Das Märchen vom Neid

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 24.12.2019, 15:14

Das Märchen vom Neid


Es war einmal ein König in einem nicht gar zu fernen Land, der hatte seine liebe Not mit seinen Kindern. Aus irgendeinem Grund (der König vermutete pure Widerborstigkeit) hatte die Königin sich in den letzten Wehen einsam im Turmzimmer verbarrikadiert, ihm dort Drillinge geboren und war im Anschluss daran umgehend verstorben. So gab es statt eines Thronanwärters drei, und nun tat Abhilfe not, sollte es nicht in zwanzig Jahren zu Bürgerkriegen kommen. Zu allem Überfluss hatte sie dabei das Fenster offengelassen. So hatte jeder der vielen Untertanen, die vor dem Turm auf die Geburt ihres Prinzen gewartet hatten, deutlich drei Neugeborene schreien hören. Die in solchen Fällen übliche Lösung, zwei Kinder dem Kräuterweib oder dem nächstbesten Jäger zu übergeben, schied somit aus. Letzteres schien dem Vernehmen nach ohnehin mit gewissen Risiken behaftet, trotzdem oder gerade zumal - die Mutter ja nun tot war. Der König hatte es in der Folgezeit zwar an zaghaften Versuchen, ihnen Glasscherben, Dolche und Feuerwerkskörper zum Spielen zu geben nicht fehlen lassen, doch schienen sie keinen Gefallen daran zu finden.
Dies blieb für die Jungen nicht ohne Folgen, und wie sie heranwuchsen, glaubten alle drei, der Vater zöge die beiden anderen vor. Es sah nämlich ein jeder nur das eigene Unglück, während das der anderen beiden ihm verborgen blieb.
So brachte Prinz Arthurs Name es mit sich, dass er mit Erzählungen von edlen Rittern, Zauberern und weisen Königen aufwuchs. Den lieben langen Tag träumte das Knäblein davon, auf einer Waldlichtung ein in einen Stein versenktes Schwert zu finden, es herauszuziehen und seinem Vater auf den Thron zu folgen.
Also ließ der Vater ein Loch in einen Stein bohren, beschmierte ihn über und über mit Seife, stellte ihn im Wald am Rand einer steilen Klippe auf und stieß das königliche Schwert hinein. Am folgenden Tag unternahm er mit seinen Söhnen einen Ausritt zu eben jener Stelle. Zunächst lief alles nach Plan: Arthur sah das Schwert, stieß einen entzückten Schrei aus und galoppierte darauf zu. Allein, die neidischen Brüder galoppierten hinter ihm her, um das Schwert vor ihm zu erreichen. So kam es, dass Arthur gar nicht erst abstieg, sondern den rechten Fuß im Steigbügel ließ und nur mit dem linken auf den Stein trat. Er zog das Schwert auch wirklich heraus, doch sofort rutschte er ab, das Pferd erschrak und stob davon, den jungen Prinzen samt Schwert hinter sich her schleifend. Außer einem verrenkten Knöchel und einigen Prellungen kam nichts dabei heraus. Der Stein indes blieb rutschig und immer mal wieder trat seither ein unvorsichtiges Tier darauf und fand in der Schlucht darunter ein jähes Ende. So stapelt sich seitdem das tote Wild am Fuß der Klippe und nährt im Volk Gerüchte von einem Lindwurm, der so scheußlich ist, dass vor ihm selbst ausgewachsene Hirsche und Keiler kopflos in den Abgrund fliehen.




