Wir sind Sehnsucht: Roland Kaisers Tour durchs Immergleiche

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Klara
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Beitragvon Klara » 03.12.2018, 18:09

Wir sind Sehnsucht: Roland Kaisers Tour durchs Immergleiche

Leben ist zur Ideologie seiner eigenen Absenz geworden (Adorno)

Suchen ist überflüssig: Noch von der Bahn aus sehen wir den stadioneigenen Parkplatz für 2000 Autos. Vom S-Bahnhof Warschauer Straße aus folgen wir den Massen, mehr Frauen als Männern, 30- bis 70jährig. Wir wollen zu Roland, streben zur Berliner Mercedes-Benz-Arena. An den bombastischen Säulen auf dem Vorplatz laufen mit aufmerksamkeitsheischender Penetranz Werbefilme über Autos und demnächst auftretende Stars, lenken mich noch vor dem Konzert ab von meinen Sorgen, Freuden, Alltagssachen. Jede Säule zeigt gleichzeitig das gleiche Bewegtbild, wie ein Trailer dessen, was mich gleich im Stadion erwartet: Roland Kaiser wird immer dasselbe singen, immer mehr vom Gleichen, und bei jedem neuen Lied werde ich hoffen, dass es mich glücklich macht, oder wenigstens froh, erfüllt.

Draußen Ketten-Restaurants, Adventsglitzerkitsch. Am Glühweinstand schenkt man meinem Begleiter lauwarmen Punsch aus, der, wie der gesamte Abend, nicht halten wird, was er verspricht: Glut. Ohne Alk ist das nicht auszuhalten, prophezeit er mit der gebotenen Selbstironie des Akademikers dem Schlager gegenüber (immerhin hat uns niemand gezwungen, dabei zu sein). Sie ließe sich so gerne fallen. Doch ich halte mich an meine Nüchternheit, will meine fünf Sinne beisammen haben in diesem Tempel der Populärkultur, an dessen Gottheit ich nicht glaube, doch so gerne glauben will, wenigstens für einen Abend, die ständigen Gedanken an der Kasse abgeben, mich fallenlassen in ein Seindürfen, Teil sein dürfen. Es funktioniert nicht. Geist, Herz und Seele lassen sich nicht bescheißen: Ich werde nicht mitmachen können. Von 20 Uhr bis 23:30 Uhr werde ich mir selbst noch entfremdeter sein müssen als sonst, in jener schmerzvollen Klarheit vergeblicher Einsicht: Ich bin am falschen Ort. Fast überall.
Die Schlangen vor dem Einlass werden länger. Ordner scannen die Tickets, Röntgenstrahlen durchdringen die Kleider und Körper, Sicherheitskräfte werfen lustlose Blicke in Taschen.

Ein Bekannter hat mich mitgenommen, sein Nachbar wollte für 40 statt 60 Euro seine Karte loswerden, weil er krank geworden ist. 40 Euro! Was mich dabei geritten hat, weiß ich nicht: Neugier? Die Lust, ein Vorurteil bestätigen zu lassen? Welches? Oder doch, ganz banal, die Sehnsucht nach dem Wahren, Echten, Naturgewaltigen? Alles zusammen? Roland-Kaiser-Fan bin ich nicht, aber neugierig: Wie schafft es der gealterte Mann mit seinen immergleichen gealterten Liederwaren, so viele Leute ins Stadion zu ziehen? Es ist nicht ausverkauft, aber ziemlich voll. 17.000 passen hier rein. Laut Eigenwerbung ist die Halle „eine der erfolgreichsten Multifunktionsarenen der Welt“ mit rund 1,3 Millionen Gästen jährlich. Sport und Pop für die Scharen. Heute ist es Schlager, morgen Eishockey. Was zieht die Leute hierher? Was erwarten wir uns von diesem Abend? Was suchen wir hier? Nichts weniger als Glück, fürchte ich.

Im Augenblick verweilen… In die erste Etage führt eine Rolltreppe, danach darf, wer will, auch die eigene Körperkraft auf den vorgegebenen Bahnen benutzen. Toiletten und Garderoben sind weithin sichtbar ausgeschildert, alles ist zweckmäßig, beinahe steril: als warte das Gebäude darauf, baldmöglichst wieder verlassen zu werden. Wenn alles erledigt ist, das Pinkeln, das Trinken, das Knabbern, das Klatschen. Ein Verweilen hier ist rein funktional.

