Dichter Nebel ist aufgezogen. Ohne Licht ist die Straße kaum noch erkennbar. Ich halte an, und steige ab, um die Fahrradleuchten anzuknipsen.
Mein Blick fällt auf den Gepäckträger. Darauf steht eine große graue Styroporbox. Alsich sie öffne, schlagen mir warme Luft und Essensgeruch entgegen. Allzu lange kann die hier noch nicht liegen, denke ich. Obenauf liegt ein Pizzakarton mit der Aufschrift "Waldmann, Kanzleistraße 34b." Ich schließe die Box. Dann radele ich los.
"Was soll das?!", beschwert sich Cthulhu. "Das ist die falsche Richtung. Zum Meer geht's da lang." Ein Tentakel zeigt unter der Decke hervor nach rechts.
"Ist mir bekannt," gebe ich zurück. "Aber wir liefern jetzt erst mal die Pizzen aus. Ich kann es nicht haben wenn Essen umkommt."
"Ach was?", höre ich in meinem Kopf. "Komisch. Ich kann es nicht haben, wenn mein Essen nicht umkommt. Das passiert mir manchmal, wenn ich zu schnell schlucke. Ich kriege davon Schluckauf."
Außerdem, denke ich, haben sie beim Pizza-Dienst sicherlich eine Liste der heutigen Bestellungen. Und wenn die Suche nach dem Pizzaboten losgeht, sollte die letzte erfolgte Lieferung nicht gerade meine Adresse sein.
Kurz darauf stelle ich das Rad neben einer Laterne ab. Nummer 34b hat einen Vorgarten mit einer Hecke, einem Gartentor ohne Klingel sowie einem Dobermann, der plötzlich aus dem Nebel auftaucht und wild knurrend und kläffend auf mich zurast. Ich drehe mich um.
"Sag mal, Cth," frage ich.
"Ja?"
"Magst Du Hunde?"
Ehe Cthulhu antworten kann, erscheint eine weiterer Schemen im Nebel. Menschlich, diesmal. "Aus, Toto." ruft er, dann, an mich gewandt: "Was wollen Sie?"
"Bin ich hier richtig bei Waldmann?" Ich öffne die Box. "Ich habe hier eine große Pizza Diavolo für Sie."
"Das hat aber verdammt lange gedauert!" Der Schemen reißt mir den Karton fast aus der Hand. "Fast eine Stunde!"
"Ja, die ... Küche ist gerade ...," >ein Schlachtfeld<, will ich sagen, schlucke das aber noch im letzten Moment herunter, "...überlastet, wir haben sehr viele Bestellungen!"
"Seien sie in Zukunft vorsichtiger," sagt der Schemen. "Ich habe jetzt so einen Hunger, ich könnte glatt Sie essen!"
"Haha," sage ich.
"Hinten anstellen," sagt Cthulhu.
Der Schemen dreht sich um und verschwindet im Nebel. Sofort geht das Gekläffe wieder los. Kein Wunder, denke ich mir, dass der Kerl keine Klingel hat. Wozu auch?
Als ich wieder aufs Rad steige, schaue ich mir die Zettel an der Laterne genauer an. Vermisst werden die Hunde Bolli, Cäsar, Fafnir, Godot, Mucke und Pack, außerdem ein gutes Dutzend Katzen, vier Kaninchen, zwei Schildkröten und einige Wellensittiche. Die Frage hätte sich also auch geklärt.
Bei der nächsten Adresse schwingt die Haustür in dem Moment auf, in dem mein Finger den Klingelknopf berührt. Dahinter steht, kerzengerade und völlig reglos, ein Mann in Boxershorts und Unterhemd, unter dem sich die Rippen abzeichnen. Wenn seine Augen überhaupt etwas fokussieren, muss es einige Meter hinter mir liegen. Seine Pupillen sind unbewegt. Er blinzelt nicht einmal.
"Sind Sie Herr ...," ich schaue auf den Karton, "Kurt Ultist?"
"Iä," tönt es mechanisch aus seiner Richtung. Sein Mund ist dabei definitiv unbewegt geblieben.
"Eine Familienpizza >Frutti di Mare<?" Der Flur hinter ihm ist dunkel. Aus der Wohnung weht mir kalte Luft entgegen. Kein Laut ist zu hören. Ich glaube nicht, dass sich außer ihm noch jemand darin befindet.
"Iä."
Er macht keine Anstalten, mir den Karton abzunehmen.
"Äh... dann stelle ich die Pizza einfach hier auf den Boden, ja?"
"Iä."
Mir ist nicht ganz wohl in meiner Haut, als ich mich bücke und den Karton ablege. Zum Glück, denke ich, sind die großen Alten für heute Abend jedenfalls satt. Ich stehe wieder auf und schiebe den Karton mit dem Fuß weiter in die Wohnung hinein. Der Mann rührt sich nicht.
"Sagen Sie, Sie stehen nicht zufällig gerade unter der Gedankenkontrolle eines tentakelbewerten Monsters?"
"Nä."
Ich bemerke, dass die Antwort diesmal eine Spur länger gedauert hat.
"Dann ist ja gut," sage ich. Schönen Abend noch!" Damit schließe ich die Tür. Erst dann drehe ich mich um und gehe zum Rad zurück.
"Das mit den neuen Kultisten geht voran, was?"
"Iä," kommt es aus dem Korb.
Die letzte Lieferanschrift gehört zu einem Haus mit einem großen, verwilderten Garten. Auf mein Klingeln hin geschieht eine Weile nichts; dann höre ich ein Miauen. Schritte. Eine Türkette wird vorgelegt. Dann öffnet sich die Tür einen Spalt weit.
"Pizza Flitzer," sage ich. "Hatten Sie Pizza Verdura bestellt?"
