Hanita Zwetschge
Verfasst: 02.09.2012, 16:00
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Wir sitzen auf einer Holzbank vor einem Backsteinhaus. Ihr Elternhaus. Wie zwei Alte aus einem Dorf, wo das Wort Altersheim noch keine Bedeutung hat.
"Danke, dass du immer daran denkst, mich zu besuchen."
"Reiner Eigennutz", antworte ich, weil ihre Tonlage melancholisch ist. Ich schaue mir die Hauswand an. Tonfarbene Steine, hier und da fehlt ein Stück der Fuge, ein nachträglich zugemauertes Fenster. Der bogenförmige Sturz aus hochkant gesetzten Steinen wurde einfach belassen. Genauso wie damals. Selbst Wespen schwirren noch um die Fugenlöcher und krabbeln manchmal in eines rein. Schon als Kind hatte ich mir vorgestellt, die Wand neu zu verfugen.
"Es hat sich nichts verändert."
"Doch, es verfällt langsam. Drüben in der Scheune ist ein riesiges Loch im Dach."
"Ein Loch ist im Eimer, im Eimer ein Loch!"
Sie lacht nicht, schaut zu Boden.
"Mien Dirn, Muddern bruckt ähr Meddizin!", ruft von drinnen ihr Vater. Sie springt sofort auf und geht eilig hinein.
Ich schaue zur Scheune, Eichenfachwerk, das Holz des Scheunentores ist unten ausgefressen, notdürftig wurde ein Brett drübergenagelt, vermutlich Ines, das Dach ist teilweise aus Reet, einige Löcher wurden mit Blechplatten geflickt, die auch schon wieder verrostet sind. Ich pule abgeblätterte Farbe von der Bank zwischen meinen Beinen. Dann streiche ich mit einem ausgerissenen Grashalm auf dem Boden entlang, versuche eine schwarzweiße Katze anzulocken.
Ines kommt wieder heraus und pustet sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Sie ist scheu."
Weißblond waren Ines und ich im Sommer, wenn die Gäste da waren. Viele hielten uns für Geschwister. Sie scheint erschöpft, vielleicht hängen die Schultern etwas oder es fehlt Körperspannung ganz allgemein, oder sind es die Krähenfüße an ihren Augen, die ich so bei ihr noch nie gesehen habe? Wirke ich genauso alt auf andere?
"Was ist denn mit deinen Eltern?"
"Sie sind beide bettlägerig geworden."
"Und du pflegst sie ganz allein?"
"Das ist schließlich mein Job. Ich kann doch nicht als Altenpflegerin durch die Gegend fahren und meine Eltern nicht pflegen. Zum Glück teile ich meine Touren selbst ein, dann geht das. Noch."
Ich nicke.
"Und kommt immer noch abends kein Jonny Depp nach Hause?"
Sie macht eine Pause, dann sagt sie süffisant, als wolle sie eine Schwere wegpusten wie ihre Haarsträhne:
"Ich bekomme jeden Tag Heiratsanträge von reifen Gentlemen!"
Ich lache.
"Und du, bist du immer noch mit dieser ..."
Ich schneide ihr mit meinem "Ja" das Wort ab.
Wir schweigen.
"Ich hole uns mal was", sagt sie und geht ins Haus, um mit einer Flasche Selbstgebranntem (Hanita Zwetschge) und zwei kleinen Gläschen zurückzukommen. Die Haut auf ihren Handrücken ist faltig, hier und da ein Altersfleck. Oder Muttermale?
Ich schaue instinktiv zum Volvo.
"Ach komm", sagt sie, als sie meinen Blick bemerkt und füllt die Gläser.
Nach dem sechsten wird meine Nase taub und wir lachen viel, obwohl wir uns die alten Geschichten jedes Jahr erzählen.
"Heidedusel", sage ich und sie kichert wie ein Mädchen, das die Bravo liest.
"Ich muss mich mal bewegen. Komm, lass uns die Scheune anschauen."