Unsere Plätze befinden sich ziemlich weit oben im Wunderland der Liebe – unten, vor der Bühne, kosten die Karten das Doppelte. Steile Treppen führen auf die Ränge, die mich schwindeln machen. Von hier oben wirkt die große Bühne mickrig. Unten sind nicht alle Plätze besetzt, aber eine Gruppe Hardcore-Fans in der ersten Reihe wird sich später gut für die Fernsehkamera machen, wenn die Ordner kurz vor den Zugaben ihre Stühle räumen und die mehr oder weniger kreischenden Frauen näher an ihr Idol heranlassen, auf dass sie seinen Blick erhaschen, die Illusion einer Kommunikation mit nach Hause nehmen. Dich zu lieben -

Fast pünktlich beginnt das EVENT. Ereignet sich. Roland Kaiser auf Tour beim Auftritt in Berlin, seiner Heimatstadt, wie er mehrfach mit professioneller Glaubwürdigkeit betont: Hier fing alles an. Er muss sagen, dass er sich freut, in der Stadt zu sein, er wird das auch später in Kiel, Stuttgart, Erfurt, Hamburg… leicht abgewandelt wiederholen, und doch glaubt man es ihm. Billige Lichteffekte vervielfältigen die Redundanz von Text und Musik: Feuerzungen flackern, wenn von Leidenschaft die Rede ist, Computerbefehle reihen beliebige Bildchen in wechselnden Farben aneinander, als sei am wichtigsten, dass immer irgendwas los ist, egal was, immer Bewegung, ohne dass etwas passiert. (Damit nichts passiert?) Uns kann jetzt überhaupt nichts mehr passieren. Vor und hinter der Bühne heben und senken sich quadratische Wände, scheinbar zwecklos. Das Gezappel und Gezucke von Licht und Ton lässt keine Lücke entstehen, kein Innehalten, keinen Bruch. Auf der Bühne hampelt ein Kameramann mit Gaffer herum, was ein wenig das elegante Bild stört, doch der Profi, Roland Kaiser im schnittigen Zweireiher, lässt sich nicht aus seiner steifen Ruhe bringen. Seit 44 Jahren tritt er auf, immer im selben Schema. Die gesamte Show ist durchgetaktet, auch die vier Zugaben, bei denen die erste lange herbei zu klatschen, zu verdienen sein, und die anderen drei großzügig nachgereicht werden, bevor wir die Arena frei machen für das nächste große Event, in langen Schlangen das Gebäude verlassend, eine hinter dem anderen, ohne einander zu fragen Wohin gehst du. Bis zu diesem Schluss werde ich mich fühlen wie ein Rädchen im Getriebe der Kulturindustrie: reine Funktion.

Die Gefühle sind frei. Nun sitze ich und kann nicht anders als mich zu fragen: Wie konnte es dazu kommen, und wie kommt es, dass wir, Menschen, Bürgerinnen und Bürger, Arbeiterinnen und Arbeiter, mit einer passiven Erwartung in ein Konzert gehen, als würden wir uns selbst an der Garderobe abgeben – und auch nach dem Konzert mit dem Mantel nicht wieder zurückerhalten, weil wir uns längst verloren haben? Wir kaufen eine teure Karte, gehen vorgegebene, ausgeschilderte Wege, trinken Massenware, verhalten uns wie Massenware, lassen uns etwas vormachen, erhoffen uns davon „einen schönen Abend“, oder wenigstens irgendein Gefühl, das über uns selbst hinausweist, über das, was uns umgibt, hemmt, blockiert. Wir erwarten Glück für 60 Euro, als würde das reichen, als müssten wir dazu nur unsererseits ein paar Erwartungen erfüllen (aufstehen, wenn alle aufstehen, auf 1 und 3 klatschen, Neonleuchten schwenken, den Refrain mitgrölen, jubeln, „Roland“ rufen etc.). Für 60 Euro und drei Stunden Zeit erkaufen wir die Unmöglichkeit der Erfüllung, des Mitwirkens, einer tatsächlichen (nicht vorgemachten) eigenen Empfindung. Wir erwerben das, was die Erfüllung der Sehnsucht nach Gestaltung und Empfindung, erst unerfüllbar macht. Der Kauf des Tickets besiegelt die Enttäuschung. Oder?