Der vierjährige Prinz Bertram hatte mit seinem Vater den Herrscher eines fernen Landes besucht. Dessen Sohn, der etwa im gleichen Alter war wie Bertram, hatte zum Geburtstag ein Rhinozeros geschenkt bekommen, welches seither in seinem Gehege in den königlichen Gärten umhertrampelte. Der Anblick des stämmigen Tieres hatte Bertram so beeindruckt, dass er von nun an tagein, tagaus jedem, der es hören, oder - was schon sehr bald der Fall war - nicht mehr hören wollte oder konnte, erzählte, auch er wünsche sich zum Geburtstag ein Rhinozeros. Der König hatte die Gelegenheit beim Schopf ergriffen. Als also der junge Prinz am Morgen seines fünften Geburtstages in seinem Zimmer erwachte, sah er sich einem eben aus der Betäubung erwachenden, zentnerschweren Nashornbullen gegenüber, der auf die ebenso ungewohnte wie beengte Umgebung sogleich recht ungnädig reagierte. Es war des Prinzen Glück und Rettung, dass das Tier in seiner Verwirrung nicht auf ihn, sondern auf sein Spiegelbild in einem großen Wandspiegel losgaloppierte. Es brach durch die Wand, zog eine Schneise der Verwüstung durch das Schloss und rannte schließlich durch das Haupttor einem nahen Walde zu, wo das Volk seither angesichts seltsamer Fußspuren und entwurzelter Bäume einen Lindwurm vermutet.
Der junge Prinz Christobal schließlich hatte von seinem königlichen Vater vor allem dreierlei erhalten: Nämlich zum einen die Geschichte vom Wilhelm Tell, die er ihm wieder und wieder von Ammen, Märchenerzählern, Bänkelsängern und seinen Lehrern vortragen ließ. Auf ein königliches Geheiß, das niemand sich recht erklären konnte, wurde dabei die Rolle des Wilhelm stets heruntergespielt und dafür der Heldenmut des Sohnes gelobt, der sich der väterlichen Schießkunst tapfer und ohne zu zucken anvertraut hatte. Das war das eine. Zum zweiten hatte der König mit wachsamem Auge die Kinder seiner Untergebenen am Hof beobachtet. Dabei war ihm der Sohn des Schmieds aufgefallen, ein ebenso tollpatschiger wie kurzsichtiger Junge, der kaum einen Hammer halten konnte, ohne ihn fallen zu lassen. Ihn hatte er bei allerlei Gelegenheiten mit seinem Sohn zusammengebracht; so waren die beiden schließlich Spielgefährten geworden. Das war das zweite. Das dritte war, dass er Christobal immer wieder mit in die Waffenkammer nahm, ihn dort umher führte, ihm Schwerter, Hellebarden, Ballisten, Katapulte, Langbögen und ja - auch Armbrüste zeigte und ihn die Waffen halten und probieren ließ. Zum Schluss ermahnte er ihn mit strenger Miene, nur ja nichts davon für ein Spielzeug zu halten oder ohne ihn hierher zu kommen, schloss die Tür ab und versteckte den Schlüssel vor den Augen des Jungen unter einem Zipfel des Teppichs, auf dem sein Thron stand.
Und wirklich schlich sich Christobal bisweilen in den Thronsaal, holte den Schlüssel hervor, nahm sich eine Armbrust aus der Waffenkammer, ließ sich vom Koch einen Apfel geben und zog mit seinem Freund in den Wald. Dennoch fand der König seine Pläne bitter durchkreuzt: Denn der ungelenke Bursche schoss tatsächlich, aber so schlecht, dass er stets nicht nur den Apfel, sondern auch den Prinzen meterweit verfehlte. So findet man im Wald seither immer wieder Orte, an denen Armbrustbolzen in großer Zahl wild verstreut umher liegen. Kommt einer aus dem Volk des Wegs, so spricht er bei sich: "Siehe, hier hat ein weiterer wackerer Mann sich bis zuletzt gewehrt und ist dann doch mit Haut und Haar im Magen des Lindwurms geendet!" - spricht's und zieht mit einem Schauder weiter.
Und wie sie älter wurden, da dachte Prinz Arthur: "Es ist klar, dass mein Vater meine Brüder liebt, mich aber verabscheut. Schon als ich ein Knabe war, hat er versucht, mich von einer Klippe zu stürzen, als ich nach einem Schwert zu greifen wagte. Der Christobal dagegen, der durfte einfach in der Waffenkammer spielen wie es ihm beliebte."
Prinz Bertram wiederum sprach bei sich: "Wie muss mein Vater mich doch hassen. Schon als ich ein Knabe war, hat er mir dieses Ungeheuer auf den Hals gehetzt und nur mit knapper Not bin ich entronnen. Dem Arthur aber hat er jeden albernen Kindertraum erfüllt!"
