Der Lampengeist

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 23.12.2022, 17:17

Hallo, ihr Lieben,
nachdem ich euch letztes Jahr schmählich im Stich gelassen habe, gibt es dieses Jahr nun wieder einen Weihnachtstext. Diesmal versuche ich es minimalistisch: Ein Notar und eine Schreibtischlampe. Das ist (fast) alles. Hoffentlich klappt's.
Liebe Grüße
Merlin


Wilhelm musste ein wenig blinzeln, als er aus seinem Auto stieg und die Morgensonne ihm direkt in die Augen schien. Es war ein herrlicher Herbsttag, und die Bäume, die die Straße links und rechts säumten, machten ihr Laub für den Abwurf bereit, indem sie es in hellen Farben leuchten ließen. Nun, jedenfalls war zu hoffen, dass es ein herrlicher Tag werden würde – vom Herbst würde er so oder so wenig mitbekommen. Mit etwas Wehmut ließ er den Blick noch einmal über die Szenerie wandern, während er die Haustür aufschloss und das Treppenhaus aus weißem Kunststein betrat, das sofort durch eine Reihe von LEDs erhellt wurde.
Wie alle Häuser in dieser Straße war auch dieses noch sehr neu; von den vier Stockwerken war erst eines in Gebrauch: Das Erdgeschoss.

Katharina Meißner, Rechtsanwältin und Notarin
Wilhelm Diestel, Rechtswanwalt und Notar

stand an einem Messingschild neben der Tür, und wie immer nahm er sich einen Moment, den Anblick zu genießen, ehe er die Tür aufschloss. Es hatte lange genug gedauert und war schwer genug gewesen; doch nun, nach langen Jahren des Studierens, zahlreichen Lehrjahren in Anwaltskanzleien und einigen Jahren, an die er nur ungern zurückdachte, hatte er sich den Traum von einer eigenen Anwaltspraxis endlich erfüllen können. Dass er sich die Miete für die Räumlichkeiten dabei mit einer Kollegin teilen konnte, die sich nur gleichen Zeit den gleichen Wunsch erfüllt hatte, machte die Sache sogar noch besser.

Er warf einen kurzen Blick auf das Schloss – eines von diesen Sicherheitsschlössern, deren Schlüsselloch hinter einer Art metallischem Lid verborgen war – machte jedoch keine Anstalten, den Schlüssel zu benutzen. Stattdessen drehte er den Knauf etwas nach rechts und schob die die Tür auf. Katharina war vor ihm gekommen. Was auch sonst. In den elf Monaten, in denen sie nun hier zusammenarbeiteten, war es noch nie anders gewesen, und zwar offenbar ganz egal, wie früh er sich morgens aus dem Bett quälte.

„Guten Morgen!“ Katharina steckte den Kopf aus dem kleinen Raum, der vermutlich als so etwas wie eine Besenkammer gedacht gewesen war und nun als Kaffeeküche diente. „Ich habe gerade Kaffee gemacht. Willst Du auch einen?“ Mit diesen Worten streckte sie zwei Porzellanbecher entgegen, aus denen es verlockend duftete und dampfte. „Such dir einen aus.“, meinte sie, verzog die Miene zu gespielter Strenge und ergänzte: „Einen.“ Wilhelm griff fast automatisch nach dem Becher, der mit einem „W“ bedruckt war. Wie auch immer sie den jetzt in der halben Sekunde hatte befüllen können, seit er hereingekommen war. „Dein Auto.“, antwortete sie, ehe er nur daran gedacht hatte, eine Frage zu stellen. Die Kiste quietscht beim Bremsen. Das hört man wahrscheinlich noch drei Blocks weiter, wenn Du ankommst.“ Sie hielt inne. „Und falls Du dich jetzt fragst, woher ich weiß, dass Du das fragen wolltest: Hellseherei!“ Mit der nun freien linken Hand machte sie ein paar merkwürdige Bewegungen, die wohl magische Gesten darstellen sollten. „Daher wusste ich übrigens auch, dass Du einen Kaffee wollen würdest.“

Ich sollte langsam mal was sagen, dachte Wilhelm. Sie hat mich begrüßt, mir einen Kaffee gebracht und schon zwei meiner Fragen beantwortet – und ich habe es noch nicht einmal geschafft, sie zu stellen. Aber was? Ob er jetzt noch einen guten Morgen wünschen konnte? Das wäre wohl eine ganz passende Eröffnung; andererseits war das Gespräch dafür vielleicht schon zu fortgeschritten. Zumindest kannst Du dich doch wohl mal für den Kaffee bedanken, flüsterte ihm ein anderer Gedanke zu, das fand er plausibel und er holte auch Luft dafür, doch Katharina kam ihm, wieder einmal, zuvor. „Bestimmt willst Du mir jetzt für den Kaffee danken, kommst aber nicht dazu, weil Du dich gleichzeitig fragst, ob es nicht schon zu spät ist, mich zu begrüßen.“ Sie grinste ihn herausfordernd an. „Stimmt's?“

Wilhelm nickte. Immerhin brachte er dabei ein „Ja“ heraus.
„Wunderbar, immer gerne, ich hoffe, er schmeckt. Jetzt trink ihn schon, damit man endlich mit dir reden kann.“ Schon während Wilhelm den Kaffee zum Mund führte, fuhr sie fort. „Übrigens, falls Du dich fragst, wo Daniel bleibt ...“

In der Tat, dachte Wilhelm, Daniel, den gibt es, der studiert gerade und macht hier diesen Monat ein Praktikum bei mir und es ist viertel nach acht, da ist er normalerweise schon hier. Schon lange hier, wenn man es genau nimmt. Angeblich kommt er gewöhnlich noch deutlich vor Katharina. Sagt sie zumindest immer.

„... diese Woche nicht mehr, wenn Du mich fragst. Hast Du mir zugehört?“

Wilhelm nippte an seinem Kaffee. Mist, dachte er. Jetzt war ich wieder zu sehr mit Denken beschäftigt und habe gar nicht zugehört. Aber irgend etwas wird doch wohl trotzdem angekommen sein. Hoffentlich. Er horchte in die letzten drei Sekunden Erinnerung herein: „kommt heute nicht … angerufen … krank … heiser … kaum zu verstehen am Telefon ...“

„Natürlich“, antwortete er. „Der Arme. Bestimmt diese Erkältungswelle. Erwischt gerade viele. Soll er sich mal auskurieren, dann geht es ihm nächste Woche wieder besser...“

„Kompliment.“ Katharina wirkte ehrlich beeindruckt. „Was Du aus den paar Bruchstücken, die zu allenfalls zu dir durchgedrungen sein können, alles zusammenreimen konntest. Ohne die Denkpause hätte ich es dir fast abgekauft. Aber die Erkältungswelle hast Du gerade erfunden, oder?“

Wilhelm bekannte sich schuldig, Katharina klopfte ihm grinsend auf die Schulter, Wilhelm grinste zurück, sie wünschten einander ein frohes Schaffen, Katharina ging in ihr Büro. Allmählich tat der Kaffee seine Wirkung. Ein ganz normaler Morgen. Ein ganz wunderbarer Morgen.

Wilhelm schloss die Tür zu seinem Büro auf. Erneut hielt er kurz inne, um sein Reich zu bewundern. Das helle Holzparkett, die großen Fenster an zwei Seiten des Raumes – eines zur Straße, eines zum Haus gegenüber, oder eher zu dem, was davon schon stand; seit einigen Tagen sah man vor allem einen großen Haufen Sand. Der Aktenschrank. Der Schreibtisch mit der gläsernen Platte, das zweite Fenster im Rücken. Die Zimmerpalme. Alles in Ordnung. Alles an seinem Platz. Nichts lag herum.

Verborgen hinter zwei Aktenordnern stand, etwas verschämt, das Kanzleitelefon, von dem ein Telefonkabel zur Wand lief. Ein Festnetzanschluss. Das hatte schon fast historischen Wert. Der Grund für dieses Museumsstück war jedoch nicht etwa in Liebhaberei zu suchen: In der Nähe des Hauses befand sich ein Umspannwerk, das den Handy- und Funkverkehr zwar nicht völlig lahm legte, jedoch nicht selten mit so viel Rauschen überlagerte, dass Gespräche nahezu unmöglich waren. Wer ein Mobiltelefon nutzen wollte, musste ein paar hundert Meter weiter laufen. Hier drin ging es nur per Festnetz.

Von dieser Antiquität abgesehen verströmte der Raum eine Atmosphäre kühler Professionalität. So sollte es sein. Nicht zu kühl, natürlich. Dafür sorgten drei Bürostühle mit verstellbaren Lehnen, deren üppige Polsterung mit schwarzem Leder überzogen war: Zwei für die Klienten, einer für ihn. Wer sich in so einen Stuhl setzte, fühlte sich zugleich gut aufgehoben und in der Obhut eines Experten. Oder, in seinem Fall, als der Experte selbst. Wilhelm umrundete den Schreibtisch und ließ sich mit einem wohligen Seufzer in den Lederstuhl plumpsen. Noch eine halbe Stunde bis zum ersten Termin. Zeit genug, sich die Akte noch einmal zu Gemüte zu führen, die er am Vorabend bereits auf dem Tisch platziert hatte.

Durch das Fenster hinter ihm schien die Sonne herein und erzeugte einen verschwommenen roten Punkt am Kopf seiner Schreibtischlampe, der über einen schlanken metallischen Arm mit dem Schreibtisch verbunden war. Als Wilhelm nach der Akte griff, stieß er mit dem Finger leicht gegen die Schreibtischplatte, wodurch die Lampe kurz in Schwingung geriet und der Lichtfleck kaum merklich, vielleicht um einen halben Millimeter, hin- und herschwang. Und als er sich in seinem Bürosessel zurücklehnte, zitterte er sich erneut. „Meine Güte“, murmelte er vor sich hin, „da bewegt man sich kaum und gleich wackelt der ganze Schreibtisch. Ist mir auch noch nicht aufgefallen...“. Andererseits, dachte er, hatte er auch noch nie darauf geachtet. Jetzt, wo sie zumindest einen schwachen Abglanz der Herbstsonne in sein Büro trug, da schaute er natürlich etwas genauer hin.

Wilhelm rutschte ein wenig im Sitzen hin und her, um den sanften Druck der Lederpolster auf seiner Haut zu spüren. So ließ es sich wirklich aushalten. Allein dafür, dachte er, hat sich die ganze Arbeit eigentlich schon gelohnt.
Natürlich hatte er seinen Kugelschreiber vergessen. Wieder mal. Er seufzte und lehnte sich vor und öffnete seine Schreibtischschublade. Darin lagen drei Füllfederhalter, rund, dunkel, mit Griffen aus Mahagoni und goldenen Federn, kurz: geeignet, dem Unterzeichnen von Verträgen die feierliche Note zu geben, die Klienten erwarteten, wenn sie so etwas bedeutungsvolles taten wie ein Haus zu kaufen. Solide Notarsarbeit war das eine, doch mindestens so wichtig, war es, dass die Inszenierung stimmte. Um Zeilen in einem Schriftsatz zu unterstreichen oder sich Randnotizen zu machen, brauchte man selbstverständlich nichts dergleichen. Er griff wahllos in eine kleine Pappkiste voller Werbekulis, bekam einen der örtlichen Sparkassen zu fassen und ließ sich wieder in die Lehne fallen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass sich der Lichtpunkt auf der Lampe diesmal nicht bewegte. Stirnrunzelnd lehnte er sich noch einmal vor und zurück. Nichts geschah.

Du hast in einer halben Stunde einen Termin, ermahnte er sich. Hör jetzt auf, mit dem Schreibtisch zu spielen und lies die Akte. Er dreht sich samt Stuhl herum, so dass er dem Schreibtisch samt Lampe nun den Rücken zuwandte, und begann, zu lesen. Das Dokument war sechs Seiten lang und enthielt in 24 Abschnitten die Einzelheiten des Kaufvertrages über ein größeres Grundstück am Stadtrand, auf dem eine stillgelegte Zwiebackfabrik stand und wo nun, wie Wilhelm erfahren hatte, ein Supermarkt entstehen sollte. Der Käufer, der Bauunternehmer und Immobilienspekulant Rudolf Altmoos, hatte ihn beauftragt, den Vertrag vorher noch einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen und auf mögliche Fallstricke abzuklopfen. Das war keine allzu schwierige Angelegenheit, aber doch eine, bei der man mit Sorgfalt vorgehen musste. Allzu leicht wurde aus einer missverständlichen Formulierung ein langjähriger Rechtsstreit. Daher hatte er gestern schon zwei Stunden damit verbracht, ihn gründlich zu studieren; doch doppelt hielt besser.