Warum hast du nicht nein gesagt? Ich sitze und höre, wie Roland Kaiser immer dasselbe erzählt. Ein Mann will eine Frau, die er nicht haben darf, ein Mann sehnt sich nach einer Berührung, die verboten ist, ein Mann erliegt der Ausstrahlung einer Frau, ein Mann ist verliebt in eine Frau, die ihn verlassen wird. Ein Mann liegt bei einer Frau, der er ergeben ist etc. ad infinitum. Totale Sehnsucht, Totale Hingabe, totale Leidenschaft. Totale Eindeutigkeit. Kein Raum für Zwischentöne. Die Begleitmusik zur totalen Eindeutigkeit ist die totale Erwartbarkeit. Jeder Akkord ist Illustration, jede Note vorhersehbar, jede scheinbare Exaltation gesteuerte Wiederholung. Nach der Pause ist die Lautstärke höher, treibt das Publikum, um vor der letzten Zugabe wieder gesenkt zu werden: Wir sind ferngesteuert. Nichts ist dem Zufall überlassen. Da wird nichts Neues, nichts Befremdendes, nichts Überraschendes zugemutet. Kein Wort fällt zu all dem, was dazwischen liegt, zwischen Männern und Frauen, zwischen Trauer und Glück, zwischen Loslassen und Festhalten: kein Zweifel, kein Fragen, nichts vom Leben. Obwohl er doch so viel zu erzählen hätte, der als Roland Keiler bei einer Pflegemutter aufgewachsene Junge, der durch eine Lungenerkrankung lebensbedrohlich erkrankte Mann. Wir hören nichts davon. Am Ende bleiben Tränen. Wir sehen einen Roboter auf der Bühne, dem am Ende Tränen der Rührung kommen, die vermutlich genauso berechnet sind wie alles andere. Als wäre alles Menschliche getilgt, als stünde da eine Schlagermaschine, die das Menschsein nur behauptet, ein Klon seiner selbst. Warum tut er sich das an?

Während ich darüber nachdenke, suche ich die Sehnsucht in mir, die die Lieder eigentlich erwecken müssten, denn dort hat sie ihren Sitz, in mir, lebt auch in all denen, die um mich herum sitzen, mit albernen rosaflackernden Kronen auf den Köpfen, während sie aus Roland-Kaiser-Plastikbechern miesen Rotwein trinken, sich gleichzeitig mit einem Lachen distanzieren und mitfiebern in einem Fieber, das gar keines ist, das reines Produkt ist, ein Imagefilm, der Emotion nur behauptet. Woanders verkauft Mercedes Autos, hier lässt die Firma Roland Kaiser Sehnsucht verkaufen, und die Liebe, die wenigstens für einen Abend lang siegt. Das Timbre in seiner Stimme verspricht sie uns, obwohl er erkältet klingt, nicht ganz bei Stimme zu sein scheint, verspricht uns eine totale Liebe, die es nicht gibt, nie geben wird, die wir aber einen Abend lang glauben sollen, damit die Kassen klingeln, damit wir nicht nachdenken, was die Alternative zu dieser toten Liebe wäre.

Ich glaub, es geht schon. Der kleine Mann auf der Bühne fällt in keiner Sekunde aus der Rolle, kontrolliert sind seine abgehackten Bewegungen, während die Mimik nur wenige Variationen zulässt, und wenn er gerade mal nicht singt, scheint er nicht zu wissen, was er machen soll, wie er stehen oder gehen, wie er gucken soll; dann zieht er sein Kinn nach vorne, als würde er eine Kampfangsage vorbereiten, drückt die Lippen für einen Moment zusammen – bis er den nächsten Ton singt und so tut, als wäre alles in Butter. Er singt Stücke, die er seit Jahrzehnten singt, immer dasselbe, immer auf dieselbe Art, und auf der aktuellen Tour tut er dies dann immer und immer wieder, vor austauschbarem Publikum auf austauschbaren Bühnen. Wie kann er das aushalten? Langweilt er sich nicht mit sich selbst?