Und Christobal klagte: "Was für einen heimtückischen Teufel habe ich zum Vater, der meine Brüder verwöhnt, mir aber den Tod wünscht. Schon als ich ein Knabe war, wollte er mich von meinem eigenen Spielkameraden erschießen lassen. Dem Bertram dagegen, dem hat er sogar ein Rhinozeros geschenkt!"
So war der König denn um Nachwuchs nicht verlegen, und tatsächlich gediehen die drei ihm trotz ihrer Sorgen prächtig; doch je älter sie wurden – und je älter er wurde – desto drängender wurde das Problem, das nun nicht auszumachen war, wem dem Geburtsrecht nach die Krone gebührte.
Eines Tages versammelte der König seinen Hofstaat um sich, ließ die Prinzen rufen und erklärte: „Es ist an der Zeit, zu bestimmen, wer von euch mir auf den Thron folgen soll. Da niemand sagen kann, wer von euch der Erstgeborene ist, soll nach alter Väter Sitte eine Queste entscheiden. Wie ein jeder weiß, werden unsere Wälder von einem Lindwurm heimgesucht. Demjenigen unter meinen Söhnen, der ihm Einhalt gebietet, soll nach meinem Tod die Krone gehören. Da ihr meine Söhne seid, die ich über alles liebe, will ich jedem von euch etwas geben, was ihm dabei wohl nutzen möchte. Dir, Arthur, gebe ich dies Schwert, das niemals stumpf wird und alles schneidet, sei es Eisen, Stein oder Diamant. Du, Bertram, sollst diesen Beutel haben; so viel Du auch herausnimmst, er ist stets mit Goldstücken gefüllt. Und Christobal, Du bekommst diesen Umhang, ein Erbstück von Urgroßvater Gunther: Was immer er umhüllt, wird unsichtbar. Bitte geht pfleglich mit den Sachen um und legt sie zurück, wenn ihr fertig seid. Und nun los!“
Die Prinzen aber dachten bei sich: „Er mag ein schlauer alter Fuchs sein, doch mich kann er nicht mehr täuschen. Seine Wahl hat er schon vor vielen Jahren gegen mich getroffen, und nun soll diese Queste nur bestätigen, was längst entschieden ist. Gewiss ist alles wohl durchdacht, die Mittel meiner Brüder werden ihnen helfen, den Thron zu erobern oder zumindest heil zurück zu kehren; meines dagegen wird sich als nutzlos erweisen oder mir sogar Verderben bringen. Gab er mir nicht schon gefährliches Spielzeug, als ich noch ein Knabe war?“ Und mutlos ließen sie sich das Versprochene aushändigen und zogen los. Anfangs ritten sie noch ein Stück des Weges zusammen durch den Wald. Doch als sie an eine Stelle kamen, an der wild verstreute Armbrustbolzen zwischen einem Hain von jungen Apfelbäumen herum lagen, ließ Christobal den Kopf hängen und fiel hinter die anderen zurück. Und als sie etwas später an jene Lichtung mit dem rutschigen Stein gelangten, da schaute Arthur zu Boden und fiel ebenfalls hinter seinen Bruder zurück. So ritt Prinz Bertram allein voran.
Es kann kaum überraschen: So viel vom Lindwurm auch die Rede war, so wenig war von ihm bekannt, weder seine Gestalt und Größe, noch, was er fraß oder wo er zu finden war. So viel immerhin aber glaubte man zu wissen, dass das Ungeheuer im Wald gleich hinter der Grenze des Reiches hauste und von dort aus seine Streifzüge unternahm. Diese Grenze wurde durch einen reißenden Fluss markiert, in dem es von Krokodilen wimmelte. Wie das angehen konnte, wo Krokodile doch nahezu stehende Gewässer bevorzugten, wusste keiner von den Gelehrten des Königs genau zu sagen, doch wurde eine Intervention von Kobolden dringend vermutet.
Über den Fluss führte nur eine einzige Brücke. Die aber wagte niemand zu überqueren, denn auf der Brücke stand ein steinerner Wächter, der jeden, der sich vom Königreich her näherte, mit derart grimmiger Miene anstarrte, dass ihm die Knie weich und die Hose feucht wurde, er alle Aussicht auf Ruhm, Gold, Freiheit oder Straferlass vergaß und befand, sein Spaziergang habe nun lange genug gedauert und es sei an der Zeit, nach Hause zu gehen.