Der Vertrag schien ihm jedoch noch immer im wesentlichen in Ordnung zu sein; nur hier und da machte er ein paar kleine Anmerkungen. Bald war er die Akte dreimal durchgegangen und schaute ein paar Minuten aus dem Fenster, ehe er sich wieder zum Schreibtisch umwandte. Er auf die Uhr. Es war auf die Sekunde genau 7:50. Noch zehn Minuten.

Der Lampenschirm zitterte leicht, doch nur für ein paar Sekunden. „Was ist denn das jetzt schon wieder?“ Hatte er das gerade laut gesagt? Er war sich nicht sicher. Besser war es sicherlich, das nicht zu tun. Man konnte nie wissen, wer vielleicht draußen vor der Bürotür stand. Und niemand wollte einen Notar, der in seinem Büro laute Selbstgespräche führte.

Wieder wackelte die Lampe. Der Sekundenzeiger stand auf der 6. Dreißig Sekunden seit dem letzten Mal. Er behielt Uhr und Lampe im Blick. Der Sekundenzeiger rückte auf die 12 vor, und die Lampe wackelte. Und hörte auf. Um ziemlich genau dreißig Sekunden später wiederum kurz zu wackeln, zu pausieren, um 7:52 erneut zu wackeln und dann eine halbe Minute später noch einmal. Sechs mal hintereinander, jeweils im gleichen zeitlichen Abstand. Merkwürdig.

Das ist ja wie in „Contact“, dachte Wilhelm. Das Buch hatte er irgendwann in den Neunzigern mal gelesen, vermutlich hatte er damals auch den Film gesehen? Es ging um eine Botschaft, die Außerirdische zur Erde in Form von Impulswellen zur Erde sandten. Damit die Botschaft im Wirrwarr elektromagnetischer Wellen aus dem All als solche auffiel, folgte sie einer klaren Regel: Stets kamen einige Impulse im gleichen Abstand, dann eine etwas längere Pause, dann wieder einige Impulse im gleichen Abstand. Wenn Wilhelm sich richtig erinnerte, hatten die Anzahlen der Impulse zwischen den längeren Pausen die Folge der Primzahlen bis zu einer gewissen Grenze ergeben, ehe sie nach einer noch etwas längeren Unterbrechung wieder von vorne losging. Das mathematische Gesetz, nach dem die Sequenz gebildet war, funktionierte also als eine Art: „Hallo! Hier ist jemand!“. Die – deutlich komplexere – eigentliche Botschaft hatte sich letztlich in kleinen Schwankungen innerhalb der Impulse gefunden. Aber ohne das Muster wäre die Botschaft nie als solche erkannt worden und untergegangen. Wilhelm hatte das immer fasziniert.
Tatsächlich war es in „Contact“ um mehr gegangen, fiel ihm noch ein. Denn natürlich hatte es Zweifel an dem Signal gegeben, und auch an seinem außerirdischen Ursprung. Dass die Geschichte den Verlauf nahm, den sie nahm, lag daran, dass die Protagonistin – eine junge Astrophysikerin und erklärte Atheistin – trotz aller Widerstände und Gegengründe fest an ihrem Glauben festhielt, es hier wirklich mit einer Botschaft aus dem All zu tun zu haben. Am Ende hatte sie eine Reise durch ein Wurmloch zu einem fernen Planeten hinter sich, ohne den geringsten vorzeigbaren Beweis dafür zu haben, und musste sich den Vorwurf gefallen lassen, das alles sei nur eine Ohnmachtsfantasie gewesen. Darum ging es wohl letztlich in der Geschichte: Um Glauben und Vertrauen, und die Rolle, die sie auch im Leben von Menschen spielten, die sich für ungläubig hielten.

Nun, das waren große Gedanken, die man sich besser für den Feierabend aufhob. Und der würde noch auf sich warten lassen.

Es klopfte.

„Ja, bitte!“, rief Wilhelm, indem er seinen Stuhl wieder dem Schreibtisch zudrehte. Die Tür öffnete sich. Herein kam ein beleibter Mann von Mitte fünfzig in schwarzen Lederschuhen, einer weißen Hose und einem weißen Jackett, dessen obere vier Knöpfe den Blick auf ein Goldkettchen freigaben. Aus dem Hemdkragen hervor ragte ein recht durchschnittlicher Kopf mit zurück gegelten Haaren und einer Brille mit schmaler, goldener Fassung. Hätte Wilhelm die Karikatur eines Immobilienhais zeichnen wollen, wäre es ihm schwer gefallen, etwas anderes zu Papier zu bringen als ein Portrait von Rudolf Altmoos. Doch nicht nur als Karikaturenmotiv, sondern auch als Klient war Altmoos indes äußerst wertvoll. Er hatte viele seiner Geschäfte über die Kanzlei abgewickelt, in der Wilhelm zuletzt gearbeitet hatte und dabei offenbar Gefallen an dem jungen Anwalt gefunden; genug jedenfalls, um nun die Kaufverträge für eine Reihe von Baugrundstücken von Wilhelms Kanzlei aufsetzen zu lassen.

Wilhelm stand auf und ging um dem Schreibtisch herum, um seinem Klienten die Hand zu reichen. Oder besser gleich beide. „Herr Altmoos! Guten Tag! Schön, dass Sie da sind! Setzen Sie sich!“

Während der Angesprochene die Begrüßung erwiderte und seiner Aufforderung folgt, behielt Wilhelm die Lampe im Blick. Doch als Altmoos sich ächzend in den Lederstuhl fallen ließ, blieb sie still.

„Nun?“

Rasch wandte Wilhelm die Augen von der Lampe ab und seinem Gegenüber zu. Es war nicht gerade der Gipfelpunkt der Höflichkeit, vor einem Klienten zu sitzen und dabei zur Seite zu schauen. Und zu einem Klienten wie Altmoos sollte man besser höflich sein. Sehr höflich sogar. Nicht nur beauftragte er selbst Wilhelm häufig, wenn bei seinen Geschäften die Mitwirkung eines Notars nötig wurde; er hatte ihn auch schon verschiedenen Kollegen empfohlen, die ihrerseits zu ihm gekommen waren.

„Ich habe den Vertrag zweimal gründlich durchgesehen“, antwortete Wilhelm.

Die Lampe zitterte, drei, vier, fünf Sekunden. Obwohl im Raum keine größeren Bewegungen stattgefunden hatten. Altmoos und er saßen einander einfach ruhig gegenüber.

„Und nichts gefunden?“

Verdammt, dachte Wilhelm, schon wieder zur Seite geschaut, und das für mehrere Sekunden. Das konnte dem Klienten kaum entgangen sein. Wahllos griff er nach einem Papier, das grob in seiner Blickrichtung lag, gab vor, es zu betrachten und legte es wieder zurück. Ein Schauspieler war nicht gerade an ihm verloren gegangen. Aber vielleicht genügte es.

„Nein“, gab er zurück. „Alles in Ordnung; die Klausel mit den Verzugszinsen bei Zahlungsaufschub könnte man vielleicht etwas präzisieren, aber das ist keine große Sache...“

Altmoos musterte ihn durchdringend. „Schauen Sie doch bitte trotzdem noch einmal durch. Ich weiß, dass Sie ein fähiger Kopf sind, aber meiner Erfahrung nach fällt auch den besten oft noch etwas auf, wenn sie noch einmal mit etwas Abstand lesen.“

Wilhelm lächelte verbindlich. „Natürlich. Wie Sie wünschen.“ Er nahm die Seite erneut auf und begann, zu lesen. Ich sollte wohl etwas finden, irgendeine Kleinigkeit, dachte er, irgendein völlig unerhebliches Formulierungsdetail, das man ihm mit irgend einer Ausrede als potenziell wichtigen Punkt verkaufen kann. Einfach, damit er zufrieden ist und sich wegen seiner Lebenserfahrung groß fühlen kann. Oder würde er finden, Wilhelm habe wohl bisher nicht gründlich genug gearbeitet? Ruhe, mahnte Wilhelm sich innerlich, diese Debatte führt zu nichts – verwende deine Konzentration lieber auf den Vertrag! Und er las weiter. Vielleicht ist das ein Test, schoss es ihm durch den Kopf, irgendwo hat er absichtlich etwas versteckt, um zu sehen, ob ich es finde, um zu sehen, ob ich etwas tauge! Quatsch, kam sofort eine Stimme aus einer anderen Ecke seines Bewusstseins, der Kerl kennt dich seit Jahren, warum sollte er plötzlich anfangen, solche Spielchen mit dir zu spielen? Ruhig bleiben musste er, konzentriert bleiben, und vor allem: konzentriert wirken! Test oder nicht, Altmoos sah ihm sicherlich aufmerksam zu. Wilhelm unterdrückte den Impuls, von der Seite aufzusehen und zu Altmoos hinüber zu schielen, um seine Vermutung zu bestätigen. Unglücklicherweise geriet dabei die Schreibtischlampe in sein Blickfeld, er bemerkte im Augenwinkel, wie der Lichtpunkt leicht zitterte, und ehe er auch nur darüber nachdenken konnte, hatte er den Kopf zur Lampe gedreht. Schon wieder. Diesmal bestand kein Zweifel, dass Altmoos etwas bemerkt hatte.

„Stimmt etwas nicht mit der Lampe?“, fragte er, nicht unfreundlich, aber doch unüberhörbar irritiert.

Verdammt, fluchte Wilhelm in sich hinein, der Mann bezahlt dich dafür, seinen Vertrag zu prüfen, nicht dafür, die verdammte Lampe anzustarren. Reiß dich endlich am Riemen! Irgend etwas musste er jetzt wohl sagen. „Ach, nichts weiter“, sagte er beiläufig, während er sich wieder dem Vertrag zuwandte. „Ich hatte nur kurz den Eindruck, sie hätte gewackelt.“

„So?“ Altmoos zog die Stirn in Falten. „Ich habe nichts davon bemerkt. Aber so etwas kommt vor, wenn der Boden in Schwingung versetzt wird, vielleicht durch einen vorbeifahrenden LKW. Ich hatte mal ein Mietshaus neben einem Gleis für Güterzüge, da fielen immer wieder Nachts Bücher aus den Regalen. Bin ich zum Glück zu einem guten Preis losgeworden. Aber wem sage ich das...“

Wilhelm erinnerte sich. Auch dieser Vertrag war damals über ihn gelaufen. Für den Rest des Termins gelang es ihm, die Lampe zu ignorieren. Den Blick auf den Vertrag oder auf den Klienten, Vertrag oder Klient, Klient oder Vertrag, und zwischen beiden stets den kürzesten Weg wählen, der über die Schreibtischplatte verlief, einen guten halben Meter an der Lampe vorbei. Das war einfach, daran konnte er sich halten, ohne viel Konzentration darauf zu verwenden, und als Altmoos die Kanzlei verließ, wirkte er vollauf zufrieden. Wilhelm atmete auf. Der würde wiederkommen.

Der nächste Termin folgte zum Glück so rasch, dass er keine Gelegenheit hatte, zwischendurch auf die Lampe zu schauen. Wieder ging es um einen Immobilienkauf, diesmal ein Haus. Im Grunde eine einfache Angelegenheit; und zugleich auch einigermaßen kurios, da das fragliche Objekt sich in einem winzigen, weit abgelegenen Nest so ziemlich am anderen Ende des Landes befand. Der Käufer war auch nicht selbst erschienen, sondern hatte einen mit einer Vollmacht ausgestatteten Vertreter geschickt. Selbstverständlich hatte Wilhelm sich erkundigt, warum gerade er mit der Abwicklung des Kaufvertrages beauftragt wurde; die Antwort war etwas verklausuliert gewesen, doch hatte er sich daraus zusammenreimen können, dass der Käufer – ein Herr Anton Zirkler – offenbar Verfolgung fürchtete und wünschte, den Kauf unter größtmöglicher Diskretion durchzuführen. Etwas eigenartig, aber leicht verdientes Geld, dagegen hatte er nichts. Und das Beste: Während der ganzen Zeit bewegte die Lampe sich nicht ein einziges Mal.

Kaum jedoch war auch dieser Klient zur Tür heraus und Wilhelm wieder an seinem Schreibtisch, als die Lampe erneut zu wackeln begann. Fast automatisch blickte Wilhelm auf den Sekundenzeiger seiner Uhr. Wackeln. 30 Sekunden Pause. Wackeln. 30 Sekunden Pause. Wackeln. Wie gehabt. Sehr eigenartig. Und zugleich wie erwartet – und damit in einem eigenartigen Sinn normal.