Kein Problem: Roland Kaiser macht in diesem Falschen alles richtig, engagiert sich sozial, hat die deutsche Einheit und eine Lungentransplantation überstanden, tritt in Dresden auf, hat sich sogar gegen Pegida geäußert. Einer von den Guten. Macht einen guten Job, lässt sich nicht lumpen, der zweite Teil nach der Pause ist länger als der erste. Doch ich werde ungeduldig, will raus. Eine Einsamkeit kann nicht größer sein als in einer Menge von Menschen, die hitzig einem Event beiwohnen, das mich völlig kalt lässt. Mein Herz bleibt taub, meine Seele stumm, meine Haut glatt. Alles, was ich spüre, ist die Sehnsucht, etwas spüren zu können. Etwas Eigenes. Das mir nicht aufgedrückt wird. Die Musiker der Band geben alles, aber es ist immer mehr vom Gleichen. Eine Verschwendung: Die Band könnte so gute Musik machen! Die Halle tobt trotzdem. Empfinden sie das wirklich, oder täuschen sie es vor? Wie werden sie sich nachher fühlen, zuhause: Erfüllt? Oder betrogen? Was bringt sie, was bringt uns auf den Gedanken, das Glück sei hier zu finden? Was haben wir hier verloren, in der Mercedes-Benz-Arena, wie Paul Watzlawicks Betrunkener, der unter einer Straßenlaterne einen Schlüssel sucht und sucht, bis einer des Weges kommt und beim Suchen hilft, erfolglos, schließlich fragt, ob der Mann den Schlüssel denn wirklich an dieser Stelle verloren habe. Nein, antwortet der, nicht hier, weiter hinten, aber dort mag er nicht suchen, „dort ist es zu finster“.

Was soll schon geschehn?

Die kursiven Textstellen sind Liedzitate.
Zuletzt geändert von Klara am 06.12.2018, 07:51, insgesamt 1-mal geändert.

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 04.12.2018, 17:36

Vielleicht ist das alles eins von vielen Beispielen des Eskapismus? Ob Theater, Oper, Olympia, Karneval, Rock- oder Schlagerkonzert -- Menschen sehnen sich nach Eskapaden, wollen herausspringen aus dem üblichen Sumpf. Das jeweilige Sprungziel wird natürlich vom persönlichen Geschmack bestimmt, und vom Geldbeutel, wenn das Ziel überhaupt Geld abverlangt; Pfarrerauftritte, zum Beispiel, sind oft gratis.

Wobei der Sumpf nicht immer eine Metapher für Matsch sein muss; manchmal steht er für Sauberkeit, aus der man entkommen möchte.

Die Frage ist also: Welche Art von Fragen sollen wir stellen? Warum-Fragen? Wie-Fragen? Genehmigungsfragen? Bekämpfungsfragen? Wo-bin-ich-wirklich-zuhause-Fragen?

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birke
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Beitragvon birke » 04.12.2018, 19:07

also, zunächst mal: dafür war der konzert-besuch allemal gut – für ein sehr haptisches nachdenkliches stück prosa!

ich würde wohl nie ein roland kaiser konzert besuchen, selbst wenn ich die karte geschenkt bekäme… aber für viele menschen ist das wohl mit das größte, ihn live zu erleben. und – das nun mal ist ja keine illusion, sondern ganz echt! alles weitere... ok. schlager-musik an sich ist schon viel illusion... (für mich jedenfalls), die viele menschen aber gern aufsaugen.

ich habe schon so tolle konzert-erlebnisse gehabt, aber ok, zugegebenermaßen besuche ich eher konzerte, bei denen ich in der pause oder danach mit den musikern eine rauchen gehe und mit ihnen quatsche… aber – so bin ich immerhin schon mit bill ramsey im gespräch gewesen! ;)

ein erlebnis aber wird wohl nichts mehr toppen – wir besuchen schon seit einiger zeit kleine nette konzerte eines tollen duos, mit zwei recht attraktiven – und viel wichter, netten! und sooo guten und leidenschaftlichen – musikern. nach einem der konzerte stellte ich (durch die widmung eines songs) fest, dass ich mit dem einen verwandt bin!! (unsere urgroßväter waren brüder.) seitdem stehen wir in kontakt, das ist absolut unglaublich und wunderbar. ich muss das irgendwann mal aufschreiben..

naja, was ich sagen will, ist, dass gerade solche riesen-konzerte, massenveranstaltungen, natürlich schon eher illusion sind, zumindest, was den angeblichen kontakt angeht, aber dass ich glaube, dass es für viele egal ist. es ist offenbar ein erlebnis!

deinen text finde ich wunderbar, liebe klara, er versucht einem phänomen auf die spur zu kommen, das wohl weit verbreitet ist …

herzlich,
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Zefira
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Beitragvon Zefira » 04.12.2018, 19:09

