kanadischer Herbst

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 13.10.2017, 15:42

an einem dieser tage
wird sich ein junger mann
ins moos legen:

im schatten der bäume
die beine überereinander schlagen,
sich pappelblätter aus dem gesicht streichen,
einen fluss ins welke gras flechten
(mit wasserfällen an den enden),
und mit den elstern scherzen

seine augen werden blau sein
wie wacholderbeeren

die guten zeiten werden vorbei sein
the good times will be gone
wenn es zu schneien beginnt,
der schnee sich in die felsspalten legt
wie leises weinen

es scheint die art zu sein, wie er fällt,
wie die seen blass frieren,
wie die sonne sich in den glasfassaden spiegelt
(wasserfälle an den enden)

die guten zeiten werden vorbei sein
the good times will be gone

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birke
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Beitragvon birke » 29.11.2017, 13:29

hach, viel zu schade, dass dieses wunderschöne gedicht in den tiefen des forums versinkt :) (grad durch zufall wiederentdeckt)
ich mag es sehr, es verströmt eine ganz eigene, zauberhaft-melancholische stimmung.
ganz besonders: dieses bild einen fluss ins gras zu flechten ... mit wasserfällen an den enden - schön auch, wie du das am ende wieder aufgreifst - so hat dieses gedicht zwei wasserfälle am anfang und ende... das gedicht, ein fluss ...
(frage mich gerade, ob es wirklich nötig ist, die zeile "the good times will be gone" zu übersetzen? sie könnte auch gut ohne die deutsche entsprechung für sich stehen, meine ich.)
lg
birke
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 01.12.2017, 18:46

danke, liebe birke, ich habe ein turbulentes jahr hinter mir. vermutlich DAS turbulenteste jahr meines lebens. und dieser text konserviert für mich die eindrücke des oktobers, den ich in kanada verbrachte.

ich verstehe deinen einwand, die englische zeile betreffend. ich kann nicht sagen, warum ich das so gelöst habe. ich glaube, im kopf habe ich einen liedtext. und da echot der englische vers. irgendwie.

herzliche grüße,
a.

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Werner
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Beitragvon Werner » 01.12.2017, 22:29

wie Diana schon sagte: ein wunderschönes gedicht in einem eigenen, zauberhaft melancholischen ton. gefällt mir sehr gut. ich finde auch die englische neben der übersetzten zeile stimmig. past damit auch gut zum titel, der fast ein bisschen "nüchtern" ist ... "ahorn" könnte ich mir auch gut als titel vorstellen?! wäre dann mehr eine chiffre als eine auflösung und genaue bestimmung ...

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 02.12.2017, 11:22

Hallo Anett,

deine Zeilen mag ich sehr. Sie haben etwas märchenhaftes und sind wunderbar bildhaft. Dieses "einen fluss ins welke gras flechten" ist eine Perle. :stern:

Saludos
Mucki

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 06.12.2017, 16:42

Danke, Werner und Mucki, für eure Rückmeldungen.
Und Mucki: schön, dich hier wieder zu lesen.

LG
A

Wolfgang
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Beitragvon Wolfgang » 07.12.2017, 13:45

Gefällt mir, es ist Stimmungsmalerei der feinen Sorte. Nur den Titel finde ich unglücklich: Ich habe die ganze Zeit über gesucht, was an dem Gedicht so kanadisch ist. Wäre eine Stadt in Kanada erwähnt worden, hätte ich das verstanden, aber einfach nur eine englische Zeile zu nehmen, halte ich jetzt für reichlich dünn.

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birke
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Beitragvon birke » 07.12.2017, 13:52

also, ich mag den titel, da ich sofort prachtvoll buntes vor mir sehe: indian summer. für mich passt das zum gedicht.
wie die farben allmählich verblassen ...
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 07.12.2017, 14:06

die beine überereinander schlagen,
sich pappelblätter aus dem gesicht streichen,
einen fluss ins welke gras flechten
Hm, bei mir hat das (vermutlich?) eine ganz andere Assoziation ausgelöst. Was dann auch das Gesamte etwas weniger zauberhaft melancholisch macht. :ff: Was seht ihr da für ein Bild?
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Wolfgang
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Beitragvon Wolfgang » 07.12.2017, 15:50

Wer die Beine übereinander schlägt, macht sich locker. Den Fluss ins welke Gras streichen halte ich für eine angestrengte Metapher. Ist aber kein Beinbruch.

Auch von mir eine Frage in die Runde: Von Kurzgeschichten her kenne ich den Forderung, dass man nicht bloß behaupten, sondern auch beweisen soll. Gilt das für Gedichte nicht?

Ich frage das in Bezug auf das Kanadische des Titels.

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 09.12.2017, 09:16

@ Wolfgang:
Wenn du von dem Regelchen "Show, don't tell!" ausgehst, wäre die korrekte Übersetzung für mich "Zeige, und erkläre nicht!"
"Beweisen" passt da meiner Ansicht nach nicht.

Frei übersetzt: "Behaupte etwas, und lass den Leser doch selbst gucken, wie er damit klar kommt."
Oder so ... :D:

(Und dass da eine Forderung existieren mag, wie ein Text zu sein hat, ist ja ganz nett. Der Fordernde kann mich mal. Und sollte uns alle mal können. Insbesondere bei Gedichten zählt nix anderes als die innere Stimme, die sich auszudrücken sucht. Das ist was ganz Intimes (im Idealfall), und geht im Grunde niemanden was an. Wer Texte (insbesondere Gedichte) schreibt, um Forderungen zu entsprechen, irgendetwas richtig zu machen, oder - noch schlimmer: anderen zu gefallen, sollte es besser mit Makramee oder Karaoke versuchen.)