Vielleicht die Heizungsanlage, dachte er. Irgend etwas wird da alle 30 Sekunden gepumpt, abgepumpt, unter Druck gesetzt, abgelassen, davon geht eine unmerkliche Erschütterung durch das Haus, die die Lampe in Bewegung versetzt. Irgend so etwas. Dem würde er mal nachgehen – wenn er Zeit dafür fand. Also vermutlich nächste Woche, und zwar immer nächste Woche, bis er in Rente ging.

Wieder kroch der Sekundenzeiger auf die 12 vor, und Wilhelm war kurz davor, sich nun endgültig ab- und den Akten für den nächsten Tag zuzuwenden, als der Zeiger die senkrechte Stellung erreichte und das Wackeln – ausblieb! Stattdessen kam es, als der Zeiger die 2 erreichte. Pause. Bei der 10. Pause. Und wieder bei der 6. Offenbar machte die Lampe jetzt Pausen von 40 Sekunden, doch auch von dieser Regel wich sie bald wieder ab: Nach sechs 40-Sekunden-Intervallen – also nach vier Minuten – verfiel sie in Hektik und wackelte nun in Abständen von 20 Sekunden, wiederum vier Minuten lang.

Dann hörte das Wackeln plötzlich auf. Zwei volle Minuten lang wartete Wilhelm vergeblich darauf, dass sich die Lampe wieder regen würde. Nichts geschah. „Was ist denn nun los?“, fragte er die Lampe, „Wirst Du langsam müde?“

Wie zur Antwort wackelte die Lampe für einige Sekunden, um gleich darauf wieder still zu stehen. Und still zu bleiben. „Das war's dann wohl“, bemerkte Wilhelm nach einer Wartepause von einer weiteren Minute. Gleich darauf wackelte die Lampe.

„Was ist denn mit dir los? Ist deine Uhr kaputt?“ Offenbar hatte Wilhelm auf diese Frage keine Antwort erwartet. Immerhin gab die Lampe ein leichtes Zittern zurück.

„...oder reagierst Du jetzt auf Ansprache?“ Kurzes Wackeln. Und wieder Ruhe. Mit Blick auf die Uhr wartete Wilhelm genau 25 Sekunden lang.

„Ein kleiner Plausch mit deinem Chef, ja?“ Wackeln. Ruhe. Ein Gefühl begann sich in Wilhelms Bauch zu regen und seine Kletterausrüstung für den Aufstieg bereit zu machen. Ein Gefühl, das ihm überhaupt nicht behagte. Diese neue Regel war zu verrückt. Gefährlich verrückt. Er musste sie widerlegen. Er musste einfach. Nach 37 Sekunden versuchte er, die aufkeimende Panik mit einem Scherz zurückzuhalten.

„...und das während der Arbeitszeit! Wenn Sie dafür mal nicht auf dem Sperrmüll landen, meine dafür-leider-viel-zu-Teure!“

Wackeln. Er versuchte es mit anderen Geräuschen. Er klatschte in die Hände. Schlug auf den Tisch. Pfiff. Stampfte mit dem Fuß auf (und hoffte, dass Katharina nichts davon mitbekam). Kippte einen der Bürostühle und ließ ihn zurück auf den Boden fallen. Rief mit dem Festnetztelefon die Auskunft an und hielt den Hörer an die Lampe. Keine Reaktion. Erst als Wilhelm sich erkundigte, ob all das wohl unter der Würde einer solch herausragenden Leuchte sei, da regte sich die Lampe wieder.

Verdammt, dachte er. Alles sah danach aus, als reagiere die Lampe jetzt auf seine Stimme, und auf nichts anderes. Als rede sie mit ihm.

Sprechende Lampen: Das war mal etwas neues. Gewissermaßen. In anderer Hinsicht war es leider alles andere als neu. Zehn Jahre alt, genauer gesagt. Damit hatte es damals angefangen, dass alles mögliche plötzlich eine Bedeutung gehabt hatte: Die Muster der Eiskristalle an der Fensterscheibe, die Formationswechsel eines Vogelschwarms am Himmel, die Lage der Schnürsenkel an den Schuhen im Regal, die Zeitabstände, mit denen Autos an seiner Wohnung vorbei fuhren: All das war nur für ihn da, hatte ihm etwas mitzuteilen, etwas wichtiges zweifellos, denn wer oder was auch immer über solche Wege sprechen konnte, sprach sicher nichts belangloses. Stunden, schließlich Tage hatte er damit zugebracht, die Muster zu studieren, hatte hunderte von Fotos von den Eiskristallen gemacht, Vogelschwärme auf Video aufgenommen, mit der Stoppuhr in der Hand am Fenster gesessen, vorbeifahrende Autos in einer Tabelle registriert; und wenn er das Haus verlassen hatte, hatte er es in Hausschuhen getan, aus Angst, die Ordnung der Schnürsenkel durcheinander zu bringen. Er hatte die Bilder ausgiebig studiert, vergrößert, abgemessen, überlagert, verglichen, gespiegelt, gedreht, hatte sie ausgedruckt, an die Wand geklebt und kreuz und quer mit Linien und Pfeilen bedeckt. Später waren die Stimmen gekommen.
Und dann die Bilder. In der Wand waren Gesichter erschienen, viele Gesichter, die ihn von überall her ansahen. Auf dem Boden war irgend etwas, er konnte nicht sagen was, herum gehuscht, immer gerade am Rand seines Blickfeldes, und immer schon verschwunden, wenn er versuchte, es zu fokussieren. Am Ende war Blut aus den Ritzen im Parkett und aus der Decke gequollen, und er war panisch aus der Wohnung gelaufen, direkt vor ein Auto.

Am Ende? Am Ende des Lebens, das er bis dahin geführt hatte, das sicherlich. Dieses Ende war jedoch zugleich der Anfang eines neuen Weges gewesen, der ihn, nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt für mehrere Jahre in eine psychiatrische Klinik geführt hatte. Psychotische Schübe hatten sie diagnostiziert, mit der Zeit ließen sie nach, aber sie kamen wieder, immer wieder, manche kürzer als der erste und andere länger. Und schlimmer. Drei Jahre. So lange hatte es gedauert, eine Medikation zu finden, mit der er stabil war. Und blieb.

Bis jetzt. Denn sprechende Lampen gehörten sicherlich nicht zu den Erfahrungen gesunder Menschen.

Ruhig jetzt, sagte sich Wilhelm in Gedanken, ganz ruhig. Du musst die Nerven behalten. Denk nach. Bleib rational. Du kannst herausfinden, ob das hier echt ist. Geh systematisch vor. Methodisch. Wissenschaftlich. Sammle Fakten.

Du willst vernünftig sein, redete ein anderer Gedanke dazwischen, rational und ruhig – und dabei Fakten sammeln, um methodisch, wissenschaftlich und systematisch zu untersuchen, ob deine Schreibtischlampe mit dir redet? Ganz schlechter Ansatz, Junge. Ganz schlechter Ansatz.

Mag sein, hielt der erste Gedanke dagegen, mag sein, dass da der Wahnsinn nach mir greift, aber ihn zu ignorieren, wird mir nicht helfen, es wird mir nicht gelingen, die Lampe nicht mehr zu beachten, wenn ich das versuche, werden die Stimmen nur lauter, drängender, bis sie alles übertönen. Ich muss sie beruhigen, ich muss mir Gewissheit verschaffen...

Und Du glaubst im Ernst, die Gedanken, die dir etwas von versteckten Botschaften im Gewackel deiner Schreibtischlampe erzählen wollen, ließen sich von systematischer Wissenschaft beeindrucken? Das ist der Wahnsinn, den kann man nicht überzeugen. Nimm Deine Pillen!

Ich habe heute schon zwei genommen, was hat es geholfen? Nichts! Und ich sehe es doch ganz klar, die Lampe wackelt.

So klar wie damals das Blut, das durch die Decke...

„Ruhe!“, befahl Wilhelm, und war sich nicht sicher, ob er das laut getan hatte oder in Gedanken. Er blickte zur Tür, hinter der Katharina arbeitete. Keine Bewegung. Vermutlich also nur ein Gedanke. Ich mache das jetzt auf meine Art, ich prüfe das jetzt, ganz systematisch, und ich nehme mir jetzt vor, an das Ergebnis zu glauben, was es auch sein wird.

Es wird dir nicht gelingen...

Fragen, dachte Wilhelm. Versuche es mit Fragen.

„Wir versuchen jetzt einmal etwas anderes“, sagte er zu der Lampe. „Wackeln bedeutet „ja“, nicht wackeln „nein“. In Ordnung?“

Pause. Dann wackeln. Also ein „ja“. Vielleicht.

„Ist Wasser nass?“

Pause. Pause. Nach etwa zehn Sekunden ein leichtes Wackeln. Ja. 1:0.

„Ist der Mond aus Käse?“

Stille. 5 Sekunden, 10, 15, 20. Ein Nein. 2:0.

„Ist 2+2=4?“

Sofortiges Wackeln. 3:0.

Merkst Du nicht, was da geschieht?, meldete sich ein Gedanke zu Wort. Hättest Du die letzte Frage ein paar Sekunden später gestellt, würde dein Lampengeist an einen Käsemond glauben. Du stellst eine Frage und wenn Du ein „ja“ willst, wartest Du, bis die Lampe wackelt, bei einem „nein“ brichst Du ab. Das ist kein Experiment. Das ist der Wahnsinn, der sich selbst bestätigt.

Das kann ich verhindern, erwiderte ein anderer Gedanke. Wir müssen nur die Methoden verschärfen.

Mach nur, seufzte der erste. Es ist ja ohnehin zu spät....

Wilhelm wandte sich wieder der Lampe zu. „Noch etwas. Nach jeder Frage warte ich 20 Sekunden. Wackeln in dieser Zeit bedeutet ein „ja“; kommt es später, zähle ich es als „nein“. In Ordnung?“

Fünfzehn Sekunden Pause. Dann Wackeln.

Wie viele Fragen sollte ich stellen, fragte sich Wilhelm. Die Wahrscheinlichkeit für einen bloßen Zufall halbiert sich mit jeder richtigen Antwort. Wie viele Antworten brauche ich, damit ich an eine sprechende Lampe glaube? Zehn? Das wäre etwa 1:1000. Zu wenig. Zwanzig. Die Wahrscheinlichkeit für zwanzig richtige Antworten in Folge lag bei weniger als eins zu einer Million. Das sollte reichen.

Falls da überhaupt etwas wackelt, falls Du dir das nicht alles bloß einbildest...

Auch dagegen gäbe es Mittel, dachte Wilhelm, ich könnte die Lampe bei jeder Antwort filmen und anschließend jemand fragen, ob die Lampe auf der Aufnahme wackelt. Oder... oder... oder... Aber jetzt versuche ich es erst einmal so. Zwanzig richtige Antworten, das wäre schon eine Hausnummer. So vernünftig sind Wahnvorstellungen nicht.

Du bist im Sog, im Strudel, verloren...

Wilhelm nahm ein Blatt Papier zur Hand und überlegte sich zwanzig Fragen. Zur Sicherheit notierte er sich die Antworten dazu. Rechts von jeder Frage zeichnete er ein kleines Kästchen. Keine Diskussionen mit dir selbst, ob eine Frage falsch zu verstehen wäre oder so, dachte er. Frage, 20 Sekunden, dann ein Haken ins Kästchen, oder ein Kreuz. Mehr nicht. Stur dabei bleiben. Nicht abweichen. Und das Ergebnis ist das Ergebnis. Mit der Zählung musste er natürlich von vorne beginnen.

* * *

„Ist 2+2=5?“ Sicherlich würde gleich die Frage in seinem Kopf auftauchen, ob er sich nicht merkwürdig vorkam. Das tat er. So merkwürdig wie jetzt, da er, einen Block und einen Stift in der Hand, den Sekundenzeiger seiner Uhr im Blick an seinem Schreibtisch saß und statt zu einem Klienten zu seiner Einrichtung redend war er sich in seinem Leben wohl noch nie vorgekommen. Jedenfalls nicht in den Phasen, an die er zurückdenken mochte.

Das Wackeln kam nach etwa zehn Sekunden.

