Wenn wir das Erinnern

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Klara
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Beitragvon Klara » 19.01.2020, 15:52

Wenn wir das Erinnern den Computern überlassen - verlernen wir dann auch das Vergessen?
Zuletzt geändert von Klara am 19.01.2020, 17:28, insgesamt 1-mal geändert.

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birke
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Beitragvon birke » 19.01.2020, 17:22

nein, im gegenteil, wenn das gedächtnis nicht trainiert wird, dann wird man im vergessen super gut ;)
(ist das im betreff ein vertippser?)

edit: ach, du meinst, weil dann alles, alles festgehalten wird... ?
Zuletzt geändert von birke am 19.01.2020, 17:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Klara
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Beitragvon Klara » 19.01.2020, 17:28

In der Tat, ein Vertipper. Aber der Rechner vergisst ja nichts...

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birke
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Beitragvon birke » 19.01.2020, 17:34

ja, das stimmt. insofern, global gesehen vielleicht schon. (was ja aber gut wäre...?)
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Beitragvon Klara » 19.01.2020, 17:41

ob das gut oder schlecht oder irgendwas dazwischen wäre, ist erstmal nicht die Frage. Die Frage ist: Können wir das überhaupt (noch, wieder, jemals) wissen? (also, ob es gut ist, dass wir das Erinnern und das Vergessen einer Maschine übertragen)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 19.01.2020, 18:52

"Wenn wir das Erinnern den Computern überlassen - verlernen wir dann auch das Vergessen?"

Gute Frage. Ich denke, das Vergessen ist kaum erlernbar, sondern ist eher veranlagt. Der angeborene Lüftungsschlitz im Kopf ist ja ganz wichtig. Manche Köpfe können von Geburt an ziemlich schlecht vergessen und speichern langfristig fast alles alltäglich Wahrgenommene, werden erdrückt von Nebensächlichkeiten -- gelegentlich sind allerdings auch Wichtigkeiten dabei. Mister Monk weiß das zu nutzen. -- Abgesehen von Computern, wie steht es mit Tinte und Papier? Vor ein paar Jahrtausenden hätte man so fragen können:

"Wenn wir die Schrift erfinden - verlernen wir dann auch das Vergessen?"

Ist es gut, wenn wir das Vergessen dem Papier überlassen? Papier hält länger als Festplatten. Computer wiederum könnten nach eigenem Ermessen ihren Inhalt verändern ...

Das Erinnern wird dann selektiv verändert, zum Beispiel durch Lückensetzen und Kontextzerriss ...

Klingt nicht gut.

Aber ist Papier in dieser Hinsicht weniger riskant?

Vielleicht entscheidet letztendlich sowieso der Lüftungsschlitz-Nutzer selbst über sich selbst, egal ob er im Leben mit Computern oder mit Papier arbeitet?

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birke
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Beitragvon birke » 21.01.2020, 11:32

um nochmal hierauf zurückzukommen, auf jeden fall eine weitreichende frage.
ich denke allerdings wie pjotr, dass sowohl erinnern als auch vergessen im menschen veranlagt ist, es also weder er- noch ver-lernt werden kann.
bei der demenz aber verlernt oder vielmehr verliert man nach und nach das erinnern. und da hilft dann auch kein computer mehr weiter! und ja, es gibt tatsächlich menschen, die (durch eine spezielle konstellation im gehirn??) sich an jedes detail, an jeden moment (welch ein fluch!) ihres lebens erinnern können, die sind derart überflutet, dass sie nur schwer klarkommen. in ihnen ist also das vergessen nicht veranlagt. aber ausnahmen gibt es ja immer.
letztlich bleibt ein computer, so denke ich, immer nur hiflsmittel. insofern dürfte das überlassen des erinnerns den computern womöglich gar nicht zur gänze möglich sein zum einen und zum anderen somit auch keine strukturellen veränderungen des menschen hervorrufen…
(lüftungsschlitz ist gut :))
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Beitragvon Nifl » 21.01.2020, 18:53

Hallo Klara,

wenn wir der Technik das Erinnern und Vergessen überlassen, haben wir dann Zeit gespart? Und diese gewonnene Zeit nutzen wir dann, um noch mehr Erinnern und Vergessen der Technik zu überlassen. Dann würden wir nur noch für den Moment leben wie alle Ratgeber das immer empfehlen. Dieser Fortschritt schmeckte aber trotzdem fade, weil der Moment keiner Entwicklung entspränge?

Aber eigentlich verstehe ich das so, dass heute nahezu alles gespeichert wird, jede Bewegung, manche fotografieren gar ihr Essen oder lassen sich von Alexa belauschen und überdies die ganzen Überwachungskameras und und und. Aber das eigentlich Traurige dabei ist doch, dass die Erinnerung dadurch objektiv wird. Und wie sähe objektives Vergessen aus?

Äh, ich verhaspele mich, sehr anregend, danke.

Grüße

PS. Ich habe mal gelesen, dass das Unterbewusstsein noch weiß, was man am achten Geburtstag für Kleidung trug, nur dass man nicht so einfach auf dieses Wissen zugreifen könne, aber zB. unter Hypnose.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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birke
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Beitragvon birke » 21.01.2020, 19:12

Nifl hat geschrieben:... dass heute nahezu alles gespeichert wird, jede Bewegung, manche fotografieren gar ihr Essen oder lassen sich von Alexa belauschen und überdies die ganzen Überwachungskameras und und und. Aber das eigentlich Traurige dabei ist doch, dass die Erinnerung dadurch objektiv wird. Und wie sähe objektives Vergessen aus?

werden erinnerungen tatsächlich je objektiv? ich glaube, sie bleiben immer subjektiv. wenn du einen moment "einfrierst", festhältst, tust du das ja aus deinem blickwinkel, unter den umständen, die du gerade erlebst....