Nicht lange, nachdem Prinz Bertram seinen Bruder Arthur hinter sich gelassen hatte, gelangte er zu eben dieser Brücke. Er stieg ab und ging, sich Mut zusprechend, auf den Wächter zu. Wie er sich aber näherte, da klapperten ihm die Zähne und die Knie wurden ihm weich, dass er keinen Schritt mehr tun konnte. Kurz erwog er, sich mit geschlossenen Augen vorbei zu schleichen, doch war die Brücke, soweit sie sich hinter dem Wächter zeigte, in einem erbärmlichen Zustand, hier fehlte das Geländer, da klaffte ein Loch im Boden, dass ein Pferd hindurchgefallen wäre - zumindest ein kleines. Ein Pony etwa. Gut, vielleicht nicht gerade ein Pferd, aber doch ein Hund. Ein kleiner Hund. Ein Dackel. Ein junger Dackel, jedenfalls aber ein großer junger Dackel. Immerhin. Um selbst hineinzufallen, reichte es allemal. Wie es gleich hinter dem Wächter aussah, war nicht zu erkennen - der starrende Stein stand im Weg - doch keiner bei klarem Verstand würde da auch nur einen Schritt mit geschlossenen Augen wagen.
So zog er sich den Mantel über, doch was half es? Der Wächter mochte ihn nicht sehen – falls der dumme Stein überhaupt etwas sah! - er aber sah ihn weiterhin und fürchtete sich nicht weniger als zuvor. Und er klagte: „Wie groß ist doch die Tücke meines Vaters! Gerade hier will mein feiner Mantel mir nichts nützen. Hätte ich doch, was meine Brüder haben! Man wird so einen mit dem Schwert wohl nicht verwunden können; doch wäre es mir ein leichtes, um ihn einen Kreis in die Brücke zu schneiden, dass er herabstürzt und fortan Hechte und Forellen schrecken mag! Auch fährt es derart leichthin in den Stein, dass ich es als Kletterhaken hätte nehmen können, um ohne große Mühe außen an der Brücke an dem Kerl vorbei zu steigen. Und käuflich wird der wohl nicht sein – doch was macht’s? Hielte man den immer vollen Beutel mit der Öffnung nach unten über den Fluss, wüchse binnen zweier Stunden ein ganz leidlicher Staudamm, der wohl lange genug halten sollte, um das Rinnsal, das er übrigließe, zu durchwaten. Ach, ich bin doch ein gewitzter Bursche, doch was hilft es mir? Meine Brüder erhielten nützliche Gaben, ich nur diesen Plunder. Nun, ich will stromabwärts suchen, ob sich nicht noch eine andere Brücke findet." Und er warf dem Wächter den Mantel ins Gesicht, machte auf dem Absatz kehrt und ging seines Weges. Der Mantel aber flog geradewegs durch den Wächter hindurch und landete hinter ihm auf der Brücke.
Als Bertram gerade um eine Biegung des Flusses und außer Sicht war, kam Prinz Arthur des Weges. Auch er stieg ab und stand voll Bangen vor der Brücke. Beklommen holte er einige Pfund Gold aus dem Beutel und hielt sie dem Wächter mit zitternden Händen hin. Der aber rührte sich nicht, und würdigte ihn nur des gleichen strengen, grimmigen Blickes wie alle anderen. Da verzagte Prinz Arthur und klagte: "Wie groß ist doch die Tücke meines Vaters! Gerade hier will mein feiner Beutel mir nichts nützen. Hätte ich doch, was meine Brüder haben! Dass den der Mantel täuscht, glaube ich kaum - der Blick dringt mir durch Rüstung, Mark und Bein, da wird der kleine Stoff ihn auch nicht halten. Nicht über mich, über den Wächter hätte ich ihn gezogen - und wäre seiner schauerlichen Grimasse so entgangen. Und das Schwert - so einer blutet sicher nicht, doch hätte ich ringsum Bäume fällen und mir meine eigene Brücke bauen können; oder ich hätte einen Graben zu der Schlucht geschnitten, die nicht weit hinter mir liegt - das Wasser, das im Fluss verblieben wäre, hätte ich leicht durchwaten können. Ach, ich bin doch ein gewitzter Bursche, doch was hilft es mir? Meine Brüder erhielten nützliche Gaben, ich nur diesen Plunder. Nun, ich will stromaufwärts suchen, ob sich nicht noch eine andere Brücke findet." Und er warf dem Wächter seinen Beutel ins Gesicht, fuhr auf dem Absatz herum und ging seines Weges. Der Beutel aber flog geradewegs durch den Wächter hindurch und landete hinter ihm auf der Brücke.