Ich habe mir zufällig gerade vor ein paar Tagen die gleichen Fragen gestellt, als ich zu einer Aufführung des Mozart-Requiems ging. Ich ging hin, weil meine Tochter mitsang und ich zufällig gerade an diesem Sonntag in Leipzig war. Ich mag das Mozart-Requiem sehr, habe es vielleicht zehn- oder zwölfmal live gehört und zigmal in einer tollen Aufführung auf CD - mit anderen Worten, ich fragte mich, als ich in der Schlange an der Kasse stand, wofür ich dieses Geld jetzt überhaupt ausgebe. Mit Konzertbeginn war die Frage erledigt. Es ist jedes Mal neu und jedes Mal unberechenbar. Ich vermute, dass es für jede musikalische Stilrichtung Hörer und Konzertbesucher gibt, die genau so empfinden. (Und für die Aufführenden gilt das sowieso.)
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Beitragvon Klara » 05.12.2018, 10:37

Hallo und guten Tag,

danke für eure Gedanken.

Pjotr, du schreibst, die Leute wollen ausbrechen. Wie kommst du auf diesen Gedanken? Worin läge das "Herausspringen"? Festival, auf der Wiese campen, die Nacht durchtanzen - okay, das wäre "Ausbrechen". Aber bei einem Schlagerkonzert? Da macht man doch dasselbe Fremdbestimmte weiter, was man sonst in der Firma auch macht.

Birke, danke für das Kompliment!

Zefira, du schreibst über Kunst. Kunst ist etwas Anderes, auch wenn das Prinzip, sich hinzusetzen und andere machen zu lassen, dasselbe ist.

Herzlich
Klara

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Beitragvon birke » 05.12.2018, 15:26

hi klara,

oh, für viele ist das offenbar sehr wohl so eine art ausbrechen aus dem alltag - es kommt wohl auf das erleben an - selbst wenn man dieses konzert als "fremdbestimmt" definieren würde, wäre es etwas sehr angenehmes, schönes, berauschendes (für die menschen, die darauf abfahren).

und du schreibst:
Klara hat geschrieben:
Zefira, du schreibst über Kunst. Kunst ist etwas Anderes, ...



wieso kommst du zu der annahme, kunst sei etwas anderes? erstens - wer definiert, was kunst sei - (bestimmt ist das irgendwie durchaus kunst, was roland kaiser macht, zumindest ist es immerhin eine kunst, so eine show zu machen, zu singen, (und er singt (oder sang? hab ihn lange nicht gehört) nicht so schlecht, das muss ich zugeben), abendfüllend, vor tausenden von menschen, und das nach der krankheit!) und zweitens denke ich, das erleben (von verschiedenen konzerten/ darbietungen) ist durchaus vergleichbar. und insofern geht es hier m. e. nicht primär darum, was da vorne abgeliefert wird, sondern um das, was der rezipient daraus macht. oder was er für sich daraus zieht. wie er es aufnimmt, erlebt. und welche motivation ihn dazu veranlasst. :)
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Beitragvon Zefira » 05.12.2018, 18:49

Danke, Diana, genauso habe ich es gemeint.
Gerade bei sehr häufig aufgeführten Stücken, wie dem Mozart-Requiem und zum Beispiel auch den Carmina Burana, habe ich oft das Gefühl, selbst eine drittklassige Aufführung (etwa von Schulchören) bringt mehr als CD-Hören im heimischen Sessel. Warum ist das so? Wahrscheinlich, weil man sich als Teilnehmer bei einem Live-Act als Teil des Ganzen versteht. Als MItschaffender, nicht nur als Berieselter.

Eine Einsamkeit kann nicht größer sein als in einer Menge von Menschen, die hitzig einem Event beiwohnen, das mich völlig kalt lässt.

Sehr richtig.
Ich gehöre zu den Leuten, die dann gar nicht erst hingehen, auch nicht mit einem geschenkten Ticket. (Das soll selbstverständlich keine Kritik am Handeln der Erzählerin sein!)
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 05.12.2018, 19:33

Hallo,

ein paar Hypothesen von mir in unsortierter Reihenfolge:


• Jedes hirnhabende Wesen hat Wünsche und Ängste; sie treiben den Motor an. Das System kann man grob zusammengefasst Wille nennen. Aber wir wollen die Details untersuchen. Also das Wesen will irgendwo weg (Angst) und will irgendwo hin (Wunsch). Das Wesen kommt in Bewegung.