„Wenn alle Tassen Sofas sind und alle Sofas Heuschrecken, sind dann alle Tassen Heuschrecken?“

Was zum Henker treibst Du da, kam ein Gedanke auf, kommst Du dir eigentlich nicht... und da brach er ab. Es war ihm wohl aufgefallen, dass er bereits bedacht worden war. Wilhelm lächelte.

„Ja“, antwortete die Lampe, nur wenige Sekunden später.

Frage 12. Wilhelm reckte seine rechte Hand in die Höhe und formte mit Zeige- und Mittelfinger das „Victory“-Zeichen.
„Halte ich gerade zwei Finger hoch?“

Keine Reaktion. Ein Nein. Sofort fingen die Gedanken an.

Soviel dann zu zwanzig richtigen Antworten in Folge. Das war's dann also mit der sprechenden Lampe.

Ein einziger Fehler nach zehn richtigen Antworten...

Das Ergebnis ist das Ergebnis. Das war der Plan. Wenn Du jetzt noch die Spielregeln änderst, um deine irrsinnige These noch zu retten, weißt Du, was Du tust.

Aber wenn die bisher richtigen Antworten nur eine Wahnvorstellung waren, wie ist dieser Fehler dann zu erklären? Zeigt er nicht gerade...

Merkst Du, was Du tust? Jetzt soll die Widerlegung deiner fixen Idee sie auch noch bestätigen! So funktioniert keine Wissenschaft, so funktioniert Wahnsinn, ein Gedanke, der alles in sich hinein saugt und dazu benutzt, sich selbst zu bestätigen, ein schwarzes Loch in deinem Geist.

Ich mache weiter. Bis zur zwanzigsten Frage. Das war der Plan. Dann können wir sehen, wie viele Fehler es noch gibt.

Wenn Du jetzt weitermachst, bist Du verloren, dann bist Du über den Ereignishorizont, dann wirst Du eingesaugt, wie damals, genau wie damals...

Wilhelm wischte die Stimme energisch beiseite. Gleich darauf hielt er inne. Hatte er gerade tatsächlich mit der Hand vor seinem Gesicht herumgefuchtelt, wie, um eine Fliege zu vertreiben? Ihm war so. Von außen musste das reichlich seltsam aussehen, wenn einer mit den Händen wedelte, um Gedanken zu vertreiben. Oder hatte er doch nur etwas gedacht?

Schnell schrieb er auf seinen Block: 11:1. Und ging zur nächsten Frage über.


* * *

„Ist alles in Ordnung?“

Wilhelm fuhr herum. Katharina stand in der Bürotür. Auf den Händen trug sie einige Akten.

„Sicher“, gab er zurück, und versuchte krampfhaft, entspannt zu klingen. „Was soll schon sein. Was gibt’s denn?“

„Ich wollte gerade Feierabend machen und habe vorher noch die Post sortiert. Die hier“ – sie nickte in Richtung der Akten, die sie trug – „sind für dich.“

„Ah. Gut. Danke!“ Er ging auf sie zu und nahm ihr die Akten ab. „Dann einen schönen Feierabend.“

„Ja, dir auch.“ Sie wandte sich wieder der Tür zu, hielt jedoch auf halbem Weg inne und drehte sich erneut zu ihm um. „Wilhelm, jetzt mal ganz offen. Als ich hereinkam, und während ich hier stand, hast Du die Luft gefragt, ob Grashalme Steuern zahlen, ob der Papst katholisch ist und ob eine Maus den Pazifik leertrinken kann. Es wäre für mich zwar deutlich angenehmer, aber ich will einfach nicht so tun, als ob ich das nicht bemerkt hätte. Also bitte: Was ist los mit dir? Muss ich mir Sorgen machen?“

„Ach, Katharina!“ Wilhelm setzte eine Miene auf, von der er hoffte, sie würde einem lausbübischen Grinsen ähneln. „Das war ein Spaß! Ich hatte dich längst gesehen, ich stehe zwar mit dem Rücken zu dir, aber Du spiegelst dich im Fenster.“ Er deutete mit der Hand in die Richtung. Tatsächlich war darin die Bürotür deutlich zu erkennen, samt Katharina. „Ich wollte dir nur zeigen, wie öde es hier ohne meine Lieblingskollegin ist. So öde, dass ich schon mit Luft rede. Das heißt, eigentlich rede ich gar nicht mit der Luft, sondern mit … mit …“ Er sah sich suchend im Raum um, betrachtete seinen Stuhl, das Telefon, einen Bleistift. „Lampi hier.“ Hoffentlich wirkt das jetzt so, als sei mir das gerade eingefallen. Er setzte an, die Lampe zu tätscheln, beließ es dann aber bei einer Andeutung. Was auch immer sie zu wackeln brachte, womöglich würde die Kommunikation durch seine Berührung gestört. Stattdessen tat er so, als kraule er die Lampe an der Unterseite. „Ja, braves Lampi. Willst Du ein Leckerli?“ Dabei lächelte er Katharina breit zu. Ein Klassiker, dachte er dabei. Wenn man nur genug übertreibt, wird auch der wahre Kern unglaubwürdig. Oder zumindest unkenntlich.

Ganz überzeugt schien sie jedoch nicht zu sein. Einige unangenehm lange Momente sah sie Wilhelm zweifelnd ins Gesicht. Dann runzelte sie die Stirn, schüttelte energisch einmal den Kopf hin und her und verließ mit einem „Na dann noch einen schönen Feierabend“ das Büro. Wenig später hörte Wilhelm, wie die Kanzleitür geöffnet und geschlossen wurde, dann ging auch die Haustür. Schließlich wurde draußen ein Wagen gestartet. Er war wieder allein.

Mit der Lampe.

* * *


Die Fragen, die die Lampe falsch beantwortet hatte, hatten sich auf das Innere seines Büros bezogen. Womöglich sah, was immer die Lampe bewegte, sein Büro nicht. Vielleicht sah es überhaupt nichts, und war nur ein körperloser Geist? Vielleicht war es für die Macht, die die Lampe in Bewegung versetzte, nicht ganz einfach, das zu tun, und es gelang ihr bisweilen nicht schnell genug. Gut möglich, ja sogar wahrscheinlich war auch gar nichts dahinter außer seinem überspannten Geist. Oder er erzeugte das Wackeln auf irgendeine Weise unbewusst selbst?Vielleicht, womöglich, wahrscheinlich... Wilhelm seufzte.

Er könnte Fragen stellen, die sich in einer gewissen Zeit beantworten ließen, ohne dass er die Antwort kannte, und die Reaktionen der Lampe erst hinterher überprüfen. Wenn er etwa fragte, ob die Hunderterziffer von 1343*6432 gerade war, und dann nicht rechnete, bis die Antwort kam, konnte man doch zumindest ausschließen, dass er sie selbst gegeben hatte. Aber wie viel Zeit sollte er der Lampe dafür geben? Konnte sie überhaupt rechnen? Und falls ja, wie schnell? Und war nicht zumindest denkbar, dass sein Unterbewusstsein ihm doch einen Streich spielte, die Antwort ausrechnete und was-auch-immer tat, um die Lampe zum Wackeln zu bringen?

Er könnte dieses Fragespiel ewig fortsetzen, ohne je Klarheit zu gewinnen. Und vor allem: ohne zur Ruhe zu kommen. Noch so viele falsche Antworten würden den Eindruck nicht tilgen, den seine bisherigen Beobachtungen auf ihn gemacht hatten; was auch immer noch geschah, stets würde ihn, wenn er in Zukunft die Lampe ansah, das mulmige Gefühl beschleichen, dass da etwas war. Und noch so viele richtige Antworten würden die Sache nur immer merkwürdiger, rätselhafter – verrückter machen.
Es ging ihm, stellte er fest, gar nicht so sehr darum, ob die Lampe mit ihm sprach. Viel wichtiger war, falls sie es tat, die Frage, warum.

Das erforderte offenbar eine andere Herangehensweise. Er setzte sich in seinen Lehnstuhl, der Lampe gegenüber, als wäre sie ein Klient.

„Ist da jemand?“

Es entstand eine Pause, die Wilhelm endlos vorkam. Wenn die Lampe jetzt nicht reagierte, wenn sie nie wieder reagierte, wenn sie ihn mit diesem Rätsel allein ließ... Es war erstaunlich, was man in so kurzer Zeit alles denken konnte. Tatsächlich, Wilhelm hatte den Blick auf der Uhr gelassen, dauerte es nur 17 Sekunden, bis die Lampe zu wackeln begann. Wenn da jemand war, bestätigte er, sie, oder es, dass es so war. Immerhin.

Die nächste Frage kam Wilhelm nicht so leicht über die Lippen.

„Willst Du etwas von mir?“

Wilhelm hoffte, dass die Lampe dieses mal still bleiben würde. Unsichtbare Wesen mit telekinetischen Kräften, die etwas von einem wollten, waren nicht eben ein Grund zur Beruhigung. Doch nicht zu wissen, worum es hier eigentlich ging, war schlimmer.

Die Lampe wackelte.

„Brauchst Du meine Hilfe?“

Hier wurde rasch bejaht. Wilhelm spürte, wie seine Kehle trocken und dafür seine Hände feucht wurden. Die Sache wurde langsam unangenehm. Es gab da so einige Filme aus seiner Jugendzeit, in denen Menschen Hilferufe von Geistern empfingen: Da standen plötzlich Buchstaben an der Wand, es kamen Stimmen aus Rohren, Schreibmaschinen begannen von selbst, etwas zu tippen, oder... Nicht selten begann es mit einer flackernden Lampe, fiel Wilhelm ein. Umso seltener nahm die Geschichte für jene, die den Hilferufen folgten, einen glücklichen Ausgang. Wenn er doch weniger von diesem Zeug gesehen hätte! Andererseits – wie hätte er damals auch wissen können, dass er einmal in eine solche Lage geraten würde.

Reg dich ab, sagte er sich. Finde mehr darüber heraus, womit – mit wem? – Du es hier zu tun hast. Je mehr Du darüber weißt, desto weniger wird dich beunruhigen, was es will.

„Bist Du in diesem Raum?“

Durfte man Schreibtischlampen eigentlich so einfach Duzen, fragte sich Wilhelm, während er auf die Antwort wartete. Nun, jetzt war es zu spät. Da konnte er wohl nur hoffen, dass seine Lampe es mit förmlichen Anreden nicht so genau nahm. Sich jetzt zu entschuldigen und zum „Sie“ zu wechseln, dabei wäre er sich doch zu merkwürdig vorgekommen. Noch merkwürdiger.

Stille. Also ein nein. Das erklärte wohl, warum die Lampe nicht hatte sagen können, wie viele Finger er hoch hielt. In der Tat war ja recht offensichtlich niemand sonst im Raum. Außer ihm. Sein Gegenüber, wenn es eines gab, mochte weit entfernt sein. Vielleicht hatte es auch gar keinen Körper und war einfach nirgends.

„Bist Du überhaupt in einem Raum?“

Diesmal wackelte die Lampe nach wenigen Sekunden. Also ja.

„In dieser Welt?“

Wackeln. Ja.

„Auf der Erde?“

Diesmal erfolgte die Reaktion erst nach 22sekündiger Verzögerung. Streng genommen zählte das als ein „nein“. Oder es gab bisweilen Probleme mit der Verbindung, was auch immer diese Verbindung war. Das Lampengeister-WLAN vielleicht. Wilhelm musste grinsen. Das gehörte bestimmt zum Darknet. Ja, mach nur deine Scherze, dachte es in ihm, grinse, tu so, als sei das alles ein großer Spaß, was für ein bequemer Weg, etwas zu tun, von dem Du weißt, dass es irre ist, das hast Du damals auch so gemacht, was für ein bequemer Weg in den Abgrund... Er drängte den Gedanken beiseite.

„Ich habe den Eindruck“, sagte er, „dass Du bisweilen mit etwas Verzögerung antwortest. Wäre es besser, wenn ich dreißig statt zwanzig Sekunden warten würde?“

Diesmal wackelte die Lampe fast sofort. Entweder ein sehr deutliches „ja“ oder ein Grund, seine Vermutung zu verwerfen. Wie auch immer. Würde er eben jetzt etwas länger warten.

„Ist dieser Raum, in dem Du bist, in meiner Nähe?“

Keine gute Frage, fiel es Wilhelm gleich ein. „Nähe“ war doch ziemlich relativ. Und wenn sein Gegenüber ihn nicht sehen konnte, wusste es wahrscheinlich auch nicht, wo er war. Falls das so war, würde ihn die Antwort in jedem Fall in die Irre führen. Ein Zeichen für „weiß ich nicht“ hatten sie ja nicht. Den Gedanken, eines einzuführen – zweimal gleich hintereinander wackeln vielleicht? – verwarf er gleich wieder. Es gab selbst mit diesem primitiven „Ja/Nein“ schon genug Unsicherheiten.