Als Arthur gerade um eine Biegung des Flusses und außer Sicht war, kam Prinz Christobal des Weges. Er stieg vom Pferd und näherte sich voller Furcht der Brücke. Zögernd holte er sein Schwert hervor und schlug mit zitternden Händen nach dem Wächter. Doch wie staunte er, als das Schwert ganz ohne Widerstand durch den Wächter hindurch fuhr, ohne den kleinsten Schaden anzurichten! Da verzagte Prinz Christobal und klagte: „Wie groß ist doch die Tücke meines Vaters! Gerade hier will mein feines Schwert mir nichts nützen. Hätte ich doch, was meine Brüder haben! Von Geschäften wird so einer wohl nichts wissen noch wissen wollen, von Bestechung noch viel weniger. Doch hätte ich den immer vollen Beutel, ich hätte rasch genügend Gold zusammen, um den Burschen unter einem hübschen Häufchen zu begraben, dass er mir keinen Kummer mehr bereitet. Und der Mantel – wenn er den Wächter schon nicht täuschen wird, so doch gewiss die Krokodile. Ich hätte mir einen Baumstamm genommen und wäre einfach an den Biestern vorbei geschwommen. Ach, ich bin doch ein gewitzter Bursche, doch was hilft es mir? Meine Brüder erhielten nützliche Gaben, ich nur diesen Plunder. Nun, ich will die Höhlen da durchsuchen, ob nicht eine davon unter dem Fluss hindurch führt..." Und er schleuderte dem Wächter sein Schwert ins Gesicht, fuhr auf dem Absatz herum und ging seines Weges. Das Schwert aber flog geradewegs durch den Wächter hindurch und landete hinter ihm auf der Brücke.
Unterdessen war im heimatlichen Schloss der Küchenjunge Fridolin in große Sorge geraten: Der Koch hatte ihn in den Vorratskeller geschickt, um Öl herauf zu holen – und neben dem Öl hatte er drei hölzerne Kisten gefunden, die den Reiseproviant der drei Prinzen enthielten. Anscheinend waren sie dort einfach vergessen worden. Er erinnerte sich deutlich, keine Weisung erhalten zu haben, sie auszuhändigen, doch würde die Erinnerung des Kochs, wenn das Versäumnis auffiel, sicher eine andere sein. „Dreimal gesagt… Der Bursche hört ja nicht... Den werd‘ ich lehren...“ Fridolin war nicht danach, vom Koch belehrt zu werden. Er zog vom letzten Mal noch das rechte Bein ein wenig nach. So klemmte er sich die drei Kisten unter die Arme und schlich sich aus dem Schloss, um den Prinzen zu folgen.
Bald darauf kam er an eine Stelle, an der Armbrustbolzen wild verstreut zwischen jungen Apfelbäumen herumlagen. „So etwas sollte man im Wald nicht liegen lassen; es könnte jemand darauf treten und sich bös verletzen!“, dachte er, und rasch sammelte er sie auf und zog fort, nicht ohne sich die Taschen mit Äpfeln vollgestopft zu haben.
