz, die ich am vergangenen Wochenende in einer Zeitung gelesen habe.
Jürgen Becker hieß es darin, hat den Georg Büchner Preis 20114 erhalten.
Die Begründung war interessant:
"In seinem über Jahrzehnte gewachsenen Werk hat er die Gattungsgrenzen von Lyrik und Prosa beharrlich neu vermessen und verändert", begründete die Akademie ihre Entscheidung für Becker."

Die Grenzen sind offenbar doch fliesend.

Damit will ich deine Einwände nicht wegwischen, ich will sie damit nur ein kleines bischen in Frage stellen, ich halte mich ohnehin nicht für kompetent genug, um dir eine adäquate Antwort darauf geben zu können.
Ich könnte mich zwar wie ein Künstler auf die Freiheit der Form berufen, aber selbst mir wäre diese Argumentation wäre mir zu platt, es ist ja nicht so, dass "Spielregeln" keinen Sinn machen...

Im Übrigen finde ich, dass die diesbezügliche Einordnung eines solchen Textes in die "richtige" Schublade weniger mir, -mit Verlaub - mehr dem Leser/der Leserin obliegen darf, diese Freiheit überlasse ich ihm gerne, aus diesem Grunde finde ich beispielsweise sowohl deine Sichtweise als auch Zefiras Sichtweise beide richtig.

Ich selbst empfinde den Text, den ich da reingestellt habe, für mich war´s Lyrik.
Natürlich noch mehr die Erstfassung dieses Textes, die hab von der Intension her voll und ganz als Lyrik empfunden, wenn ich diese Erstfassung mir als Prosa "denken" würde, käme sie mir "verkleidet" vor; gerade deshalb, weil der Text für mich Lyrik - Gedicht ist für mich - in diesem Kontext - nur eine andere Bezeichnung dafür - ist, gehört die von mir gewählte Zeilensetzung, der mehrfache Zeilenumbruch, meinem Empfinden nach dazu.
Was du da machst, dieses Weglassen der mehrfachen Zeilenumbrüche, (ver-)führt dazu, den Text als Prosa zu lesen, wandelt ihn in Prosa um, die von mir eingestellte Fassung ist vielleicht nicht mehr Lyrik in Reinform, der von mir eingestellte Text hat sich während des Schreibens von der Tendenz her schon eher Richtung Prosa verlagert, weil da schon Absicht mit im Spiel war.

Ich hab bislang noch keine Texte von Arno Holz gelesen.

Du hast zitiert:
"alle noch weiß bis an die Füße,
während in den Wiesen um mich herum
bereits die Grillen zirpen und"

Du hast dazu bemerkt , drei Wörter, die die Prosa viel eher braucht, um ein gegenüberstehendes Verhältnis auszudrücken, als ein Gedicht.

Ferdi, das mag schon sein, da wirst du ganz sicher mehr Ahnung davon haben, als ich, doch dein Einwand bedeutet im Umkehrschluss ja auch, dass diese drei Wörter zumindest ab und zu auch mal in einem Gedicht auftauchen können, wenn du dich ein wenig von den Paradigdmen lösen könntest, sogar in dieser konzentrierten Form.

Shakespeares Sonette - hab in letzter Zeit einige davon gelesen, oder sollte ich sagen, mehr überflogen - sind wegen der von ihm vorgenommenen "Aufteilung des Textes" in die für Sonette vorgeschriebenen metrisch gegliederten vierzehn Zeilen, ausnahmslos der Lyrik zuzuordnen, doch trotz dieser unzweifelhaften Einordnung hinterlassen einige von ihnen bei mir beispielsweise einen Geschmack von Prosa. Manchmal denke ich beim Lesen, dass ist Prosa, was da vor mir steht, nicht Lyrik, auch wenn Sonett draufsteht.

Zum Schluss kurz noch eine Anmerkung zu dem von mir verwendeten Bild der hinterherhechelnden Pflanzenwelt...vielleicht ist es schräg, ich empfinde ja mehr die "militäristischen" Ausdrücke in diesem Text als schräg, für meinen Geschmack fast schon zu viel,
dieser Text war so was wie ein Versuch, ein Heimat "dokumentarisch" mit Worten einfangen zu wollen, ohne das 21. Jahrhundert zu vergessen.
Wie die Pflanzen das machen, willst du noch wissen.
Leise. Lautlos. Sie hecheln hinterher (stell ich mir vor), sie sollen ja eine Seele besitzen, dennoch können sich die allerwenigsten von ihnen (Dornenhecken zum Beispiel können das) von ihrem Standort wegbewegen. Sie sind Reisende in Gedanken, die alles geben und alle Schönheit besitzen. Sie sind Meister im still verschwinden. Sie müssen sich seit Jahrhunderten den sich auf unserem Planeten verändernden äußereren klimatischen Bedingungen anpassen. Wenn einer Art dies nicht "schnell genug" gelingt, wird sie von einer anderen Art verdrängt.

...am Wochenende hab ich an einer Tankstelle getankt. An der Kasse stand ein junges Mädchen, welches kassierte, auf der Innenseite ihres linken Oberarms entdeckte ich den Ansatz einer wunderbar geschwungenen Schrift. Neugierig, wie ich nun mal bin, sprach ich sie darauf an, und sie zeigte mir den ganzen Schriftzug. Es war ein Tattoo in schwarzer Farbe, zwei Zeilen in englischer Sprache, die Buchstaben kalligraphisch. Ich konnte den Text nicht übersetzen und fragte sie, was diese Zeilen bedeuten. Sie hat mir erklärt, dass es (sinngemäß) ....bis an die Grenzen der Unendlichkeit und darüber hinaus...bedeutet und dass es ihr ganzer Stolz sei.

Namaste, Jondoy

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 08.06.2014, 10:13

Hallo Jondoy!

Es gibt heute so viele so verschiedene Auffassungen von "Gedicht", ich denke, die einzige noch mögliche Bestimmung ist: "Gedicht ist, wenn der Verfasser "Gedicht" drüber schreibt. Trotzdem lohnt es immer, noch einmal neu anzusetzen ... Von daher: Danke für deine ausführliche Antwort.

"... dieses Weglassen der mehrfachen Zeilenumbrüche ... wandelt ihn in Prosa um,"

Hm. Würde heißen: Gedicht - Zeilenumbrüche = Prosa, umgestellt G = P + Z ?! So darf ich das sicher nicht sehen, aber mein Unbehagen mindert sich nicht.

- Am Ende sind das Überlegungen, die ein wenig an deinem Text vorbeilaufen; von daher denke ich, wir sollten es nicht übertreiben.

Gruß,

Ferdi
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)


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