Die Lampe wackelte. Das konnte eigentlich nur heißen, dass sein Gegenüber sich in der Nähe befand – und das auch wusste. Andernfalls wäre die Reaktion wohl ausgeblieben. Wenigstens hätte Wilhelm das so gemacht, wenn er – er musste einmal schlucken, ehe er den Gedanken zu Ende dachte – wenn er an der Stelle der Lampe gewesen wäre.

Huhu, kam ein anderer Gedanke auf, ich bin die Stimme der Vernunft. Etwas leise zwar, hier ist nicht mehr viel Platz für mich, aber möglicherweise hörst Du mich ja noch. Du hast gerade darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn Du deine Lampe wärst. Meinst Du nicht, es wäre langsam an der Zeit, die Reißleine zu ziehen?

Ruhe!, befahl Wilhelm.

Jaja, kam resigniert die Antwort, ich weiß schon, ich störe, Du redest mit deiner Lampe, schon gut...

„In dieser Stadt?“ Er präzisierte. „In Berlin?“

Ja, gab die Lampe zurück.

Das machte die Dinge doch irgendwie fassbarer. Er könnte eine Karte von Berlin zur Hand nehmen und den Standort seines Gegenübers allmählich eingrenzen. Falls es überhaupt einen Standort gab, dachte er; vielleicht befand es sich ja auch in Bewegung. Andererseits hatte es ja bejaht, „in einem Raum“ zu sein. Vermutlich würde es die Dinge erleichtern, erst einmal herauszufinden, ob sein Gegenüber wusste, wo Wilhelm sich befand.

„Weißt Du, wo genau ich bin?“

Ja, erwiderte die Lampe.

„Bist Du weniger als drei Kilometer von mir entfernt?“

Ja.

„Weniger als einen Kilometer?“

Ja.

„Mehr als zehn Kilometer?“

Nein.

Wilhelm nickte. Er musste es um jeden Preis vermeiden, sich ein Bild von der Position seines Gegenübers zu machen und dieses dann nur noch durch Fragen bestätigen zu lassen, die durchweg mit „Ja“ zu beantworten waren. Zumindest diesen Fallstrick hatte er umgangen; und bisher passten die Informationen, die die Lampe ihm gab, zueinander.

„Mehr als hundert Meter?“

Nein.

„Befindest Du dich in einem Gebäude in der Wiesenallee?“ Das war die Straße, in der auch die Kanzlei lag.

Ja.

Wieder überlief Wilhelm ein Schauer. Wenn er glaubte, dass da etwas war – und das tat er offenbar, denn was hatte es sonst für einen Sinn, damit zu reden? – so musste er jetzt wohl auch glauben, dass dieses Etwas ihm viel näher war, als ihm lieb sein konnte. Wenn mich die Lampe in den Keller lockt, bin ich raus, dachte er. Keine zehn Pferde bringen mich da runter. Wenigstens hatte das Haus keinen Dachboden.

„In einem anderen Gebäude als ich?“

Nein.

Scheiße. Wilhelm schluckte und atmete mehrere Male langsam ein und aus, um sich wieder den Griff zu bekommen, ehe er fortfuhr.

„In derselben Wohnung wie ich?“

Bitte kein „Ja“, dachte Wilhelm, bitte nicht wackeln, bitte nicht wackeln, bittenichtwackelnbittenichtwackelnbittenichtwackeln!

Nichts geschah. Er hielt den Atem, der während der letzten fünfzehn Sekunden gestockt hatte, noch zehn Sekunden weiter an, um sicher zu gehen. Dann atmete er aus.

„Im Keller?“, fragte er. Das konnte er auch gleich erledigen, dann hatte er es hinter sich.

Zu seiner tiefen Erleichterung verneinte die Lampe erneut.

„Im Erdgeschoss?“ Auch darauf kam keine Reaktion.

„Also über mir?“

Ja.

„Direkt über mir? Im ersten Stock?“

Ja.

Wilhelm ließ sich in seinen Stuhl fallen und rieb sich die Stirn. Das Gebäude hatte vier Stockwerke, jedes mit zwei separaten Büros mit mehreren Räumen, doch die anderen waren unvermietet. Soweit er wusste, waren die noch nicht einmal fertig. Parkett und Fliesen verlegen, tapezieren und so weiter – das tat der Hausbesitzer erst, wenn Mieter gefunden waren, damit das Ergebnis auch sicher deren Wünschen entsprach. So war es jedenfalls bei ihm gewesen. Ohne Zweifel wäre es Wilhelm aufgefallen, wenn in den letzten Wochen Bauarbeiten oder ein Umzug stattgefunden hätten. Und nach wie vor war nur eines der acht Klingelschilder an der Hauseingangstür beschriftet – nämlich das seiner Kanzlei. Da oben konnte, wenn es mit rechten Dingen zuging, also eigentlich niemand sein. Und doch rief von dort offenbar jemand auf eine äußerst merkwürdige Art um Hilfe.

Als Wilhelm aus der Kanzlei ins Treppenhaus trat, ließ er die Tür vorsichtshalber angelehnt. Die Vorstellung, jederzeit rasch wieder hier hinein flüchten zu können, hatte etwas Beruhigendes, so albern er auch war. Jedenfalls war sie um einiges angenehmer als die, von weiß Gott was verfolgt mit dem Schlüssel an der Tür herum zu nesteln und dann in letzter Sekunde eingeholt zu werden. Oder gerade noch durch die Tür zu kommen und sie hinter sich zuzuschlagen, nur um nach den ersten Wellen der Erleichterung festzustellen, dass das, wovor man geflohen war, mit hinein geschlüpft war. So wie in den Filmen. So wie in jenen furchtbaren Jahren, als ihn ständig irgend etwas verfolgt hatte, als er ständig auf der Flucht gewesen war. Vor Dingen zwar, die es, wie er nun wusste, nur in seiner Einbildung gegeben hatte, sicher – doch dieses Wissen machte sie kaum weniger schrecklich.

Der Bewegungsmelder reagierte und das Treppenhaus wurde in das kalte, weiße Licht von einigen Dutzend Leuchtdioden getaucht. Stille. Gespenstische Stille. Was ist daran gespenstisch, herrschte Wilhelm sich an, natürlich ist es ruhig, hier ist ja niemand außer dir.
Außer dem, was auch immer sich im ersten Stock befindet.
Falls sich da etwas befindet.
Und nicht nur in deinem Kopf.

Entschlossen stieg er die Stufen hinauf, zehn waren es bis zum Treppenabsatz, dann noch einmal zehn. In dem kleinen Flur, in den er so gelangte, gab es nur eine Tür, die ziemlich genauso aussah wie die zu seiner Kanzlei; nur das Schild fehlte. Auch an der Klingel stand kein Name. Nur unter dem Schalter darunter stand „Licht“. Irgendwie passend für die Wohnung eines Lampengeistes.

Wilhelm zögerte einen Moment, ehe er die Klingel betätigte. Durch die Tür hörte er gedämpft eine melodisch absteigende Tonfolge: „Ding-Ding-Dong“. Er wartete einige Minuten. Nichts geschah. Also klingelte er erneut, diesmal länger, und presste das Ohr an die Tür. Aus dem Inneren drang kein Laut. Wie bei einer leeren Wohnung nicht anders zu erwarten. Er klingelte ein drittes Mal, dann klopfte er, erst vorsichtig, mit dem Knöchel des Mittelfingers, dann lauter, schließlich schlug er einige Male heftig mit der Faust gegen die Tür, dass ihm davon die Hand weh tat. Natürlich keine Reaktion. Niemand zuhause.

Konnte es sein, dass er sich in der Tür geirrt hatte? In Gedanken ging er noch einmal die letzten Hinweise der Lampe durch: Über dir, im gleichen Haus, im ersten Stock. Kein Zweifel, das war diese Wohnung. Die Beschreibung war klar genug.

„Kann mich jemand hören?“, rief er, und hämmerte noch einige Male gegen die Tür, „Ich bin Wilhelm Diestel aus der Wohnung unter Ihnen. Falls da jemand ist und Hilfe braucht, machen Sie sich bitte bemerkbar!“

Stille. Wilhelm seufzte. Was hatte er auch erwartet. Wenn bisher nichts gekommen war, würde auch nichts mehr kommen. Entweder befand sich, was auch immer in dieser Wohnung war, in einer Lage, die es ihm unmöglich machte, sich laut zu äußern. Oder da war einfach nichts, und er war gerade dabei, durchzudrehen. Wieder mal.

Und jetzt? Er betrachtete die Tür. Sie bestand aus stabilem Holz, und das Schloss hielt sicher einiges aus. Da würde es wohl wenig helfen, sich gegen die Tür zu werfen oder dagegen zu treten. Zumindest hoffte er das – immerhin lag auch seine Kanzlei hinter so einer Tür. Wenn er die Tür öffnen wollte, würde er Werkzeug brauchen. Unten im Treppenhaus hing ein Feuerlöscher, fiel ihm ein; vielleicht konnte er den als Rammbock gebrauchen? In Kriminalfilmen klappte so etwas. Andererseits traten die Filmhelden Türen auch häufig einfach ein. Und immerhin stand so ein Feuerlöscher unter erheblichem Druck. Einfacher wäre es, nach Hause zu fahren und die Axt zu holen, damit sollte es gehen.

Ich bin's nochmal, meldete sich der Gedanke, der sich zuvor als die Stimme der Vernunft vorgestellt hatte. Ich will das jetzt gar nicht weiter kommentieren, aber nur fürs Protokoll: Du willst jetzt im ersten Stock eine Tür einschlagen, weil in deinem Büro im Erdgeschoss deine Schreibtischlampe um Hilfe gerufen hat, ja?

„Es ist ja nicht die Lampe“, gab Wilhelm zurück, nun mit deutlicher Verärgerung in der Stimme.
In der Stimme? Hatte er das gerade laut gesagt? Krieg dich unter Kontrolle, murmelte er, nun deutlich leiser, vor sich hin, sich in einsamen Hausfluren lautstark mit sich selbst zu streiten klingt wirklich nicht gesund. Verdammt, dachte er, das hast Du jetzt auch noch ausgesprochen. Er verstummte. Es ist ja nicht die Lampe, fuhr er fort, wobei er die Lippen zusammenpresste, um zu verhindern, dass sie sich unwillkürlich bewegten. Eher so: Etwas – jemand – in dieser Wohnung braucht Hilfe und setzt auf irgendeine Weise die Lampe von hier aus in Bewegung.

Uri Geller, schlug der Gedanke vor, der es jetzt offenbar mit Sarkasmus probierte. Der ist gestern oben eingezogen, hat sich beim Möbelschleppen überanstrengt und jetzt liegt er da mit einem Schlaganfall. Klingt plausibel. Schau lieber mal bei der Kaffeemaschine nach, ob die Löffel noch gerade sind. Aber was willst Du da machen? Die Tür wird verschlossen sein, und selbst wenn Du die Tür aufkriegst, Du bist schließlich kein Arzt...