Wir gehen untergehakt wie ein altes Ehepaar hinüber. Ich bohre einen Finger in eine große Masche ihrer Angorawolljacke. Wenn ich betrunken bin, werde ich zu einem großen Visionär: "Das Tor richte ich, das werden überdimensionale Fensterläden für die Glasfront, sieh dir die tollen Beschläge an. Das Reetdach machen wir neu mit zwei großen Gauben. Gibt es etwas Schöneres, als der geschwungene Dachübergang zu einer Reetdachgaube? Hinten zu den Feldern hin setzen wir einen Holzbalkon an, ist doch Osten, oder? Morgens kitzelt uns die Sonne wach, wir gehen auf den Balkon und juchzen über die Mohnblumen am Feldrand. Den Räucherofen belassen wir äußerlich wie er ist und bauen ihn um zu einem Kamin, die Decke legen wir am vorderen Stück frei, lasieren die Balken weiß, mit Empore vor dem Schlafzimmer."
Ines wirkt, als erkenne sie die Scheune kaum wieder und als sei die Umbaumaßnahme gerade im vollen Gange. Nun blicken wir durch das große Loch in den Himmel. Es ist dunkel geworden. Keine Sterne und kein Mond zu sehen, nur Schwärze. Sie zieht mich zu sich und küsst mich. Ihre Lippen fühlen sich jung an.
Dann schiebt sie mich sachte weg.
Ich gehe die drei Kilometer zu Fuß zurück zur Pension.
Am nächsten Tag hole ich mein Auto. Als ich die Wagentür öffne, stelle ich mir vor, sie würde mich aus dem Küchenfenster beobachten.
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Wir sitzen auf einer Holzbank vor einem roten Backsteinhaus. Ihr Elternhaus. Wie zwei Alte aus einem Dorf, in dem das Wort Altersheim noch keine Bedeutung hat.
"Danke, dass du immer daran denkst, mich zu besuchen."
"Reiner Eigennutz", antworte ich grinsend, weil ihre Tonlage melancholisch ist. Ich schaue mir die Hauswand an. Tonfarbene Steine, hier und da fehlt ein Stück der Fuge, ein nachträglich zugemauertes Fenster mit etwas anderen Steinen, der bogenförmige Sturz, gemauert aus hochkant gesetzten Steinen, wurde einfach belassen. Noch genauso wie damals. Selbst die Wespen schwirren noch um die Fugenlöcher und krabbeln manchmal in eines rein. Schon als Kind hatte ich mir vorgestellt, die Wand neu zu verfugen.
"Es hat sich nichts verändert."
"Doch, es verfällt langsam. Drüben in der Scheune ist ein riesiges Loch im Dach."
"Ein Loch ist im Eimer, im Eimer ein Loch!"
Sie lacht nicht.
"Mien Dirn, Muddern bruckt ähr Meddizin!", ruft von drinnen ihr Vater. Sie springt sofort auf und läuft schnellen Schrittes hinein.
Ich schaue zur Scheune, Eichenfachwerk, das Holz des Scheunentores ist unten ausgefressen, notdürftig wurde ein Brett drübergenagelt, vermutlich Ines, das Dach ist teilweise aus Reet, einige Löcher wurden mit Blechplatten geflickt, die auch schon wieder verrostet sind. Ich pule abgeblätterte Farbe von der Bank zwischen meinen Beinen. Dann streiche ich mit einem ausgerissenen Grashalm auf dem Boden entlang, versuche eine schwarzweiße Katze anzulocken.
Ines kommt wieder heraus und pustet sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Sie ist scheu."
Weißblond war Ines, wie ich, viele hielten uns für Geschwister. Sie wirkt erschöpft. Ich schäme mich für meine gedankliche Frage, ob ich genauso alt aussehe.
"Wie geht es denn deinen Eltern?"
"Sie sind beide bettlägerig."
"Und du pflegst sie ganz allein?"
"Das ist schließlich mein Job. Ich kann doch nicht als Altenpflegerin durch die Gegend fahren und meine Eltern nicht pflegen"
Ich nicke.
"Und kommt immer noch abends kein Jonny Depp nach Hause?"
Sie macht eine Pause, dann sagt sie lächelnd:
"Ich bekomme jeden Tag Heiratsanträge von reifen Gentlemen!"
Ich lache.
"Und du, bist du immer noch mit dieser ..."
Ich schneide ihr mit meinem "Ja" das Wort ab.
Wir schweigen.
"Ich hole uns mal was", sagt sie und geht ins Haus, um mit einer Flasche Selbstgebranntem (Hanita Zwetschge) und zwei kleinen Gläschen zurückzukommen. Die Haut auf ihren Handrücken ist faltig, hier und da ein Altersfleck. Oder Muttermale?