"Keine Ahnung." Die Stimme scheint einer Frau zwischen 40 und 50 zu gehören. "Ich bin gerade total zugekifft. An alles, was länger als eine halbe Stunde her ist, kann ich mich nicht erinnern."
Ich versuche es anders. "Sind Sie denn Frau Evkers?"
"Glaube schon." Pause. "Aber wer sind Sie? Ihre Stimme klingt anders als sonst." Wieder eine Pause. Vermutlich schaut sie gerade durch den Türspion. "Sie sehen auch anders aus."
"Ja, der Kollege hat Urlaub. Daher habe ich seine Tour heute übernommen."
"Der ist doch erst letzte Woche aus dem Urlaub zurück gekommen."
"Ja, es... ging ihm nicht gut. Da hat er sich den Tag freigenommen."
Ich halte den Pizzakarton vor den Türspion. Keine Reaktion.
"Bei meiner Bestellung habe ich aber noch mit ihm telefoniert. Ich habe seine Stimme genau erkannt."
"Klar," sage ich, "er hat den Telefondienst übernommen. Dafür war er fit genug."
"Von Zuhause aus?"
"Genau." Damit wäre das wohl geklärt, denke ich. Wieder halte ich die Pizza hoch. Wieder keine Reaktion.
"Wie darf ich mir das vorstellen? Der sitzt krank Zuhause, kriegt Bestellanrufe und dann? Ruft er dann in der Zentrale an und gibt die telefonischen Bestellungen telefonisch weiter?"
"Nein, natürlich nicht! Das geht per Internet!"
"Er hat mir aber gestern noch erzählt, dass das Internet bei ihm Zuhause seit seinem Urlaub nicht mehr geht."
Ich schaue auf die Uhr. Mist, denke ich. Das waren jetzt vier Minuten. Wenn das Gespräch noch 26 Minuten weiter geht, wird sie sich an mich erinnern. Ich beschließe, meine Strategie zu wechseln.
"OK," sage ich, "Sie haben mich erwischt. In meiner Wohnung hat eine Abendgesellschaft unaussprechlicher Gottheiten stattgefunden, die zum Nachtisch Pizza bestellt und den Boten gegessen habe. Ich trage jetzt die verbliebenen Pizzen aus, um die Spuren zu verwischen."
Pause. Die Tür geht auf. Vor mir steht eine Frau mit langen, grauen Locken in einem weißen Leinenkleid. Sie hält einen 20€-Schein in der Hand und schaut mir unangenehm lange eindringlich in die Augen.
"Ich glaube Ihnen," sagt Sie schließlich, steckt den 20€-Schein weg und hält mir stattdessen 5€ hin. "Dann ist das Geld für die Pizza bei Ihnen ja an der falschen Adresse. Aber Trinkgeld fürs Herbringen haben Sie sich verdient." Dann nimmt sie mir den Pizzakarton ab.
"Es gibt doch noch ehrliche Menschen auf der Welt," höre ich sie noch murmeln, während sie die Tür wieder schließt.
Ich stehe noch einige Minuten verwundert vor dem Haus. Erstaunlich, denke ich. Das hat wirklich funktioniert.
"So, Cth," sage ich schließlich. "Jetzt fahren wir zum Meer."
Eine halbe Stunde später schauen wir zu, wie das Fahrrad im Wasser versinkt.Zusammen mit einer Tüte mit blutigen Putzlappen und etwas, was Cthulhu als >Küchenabfälle< bezeichnet. Dann laufen wir die Hafenpromenade entlang nach Hause. Das heißt: Ich laufe, während Cthulhu auf meinen Schultern reitet. Der Nebel ist weiterhin dicht genug, dass das bei den wenigen Passanten, denen wir begegnen, nicht zu seltsamen Blicken führt. Oder zumindest so dicht, dass ich sie nicht bemerke.
"Sag mal," frage ich, "was war das da eigentlich für ein Zeug in der Spüle?"
"Ach das. Hasi hatte Shogi mitgebracht."
"Du meinst >Schoki<?", frage ich, "wie in >Schokolade<?"
"Nein. Ich meine >Shogi<. Wie in >Shoggothe<."
Ich krame in meinem Gedächtnis. "Sind das diese formwandelnden Plasmahaufen, die ihr beim Bau von R'lyeh als Hilfsarbeiter eingesetzt habt?"
"Genau die. Das ist bei uns so eine Tradition: Einen Teil isst man, den Rest gibt man weiter und füttert ihn, bis er groß genug für die nächste Party ist."
"Verstehe. Wie bei uns früher der Hefeteig Hermann."
Cthulhu schaut mich verständnis los an. "Naja, jedenfall ist Gat echt heiß auf Shogi. Kaum hatte er ihn gesehen, hatte er auch schon die Hälfte verputzt."
"Aha. Und die andere ist jetzt bei uns?"
"Nein. Die andere Hälfte hat Hasi wieder mitgekommen, nachdem die erste Gat nicht bekommen ist."
Ich bleibe abrupt stehen. "Heißt das, ich habe vorhin mein Geschirr in einem erbrochenen Shoggothen eingeweicht?"
"Ach, halb so schlimm. Der war ja nur ganz kurz drin. Der wird schon wieder. Und dann ist das Geschirr im Nu blitzblank sauber. Shogis haben ständig Appetit auf fast alles, die entfernen selbst hartnäckige Speisereste zuverlässig. Ich denke, wir behalten ihn als Haushaltshilfe."
Zwei von der Sorte machen die Sache jetzt nicht unbedingt besser, denke ich. Andererseits wollte ich schon als Kind immer schon ein Haustier haben.
Der Cthulhu-Zyklus, Episode 6.2: Botendienste
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