Karzinom

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Klimperer
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Beitragvon Klimperer » 29.11.2017, 14:18

Ich stelle mir ein
Karzinom
schwarz
dunkel vor

aber vielleicht ist das
ein Vorurteil

Vielleicht ist es
grün
rosa
blau
weiß sogar

je nach Stimmung
je nach Jahreszeit
Zuletzt geändert von Klimperer am 02.12.2017, 10:27, insgesamt 1-mal geändert.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 29.11.2017, 14:32

"Ich stelle mir ein"

Ich glaube, die Farbe ist das geringste Problem. Aber ja, die Wahrnehmung ist eine Veränderliche, deshalb passt das schon.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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birke
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Beitragvon birke » 29.11.2017, 16:02

das wort klingt schon so garstig - karzinom - und in meiner vorstellung ist es jedenfalls immer dunkel.
ich kann mir zumindest nicht vorstellen, es jemals als etwas helles (freundliches?) zu betrachten...
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 29.11.2017, 17:08

Mein Vater hat seinen Krebs als etwas Lebendiges in sich betrachtet, wenn er zum Beispiel sagte, dass er mehr essen müsse als früher, weil der Krebs mitessen wolle. Ähnliche Gedanken habe ich auch bei der Hauptperson in Solschenizyns "Krebsstation" gelesen.

Interessant und nachdenklich machend sind die beiden letzten Zeilen. Nach wessen Stimmung? Der eigenen oder derjenigen des Karzinoms?
Spontan sehe ich so ein Ding übrigens auch immer dunkel. Dunkelrot vermutlich.

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Nifl
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Beitragvon Nifl » 29.11.2017, 18:26

In meiner Vorstellung ist es wie ein blasses Gaumensegel.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Werner
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Beitragvon Werner » 29.11.2017, 19:16

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Klimperer
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Beitragvon Klimperer » 02.12.2017, 10:46

Danke, Nifl, für die Korrektur.

Danke, Zefira, für deine Mitteilung. Offensichtlich war dein Vater ein mutiger Mensch, auf jedenfall, ein Mensch mit Humor.

Werner, ich kann nicht verstehen, dass du die Verse als geschmacklos empfindest. Absurd, komisch, ja, aber nicht geschmacklos.

Lyrisch gebe ich dir Recht, sie sind wertlos.

Und, "an der Wirklichkeit vorbei", findest du es wirklich so?

Meinst du, über "ernste Themen" kann man nicht lustig, banal schreiben?

Langsam komme ich zu der Einsicht, dass man, wenn ein geliebter Mensch stirbt, nicht Traurigkeit sondern Wut empfinden sollte.

Nicht traurig, zornig sein!

Im Grunde, das große Problem mit den Menschen ist, dass sie mit dem Tod konfrontiert sind.

Im Mittelalter, Tausend Jahre lang, hat man sich eingebildet, nur die Seele zählt, man hat den Körper verachtet, etc. In Erwartung eines ewigen Lebens.

Was die Menschen im Grunde wollen ist, nicht zu sterben.

Die Anderen ja, der Tod der Anderen kommt uns wie selbstverständlich, normal vor. Anders sieht es aber aus, wenn wir selbst oder jemand, den wir wirklich lieben, bedroht ist.

Manche suchen Zuflucht in der Religion, andere werden zynisch.

Ich will zornig sein.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 02.12.2017, 14:08

Aaaalso: "geschmacklos" finde ich den Text nicht, die Frage, wie sich jede/r Einzelne ein Karzinom intuitiv vorstellt, ist durchaus interessant, meine ich. Andererseits: Lustig finde ich daran auch nix. Die letzten beiden Sätze machen das Ganze m. E. blöd, sie sind daher überflüssig.

Grundgedanke nach meinem Dafürhalten gar nicht so schlecht, Ausführung deutlich verbesserungswürdig.

Kurt
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Beitragvon Kurt » 02.12.2017, 22:55

Habe da auch nen Text zu:

OP

Er weiß nichts von meinen Ängsten,
mein Vater, der Chirurg,
operiert gerade, nahe
den Langerhansschen Inseln,
ganz und gar darauf konzentriert.
Es würde auch nicht gehen,
denn ich wandele auf Trauminseln,
im verstrahlten Bikiniatoll,
spüre gebärende Frauen auf,
mit Kindern wie Geschwüre, während
Vater auf der Suche ist
nach einem Inselkarzinom.
An jenem Ort begegnet er mir –
und dem schmarotzenden Krebs;
der doch kein Teil von mir ist,
wenn der sich auch eingenistet,
in mir seinen Anker geworfen hat,
bleibt er für mich ein Pilz,
um den Baum, seinen Wirt, zu töten.
Meine Zeit läuft ab und seine.
Ich werde ihn ertragen wie
Sokrates Xanthippe ertrug.
Erwache aus der Betäubung.
Nun hat Vater Zeit für mich.
Er hätte nichts von den Ängsten geahnt;
es gab doch keine Gründe dafür–
eine harmlose Geschwulst, unbedeutend
und alles wäre gut.

Kurt
"Wir befinden uns stets mitten im Weltgeschehen, tun aber gerne
so, als hätten wir alles im Blick." (Kurt)

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ZaunköniG
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Beitragvon ZaunköniG » 03.12.2017, 01:49

Da ein Karzinom aus Haut- oder Schleimhautgewebe hervorgeht hat es auch die entsprechenden Farben. Es kann dunkelbraun, fast schwarz sein oder blass, oder rosa oder blutrot... - blau oder grün eher nicht, aber ist das wichtig für den Text?
Die Schlusszeilen halte ich nicht für überflüssig. Krebs, auch wenn sich die Behandlungsmethoden in den letzten dreißig Jahren erheblich weiterentwickelt haben, wird immer noch als eine Schicksalhafte Diagnose empfunden und vielfach ist sie das auch noch. Die Schlusszeilen beinhalten für mich den Link auf die alte Weisheit: Wenn du dein Schicksal nicht ändern kannst, dann ändere deine Haltung! Ob Gleichmut, Humor oder Zorn, es gibt verschiedene Wege mit dem Tod umzugehen.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 03.12.2017, 10:07

Klimperer hat geschrieben:Langsam komme ich zu der Einsicht, dass man, wenn ein geliebter Mensch stirbt, nicht Traurigkeit sondern Wut empfinden sollte.

Nicht traurig, zornig sein!





Weder noch.

Man sollte gelassen sein, einvernehmlich, versöhnlich, wohlwollend.

Es bringt nichts, zornig zu sein auf den Regen. Auf Berge. Braune Blätter.


Man beweint den eigenen Verlust. Der gar keiner ist.

Man sollte sich freuen, mit diesem Menschen zusammen gelebt haben zu dürfen.

Eine Zeit lang.

So wie alles nur eine zeitlang lebt.

Das ist gänzlich untragisch. So man gelernt hat, die Vergänglichkeit zu akzeptieren.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 03.12.2017, 21:55

Gut zusammengefasst, Tom.

Noch trockener gesagt: Verlustschmerz dient dem Zusammenhalt. Auseinanderfallen muss weh tun. Sonst fällt alles auseinander. Manches kommt aber nicht mehr zusammen, und ab da ist der Verlustschmerz dann zwecklos; er blendet sich langsam aus. Das Tempo variiert individuell.


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