Eine Weile darauf gelangte er an eine Lichtung, die zu einer Seite von einem steilen Abhang begrenzt wurde. Er beschloss, Rast zu machen und einen Apfel zu essen. Am Rand des Abhangs fand er einen schönen, flachen Stein, setzte sich darauf und – rutschte sogleich herunter und saß auf dem Boden. „So einen rutschigen Stein sollte man im Wald nicht liegen lassen“, dachte er, „es könnte jemand darauf treten und sich bös verletzen!“. Und mit großer Mühe bugsiert er den Stein die Klippe hinunter und zog fort. Es dauerte nicht mehr lange und er kam zur Brücke, besah sich den Wächter und sprach:
„Du bist ein schauerlicher Bursche, den ich nicht ansehen mag; und blind will ich auch nicht auf die Brücke. Doch hinüber muss ich nun einmal, so will ich sehen, wie ich es anstelle.“
Wie er nun die Kisten öffnete, fand er in jeder einen kleinen Spiegel. Diese lagen jeder neben einigen Zahnstochern und hatten den Sinn, den Prinzen die Reinigung der hoheitlichen Zahnzwischenräume zu erleichtern. Rasch füllte er den Inhalt einer der Kisten in die beiden anderen, klemmte einen der Spiegel in die dritte und setzte sie sich auf den Kopf. Nun konnte er zwar den Boden der Brücke, nicht aber den Wächter sehen und schritt munter an ihm vorbei. Wie er aber vorbei war, staunte er nicht schlecht, dort den immer vollen Beutel, das allesschneidende Schwert und den Tarnmantel zu finden. „Sie werden sich entschlossen haben, dem Lindwurm mit bloßen Händen zu begegnen und haben ihre Gaben darum hiergelassen.“, dachte er sich. „Und doch, ich will sie in Verwahrung nehmen, ehe noch ein Dieb des Weges kommt.“
Fridolin überquerte die Brücke. Er suchte auf der anderen Seite nach Spuren der Prinzen, fand dort aber nur tiefe, unförmige Fußabdrücke, die nur vom Lindwurm stammen konnten. Und da er die Prinzen auf Lindwurmjagd wähnte, folgte er ihrer Spur.
Es dauerte nicht lange, da führten die Abdrücke in eine Höhle hinein, aus der er ein Schnauben vernahm. „Schlimmer als der tobsüchtige Koch wird so ein Wurm nicht sein“, dachte er sich, zog sich den Mantel über und schlich in die Höhle. Wie staunte er aber, als statt Prinz und Wurm darin ein altes Nashorn fand, das tief und fest schlief und dabei lauthals schnarchte! Das also hatte es auf sich mit den Spuren und den umgestürzten Bäumen! Und einen Moment erwog er, das Schwert zu ziehen und das Tier im Schlaf zu töten. Gewiss würde ihm dafür hoher Lohn zuteil werden und mit dem elenden Dasein als Küchenjunge wäre es vorbei. Wie er aber ein zweites Mal hinsah, kam ihm ein anderer Gedanke: „Dies Tier ist fern der Heimat, ganz allein, weit und breit keines seiner Art, das es rammen oder niedertrampeln oder auf sein Horn spießen könnte oder was immer solche Wesen miteinander treiben, wenn sie zusammen sind.“ Er begann, das Nashorn zu bedauern. Nicht mehr auf sein Blut war er aus; stattdessen überlegte er, wie er ihm helfen könne. Und als pfiffiger Bursche, der er war, hatte er bald einen Einfall.
Kurzerhand schwang er sich auf den Rücken des Nashorns, spießte einen Apfel auf die Spitze des Schwertes und hielt ihn dem Ungetüm vor die Nase. Dieses bemerkte sein Gewicht so wenig wie das einer Fliege, erwachte aber schon bald vom Duft des Apfels - und trabte darauf zu. Doch welch Verdruss! Wie es auch lief, stets lief der Apfel im gleichen Tempo vor ihm her, bald rechts, bald links von ihm. Einmal erreichte es ihn, doch während es die Frucht noch kaute, tauchte die nächste auf! So dirigierte Fridolin es aus dem Wald heraus zur Stadt und durch die Stadt zum Hafen, wo er einen Mann auf dem Deck eines großen Segelschiffes stehen sah.
„Heda! Kapitän!“, rief Fridolin. „Was wollt ihr dafür, dieses Tier dahin zu bringen, wo es herkommt, an einem Ort, der seiner Art behagt?“ Der Kapitän warf erst dem massigen Tier und dann dem Burschen in den schmutzigen, vielfach geflickten Hosen und dem ausgefransten Hemd einen abschätzigen Blick zu. „Wenn Du es in Gold aufwiegst, bringe ich es gern, wohin Du willst.“
Gesagt, getan – nachdem Fridolin einige Male in den Beutel gegriffen hatte, stach das Schiff in See, ächzend unter der Last des Nashorns und des Goldes.