Das war nicht von der Hand zu weisen. Er erwog, die Polizei zu rufen. Um ihnen was zu sagen? Die Wahrheit doch wohl kaum. Da würden sie vermutlich nicht einmal ausrücken, sondern glauben, dass sich da jemand einen Scherz erlaubte. Oder sie würden kommen, aber seinetwegen. Vielleicht sollte er sagen, er hätte aus der Wohnung Hilfeschreie oder, besser, seltsame Geräusche gehört. Und wenn sie dann nachsahen, dazu gar die Tür aufbrachen, nur um dahinter eine völlig leere und stille Wohnung vorzufinden? Das würde ihm einige ziemlich unangenehme Fragen einbringen. Und Polizeibeamte hatten keine Schweigepflicht. Es würde sich herumsprechen, womöglich sogar in der Zeitung auftauchen: Wilhelm Diestel, frisch niedergelassener Notar und Rechtsanwalt, hörte die Flöhe husten und verursachte einen sinnlosen Polizeieinsatz. Auch ein Drogentest war nicht ausgeschlossen. Was sie dabei finden würden, war zwar nicht direkt verboten, aber verschreibungspflichtig. Und obwohl er allen Grund hatte, es sich verschreiben zu lassen, und jeder Arzt es ihm bei seiner Krankengeschichte auch sofort verschrieben hätte, hätte er keine Rezepte vorweisen können. Ärzte, Apotheker, Sprechstundenhilfen – irgendwo war immer eine undichte Stelle, irgend etwas sickerte immer durch. „Und hier das Büro von Rechtsanwalt Diestel“, stellte er sich die Stimme eine Stadtführers vor, der draußen mit einer Gruppe neugieriger Touristen stand, „ein ganz famoser Kerl, ein exzellenter Anwalt und völlig harmlos, wenn er seine Pillen genommen hat, die er illegal aus dem Internet bezieht. Wenn nicht, tja, nun – das merken Sie dann schon, wenn Sie hereinkommen und er ihnen etwas von Blut erzählt, das überall aus den Wänden quillt und das er wegwischen muss. In dem Fall gehen Sie am Besten wieder, da ist nicht viel mit ihm anzufangen, er musste schon damals mehrere Jahre lang sein Studium unterbrechen und verschwand in einer geschlossenen Abteilung. Aber, wie gesagt, wenn er seine Pillen genommen hat... Schauen Sie, da fährt gerade der Wagen eines Klienten vor, der die Dienste von Herrn Diestel trotz allem gerne in Anspruch nimmt. Ach nein, warten sie, das ist wohl eher der Möbelwagen, der kommt, um das Büro zu räumen...“. Wilhelm hörte, wie die Zuhörer herzhaft auflachten, kurz applaudierten und dann, kopfschüttelnd und miteinander scherzend, hinter dem Stadtführer her der nächsten Kuriosität zustrebten.

Ich könnte die Polizei auch anonym verständigen, dachte er. „Hallo, in der Wiesenallee 17, erster Stock sind gerade Schüsse gefallen, sehen Sie da bitte mal nach“, das ganze am Besten mit verstellter Stimme und von einer Telefonzelle aus, da würden sie vermutlich an einen Scherz denken, aber ausrücken würden sie trotzdem und sicher auch die Wohnung öffnen, nur für den Fall, dass da doch was war und auf die Gefahr hin, dumm in einer leeren Wohnung herumzustehen. Ein Problem, das Wilhelm gut nachvollziehen konnte. Missbrauch des Polizeinotrufs, sagte ein Gedanke, hervorragende Idee. So einem kleinen Scherz gegenüber sind sie bei der Polizei doch immer sehr aufgeschlossen, die Chance, dass sie die bisherigen Mieter im selben Haus befragen, ob etwas verdächtiges bemerkt haben, ist nur knapp unter einhundert Prozent; wenn Du am Telefon ein wenig krächzt, wird dich schon niemand erkennen; und selbst wenn, was kann da schon passieren, wenn man als frischgebackener Anwalt Straftaten begeht...

Ist was dran, dachte Wilhelm. Aber was dann?

Zwei Möglichkeiten, kam prompt die Antwort. Erstens: Du tust nichts. Das ist ziemlich sicher genau das richtige. Sollte sich tatsächlich jemand in der Wohnung befinden, der Hilfe braucht, hast Du eben nichts davon bemerkt. Niemand wird dir daraus einen Vorwurf machen können. In der Wohnung über dir haben sich grässliche Dinge zugetragen, was für ein Schock, man kann dich nur bedauern, unglaublich, was heute nicht alles passiert, man ist ja wirklich nirgends mehr sicher, etc. pp., in ein oder zwei Monaten redet niemand mehr davon.
Zweitens: Du öffnest die Tür mit Gewalt oder rufst jemand, der das für dich erledigt. Mit einer verschwindend geringen Chance ist tatsächlich etwas los und Du kannst für kurze Zeit das tolle Gefühl genießen, ein Held zu sein. Länger als eine Woche gebe ich dem nicht, dann hat der Alltag dich wieder. Oder aber: da drin ist nichts, alle halten dich für bekloppt – oder schlimmeres –, dein Ruf ist im Eimer, deine Karriere kannst Du vergessen, und damit auch deine Wohnung, dein Leben, alles wofür Du so lange so hart gekämpft hast. Gut möglich, dass Du wieder in der Klinik landest und lange Zeit dort bleibst. Die Klinik, Du erinnerst dich... Die einen halten dich für irre, die anderen sind es, eingesperrt, mit Nachbarn, die die Wände mit Kot beschmieren oder ihren Kopf gegen die Wände schlagen, bis das Blut herumspritzt, die Fixierung, die Spritzen, die Schreie in der Nacht...

Ich gehe, entschied Wilhelm. Ich setze mich einfach in mein Auto, fahre nach Hause, schaue mir einen Film an, gehe schlafen und morgen ist die Sache vergessen und ich höre nie wieder davon. Ich muss nur die Treppe herunter gehen, meinen Mantel holen, das Licht ausschalten...

Nein, dachte er. Vergiss es. Keine zehn Pferde würden ihn jetzt auch nur in die Nähe dieser verfluchten Lampe bringen. Soll die Jacke bleiben, wo ist, ich schließe von außen die Tür ab und gehe. Soll das Licht eben die Nacht durch brennen. Katharina wird denken, ich hätte vergessen, es auszuschalten. Kein Problem. Kein Grund, wegen ein paar Kilowattstunden mein Leben zu riskieren. Auf geht’s.

Kurz darauf drehte Wilhelm den Zündschlüssel und genoss das Gefühl, als der Wagen unter ihm zu vibrieren begann. Er löste die Handbremse und trat aufs Gas. Nichts wie weg hier. Im Rückspiegel sah er das dunkle Haus mit den beiden erleuchteten Fenstern im Erdgeschoss entrücken, kleiner werden, immer kleiner, immer entfernter, immer weniger wirklich. Und als er kurz darauf abbog, verschwand es endlich ganz aus seinem Sichtfeld.

Eine Ampel kam in Sicht, zum Glück grün, und eine zweite, die er noch eben so bei gelb passierte, ehe er, endlich, dem Ortsverkehr entkam und auf die Autobahn auffuhr. Hier konnte er beschleunigen, die Tachonadel kletterte auf 100, 120, sogar 140, schneller konnte er die alte Kiste nun wirklich nicht fahren, aber das reichte, das war schnell, und schnell musste er sein, damit er hier weg war, ehe...

Was zur Hölle, fuhr ein Gedanke ihn an, der keine Stimme hatte, natürlich nicht, doch hätte er eine gehabt, hätte sie wohl geklungen wie das jüngste Gericht, was zur Hölle, da ist jemand in Not, ruft um Hilfe, ruft dich um Hilfe, Du hörst den Hilferuf, Du allein, der einzige, der helfen kann, und dann läufst Du davon, weil Du Angst hast, dich zu blamieren? Ich sage dir eins, mein Nicht-ganz-so-Guter, und merke es dir gut: Was auch immer andere über dich sagen oder denken mögen, es ist nichts gegen das, was Du über dich selbst denken wirst, pausenlos, Tag und Nacht, in jedem Moment deines Lebens, wenn Du jetzt nicht unternimmst. Jetzt. Morgen wird es zu spät sein, in einer Stunde kann es zu spät sein, schon jetzt ist es vielleicht zu spät, und selbst wenn dreimal nichts da ist, Du wirst immer der bleiben, der den Hilfeschrei ignoriert hat, und wenn es auch sonst niemand weiß, Du wirst es wissen, und Du wirst es nicht vergessen, niemals vergessen, dafür werde ich sorgen, wenn Du jetzt nicht sofort...

Ein wütendes Hupkonzert hallte auf, als Wilhelm den Wagen in voller Fahrt von der dritten Spur auf die Abfahrtsspur herüberzog, dabei zwei durchgezogene Linien überfuhr und seine Geschwindigkeit gerade noch in den Griff bekam, ehe es ihn aus der Kurve getragen hätte.

Der Wagen kam knapp hinter einem am Straßenrand geparkten Golf mit quietschenden Reifen zum stehen, so knapp, dass die Stoßstangen sich fast berührten. Noch im Bremsen löste Wilhelm den Sicherheitsgurt und öffnete die Tür, die protestierend knirschte, als sie von der Wucht der Bremsung nach vorne gerissen wurde. Er sprang aus dem Wagen, blieb mit dem Fuß im Innenraum hängen, stürzte, fing sich mit den Händen ab, stieß sich wieder hoch und rannte die Stufen herauf, während er in seiner Jackentasche nach dem Schlüssel nestelte. Die Tür ging auf, er sah die Kanzleitür, die Treppe, hastete zur Treppe und sprang sie hinauf, wobei er sich mit Händen am Geländer entlang zog, um schneller zu werden.

Etwas stimmt nicht, dachte er, konnte aber bis zum ersten Absatz nicht ausmachen, und dort stolperte er erneut. Natürlich, fiel es ihm im Fallen ein, es war hell, als ich hereingekommen bin, das Treppenhaus war hell, die Lampen waren an, aber die Lampen werden doch vom Bewegungsmelder angeschaltet und der reagiert erst, wenn man zwei Schritte hinein gegangen ist, ich kann es also nicht gewesen sein, der ihn ausgelöst hat, und wenn ich es nicht war, muss es jemand anders gewesen...

Bei diesem letzten Gedanken schlug ihm der Boden ins Gesicht. Eine Hand am Geländer hatte er einen Teil von der Wucht des Sturzes abfangen können, doch auch so schoss ein stechender Schmerz durch seine Nase, seine Augen füllten sich mit Tränen, er spürte noch, wie ihm Blut über die Lippen lief, ehe ihm schwarz vor Augen wurde.

Als er wieder zu sich kam, war es im Treppenhaus dunkel. Am Gesicht spürte er etwas warmes und feuchtes. Blut wahrscheinlich. Wie lange er benommen – oder ohnmächtig? – dagelegen hatte, wusste er nicht.

Natürlich weißt Du das nicht, mischte ein Gedanke sich ein, so eine blödsinnige Bemerkung, wie solltest Du das denn wohl wissen, Du warst ja weg...

Immerhin, hielt ein anderer dagegen, der Bewegungsmelder schaltet das Licht so für zwei bis drei Minuten ein, solange hat er also keine Bewegung mehr registriert, so lange war es dann wohl mindestens.

Egal, dachte Wilhelm, weiter, weiter!, und er rappelte sich hoch, das Licht ging wieder an, er nahm die zweite Treppe, erreichte den Flur und stürmte auf die Tür zu, um sich dagegen zu werfen, mit aller Kraft der Verzweiflung diesmal, damit würde er sie schon aufkriegen, Filmheld oder nicht.

Doch die Tür war offen. Einen Spalt zwar nur, aber ausreichend, um einen schmalen Lichtstreifen im Türrahmen erkennen zu können. Er konnte seinen Angriff gerade noch genug abbrechen, um nicht samt Tür in die Wohnung hinein zu fallen.

So stieß er die Tür nur mit einigem Schwung auf. Dahinter lag ein kleiner Flur, wie der, den er aus der Kanzlei kannte. Offenbar hatten die Räume den gleichen Zuschnitt wie die im Erdgeschoss. Nur dass hier Boden, Wände und Decke aus nacktem Beton bestanden, beleuchtet von einer Neonröhre an der Decke, und statt der Türen, die in Katharinas (gleich rechts von ihm) und sein (links, dann um die Ecke) Büro führten, dort nur rechteckige Löcher in den Wänden klafften. Das ganze wirkte wie ein scheußliches Spottbild der Kanzlei. Als wolle ein böser Geist ihm zeigen, was er in Wahrheit erreicht hatte: Nichts. Oder wie es bei ihm bald wieder aussehen würde. Wilhelm wischte den Gedanken beiseite.

Der Schein der Neonröhre reichte kaum in den Raum zu seiner rechten hinein; hinter der Türöffnung war nichts zu sehen als lauernde Schwärze. Das war nicht besser als der Keller. Kein Stück. „Hallo?“, wollte er rufen, doch die Angst unterbrach ihn sofort, es blieb bei einem heftigen „H“, das eher einem erschrockenen Keuchen ähnelte, und jetzt, wo er einmal gekeucht hatte, fühlte er sich auch, als habe ihn etwas erschreckt. Obwohl im Grunde rein gar nichts passiert war. Was die Sache nur noch schlimmer machte.