• Manche Wesen haben große, manche kleine -- Wünsche, Ängste. Das wirkt sich auf die Bewegungsstärke aus.

• Ob Kunst oder Unkunst, trivial oder komplex, Illusion oder Tatsache. -- Wunsch ist Wunsch. Angst ist Angst. Hierbei geht es, meiner Ansicht nach, um Empfindungen. Und die sind bekanntlich immer Tatsache, niemals Illusion. Eine Empfindung bildet man sich nicht ein. Die Einbildung ist ja auch schon wieder eine tatsächliche Empfindung. Es gibt keine Phantomschmerzen. Alle Schmerzen sind tatsächliche Schmerzen. Selbiges gilt für alle anderen Empfindungsqualitäten, wie Liebe, Durst, Freude, Scham, Hunger, grün, blau, heiß, kalt, laut, leise ... Es geht um Empfindungen und Ästhetik. Direkt. Die Phänomena an sich. Nicht deren Definitionen.

• Wie sehen die empfindlichen Ängste und Wünsche im Detail aus? Sie sind selten monothematisch. Beispiel: Einsamkeits-Angst und Geselligkeits-Wunsch. Hierfür gibt es für jeden Geschmack Zielorte: FKK, Schlagerkonzert, Wacken, Gottesdienst und so weiter, also Orte, wo man in der Masse mit anderen Wesen gleicher Wünsche und Ängste zusammen singt oder tanzt oder sich sonstigerweise exhibitioniert. Das ist das eine Thema. Parallel dazu stehen weitere Themen im Raum. Beispiel: Beschmutzungs-Angst und Sauberkeitswunsch. Jetzt wird es mehr-dimensional. Die Dimension Geselligkeit paart sich mit der Dimension Sauberkeit. Das drückt sich in der dargestellten Ästhetik aus, und erfüllt die Wünschenden mit Freude. Weiteres Themenbeispiel: Angst vor dem Komplexen, und der Wunsch, klar sehen zu können. Die Sehnsucht nach dem Einfachen. Der Wunsch, fremdbestimmt zu sein; von einer Firma oder einem Gott behütet zu werden. Keine Eigenverantwortung tragen zu müssen. Auch diese Bewegung verändert die Gesamtästhetik. So kommen vielerlei Details zusammen. Es gibt auch Zielorte, wo beispielsweise die Geselligkeit weniger im Vordergrund steht, wo man leise sein muss, wo der Zuschauerbereich sogar dunkel sein mag, etwa im Kino. Aber auch da spielt die Erfüllung des Geselligkeitswunsches eine Rolle. Nur eben in einem anderen ästhetischen Rahmen. Und auch diese Veranstaltung ist nicht monothematisch. Zum Thema der Geselligkeit kommen hier natürlich die Themen des Films hinzu. Der Film soll die Wünsche des Zusehers erfüllen, dessen Ängste bekämpfen. Darum geht es, selbst wenn es ein brutaler Film ist.

Kurt
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Beitragvon Kurt » 06.12.2018, 19:18

"… das Wesen will irgendwo weg (Angst)." Es gibt Menschen, die mit Flucht reagieren, andere verharren schocksteif. Dann kommt es noch darauf an, welche früheren Erfahrungen zugrunde liegen. Deine Bezeichnung Wille stört mich hier. Denn diese Angstreaktionen gehen oft direkt vom Mandelkern aus. Wille wäre in diesem Zusammenhang ein denkbar unzutreffender Oberbegriff.

Dein kurzer zweiter Absatz ist belanglos.

Im dritten teilst du mit, dass Empfindungen immer Tatsachen sind. Und Phantomschmerzen, also, wenn ich Schmerzen spüre, an einem Bein, was nicht mehr da ist, so ist das meine Empfindung, und du sagst ja, die sind Tatsachen. Habe ich das bishierher richtig verstanden? Nach diesem Vorgehen deiner Bestimmungen müsstest du m. E. konsequenterweise Illusionen ebenso als Tatsachen bezeichnen. Beispiel: Ich empfinde etwas als Illusion. Oder du musst differenzieren, dass jede Empfindung eine Tatsache ist, dass, was ich empfinde, aber nicht zwingend. Es behauptet ja auch keiner, dass einer sich Phantomschmerzen einbildet. Nein, es gibt sogar entsprechende Schmerztherapien. Überhaupt solltest du den dritten Absatz streichen, denn er besagt ja nur, es ist wie es ist. Aber wie es ist beantwortet er nicht. Kennst ja diesen vielsagenden Dialog: “Ich bin wie ich bin und will auch so bleiben. Und dass man mich so nimmt wie ich bin.” Dann folgt die Antwort des Gegenüber: “ja, wie bist du denn?” Darauf kommt meist erst nach langer Überlegungungspause etwas.