Fridolin sah dem Schiff kurz hinterher und freute sich an seiner guten Tat. Dann aber bemerkte er, dass er noch immer den Proviant der Prinzen bei sich trug, obwohl der Mittag längst verstrichen war, und zudem allerlei magische Gaben von großem Wert. Wenn man ihn so erwischte, würde er nicht nur wegen des Mittagessens der Prinzen Schläge bekommen, man würde ihn wegen Diebstahls in den Kerker werfen. Einen tiefen Kerker. Einen, in dem es Spinnen gab. Und Ratten. Und Krokodile. Er nahm die Beine in die Hand und rannte zum Schloss.
Die Prinzen hatten inzwischen die Suche nach einem Weg über den Fluss aufgegeben und waren unverrichteter Dinge ins Schloss zurückgekehrt. Nun standen sie im Thronsaal vor ihrem hohen Vater und berichteten von ihren Heldentaten.
Prinz Bertram sprach: „Das Untier war nicht schwer zu finden, ein wahrer Koloss, mit einem dicken Panzer aus schuppiger Echsenhaut. Ich schlich mich unsichtbar heran, Zaumzeug in der Hand, bereit, es dem Drachen anzulegen und auf seinen Rücken zu steigen, um ihn zuzureiten. Wir rangen über Stunden. Ich hatte ihn schon fast besiegt, da riss das Zaumzeug und er warf mich ab. Mein Mantel blieb dabei in einem Naum hängen, und der Lindwurm fraß ihn. Meiner Waffen beraubt blieb mir nur der Rückzug.“
Und Prinz Christobal: „So etwas hat die Welt noch nicht gesehen. Ein Wesen, so groß wie ein Berg, mit Klauen wie Schwertern und Zähnen wie Speeren. Das Schwert gezückt focht ich gar furchtlos mit dem Wurm, parierte manchen Hieb von seinen Krallen, duckte mich weg von manchem Biss, fügte ihm manche Wunde zu. Wir fochten über Stunden. Ich war nahe daran, sein Herz zu durchbohren, da schoss er eine Flamme auf mich ab, die unseren Burggraben auf einen Schlag ausgetrocknet hätte. Ich sprang zur Seite, doch dabei stolperte ich über eine Wurzel und verlor mein Schwert. Gleich verschlang es die Bestie. Meiner Waffen beraubt blieb mir nur der Rückzug.“
Schließlich war Arthur an der Reihe: „Ein Ungetüm, wie es selbst in der Hölle keine schlimmeren geben möchte, mit Flügeln groß wie die Segel eines Viermasters, rotglühenden Augen von der Größe eines Schilds und baumlangen Hörnern. Schlau zückte ich meinen Beutel und legte ich eine Spur aus Gold. Der Lindwurm, der wie alle seiner Art nach dem Golde gierte, folgte ihr. So lockte ich ihn weit fort von unseren Wäldern. Allein, mein Kompass spielte verrückt, so ging ich unvermerkt im kreis herum und stand dem Drachen plötzlich direkt gegenüber. Die Bestie schnappte nach mir, ich zog den Arm zurück, und nur meiner Schnelligkeit ist es zu verdanken, dass sie nur den Beutel, nicht aber meine Hand erwischte. Meiner Waffen beraubt blieb mir nur der Rückzug.“
Abschätzig schaute der König sie einen nach dem anderen an. „So wurdet ihr nicht einmal vom Drachen besiegt, sondern von Zaumzeug, einer Wurzel und einem dem Wahnsinn verfallenen Kompass. Und habt dabei meine Gaben verloren, die zum Kostbarsten gehörten, was wir unser Eigen nannten. Nun, ohne den Beutel, werden wir wieder Steuern erheben müssen. Uns schaudert, wenn wir daran denken, dass wir unser Reich dereinst in solche Hände legen müssen!“
Ehe die Prinzen protestieren konnten, flog die Tür auf und der Küchenjunge kam hereingestolpert. In einer Hand hielt er das Schwert, in der anderen den Mantel und den Beutel. Unter jeden Arm hatte er eine Proviantkiste geklemmt, unter das Kinn eine dritte. „Verzeiht meine Verspätung, oh ihr hohen Herren!“, rief er, „Hier ist euer Mittagsmahl“. Da jedoch taten die Ehrfurcht einerseits und der glatte Marmorboden andererseits ihre Wirkung. Er rutschte aus, fiel zu Boden und ließ alles fallen.