Es half nichts. Er musste jetzt herausfinden, was hier los war. Dass etwas los war, stand nun fraglos fest. Zögernd näherte er sich der Nicht-Tür zu Nicht-Katharinas-Büro. Ihn fröstelte. Jetzt reg dich ab, wollte er sich sagen, doch dann verstand er, dass dieses Frösteln nicht von seinen Nerven herrührte, sondern von einem kalten Windzug, der von hinten kam und ihn in den Nacken gekrochen war. Die Haustüre war zu, im Treppenhaus konnte es also keinen Luftzug geben, und er hatte auch keinen bemerkt. Der Wind musste also aus dem Raum kommen, der nicht sein Büro war. Er machte Anstalten, sich erleichtert von dem dunklen Loch vor sich abzuwenden, doch schon nach einer Vierteldrehung war ihm die Vorstellung, es nun direkt hinter sich im Rücken zu haben, so unangenehm, dass er zuvor einige vorsichtige Schritte rückwärts machte. Erst jetzt war der Bann gebrochen: Er drehte sich entschlossen um, ging den Flur ab, um die Ecke, durch die Tür zu dem, was im Erdgeschoss sein Büro gewesen wäre und – blieb mit offenem Mund stehen.

Der Raum war leer, bis auf einen Heizkörper unter einem der Fenster, und an diesen Heizkörper gelehnt auf dem Boden saß gefesselt Daniel. Sein Oberkörper war durch die Fesseln vollständig eingewickelt; es musste ihm unmöglich, ihn auch nur wenige Zentimeter zu bewegen. Weiteres Klebeband liefen um Ober- und Unterschenkel seiner angewinkelten Beine und von diesen wiederum zu Oberkörper, so dass er sie weder strecken noch heben konnte. In seinem Mund steckte als Knebel ein Stück Stoff, das bei näherem Hinsehen nach einer Socke aussah. Dennoch saß Daniel nicht unbewegt: Die Fußspitzen auf den Boden gedrückt, die Fersen angehoben, wibbelte er hektisch mit den Beinen auf und ab. Wilhelm kannte das zur Genüge aus diversen Gerichtsterminen, in denen Daniel ihn damit schon mehrere Male fast in den Wahnsinn getrieben hätte; regelmäßig traf er die richtige Frequenz, um den ganzen Saal in Schwingung zu versetzen, so dass selbst dem Richter auf seinem Pult das Wasser im Glas Wellen warf.

Wilhelm verstand. Das also hatte die Lampe wackeln lassen. Wilhelm hätte beinahe laut aufgelacht. Nun, lachen konnte er später. Erst einmal musste er den armen Jungen aus seiner unangenehmen Lage befreien.

Die Fesseln zu lösen würde länger dauern, beschied er nach kurzem Hinsehen. Also begann er damit, dem jungen Mann den Knebel aus dem Mund zu nehmen. (Tatsächlich, eine Socke, noch dazu eine mit Löchern. Wilhelm schauderte.) Daniel zog tief die Luft ein, hustete, spuckte einige Flusen aus, hustete erneut, förderte mit der Zunge weitere Flusen zutage, spuckte erneut aus; als sein Mund einigermaßen flusenfrei war, atmete er noch einige Male tief durch. Hoffentlich will er kein Glas Wasser oder so etwas, dachte Wilhelm, hier in der Wohnung gibt es kein Glas, da müsste ich erst runter, und das will er bestimmt auch nicht, hier noch weiter gefesselt allein in der Kälte sitzen. In der Tat, die Kälte. Da das Fenster sperrangelweit offen stand, war es eisig im Raum. Andererseits war die Heizung noch nicht angesprungen. Es konnte also noch nicht lange kalt sein, woraus folgte...

„Sie sind aus durchs Fenster geflohen,“ krächzte Daniel, „und sie haben es dabei. Man muss sie aufhalten, ehe...“

„Was heißt hier >geflohen<? Doch wohl nicht >gesprungen<?“ Wilhelm schaute aus dem Fenster an der Fassade herunter. Bestimmt drei Meter, dachte er. Unten der Sandhaufen von der Baustelle gegenüber. Machbar. Zur Not. Er kniete sich neben Daniel auf den Boden und begann, an den Knoten an seinen Beinen herum zu zupfen.

Falls Daniel Anstalten gemacht hatte, die Frage zu beantworten, kam er nicht weit. „Und wer sind >sie<? Und was ist dieses >es<, das sie dabei haben?“

„Die Aufnahmen“, antwortete Daniel, der allmählich wieder zu Atem und damit zu Stimme kam.

„Aufnahmen!“ rief Wilhelm aus. „Du meinst doch nicht...“

„Doch, ganz genau das. Tonaufnahmen. Von den Gesprächen in deinem Büro. Sie haben da drüben in der Ecke ein kleines Loch durch die Decke gebohrt und ein Mikrophon hindurch geschoben, das mit einem Aufnahmegerät hier im Raum verbunden war. Ziemlich umständlich, wenn man mich fragt, aber drahtlos geht es ja schlecht...“

Natürlich, dachte Wilhelm. Kein Funk. Kein Handynetz. Das war ein Problem für Wanzen.
Einer der Knoten lockerte sich etwas, und ohne recht zu wissen, was er da tat, begann Wilhelm damit, ein Seilstück durch die vergrößerte Öse zu ziehen. Das erwies sich als gute Idee. Das ganze Seilgewirr um Daniels Beine wurde spürbar lockerer.

„Mir ist das heute Morgen trotzdem aufgefallen, die hatten Pech, genau in der Ecke in Ihrem Büro saß eine dicke Spinne, und als ich auf einen Stuhl gestiegen bin, um sie wegzumachen, habe ich das Mikrophon entdeckt.“

„Heute Morgen?“ Irgendwie hatte Wilhelm es im Gefühl: Er war im Begriff, etwas ziemlich dummes zu sagen. Bremsen konnte er sich trotzdem nicht mehr. „Sie hatten sich doch krank gemeldet.“

„Nee“, erwiderte Daniel. „Ich sitze hier, seit ich heute früh nachsehen gegangen bin, woher das Mikro kommt und dabei die Typen erwischt habe, die hier gerade dabei waren, das Aufnahmegerät anzuschließen. Die hatten wohl so früh noch mit niemand gerechnet. Na, jedenfalls haben sie mich geschnappt, hier festgebunden und sind dann gegangen. Seitdem sitze ich hier.“

„Sie haben Sie hier einfach angebunden und allein gelassen?“, kriegte Wilhelm gerade noch heraus. Eigentlich hatte es ihm die Sprache verschlagen. Unter seinen Fingern löste sich der Rest des Knotens auf, der das Seil um Daniels Beine gehalten hatte. Mit sichtbarem Wohlbehagen streckte dieser die Beine aus. Langsam. Sie waren wohl etwas steif. Kein Wunder.

„Yup. Ich will nicht behaupten, dass mir langweilig war, aber etwas öde war es ja schon. Trotzdem hatte ich kein gesteigertes Bedürfnis nach ihrer Gesellschaft. Und immerhin war die Aufnahmequalität tadellos, ich muss es wissen, ich saß direkt daneben und habe jedes Wort gehört.“

„Jedes Wort?“ Wilhelm untersuchte die Fesseln, die Daniels Oberkörper an die Heizung banden. Ein ziemliches Durcheinander; er wusste nicht recht, wo er überhaupt anfangen sollte.

„So ziemlich. Das Mikro war echt gut. Selbst, wenn Sie nur so vor sich hingemurmelt haben, konnte ich alles gut verstehen.“

Wilhelm ging ein Licht auf. „Und als Sie verstanden haben, dass Sie von hier aus die Lampe wackeln lassen können...“ Probeweise zog er an einem Zipfel Seil, das sich jedoch kein Stück bewegen ließ. Also versuchte er ein weiteres, wodurch der Knoten sich noch enger zusammenzog. Er seufzte. Das würde wohl noch ein Weilchen dauern.

„...habe ich versucht, mir diesen unverhofften Telekommunikationskanal zunutze zu machen“, ergänzte Daniel. „War übrigens nicht ganz leicht, es kommt nur unten an, wenn ich mit beiden Beinen gleichzeitig genau den richtigen Rhythmus erwische. Aber wie man sieht, hat es geklappt. Irgendwie zumindest. Muss auch ziemlich merkwürdig sein, wenn plötzlich die Lampe wackelt. Aber meine Güte, Chef, was Sie da alles für Fragen auf Lager hatten...“

Wilhelm beschloss spontan, das Thema zu wechseln.
„Aber warum?“, fragte er, „Warum in aller Welt hört jemand meine Kanzlei ab?“

„Dafür gäbe es sicher viele Gründe.“ War das Schmeichelei? Spott? Vermutlich war es besser, der Frage nicht weiter nachzugehen. „Soweit ich es aus den Gesprächen der beiden mitbekommen habe, ging es ihnen um Anton Zirkler.“

Er hakte den Zeigefinger in eine Schlaufe und zog, wodurch sich die Schlaufe ein wenig erweitern ließ. Leider rührte sich sonst nichts. Vermutlich eine Sackgasse.

„Der Mensch, dessen Vertreter heute wegen dieses Hauskaufes hier war?“

„Genau der. Jetzt sagen Sie bloß, Sie haben noch nicht von Anton Zirkler gehört? Das Internet ist voll von ihm!“

Wilhelm hob eine Augenbraue. Die Augenbraue sagte: „Denkst Du wirklich, dass wir dafür jetzt Zeit haben? Jetzt?“ Die Botschaft kam an. Faszinierend, was man mit einer Augenbraue alles ausdrücken konnte. Es gelang ihm, eine weitere Schlaufe zu lockern und ein Seilende hindurch zu ziehen. Das war nun definitiv ein Fortschritt.

„Ein Influencer, wenn man so will. Stellt Videos ins Netz, wo er über alles mögliche redet. Das macht er aber nicht besonders gut, er ist ziemlich klein, hat starke Akne, und der stottert. Und dabei nennt er sich auch noch „Elfenprinz“.“

Wilhelm hob die Augenbraue erneut. Diesmal hieß es „Ja, und?“. Jetzt saß wieder alles fest. Frustriert zerrte er an zwei Stellen am Seil, wodurch sich eine gerade gelockerte Stelle wieder verengte. Es war zum Mäusemelken.

„Und da hat sich ziemlich schnell eine Hater-Community gebildet, so ein Netzwerk aus Leuten, die sich über ihn lustig machen. Das waren wohl mal ein paar Dutzend, inzwischen sind es mehrere Tausend. Und die machen sich auch nicht mehr nur im Netz über ihn lustig, sondern fahren zu seinem Haus irgendwo in so einem kleinen Kaff im Süden, zerstechen ihm die Reifen, schmieren seine Treppe mit Seife ein und filmen es, wenn er stürzt, nageln seine Haustür zu, solche Sachen... Das geht jetzt schon seit Jahren so. Vor ein paar Monaten hat er sich entschlossen, wegzuziehen, und seither gibt es bei den Hatern praktisch kein anderes Thema, als herauszufinden, wohin?“

„Um ihm dort weiter auflauern zu können?“ Wilhelm traute seinen Ohren nicht. Dafür löste sich ein Knoten, wodurch Daniel den rechten Arm einigermaßen frei bekam. Umgehend begann dieser, an einem Knoten vor seiner Brust herum zu zupfen.

„Ja, genau.“

„Und deswegen brechen sie hier ein, verwanzen meine Kanzlei, fesseln dich stundenlang an einen Heizkörper und springen aus dem Fenster?“

„Sieht so aus. Ich denke, denen liegt viel daran, in ihrer Community anerkannt zu werden, und wer als erster die neue Adresse herausfindet, wird dort sicher ein gefeierter Held, oder zumindest glauben sie das...“

Nun, da das Seil sich insgesamt gelockert hatte, erwies es sich als deutlich einfacher, auch den linken Arm zu befreien. Die verbliebenen Knoten befanden sich hinter dem Heizkörper. Wie auch immer sie gebunden worden waren, sie zu lösen war nahezu unmöglich. Andererseits war dieses Problem noch vergleichsweise harmlos. Er würde diesen Herrn Zirkler warnen müssen, dass sein neuer Wohnort durchgesickert war. Und würde bekannt, wo die undichte Stelle war: In seiner Kanzlei. Wenn der Fall nur halb so sehr in der Öffentlichkeit bekannt war, wie Daniel es dargestellt hatte, war er geliefert. Ironischerweise nicht, weil er auf irrwitzige Eingebungen gehört hatte, sondern weil er es zu spät getan hatte. „Und hier die Kanzlei Diestel“, hörte er in Gedanken den Fremdenführer sagen, „Diskretion wird hier groß geschrieben, was in diesen Räumen gesprochen wird, bleibt in diesen Räumen, steigt dann durch die Decke in den ersten Stock und findet von dort seinen Weg an Ihre Erzfeinde.“ Nun, abzuwarten würde die Sache auch nicht retten. So etwas erledigte man am Besten so schnell wie möglich. Er ließ von dem Knoten ab und kramte sein Mobiltelefon hervor.