@ Anett:
Mich hast du auch auf ein vermutlich anderes als das beabsichtigte Bild (gibts das überhaupt?) geleitet. Ich sehe jemanden, der sich niederlegt zum Ableben, oder zumindest seiner Erschöpfung nachgebend. Vermutlich initiert durch den resignativen, sich wiederholenden Refrain (der im ersten Moment gar nicht so recht mit den doch an sich reizvollen Bildernzu korrespondieren scheint).
Du schreibst auch: "... im Kopf habe ich einen Liedtext." Das trifft es genau, und so habe ich es auch empfunden.
Es klingt eher, als dass es sich liest.
Dass die Aussage nicht ganz klar wird, entspräche dann wieder der o.g. Regel, was ich sehr mag ...

;):
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 12.12.2017, 09:38

Liebe Ylvi,

ich habe leider keine Ahnung, welches wenig zauberhaft-melancholische Bild du siehst. Insofern kann ich schlecht etwas dazu sagen.
Für mich war es einfach so, dass mir, als ich in Banff war, so bewusst wurde, dass ich die allerletzten Herbsttage dort erlebe und, dass der Winter sozusagen jederzeit über die Landschaft hereinbrechen kann. Das hatte etwas...wie sagt man das? Angenehm Bedrohliches?
Etwas von...man ist auf einen Umbruch/Wandel gefasst und akzeptiert ihn. (Auch über die jahreszeitliche Veränderung hinausgehend.)

Hallo Wolfgang,

der Tag, an dem meine Gedichte etwas beweisen müssen, wird der Tag sein, ab dem ich keine Gedichte mehr schreibe. Diese, deine, These halte ich für ausgemachten Schwachsinn.
Dass dir der Titel nicht behagt ist nachvollziehbar. Ich kanns nur leider nicht ändern. Kein Beinbruch. Für mich fängt der Text die Stimmung eines kanadischen Spätherbstes ein. Wenn ich das Gedicht BANFF nennen würde - würde das irgendetwas ändern? Ich glaube nicht.

Tom,

mit Karaoke hab ichs schon versucht. War jetzt gar nicht soooo schlecht. :musik:

A.

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Erman
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Beitragvon Erman » 12.12.2017, 11:09

Liebe allerleirauch,

Ich habe Dein Gedicht, das streckenweise sehr lyrisch ist gelesen. Ich finde es fast nach meinen Vorstellungen.
Dennoch will ich ein bisschen Meckern.
Die Rede ist von einem jungen Mann, der sich ins Moos legt und wenn der Schnee schneit, werden die guten alten Zeiten des jungen Mannes vorbei sein.
Frage: Wie kann ein junger Mann alte Zeiten hinter sich haben? Denn von guten und alten Zeiten Reden nur Menschen in einem alter, wo sie bestimmt nicht mehr jung sind.

Zitat:
''im schatten der bäume
die beine überereinander schlagen,
sich pappelblätter aus dem gesicht streichen,
einen fluss ins welke gras flechten
(mit wasserfällen an den enden),
und mit den elstern scherzen''


Diese Strophe gefällt mir (nur für sich) sehr, aber ohne die Zeile in Klammern, sie ist zu aufklärerisch und das braucht so ein gutes Gedicht nicht.

Zitat:''seine augen werden blau sein''
Augen können nicht irgendwann einmal Blau sein, entweder sind die Augen Blau oder eben nicht.

Zitat:'' … der Schnee sich in die Felsspalten legt
wie leises weinen''

Ich mag den Schnee als Metapher, doch das leise weinen lässt sich mit dem Schnee schwer in Verbindung bringen.

Jetzt komme ich zu der stelle, wo ich ''Oh nein'' sagen muss:
Zitat: ''es scheint die art zu sein, wie er fällt,'' damit hast du das Gedicht umgebracht.
In einem Gedicht kann es kein ''es scheint ... zu sein'' geben.. Das zeugt von Unsicherheit, ein LI , LDU, darf nicht unsicher sprechen. Ein Gedicht ist ein Lied und ein Lied, Song etc darf man nicht unsicher singen.

Ansonsten gefällt mir die Idee und die zweite Strophe. Aber das in Klammern und das Englische (als zusätzliches Stilmittel?) gefällt mir überhaupt nicht.

Soviel von mir.
Habe mich gern damit Beschäftigt.
Erman
Ein Lächeln zeigt die einzig ungerade Linie,
die viele Dinge gerade biegen kann. - Erman

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 12.12.2017, 11:27

Erman hat geschrieben:Zitat:''seine augen werden blau sein''
Augen können nicht irgendwann einmal Blau sein, entweder sind die Augen Blau oder eben nicht.

Klar können Augen ihre Farbe wechseln, Erman. Auf zwei Arten (Vorsicht, Metapheralarm): Die Farbe bleibt gleich und nur der Betrachter wechselt seine Empfindung, -- oder die Farbe wechselt tatsächlich und das deshalb, weil mit "blau" mehr als nur eine Farbe gemeint ist.

Und dann ist da neben jenen beiden Möglichkeiten auch noch eine grammatische Notwendigkeit:

wird sich ein junger mann
ins moos legen:
[...]
seine augen werden blau sein


Also die Zukunftsform ist richtigerweise konsistent. Erman, wenn Du aus dieser grammatischen Zukunft eine ständige Gegenwart machen willst, müsste das konsistenterweise nicht so lauten?

legt sich ein junger mann
ins moos:
[...]
seine augen sind blau



Das wird doch ziemlich flach klingen, wird es nicht? Wo bleibt denn da die Zukunftssfreude?


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