Versehen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Niko
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Beitragvon Niko » 04.10.2016, 23:08

Ich sah die stunden
wie durch spiegel fliehen
und blickte ihnen nach
hindurch als sei ein licht
im zwischenraum
wo unter bohlenbrettern
heimatlosigkeit rot - blau erblüht
und pflückte nicht
weil diese schönheit bleiben sollte

ich sah das antlitz eines kormorans
der sich wild entschlossen
auf die beute stürzte
und nicht dran dachte was zu bleiben habe
er nahm was ihm sich bot
und es war selbstverständlich

ich sah es und vergaß
was bleiben sollte


.
Zuletzt geändert von Niko am 05.10.2016, 10:02, insgesamt 1-mal geändert.
.Ein Gedicht auf dem Hintergrund der Biographie des Autors zu interpretieren ist so, als würde man einem schwimmenden Schiff das Wasser nehmen. (NJK)


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birke
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Beitragvon birke » 05.10.2016, 08:26

das finde ich wunderbar, niko!

was für ein ungewöhnlicher gedanke, dass heimatlosigkeit erblüht... sehr schön :)

eine kleinigkeit: warum "wie wild entschlossen" und nicht einfach "wild entschlossen"?

lg
birke
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Niko
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Beitragvon Niko » 05.10.2016, 09:05

Danke, Diana!
Dieses "wie wild entschlossen" werde ich noch ändern. Ich denke es ist latent meiner rheinländischen Herkunft geschuldet. Dieses "wie" birgt in diesem Zusammenhang die Bedingungslosigkeit, das unnachsichtige in sich. Aber vielleicht kann das nur ein Rheinländer erkennen.
Es freut mich jedenfalls sehr, dass dir der Text gefällt. Danke!

Herzlichst - Niko
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Last
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Beitragvon Last » 05.10.2016, 09:12

Hallo Niko,

in diesem hier spiegelt sich ein Gedanke wieder, den ich schon wirklich lange in mir trage aber bisher noch nie bewusst in einem Gedicht reflektieren konnte. Danke dafür!

Der Gedanke geht in etwa so. Die Abfolge von Momenten ist in unserem Bewusstsein nicht chronologisch geordnet. Gegenüber unserer Aufmerksamkeit, unseres Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögens verhalten sich einzelne Momente, einzelne Wahrnehmungsinhalte ähnlich wie Vogelküken gegenüber einer Vogelmutter. Die Vogelmutter füttert das Küken zuerst, das am lautesten schreit, nicht das, das den größten Hunger verspürt.

Für mich stand immer der Aspekt im Vordergrund, dass sich durch die Überlagerung ihrer Schreie eine gemeinsame Stimme ergibt. In Deinem Gedicht ist es eher das Bedauern der Vogelmutter, sich diesem Wahrnehmungsprinzip zu fügen, wenngleich sie natürlich gar nicht anders kann, da es ja eine grundsätzliche Eigenschaft ihres Wesens ist.

So lese ich jedenfalls das "licht / im zwischenraum", dessen Verwandlung in "das antlitz eines kormorans" und das abschließende "vergessen".

"Versehen" verstehe ich hier dann im Wechselspiel zweier Bedeutungsnuancen:
1. Den Versuch, besondere Momente mit gebührender Aufmerksamkeit zu versehen.
2. Eine Fehlleistung wie sich zu verschreiben oder zu verlesen, wodurch einerseits die Aufmerksamkeit erst zustande kommt, andererseits auch das Vergessen bedingt ist. Darüber hinaus klingt darin auch eine Entschuldigung an. Alles geschah aus Versehen.

Ich denke, dass da auch noch Raum ist für andere Aspekte, Gesellschaftskritik, Ästhetik. Insgesamt finde ich das inspirierend!

KarolineJasper
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Beitragvon KarolineJasper » 05.10.2016, 12:35

... es ist wirklich wunderbar...dieses Gedicht.