„Was wollen Sie denn damit?“ Daniel schaute ihn verwundert an.

In der Tat, dachte Wilhelm. Hier hatte man ja keinen Empfang. Konnte er das bei dem ganzen Chaos wirklich vergessen haben? Wortlos steckte er das Handy zurück und wandte sich wieder dem Knoten zu.

„Wen wollten Sie denn anrufen?“

„Diesen Zirkler natürlich, oder den Vertreter, der heute hier war. Er muss schließlich wissen, dass er sich den Umzug sparen und sich nach einer neuen Bleibe umsehen kann.“

„Nun mal nichts überstürzen. Alles, was die beiden derzeit haben, sind gute siebzehn Stunden Tonaufnahmen. Darin die gewünschte Information zu finden, wird ein Weilchen dauern. Wenn wir ihnen das Zeug vorher wieder abjagen können...“

Der Funke Hoffnung, der in Wilhelm aufglomm, überlebte keine halbe Sekunde. „Sie brauchen es doch nur irgendwo hochzuladen.“

„Stimmt. Aber auch das wird eine Weile dauern, zumal das Netz hier, wie Sie ja wissen, sehr schlecht ist. Also – hinterher!“ Ehe Wilhelm zu einer sarkastischen Erwiderung ansetzen konnte, ob er die Heizung dabei wohl mitnehmen wolle, war Daniel schon einfach nach unten aus den verbliebenen Fesseln herausgerutscht und begann, vorsichtig und etwas steif aufzustehen.

So schnell es eben ging verließen sie den Raum und liefen die Treppen hinab. Sobald sie Empfang hatten, würde Wilhelm die Polizei alarmieren. Wegen zwei Einbrechern. Von einem Datenleck musste er ja einstweilen nichts erwähnen. Und zur Verfolgung konnten sie den Wagen nehmen.

„Verdammt!“ rief er aus.

„Was ist los?“ Daniel stakste über den Treppenabsatz. Er wirkte etwas beweglicher als zu Beginn.

„Die beiden sind doch sicher nicht zu Fuß unterwegs.“ Sie erreichten das Erdgeschoss. Wilhelm riss die Haustür auf, um Daniel den Vortritt zu lassen. „Die haben sich doch sicher in ihr Auto gesetzt und sind längst über alle Berge!“

„Das haben sie sicher nicht.“ ertönte eine Stimme, ebenso vertraut wie unerwartet. Weiblich. Entschlossen. „Falls ihr von den beiden Jungs redet, die hier gerade aus dem Fenster gesprungen sind.“

Wilhelm traute seinen Augen kaum. Dort auf der Straße stand Katharina, zufrieden grinsend wie ein Großwildjäger vor einem erlegten Löwen. Hinter hier standen Wilhelms VW, der fast mit der Stoßstange an einen vor ihm geparkten Golf stieß; und direkt vor dem Golf, quer über Straße und Gehweg, stand Katharinas langgezogener Citroen.

„Tja.“ Katharinas Grinsen wurde breiter. „Zugeparkt, wie es aussieht. Aber mal sowas von. Da hilft wohl nur noch der Abschleppwagen. Irgendwie bezweifle ich allerdings, dass sie ihn rufen werden. Müssen sie auch nicht. Als gute Bürgerin habe ich die Polizei schon selbst alarmiert. Ob die sich jetzt als erstes darum kümmern werden, ihnen die Flucht zu ermöglichen, wage ich freilich zu bezweifeln...“

Drei Streifenwagen fuhren mit Blaulicht und Sirenen an ihnen vorbei. Katharina sah ihnen mit skeptischer Miene nach. „Eher könnte ich mir vorstellen, dass ihre Flucht auf Schusters Rappen in Kürze ein jähes Ende finden wird. Immerhin haben sie, nachdem sie eine Weile damit verplempert haben, fluchend vor ihrem Golf auf dem Gehweg herumzustehen, fast drei Minuten Vorsprung. Ob das wohl reicht?“

Katharina um den Hals fallen. Lachen. Weinen. In den Wagen springen und hinterher fahren. Tausendmal „Danke“ sagen, abwechselnd zu Katharina und zum Himmel. Die schiere Anzahl von Handlungen, die in Wilhelms Kopf um umgehende Ausführung ersuchten, ließ ihn eine unangenehm lange Zeit starr stehen, ehe er die nächstbeste ergriff:

„Katharina! Was machst Du hier?“

Oh je, dachte er. Die nächste vielleicht, aber die beste sicher nicht. „Was machst Du hier“. Als hätte er sie mit der Hand in der Kaffeekasse erwischt. Er erwog, sich zu ohrfeigen, entschied jedoch, das lieber auf später zu verschieben. Aber dann ganz sicher.

Katharinas Hochstimmung schien die Frage indes keinen Abbruch zu tun. „In bin Hellseherin, weißt Du doch. In diesem Fall habe ich hell gesehen, wie Du dich mit deiner Schreibtischlampe unterhalten hast, und den Bullshit, den Du mir dazu erzählen wolltest, keine Sekunde lang geglaubt. Lieber schnell nach Hause, habe ich mir erst gedacht, wird schon nichts Ernstes sein, der beruhigt sich schon wieder, aber als ich zuhause ankam, hat es mir doch keine Ruhe gelassen, ich hatte die ganze Zeit Sorge, dass mit dir irgend etwas nicht stimmt und Du vielleicht irgendwelche Dummheiten machst – irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten, habe mich ins Auto gesetzt und bin zurück gefahren. Als ich das Licht im Erdgeschoss und im ersten Stock und den unbekannten Wagen gesehen habe, war mir ziemlich klar, dass hier etwas nicht stimmt. Also habe ich etwas – nun ja, sagen wir >originell< geparkt und bin erst einmal ums Haus herumgegangen. Dabei habe ich die beiden aus dem Fenster springen sehen, und da habe ich mich erst einmal in eine dunkle Ecke verkrochen und die Polizei alarmiert. Kann mir jetzt einer von euch erklären, was hier eigentlich los war?“

Diese Aufgabe überließ Wilhelm mit Freuden Daniel. Und als dieser gerade an dem Punkt ankam, an dem die beiden Einbrecher ihn gefesselt hatten, kam einer der Streifenwagen in gemächlichem Tempo zurück. Auf dem Rücksitz waren deutlich zwei menschliche Silhouetten zu erkennen.

Gerade noch einmal gut gegangen, dachte Wilhelm. In der kurzen Zeit, und dazu noch auf der Flucht vor der Polizei, würden die beiden kaum die Zeit gefunden haben, ihre Aufnahmen in irgendeiner Cloud zu sichern. Hätte er seinen Heimweg nicht so abrupt abgebrochen, sähe die Sache freilich ganz anders aus. Eine gute Entscheidung, dachte er. Und die Stimme Vernunft widersprach ihm diesmal nicht.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 26.12.2022, 15:17

Oh wie großartig, dass du deine gute alte Salontradition fortführst. Freue mich riesig über das Geschenk! Danke! Und einmal mehr beweist du deinen breitgefächerten schriftstellerischen Fundus. Sehr gefallen hat mir, wie sich dein Protag quält, die „Erscheinung“ glauben zu können und dies mit der Vermischung mit der Angst erneut psychotisch zu sein. Das ist dir wunderbar gelungen. Die Glaubwürdigkeit des Plots steht für mich hingegen auf dünnen Beinen. Hauptsächlich glaube ich den Neubau nicht:
- mit Sicherheit keine Heizkörper mehr
- nicht mal eben unbemerkt ein Loch bohren durch eine min. 30cm Stahlbetondecke
- da erzeugt man auch nicht mit ein bisschen gefesseltem Gewackel Schwingungen bis ins Untergeschoss
Für mich würde ein sanierter Altbau mit Holzdecke etc. viel besser passen.
Außerdem glaube ich dir nicht, dass ein Praktikant allein und als erster die Arbeit beginnt.
Hier noch ein paar Flüchtigkeiten:

die sich nur gleichen Zeit den gleichen Wunsch erfüllt hatte, machte die Sache llsogar noch besser.
zur


Er seufzte und lehnte sich vor und öffnete seine Schreibtischschublade.

Schreibtischschublade bei einem Glasplattenschreibtisch? Wohl eher so ein Rollcontainer?


zum Schreibtisch umwandte. Er auf die Uhr.



wenn Du jetzt nicht unternimmst.



„Aufnahmen!“ rief Wilhelm aus. „Du meinst doch nicht...“ „Doch, ganz

dann siezt er ihn nur noch

Schöne Weihnachten noch
Nifl
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Beitragvon Mnemosyne » 26.12.2022, 15:36

Lieber Nifl,
auch dir frohe Weihnachten, und vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Das sind in der Tat sehr gute Hinweise, da muss ich wohl noch mal ran. Ich habe selbst einen starken Hang zur Wibbelitis und wundere mich immer wieder, wo Leute davon noch etwas mitbekommen, aber ein Stockwerk tiefer habe ich es bisher auch noch nicht geschafft (oder vielleicht haben die Leute dort einfach an Geister geglaubt?). Dann ist es vielleicht doch besser ein Altbau, und Daniel befindet sich eher in einem Raum der Nebenwohnung. Mal sehen. Der Rest (Schreibtischschublade, Siezen etc.) ist leichter zu reparieren, zum Praktikanten sage ich noch ein paar Takte, notfalls wird er eben eine Reinigungskraft oder Hausmeister.
Liebe Grüße
Merlin

jondoy
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Beitragvon jondoy » 28.01.2023, 16:21

Hallo lieber Merlin,

nachdem die diesjährigen Weihnachts- und Neujahrsfeste in West und Ost so ziemlich alle vorüber und hinterm Horizont verschwunden sind, und schon bald das Ende der diesdekadigen Weihnachtszeit naht, will ich schnell noch ein bischen Schnee über deine Weihnachtsgeschichte fallen lassen, bevor der Sommer ausbricht wie ein Vulkan,

,,ich finds wunderbar von dir, dass du letztes Jahr hier wieder einen Weihnachtstext hier eingestellt hast,
ich finde nämlich, das ist schon ein bischen verrückt von dir, das gefällt mir so besonders, dass du so was Verrücktes machst,

....nun zu deiner Geschichte, die meiner Ansicht nach aufgrund ihrer wenigen Worte durchaus auch ins Elfchen hätte reingestellt werden dürfen, auch wenn sie Urteilen von Preisrichtern nach möglicherweise hierfür um, zwei, drei Worte zu lang gewesen wär, ich
kann nur bis drei zählen, deswegen wäre ich großzügig gewesen, hätte es durchgehen lassen, weil du so großzügig, so verschwenderisch großzügig uns zu Weihnachten mit Worten beschenkt hast.

Ich danke dir fürs ans Denken, die Freiheit nehme ich mir,

falls du ein bischen Feedback zur erzählten Geschichte haben möchtest,
Merlin, weisst du,
ich schenk dir einen Stern, ein klitzekleines Sternchen als Anmerkung.

also in Zeile.....bin nicht so gut im Überschlagen....
also so ungefähr um 7.45 Uhr in dieser Geschichte...,(kurz nach dieser Textstelle folgt in der Geschichte ein Zeitangabe)...

da hätte ich besser gefunden
Das Dokument war 6 Seiten kurz,

lang an dieser Stelle finde ich ein bischen übertrieben,

24 Abschnitte in 6 Seiten, das wäre cool,
gewissermaßen minicool in der Realität,

....frag mich, warum der Gewiefte dafür so lang zum Lesen gebraucht hat,

vielleicht wäre anderser....das Dokument war 16 Seiten lang

Aber wie unerwähnt, bloß so ein winziges Detail,

Hab die Geschichte gern überflogen.

Fröhliche Lichtmeß, Merlin

...und Schnee fiel auf die Erde und die Kinder freuten sich...

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birke
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Beitragvon birke » 29.01.2023, 10:46

[oh, danke, jondoy, fürs erinnern hieran!]
lieber merlin, wollte doch auch längst schon DANKE sagen, für dein feines weihnachtsgeschenk, sehr detailliert, aber stimmig, nuanciert, (auch wenn ich zugeben muss, dass ich immer noch nicht dazu gekommen bin, die geschichte ganz zu lesen) - schön, dich immer mal wieder hier zu lesen, danke für deine treue! :)
liebe grüße und alles gute dir,
birke
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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