Ich schaue instinktiv zum Volvo.
"Ach komm", sagt sie, als sie meinen Blick bemerkt und füllt die Gläser.
Nach dem dritten wird meine Nase taub und wir lachen viel, obwohl wir uns die alten Geschichten jedes Jahr erzählen.
"Heidedusel, ich bin betrunken", sage ich und sie kichert wie ein Mädchen, das die Bravo liest.
Ich verspüre das Bedürfnis, mich zu bewegen.
"Komm, lass uns mal die Scheune anschauen"
Wir gegen untergehakt wie ein altes Ehepaar hinüber. Ich bohre einen Finger in eine große Masche ihrer Angorawolljacke. Wenn ich betrunken bin, fühle ich mich wie ein großer Visionär: "Das Tor richte ich, das werden überdimensionale Fensterläden für die Glasfront, sieh dir die tollen Beschläge an. Das Reetdach machen wir neu mit zwei großen Gauben. Gibt es etwas Schöneres, als der geschwungene Dachübergang zu einer Reetdachgaube? Hinten zu den Feldern hin setzen wir einen Holzbalkon an, ist doch Osten, oder? Morgens kitzelt uns die Sonne wach, wir gehen auf den Balkon und juchzen über die Mohnblumen am Feldrand. Den Räucherofen belassen wir äußerlich wie er ist und bauen ihn um zu einem Kamin, die Decke legen wir am vorderen Stück frei, lasieren die Balken weiß, mit Empore vor dem Schlafzimmer."
Sie lächelt. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Wir blicken durch das große Loch in den Himmel. Keine Sterne zu sehen, nur Schwärze. Sie zieht mich zu sich und küsst mich. Ihre Lippen fühlen sich jung an. Abrupt stößt sie mich weg.
"Verschwinde und komm nie wieder".
Ich gehe die drei Kilometer zu Fuß zurück zur Pension.
Am nächsten Tag hole ich mein Auto. Als ich die Wagentür öffne, stelle ich mir vor, sie würde mich aus dem Küchenfenster beobachten.
Änderungen:
Ama Anmerkungen[/tabs]
Wir sitzen auf einer Holzbank vor einem Backsteinhaus. Ihr Elternhaus. Wie zwei Alte aus einem Dorf, wo das Wort Altersheim noch keine Bedeutung hat.
"Danke, dass du immer daran denkst, mich zu besuchen."
"Reiner Eigennutz", antworte ich, weil ihre Tonlage melancholisch ist. Ich schaue mir die Hauswand an. Tonfarbene Steine, hier und da fehlt ein Stück der Fuge, ein nachträglich zugemauertes Fenster. Der bogenförmige Sturz aus hochkant gesetzten Steinen wurde einfach belassen. Genauso wie damals. Selbst Wespen schwirren noch um die Fugenlöcher und krabbeln manchmal in eines rein. Schon als Kind hatte ich mir vorgestellt, die Wand neu zu verfugen.
"Es hat sich nichts verändert."
"Doch, es verfällt langsam. Drüben in der Scheune ist ein riesiges Loch im Dach."
"Ein Loch ist im Eimer, im Eimer ein Loch!"
Sie lacht nicht, schaut zu Boden.
"Mien Dirn, Muddern bruckt ähr Meddizin!", ruft von drinnen ihr Vater. Sie springt sofort auf und geht eilig hinein.
Ich schaue zur Scheune, Eichenfachwerk, das Holz des Scheunentores ist unten ausgefressen, notdürftig wurde ein Brett drübergenagelt, vermutlich Ines, das Dach ist teilweise aus Reet, einige Löcher wurden mit Blechplatten geflickt, die auch schon wieder verrostet sind. Ich pule abgeblätterte Farbe von der Bank zwischen meinen Beinen. Dann streiche ich mit einem ausgerissenen Grashalm auf dem Boden entlang, versuche eine schwarzweiße Katze anzulocken.
Ines kommt wieder heraus und pustet sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Sie ist scheu."
Weißblond waren Ines und ich im Sommer, wenn die Gäste da waren. Viele hielten uns für Geschwister. Sie scheint erschöpft, vielleicht hängen die Schultern etwas oder es fehlt Körperspannung ganz allgemein, oder sind es die Krähenfüße an ihren Augen, die ich so bei ihr noch nie gesehen habe? Wirke ich genauso alt auf andere?