Derzeit scheine ich alles im Kontext " Zeit" zu sehen,- :-)

Stunden die durch Spiegel fliehen... gefällt mir unglaublich...


Lg Karo

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Niko
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Beitragvon Niko » 06.10.2016, 22:50

Ich danke euch herzlich!

Mal aus dem nähkästchen geplaudert:
Ihr habt kaum eine Vorstellung, was eure Kritik für mich ganz persönlich bedeutet. Nach diesem einschneidenden Ereignis (op) am letzten Weihnachten war mir zwei drei Monate nicht klar, ob ich überhaupt weiterhin Kreativität schaffe. Ich habe versucht, ich wollte so unbedingt wenigstens in diesem Punkt wie früher sein. Ich wollte. Und mit Kreativität und wollen ist es so eine Hassliebe. Das wollen ist ein bißchen nötig, um überhaupt einen Ansporn sich selbst zu geben. Aber das wollen steht grundsätzlich der Kreativität im Weg. Jedenfalls ist das bei mir so.
Dieses Gedicht und vor allem auch eure Reaktionen sagen mir, dass ich "zurück" bin.
Von daher ist dieser faden für mich von großem wert. Ich danke euch allen. Ihr habt mir damit eine unschätzbar große Freude gemacht!

Zu einzelnen Kommentaren schreibe ich morgen. Aber das hier wollte ich euch unbedingt schreiben!

Herzlichst - Niko
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birke
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Beitragvon birke » 06.10.2016, 23:13

Niko! ja, du bist "zurück" oder vielleicht auch sogar mehr als
das: neu da. :bussi:
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Hetti
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Beitragvon Hetti » 07.10.2016, 08:59

Lieber Niko,

"neu da", wie Birke es schriebt, oder doch lieber "der Alte" wie du es dir wünschst? Wahrscheinlich beides. Denn deine Erlebnisse haben dich nicht nur im physischen Bereich berührt, sondern, wie alle Erfahrungen, dein "Selbst" verändert. Vielleicht besser "Identität"? Bin ich mir gerade unsicher. Aber es muss fantastisch sein, wenn man nach einer Krankheit an seine ursprünglichen Fähigkeiten und Inspirationen wieder anknüpfen kann.

"Ich sah die stunden
wie durch spiegel fliehen
und blickte ihnen nach
hindurch als sei ein licht
im Zwischenraum".

Beschreibst du hier eine Nahtot - Erfahrung? Oder überinterpretiere ich?

Das Bild des Antlitzes des Kormorans ist über alle Maßen bedenkenswert. Vielen Dank dafür.

Herzliche Grüße
Hetti

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Niko
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Beitragvon Niko » 08.10.2016, 18:57

so....

nachdem aus "morgen" jetzt "übermorgen" wurde, dann halt jetzt etwas detailierter....

