Die Cthulhu-Chroniken -- Episode 12 -- Der Untergang des Abendlandes

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 24.12.2023, 10:07

12

Es ist Abend. Ich habe es mir auf dem Sofa bequem gemacht; auf dem Tisch vor mir dampft eine Tasse Tee. Cthulhu hat eine meiner CDs eingelegt . Gerade läuft „Reincarnation“.

„So you go round and round and round, another life, another wound“

hallt es aus meinen Boxen. Cthulhu hört aufmerksam zu. Er erstaunt mich doch immer wieder.

„Sag mal, seit wann stehst Du denn auf 'Deine Lakeien'? Ist das nicht etwas zu sanft für dich?“

„and when you finally touch the light, they send you back into the night“

„Generell schon.“, stimmt Cthulhu mir zu. „Aber viele meiner Fans stehen voll drauf. Und speziell diesen Text finde ich sehr inspirierend.“

„Reincarnation, the torture will not end
Reincarnation, our bloody fate“

„Bringt mich auf viele interessante neue Ideen!“

Allmählich verstehe ich seinen Punkt. Ich hatte den Text immer als eine dramatische Reflexion über die Mühsal des Lebens aufgefasst, oder vielleicht als Anspielung auf Wiedergeburtslehren wie den Buddhismus. Doch aus der Perspektive eines grausamen Gottes eröffnen sich natürlich ganz neue Interpretationsansätze.
Inzwischen hat der Refrain seinen Höhepunkt erreicht. Irgendwie gelingt es dem Sänger, seinem schwarzsamtenen Bariton ein irres Lachen abzuringen.

„Torture! Never-ending, never-ending torture! Muhahahahaha! Torture! HAHAHAHAHA! Torture!“

Wie die Fangarme sich im Takt wiegen, hat fast etwas verträumtes. Als das Lied endet, schaltet Cthulhu den CD-Player aus.

„Können wir es jetzt endlich lesen?“

Die Tentakel wedeln erwartungsvoll hin und her wie der Schwanz eines Dackels. Ich seufze. Und Wer könnte da schon widerstehen? Wenig später sitzt Cthulhu auf meinen Schoß und schaut mit großen roten Augen in das Buch, das er heute unbedingt vom Flohmarkt mitnehmen wollte. Die Tentakelspitzen zucken erwartungsfroh.
Das Buch ist "Der Untergang des Abendlandes" von Oswald Spengler.

Ich beginne bei der Einleitung.

„In diesem Buche wird zum ersten Mal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur und zwar der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch-amerikanischen, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen.“

„Und dafür so ein dicker Wälzer?“ Durch den Tentakelbart geht etwas, was an ein Schulterzucken erinnert. „Das kann ich in ein paar Zeilen erklären. Spoiler: Allzu viele 'Stadien' wird es da nicht mehr geben.“

„Naja, das Schicksal, das man selbst herbeiführt, ist ja auch leicht vorauszusagen. Da hatte der Spengler es schon schwerer.“

Ein Schnauben bläht die Tentakel, doch ansonsten bleibt Cthulhu ruhig sitzen. Offenbar will er mehr hören.

Ich arbeite mich weiter durch die ersten paar Dutzend Seiten Einleitung zum ersten Kapitel vor. Es heißt: „Vom Sinn der Zahlen“.

„Die Zahl ist das Symbol der kausalen Notwendigkeit. Sie enthält wie der Gottesbegriff den letzten Sinn der Welt als Natur. Deshalb darf man das Dasein von Zahlen ein Mysterium nennen, und das religiöse Denken aller Kulturen hat sich diesem Eindruck nie entzogen.“

Der Tentakelbart, während der ersten paar Seiten in immer größere Bewegung, bis er einem Schlangennest glich, hängt inzwischen schlaff herab. Hätte Cthulhu Augenlider, würden sie jetzt wohl langsam zufallen. Hat er aber nicht. Stattdessen beginnt er, ungeduldig mit den Flügeln zu schlagen.

"Was soll das ganze Gerede über Zahlen?"

"Keine Ahnung. Der Spengler war ja Mathematiker. Da fand er Zahlen wohl irgendwie wichtig."

Die Tentakel zucken spöttisch. „Du kennst nicht viele Mathematiker, oder? Nein, ist mir eigentlich völlig egal.“, fährt er fort, ehe ich antworten kann, "Aber dieser Mathematiker hier, der geht mir auf die Nerven. Wann kommt er denn endlich zum Punkt?"

"Was denn für einen Punkt?"

"Na, zum Untergang. Dafür habe ich das Buch schließlich gekauft."

"Also, gekauft habe ja wohl immer noch ich es."

Einige der Tentakel krümmen sich zu kleinen Buckeln, die anderen tätscheln leicht auf den Buckeln herum. Wenn Cthulhus Wesen das hergäbe, könnte man das für so etwas wie Mitleid halten. In Wahrheit ist es wohl eher eine Art Herablassung; wie Mitleid eben, nur ohne die Empathie. "Du hast es bezahlt. Das ist ein großer Unterschied."

"Ich habe es auch den ganzen Weg nach Hause geschleppt.", protestiere ich. Cthulhu erwidert nichts. Ich merke auch so, dass das die Sache nicht besser gemacht hat.

"Also, wann geht's los? Und wie stellt er sich die Sache überhaupt vor?" Es kommt wieder etwas Spannung in den Tentakelbart. "Flutwellen? Erdbeben? Feuersbrünste? Wassermangel? Hungersnöte? Ein Asteroid? Kriege? Seuchen?"

"Du hast doch offenbar genug eigene Ideen", sage ich. "Warum dann das Buch?"

"Ein bisschen Inspiration kann ja nie schaden. Jetzt blätter' mal das langweilige Zeug weg, bis es spannend wird!"