"Was ist denn mit deinen Eltern?"
"Sie sind beide bettlägerig geworden."
"Und du pflegst sie ganz allein?"
"Das ist schließlich mein Job. Ich kann doch nicht als Altenpflegerin durch die Gegend fahren und meine Eltern nicht pflegen. Zum Glück teile ich meine Touren selbst ein, dann geht das. Noch."
Ich nicke.
"Und kommt immer noch abends kein Jonny Depp nach Hause?"
Sie macht eine Pause, dann sagt sie süffisant, als wolle sie eine Schwere wegpusten wie ihre Haarsträhne:
"Ich bekomme jeden Tag Heiratsanträge von reifen Gentlemen!"
Ich lache.
"Und du, bist du immer noch mit dieser ..."
Ich schneide ihr mit meinem "Ja" das Wort ab.
Wir schweigen.
"Ich hole uns mal was", sagt sie und geht ins Haus, um mit einer Flasche Selbstgebranntem (Hanita Zwetschge) und zwei kleinen Gläschen zurückzukommen. Die Haut auf ihren Handrücken ist faltig, hier und da ein Altersfleck. Oder Muttermale?
Ich schaue instinktiv zum Volvo.
"Ach komm", sagt sie, als sie meinen Blick bemerkt und füllt die Gläser.
Nach dem sechsten wird meine Nase taub und wir lachen viel, obwohl wir uns die alten Geschichten jedes Jahr erzählen.
"Heidedusel", sage ich und sie kichert wie ein Mädchen, das die Bravo liest.
"Ich muss mich mal bewegen. Komm, lass uns die Scheune anschauen."
Wir gehen untergehakt wie ein altes Ehepaar hinüber. Ich bohre einen Finger in eine große Masche ihrer Angorawolljacke. Wenn ich betrunken bin, werde ich zu einem großen Visionär: "Das Tor richte ich, das werden überdimensionale Fensterläden für die Glasfront, sieh dir die tollen Beschläge an. Das Reetdach machen wir neu mit zwei großen Gauben. Gibt es etwas Schöneres, als der geschwungene Dachübergang zu einer Reetdachgaube? Hinten zu den Feldern hin setzen wir einen Holzbalkon an, ist doch Osten, oder? Morgens kitzelt uns die Sonne wach, wir gehen auf den Balkon und juchzen über die Mohnblumen am Feldrand. Den Räucherofen belassen wir äußerlich wie er ist und bauen ihn um zu einem Kamin, die Decke legen wir am vorderen Stück frei, lasieren die Balken weiß, mit Empore vor dem Schlafzimmer."
Ines wirkt, als erkenne sie die Scheune kaum wieder und als sei die Umbaumaßnahme gerade im vollen Gange. Nun blicken wir durch das große Loch in den Himmel. Es ist dunkel geworden. Keine Sterne und kein Mond zu sehen, nur Schwärze. Sie zieht mich zu sich und küsst mich. Ihre Lippen fühlen sich jung an.
Dann schiebt sie mich sachte weg.
Ich gehe die drei Kilometer zu Fuß zurück zur Pension.
Am nächsten Tag hole ich mein Auto. Als ich die Wagentür öffne, stelle ich mir vor, sie würde mich aus dem Küchenfenster beobachten.
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Wir sitzen auf einer Holzbank vor einem roten Backsteinhaus. Ihr Elternhaus. Wie zwei Alte aus einem Dorf, in dem das Wort Altersheim noch keine Bedeutung hat.
"Danke, dass du immer daran denkst, mich zu besuchen."
"Reiner Eigennutz", antworte ich grinsend, weil ihre Tonlage melancholisch ist. Ich schaue mir die Hauswand an. Tonfarbene Steine, hier und da fehlt ein Stück der Fuge, ein nachträglich zugemauertes Fenster mit etwas anderen Steinen, der bogenförmige Sturz, gemauert aus hochkant gesetzten Steinen, wurde einfach belassen. Noch genauso wie damals. Selbst die Wespen schwirren noch um die Fugenlöcher und krabbeln manchmal in eines rein. Schon als Kind hatte ich mir vorgestellt, die Wand neu zu verfugen.