Nifl hat geschrieben:PS. Ich habe mal gelesen, dass das Unterbewusstsein noch weiß, was man am achten Geburtstag für Kleidung trug, nur dass man nicht so einfach auf dieses Wissen zugreifen könne, aber zB. unter Hypnose.

oha, spannend!
ich dachte immer, dass fotos eine große rolle spielen beim erinnern, und erzählungen natürlich. das erinnerungsvermögen reicht ja in die ersten zwei/ drei (??) jahre gar nicht hinein. und doch meint mein töchterchen sich an eine situation zu erinnern, in der sie noch ein säugling war, und sie hat das tatsächlich sehr glaubhaft dargestellt. aber ob das wirklich sein kann...? keine ahnung.

lg
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Beitragvon Nifl » 21.01.2020, 19:37


werden erinnerungen tatsächlich je objektiv? ich glaube, sie bleiben immer subjektiv. wenn du einen moment "einfrierst", festhältst, tust du das ja aus deinem blickwinkel, unter den umständen, die du gerade erlebst....

das technische Erinnern ja schon, oder? Da wird ja einfach stumpf das Gespeicherte wieder aufgerufen, egal, ob du glücklich oder traurig warst, voller Hoffnung oder deprimiert, immer gleich. Aber vermutlich hast du recht, sobald es durch das Aufrufen des objektiv Gespeicherten wieder zur Erinnerung wird, ist es wieder subjektiv.


oha, spannend!
ich dachte immer, dass fotos eine große rolle spielen beim erinnern, und erzählungen natürlich. das erinnerungsvermögen reicht ja in die ersten zwei/ drei (??) jahre gar nicht hinein. und doch meint mein töchterchen sich an eine situation zu erinnern, in der sie noch ein säugling war, und sie hat das tatsächlich sehr glaubhaft dargestellt. aber ob das wirklich sein kann...? keine ahnung.

ja spannend, ich bilde mir auch ein, mich an ein Bild erinnern zu können, das ich als Säugling sah.
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Beitragvon Klara » 25.01.2020, 13:30

ich bilde mir auch ein, mich an ein Bild erinnern zu können, das ich als Säugling sah.

Das kenne ich. Nee, nicht als Säugling, als Kleinkind, glaube ich. Vermutlich vermischt mein Gehirn Erzählungen von außen und macht sie zu inneren. Aber sicher kann man natürlich nicht sein.
Der Satz ist nicht ganz fair, weil er das "subjektive" Erinnern (das m.E. auch immer ein Sich-eine-Geschichte-erzählen-bis-sie-stimmt ist) und das "objektive Erinnern" (das es natürlich nicht geben kann, wie ja schon im Wort steckt: im Innern des einzelnen sich erinnernden Menschen steckt das, woran er sich "erinnert") in ein Wort fasst, ohne dies kenntlich zu machen.
Aber das Speichern (was wohl das korrekte Wort wäre, und das wir Menschen, die wir lernen, uns wie Maschinen zu verhalten und auch so zu sprechen, für das Erinnern gern verwenden seit einiger Zeit, so wie wir auch "abschalten") hat wohl eine Wirkung aufs individuelle Erinnern. Das Netz vergisst nicht. Eine Geschichte meiner GEschichte kann ich mir subjektiv kaum noch erzählen, wenn so viele "Fakten" gespeichert sind von etwas, das war: ein Video, ein Foto, ein Post... Welche Geschichte erzähle ich mir dann? Wie erinnere ich mich an ein schönes Essen, wenn ich es jederzeit auf Instagram nachbetrachten und als Bild xfach versenden kann? Wie schmeckt es überhaupt? Hat es geschmeckt? Wo war ich mit meinen Sinnen, als ich es aufgenommen und GESPEICHERT habe?
Wo bin ich, während ich dies tippe, mir der Nacken weh tut, und der Kopf, und die Zähne, und der Unterleib, als würden sie eine geheimnisvolle Verbindung eingehen, die ich zum Glück (oder zum Unglück?) nicht fotografieren, nicht SPEICHERN, an die ich mich aber leider, leider erinnern kann, weil diese blöde Migräne mich mindestens zweimal im Monat besucht. Ich wil mich daran nicht erinnern. Jetzt habe ich sie hier niedergeschrieben. Und ein Tagebuch gefunden aus dem Jahre 1997, ich war mit der zweiten Tochter schwanger und an dem einen Tag nicht sehr glücklich. Seltsam, dass ich das war, die das geschrieben hat: nah und fern zugleich! Und noch so lesbar. Seit mein Daumen ständig weh tut, kann ich kaum noch lesbar schreiben (unschön war meine Handschrift schon immer, weil ich zu ungeduldig mit den Worten bin). Vielleicht stimmt das auch gar nicht, was ich sage. Vielleicht ist das Tagebuch genau dasselbe wie das Internet. einfach nur ein Speichermedium. Hat mit dem Er-Inern nichts zu tun, oder nur insofern, als es helfen kann, mich zu erinnern.


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