Das Musketier

Der Publicus ist die Präsentationsplattform des Salons. Hier können Texte eingestellt werden, bei denen es den Autoren nicht um Textarbeit geht. Entsprechend sind hier besonders Kommentare und Diskussionen erwünscht, die über bloßes Lob oder reine Ablehnungsbekundung hinausgehen. Das Schildern von Leseeindrücken, Aufzeigen von Interpretationsansätzen, kurz Kommentare mit Rezensionscharakter verleihen dem Publicus erst seinen Gehalt
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 03.03.2016, 15:30

Richtiges Zahnweh habe ich seit Jahren nicht mehr. Schlimmstenfalls mal so eine winzige Zahnfleischentzündung, alle paar Monate. Aber die schmerzt so gut wie gar nicht und verschwindet nach drei Tagen. Schön ist auch, dass immer nur ein kleiner Ort zu einer Zeit betroffen ist. Niemals mehrere zugleich. Ich vermute, wenn diese gefräßigen Bakterien um die Häuser ziehen, tun sie das immer gemeinsam. Sicherlich haben sie einen Anführer, der befiehlt dem Pulk: Hört auf zu schlemmen, die Bullen sind da, hier kommen wir nicht weiter --, alle Mann rüber nach Sechs-Zwo ...

Im brasilianischen Urwald, wenn Hirten mit ihren Rindern ansetzen, den Amazonas zu durchqueren, treiben sie zuerst ein einziges, möglichst schwaches Tier in das Wasser. Sämtliche Piranhas dieser Gegend gesellen sich dann zu diesem armen Geschöpf und lassen sich so für eine Weile kulinarisch ablenken, während die übrigen Rinder das andere Ufer erreichen.

In Zwiebelkörben ist es manchmal so, dass nur eine einzige Zwiebel fault. Nicht mehrere zugleich. Warum? Vielleicht legen die Händler jeweils absichtlich eine Schlechte bei, um den steinalten Rest loszuwerden, und auch um Fäulnisbakterien von der breiten Masse abzulenken.

Die Azteken pflegten auch einen Opferkult.

Und so weiter.

Einer für alle. Einer für alle.

Einer ist immer der Arsch im Prinzip.

In diesem.



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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 03.03.2016, 17:56

Das erste Beispiel ließ mich schmunzeln, genauer das Bild am Ende "alle Mann rüber nach Sechs-Zwo".
Beispiel 2 passt sehr gut zu dem Punkt, den du am Ende machst.
Die Beispiele 1 und 3 (Zwiebelkörbe) finde ich insofern schwächer als das zweite, weil der fragliche Aspekt - einen zum Wohl der vielen zu opfern - hier nur durch eine ziemlich fantasievolle Auslegung der Situation erreicht wird: Fäulnisbakterien kann man sicherlich nicht ablenken, eher noch muss man vermutlich befürchten, dass sie von einer Zwiebel zur anderen übergreifen; und dass Zahnfleischentzündungen selten an zwei Zähnen zugleich auftreten, liegt wohl weniger an baktieriellen Führungskräften als daran, dass zwei Entzündungen eben deutlich weniger wahrscheinlich sind als eine. Andererseits sind es gerade diese Auslegungen, die den Text für mich amüsant machen, der sonst nur ein ziemlich abgegriffenes Prinzip illustrieren würde. Das allerdings nur bis auf den revolutionären Ansatz im letzten Satz: Hier deutest Du ja an, dass Alternativ- oder Gegenprinzipien möglich wären. Nun ist es natürlich legitim, den Leser mit so einem Gedankenanstoß ins Selbstdenken zu entlassen, trotzdem frage ich dich mit Bezug auf den Text: Wie sähen die bei den Zwiebeln oder den Zähnen wohl aus?

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 03.03.2016, 18:03

Die Idee an sich gefällt mir, jedoch hapert es mir hier an der Umsetzung. "Einer für alle" war das Credo der drei Musketiere, doch dieses Credo beruhte auf ehrenhaftem und überzeugtem Willen, dies zu tun. Also: eigener Wille. Und genau dies wird in diesem Text an keinem der Beispiele gezeigt.

Teil 1 fällt für mich an sich schon heraus, passt nicht zum "Einer für alle", da es hier um Bakterien geht. Eine Zahnfleischentzündung ist keine einzelne Person oder ein einzelnes Tier. Und "Sicherlich haben sie einen Anführer" etc. ist Spekulation, passt deshalb für mich hier nicht rein.

Beispiel 2, 3 und 4 passen zwar in das "Einer für alle", jedoch sind es Opferrollen, kein freier Wille.

Auch ist mir das hier zu viel.
Pjotr hat geschrieben:Und so weiter.

Einer für alle. Einer für alle.

Einer ist immer der Arsch im Prinzip.

In diesem.

Hier hätte "Einer für alle" gereicht. Punkt.

Aber - wie gesagt - insgesamt ist es für mich nicht stimmig. Schöne Idee, aber nicht konsequent umgesetzt.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 23.05.2016, 20:16

Ich habe mal in einem Tierfilm gesehen, wie eine Herde Büffel von einer aggressiven Löwengruppe verfolgt wurde.
Das Schlusslicht der Herde war ein sehr großes, starkes Tier, die Löwen waren ihm dicht auf den Fersen. Und was machte der Büffel? Er holte den vor ihm rennenden, kleineren Büffel ein und brachte ihn mit einem gezielten Schubs zu Fall. Alle Löwen fielen sofort über den Gestürzten her - die Büffelherde rannte davon.
Nach dem, was der Sprecher dazu sagte, ist diese Taktik keine Ausnahme.
Irgendwie menschlich, möchte man meinen ...
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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Eule
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Beitragvon Eule » 01.06.2016, 09:55

In diesem: Sinne ? Schön, dass Du Aphorismen nicht insgesamt niedermachst. ;-)
Ein Klang zum Sprachspiel.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 21.06.2016, 19:45

Hallo Pjotr,

les diesen Faden zum ersten Mal.

Um was es dir in diesem Faden möglicherweise gegangen ist, ist mir völlig egal.

Deine beiden ersten Beispiele - völlig losgelöst von ihrer `Beispielfunktion` find ich total witzig, die Sprache ist so lässig, deren Gedanken so spielerisch, gefällt mir, :smile:

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 22.06.2016, 11:26

Guten Morgen, liebe Kommentatoren,

danke für Eure Beiträge und Kritiken!

Nicht, dass ich unhöflich erscheine -- falls mein Schweigen so ankommen sollte --; ich schweige, weil das hier der Publicus ist ... :-) Ich sags nur, weil: manchmal sieht man das nicht sofort ...


P.


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