„Mein Mantel!“ rief Bertram, „Mein Beutel!“ rief Arthur, „Mein Schwert!“ rief Christobal und dann riefen sie gemeinsam, wie aus einem Munde: „Er hat uns bestohlen! Ergreift ihn! Ergreift ihn!“
Fridolin blickte erschrocken auf, doch machte der König keine Anstalten, dem Ruf seiner Söhne zu folgen.
„Wir sind verwundert“, sprach er stattdessen, „Haben wir nicht gerade noch von euch erfahren, dass ihr alle diese Dinge an den Lindwurm verloren habt?“
Die Prinzen schauten betreten, wagten aber nicht, zu widersprechen.
„Nun, so muss er sie wohl vom Lindwurm gestohlen haben. Sag, Junge: Ist es so? Hast Du den Lindwurm unschädlich gemacht?“
Und Fridolin erwiderte gewitzt: „Er wird von nun an weder euch noch eurem Volk ein Ungemach bereiten, Herr. Das kann ich euch versichern.“
"Nun, so ist es beschlossen", sagte der alte König, "der junge Fridolin soll nach meinem Tod die Krone erben."
"Das ist unmöglich!", riefen die Prinzen empört. Der Erbe muss dein Sohn sein, so will es das Gesetz!"
Da wandte sich der König wieder dem Küchenjungen zu. "Wer ist deine Mutter?" fragte er.
"Die Magd Luisa" gab der Junge zurück.
"Und wann bist du geboren?"
"Im April vor 15 Jahren, Herr."

Der König runzelte die Stirn und überlegte kurz. Dann hellte sich seine Miene auf. "Also bist Du mein Sohn" erklärte er "Im Juni vor 16 Jahren war ich in meinem Jagdschloss tief im Wald, um mich über den Tod meines Weibes zu trösten. Im Gefolge nur Frauen außer meinen drei Söhnen, dem Mundschenk, meinen beiden Leibwachen und meinem Wirtschaftsminister. Die Jungen wurden noch gesäugt, der alte Mundschenk wusste schon seit Jahren seinen Dolch nicht mehr zu heben, die Leibwachen hatten ihr Gefallen aneinander und wenn Du vom Othello wärst, so wären deine Haut und deine Haare nicht so hell."
Darauf wussten auch die Prinzen nichts mehr zu erwidern. Und ehe nun der Stalljunge, der Schweinehirte, der Lehrling des Schmiedes, das gruselige Findelkind mit der Maske im Turmzimmer und der ganz und gar aus der Art geschlagene Sohn des Falkners ebenfalls ihre Ansprüche geltend machen konnten oder jemand fragt, woher der König denn bloß vom Ungemach seines Mundschenks wisse, beenden wir diese Geschichte.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 28.12.2019, 18:50

Hallo Mnemosyne,

hatte schon befürchtet, wir müssen dieses Jahr auf deine obligatorische Weihnachtsgeschichte verzichten. Zum Glück nicht! Danke.
Ein tolles Märchen hast du geschrieben, der Duktus wunderbar passend mit gut vermittelter Moral. Dieses Jahr sogar kinderkompatibel, das war ja wahrlich nicht immer so :tata: .Die einzige Stelle, der ich nicht so richtig folgen konnte, war, wo sie ihre Hilfsmittel durch den Wächter hindurch schleuderten. Da ich ihn mir seitlich vorgestellt hatte, hätte ich erwartet, es flöge ins Wasser.

Grüße
Nifl
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 02.01.2020, 15:11

Hi Nifl,
auf keinen Fall, meine literarischen Obligationen zu Weihnachten erfülle ich! :-)
Danke für deinen Kommentar, es freut mich, dass es dir gefallen hat. Über den Wächter denke ich noch einmal nach, vielleicht kann man ihn ja etwas expliziter orientieren.
Liebe Grüße und ein gutes neues Jahr!
Merlin


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