Ich schaue ins Inhaltsverzeichnis und lese ein paar Seiten kursorisch. Nach einer Weile sage ich:

„Also, wenn ich es richtig sehe, meint Spengler, Kulturen seien so etwas ähnliches wie Lebewesen – sie werden geboren, werden erwachsen, werden alt – und irgendwann sterben sie eben, und es kommt eine neue. So ist es eben auch mit der „westeuropäisch-amerikanischen“. Und da die schon recht alt ist, hat sie eben nicht mehr lange. Ganz ohne spektakuläre Katastrophen...“

Cthulhu knurrt. Er schlägt eine Klaue in das Buch und reißt einen tiefen Spalt durch die nächsten 300 Seiten. "Was ist denn das für ein Scheiß? Ich soll also einfach warten, bis das Abendland an Altersschwäche stirbt? Wo bleibt denn da der Spaß?"

"Ich hätte da vielleicht noch was." Ich greife hinter meine Rücken und hole die große Roland-Emmerich-Box hervor, die ich heimlich an einem Stand mit DVDs gekauft habe, während Cthulhu am Spielzeugstand daneben vergeblich versucht hatte, mit einem fernlenkbaren Godzilla-Roboter ins Gespräch zu kommen. Auf dem Cover sieht man die europäische Kontinentalplatte in Schräglage, wie sie gerade im Ozean versinkt.

Sofort beginnen die roten Augen zu leuchten.

Das wird eine lange Nacht...

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 25.12.2023, 17:01

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jondoy
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Beitragvon jondoy » 29.04.2024, 23:05

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Hallo Merlin,

auch wenn Weihnachten im Kettenkarusell grad drüben auf der anderen Seite sitzt,

nachdem bislang noch niemand etwas zu deiner fünfzehnbändigen Enzyklopädie über die CthulHu-Croniken geschrieben hat
(ein Werk, das später vielleicht ähnlich berühmt wird wie jener ergraute Roman eines gewissen R.R. Tolkien, der mir mit jenem tolkiehnen Satz einer avalonesischen Sagengestalt wie Merlin namens Gandalf positiv in Erinnerung bleibt, die Hoffnung steigt im Osten im Morgengrauen aus ihrem Totenreich auf entgegen jeder Wahrscheinlichkeit und jeder Vernunft) und die Bäume in dieser Fabel natürlich, solange es Bäume gibt, gibt es Menschen, unsere Lichtgestalten, die Bäume, nicht die Menschen, möchte ich reichlich spät die Gelegenheit ergreifen, dein Werk, dass du uns geschenkt hast zu würdigen.

Ich will keineswegs verheimlichen, dass ich dein Werk nicht durchgelesen habe, aber ich bin mir sicher, dass ich in jeder Folge Gedankengänge finden würde, die es wert wären, gelesen zu werden, weil sie vor Einfällen sprühen, was du schreibst, hat Hand und Spirit, und so würdige ich lediglich deine letzten drei Zeilen dieser zwölften Fortsetzung deines Werks.

Man sieht die europäische Kontinentalplatte, wie sie gerade im Ozean versinkt,
dieser Gedanke ist manchen Europäern vielleicht suspekt, aber da mir dank den verworrrenen Gängen der Liebe mit ihren abartigen Perspektivenwechseln ein wenig seismografische Empathie für das Empfinden von Wesen auf bis dahin mir noch fremder als fremd auf einem fernen erscheinenden Planeten wie Japan in den Schoss gefallen ist, weiss ich, obleich ist fast nichts bis wenig weiss, ein bischen wahrer, wovon diese Zeilen sprechen, und sofort beginnen die roten Augen zu leuchten, wie in diesem fünfzehnbändigen Werk, obleich ich nicht weiss, worüber die Chroniken von CthluHu-Chroniken berichten, dieses Geheimnis ist jedoch lüftbar wie das Fallen des Frühlings in den Eiswind vor Übermut und dessen Aufwachen als Sommer.

....in den Fortsetzungen 13 bis 15 wird vom Leben des Abendlandes nach seinem Untergang berichtet....dieses Geschöpf allein schon trägt in sich eine gewisse Selbstironie.....

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 12.05.2024, 17:30

Hallo Jondoy,
danke für deinen Kommentar. Ich will keinesfalls verheimlichen, dass ich ihn nicht durchgelesen habe, daher würdige ich lediglich das im vorletzten Absatz auftretende Wort "Japan":

https://images-cdn.9gag.com/photo/a8E57e3_700b.jpg

jondoy
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Beitragvon jondoy » 13.05.2024, 21:31

Hallo Merlin,

hab geträumt...zuvor noch die Verfilmung des Stoffes abwarten und darauf vertrauen, dass du hinterher als bekannter Autor weiterhin ein Herz für so kleine 37 grad betty blue salons wie den hier hast in dem du einst als junger Mensch die ersten Episoden jenes Romans über die Chroniken veröffentlichst hast, und hier drin etwas über seine entstehungsgeschichte erzählst, vielleicht annekdoten, wie so einzelne ideen zu diesem stoff entstanden sind, ob es echte oder echt erlogene Parallellen mit der Wirklichkeit gibt, Sprachideen, die sämtliche von den auf diesem planeten stationierten algorechenmonster gestohlenen Erkenntnisse nicht beinhalten, und die Energiefresser speicherlos aussehen lassen

Nein, als Neinpaner fällt es mir nicht in den Schoß.
Blüten fang ich lieber mit der Hand. Romanwelten auch.
Deiner da ist vielleicht der längste Text, dem ich jemals im Blauen Salon begegnet bin.
Danke für deine Zeilen.
Uno Cafe coretto, per favoure.
Due, wenn du magst.


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