liebe hetti
danke für deinen kommentar, der mich sehr nachdenklich stimmte. weißt du...ich schreibe nie, was ich schreiben will. es wird immer etwas, was mich beschäftigt. manchmal weiß aber auch ich selbst nicht, was mich beschäftigt. vielleicht, weil ich es mit erfolg verdränge. ich habe mir den text auf dein " beschreibst du hier nahtod-erfahrung" hin noch einmal durchgelesen. man kann das darin lesen. ja. aber ich weiß nicht, ob ich es ausdrücken wollte.
es gilt aber wie immer: es kommt nicht darauf an, was ich schreibe, sondern darauf, was der leser im text für sich herauslesen kann! aber....soviel sei gesagt.....ich habe mich beim erneuten lesen ein bischen erschrocken, dass deine lesart so stimmen könnte. by the way....ich habe kein bewusstes nahtod erlebnis gehabt....
liebe hetti....was bedeutet "das bild des kormorans ist über die maßen bedenkenswert"? ich verstehe nicht ganz den inhalt deiner anmerkung.
liebe diana...
ja. zurück, neu..........eine mischung sicher aus allem. immerhin mit einem neuen blick auf viele dinge des lebens. aber nun....
liebe karo...
irgendwie sollte man ja alles im zeitlichen zusammenhang sehen. mehr oder weniger locker, versteht sich.
ich freue mich sehr, dass dir das gedicht so sehr gefällt. zumindest in teilen ;-)
lieber last...
dein kommentar ehrt mich alleine durch die ausführlichkeit und tiefe. dafür danke ich dir sehr! und es ist wohl so, dass wir eine art eigene relativität entwickelt haben bei der zuordnung und im festhalten der "besonderen" momente (in welcher form auch immer sie besonders sein mögen.) auch wollte ich wohl aufzeigen, dass alles relativ ist, dass ansichten über den haufen geworfen werden und sich die moralische zuordnung vielleicht ändert oder doch zumindest kurzweilig aus der immer gleichen bahn geworfen werden. das licht im zwischenraum ist für ich eine schwierige, wenngleich auch sehr zentrale stelle. ja.....das "versehen" lässt mehrere lesarten zu. es freut mich, dass du das so ausfürlich angehst. das "spielen" mit worten und der unterschiedlichen bedeutung war immer, ist immer und wird immer mein thema sein. ich liebe es, damit zu spielen. denn es weitet den gedanklichen gang zu neuen räumen. und das fand ich immer schon das faszinierende an unserer sprache!!!

ich danke euch allen von herzen

euer niko
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Werner
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Beitragvon Werner » 08.10.2016, 20:01

ein sehr schönes und, wie ich finde, gutes gedicht. ich würde nur kleinigkeiten ...

Ich sah die stunden
wie durch spiegel fliehen
und blickte ihnen nach
hindurch als sei ein licht
im zwischenraum
wo unter bohlenbrettern
heimatlosigkeit rot - blau erblüht
und pflückte nicht
weil diese schönheit bleiben sollte

ich sah das antlitz eines kormorans
der sich wild entschlossen
auf die beute stürzte
und nicht dran dachte was zu bleiben habe
er nahm was ihm sich bot
und es war selbstverständlich

ich sah es und vergaß
was bleiben sollte

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Beitragvon Last » 10.10.2016, 17:26

Hallo Niko,

weißt du, ich lese es jetzt schon wieder anders, nachdem du eine Schaffenskrise angedeutet hast ;-)

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Hetti
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Beitragvon Hetti » 10.10.2016, 21:24

Lieber Niko,

zu deiner ersten Überlegung zu meinem Post:
ein Text (oder Gemälde, Skulptur) wirkt oft wie ein Spiegel auf den Leser (Betrachter). Das ist doch das Reizvolle am Lesen. Insbesondere bei Lyrik. Bestimmte Saiten werden angeschlagen, die sonst schweigen.

Außerdem finde ich, das Schöne an Kreativität ist, dass man Dinge ausdrückt, ohne explizit Gedanken, Gefühle oder Erfahrungen zu analysieren und festzuhalten. Das Wäre ja dann eher ein Bericht, ein Untersuchungsbericht.

Das Bild "antlitz eines kormorans": Ich finde die Vorstellung bemerkenswert, in das Antlitz desjenigen zu blicken, der für seine Nahrung sorgt, evtl. für die Nahrung und damit den Fortbestand seiner Brut. Dann erkenne ich seine wahren Motive. Wenn ich nur den herabstürzenden Kormoran betrachte, wie er sich über die Beute hermacht, verstört mich sein Verhalten. Er tötet.

Ist natürlich ganz heikel, wenn ich das so formuliere. Da schwingt mir fast zu viel mit. Ist in deinem Text dann lyrisch und eben difiziler ausgedrückt. Für mich war es ein Anstoß, bestimmte Dinge nochmals mit einer gewissen Tiefe und Drehung zu beleuchten.

Herzliche Grüße
Hetti


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