Den nächsten und letzten Absatz deiner Hypothesen zu lesen hats mich dann verprellt.

LG Kurt
"Wir befinden uns stets mitten im Weltgeschehen, tun aber gerne
so, als hätten wir alles im Blick." (Kurt)

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Beitragvon Pjotr » 06.12.2018, 19:45

Die Begriffe "wegwollen" und "Motor" meine ich hier als Metapher. Klar kann auch körperliche Erstarrung vorkommen. Oder man macht einen Kopfstand, während man mental von etwas wegkommen möchte.

Natürlich mag die Illusion, einen rosa Elefanten zu sehen, eine Illusion sein. Aber die Empfindung der Farbe Rosa während dieser Illusion ist tatsächlich die Empfindung der Farbe Rosa. Bei der Qualität der Empfindung an sich kann es keine Illusionsfrage geben. So meine ich das.

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Beitragvon Mnemosyne » 07.12.2018, 20:58

Als Bericht finde ich den Text gut nachvollziehbar und auch plausibel; so könnte es sein, wenn jemand wie das Lyrich zu einer Veranstaltung wie der beschriebenen geht. In dieser Hinsicht: Ein schöner Text.

Wollte man sich etwas dichterische Freiheit gönnen, fände ich es spannend, wenn die Abwehrhaltung des Lyrich zumindest mal ins Wanken geriete: So ein von tausend Umsitzenden mitgeklatscher (und -gestampfter?) Takt, so eine Lichtflut und so eine Ohrwurmattacke kann durchaus mal zugreifen, ehe die nächste Reflexion alles wieder als leeren Schein entlarvt. Und dann läge die Frage nahe: Was macht denn dagegen das "echte", "authentische" aus? Sind es tatsächlich die "Zwischentöne"? Wären etwa "Ich weiß nicht, ob ich dich noch liebe", "die Gefühle mögen gerade groß sein, aber wird das passen" etc. nicht ebenso "verschlagerbar"?

Nun, nur ein paar spontane Ideen. Wie gesagt, der Text gefällt mir, wie er ist.

Klara
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Beitragvon Klara » 09.12.2018, 09:24

Danke dir, Mnemosyne, für dein Feedback und deine interessanten Anregungen!
Vielleicht probiere ich das mal aus...

Herzlich
Klara

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Beitragvon Pjotr » 14.12.2018, 14:51

Nicht, dass ich missverstanden werde in dieser Zeile:

Pjotr hat geschrieben:Die Sehnsucht nach dem Einfachen. Der Wunsch, fremdbestimmt zu sein; von einer Firma oder einem Gott behütet zu werden.

Das meine ich nicht wertend, und außerdem schließe ich mich da mit ein. In meiner persönlichen Ästhetik ist es auch so, dass ich das Einfache, das Verständliche, als schöner empfinde als deren Gegenteile. Das Prinzip ist also dasselbe, es ist nur anders geformt. Und was die Fremdbestimmung betrifft, da denke ich auch, dass mein Verstand und meine Vernunft nicht sich selbst bestimmen können. Sie können nicht "selbst" sein. Entweder ist alles ein solipsistisches Selbst, oder eine Allfremdheit. In jedem Fall ist es komplex, und nicht punktförmig. Viele Punkte bilden Linien. Und deshalb glaube ich, dass meine Person fremdbestimmt ist, und zwar von mindestens zweierlei natürlichen Phänomena: Erstens von den derzeitigen Naturkonstanten, die meine Person nicht verändern kann, und zweitens vom quantenmechanischen Zufall, der meine persönlichen Pläne verunberechenbart. Dieses Dilemma hat meiner Person aber bisher eine so angenehme Bandbreite zwischen Planungsfreude und Überraschungsfreude beschert, dass sie diese Fremdbestimmung weiterhin sehr gerne annimmt und an sie glaubt.


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