"Es hat sich nichts verändert."
"Doch, es verfällt langsam. Drüben in der Scheune ist ein riesiges Loch im Dach."
"Ein Loch ist im Eimer, im Eimer ein Loch!"
Sie lacht nicht.
"Mien Dirn, Muddern bruckt ähr Meddizin!", ruft von drinnen ihr Vater. Sie springt sofort auf und läuft schnellen Schrittes hinein.
Ich schaue zur Scheune, Eichenfachwerk, das Holz des Scheunentores ist unten ausgefressen, notdürftig wurde ein Brett drübergenagelt, vermutlich Ines, das Dach ist teilweise aus Reet, einige Löcher wurden mit Blechplatten geflickt, die auch schon wieder verrostet sind. Ich pule abgeblätterte Farbe von der Bank zwischen meinen Beinen. Dann streiche ich mit einem ausgerissenen Grashalm auf dem Boden entlang, versuche eine schwarzweiße Katze anzulocken.
Ines kommt wieder heraus und pustet sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Sie ist scheu."
Weißblond war Ines, wie ich, viele hielten uns für Geschwister. Sie wirkt erschöpft. Ich schäme mich für meine gedankliche Frage, ob ich genauso alt aussehe.
"Wie geht es denn deinen Eltern?"
"Sie sind beide bettlägerig."
"Und du pflegst sie ganz allein?"
"Das ist schließlich mein Job. Ich kann doch nicht als Altenpflegerin durch die Gegend fahren und meine Eltern nicht pflegen"
Ich nicke.
"Und kommt immer noch abends kein Jonny Depp nach Hause?"
Sie macht eine Pause, dann sagt sie lächelnd:
"Ich bekomme jeden Tag Heiratsanträge von reifen Gentlemen!"
Ich lache.
"Und du, bist du immer noch mit dieser ..."
Ich schneide ihr mit meinem "Ja" das Wort ab.
Wir schweigen.
"Ich hole uns mal was", sagt sie und geht ins Haus, um mit einer Flasche Selbstgebranntem (Hanita Zwetschge) und zwei kleinen Gläschen zurückzukommen. Die Haut auf ihren Handrücken ist faltig, hier und da ein Altersfleck. Oder Muttermale?
Ich schaue instinktiv zum Volvo.
"Ach komm", sagt sie, als sie meinen Blick bemerkt und füllt die Gläser.
Nach dem dritten wird meine Nase taub und wir lachen viel, obwohl wir uns die alten Geschichten jedes Jahr erzählen.
"Heidedusel, ich bin betrunken", sage ich und sie kichert wie ein Mädchen, das die Bravo liest.
Ich verspüre das Bedürfnis, mich zu bewegen.
"Komm, lass uns mal die Scheune anschauen"
Wir gegen untergehakt wie ein altes Ehepaar hinüber. Ich bohre einen Finger in eine große Masche ihrer Angorawolljacke. Wenn ich betrunken bin, fühle ich mich wie ein großer Visionär: "Das Tor richte ich, das werden überdimensionale Fensterläden für die Glasfront, sieh dir die tollen Beschläge an. Das Reetdach machen wir neu mit zwei großen Gauben. Gibt es etwas Schöneres, als der geschwungene Dachübergang zu einer Reetdachgaube? Hinten zu den Feldern hin setzen wir einen Holzbalkon an, ist doch Osten, oder? Morgens kitzelt uns die Sonne wach, wir gehen auf den Balkon und juchzen über die Mohnblumen am Feldrand. Den Räucherofen belassen wir äußerlich wie er ist und bauen ihn um zu einem Kamin, die Decke legen wir am vorderen Stück frei, lasieren die Balken weiß, mit Empore vor dem Schlafzimmer."
Sie lächelt. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Wir blicken durch das große Loch in den Himmel. Keine Sterne zu sehen, nur Schwärze. Sie zieht mich zu sich und küsst mich. Ihre Lippen fühlen sich jung an. Abrupt stößt sie mich weg.
"Verschwinde und komm nie wieder".
Ich gehe die drei Kilometer zu Fuß zurück zur Pension.
Am nächsten Tag hole ich mein Auto. Als ich die Wagentür öffne, stelle ich mir vor, sie würde mich aus dem Küchenfenster beobachten.
Änderungen:
Ama Anmerkungen[/tabs]