Der Seelenkenner

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 10.12.2018, 11:54

Der Seelenkenner

(frei nach Elias Canetti - der Ohrenzeuge)


Der Seelenkenner sieht dir in die Augen und weiß alles über dich. Dieses Verkniffene in den Winkeln, diese Falte un in den Brauen - da zeigt es sich ganz klar, was Du für einer bist. Wo keine Augen zu haben sind, greift nach der Stimme, der Kleidung, dem Gang, alles ist Zeichen, jeder Zipfel genügt, um jeden zu erraten.
Steht der Seelenkenner etwa an einer Supermarktschlange, so genügt ihm ein Blick auf das Band (Sellerie, Taschentücher, Nudeln, Bananen, ein Pfund Butter, Spülmittel und ein Zwiebelnetz) um zu wissen: Das ist die Hemmungslosigkeit in Person, die er da vor sich hat, eine Nymphomanin, eine ganz Schamlose! Was vom Sellerie erwartet wird, das weiß ja jeder, und was mit den Bananen werden soll, daran will man gar nicht denken. Unerhört! Hat man das einmal erkannt, braucht es nur wenig Phantasie, dann passt auch der Rest ins Bild, und was partout nicht passen will, das ist Ablenkung, Tarnung - unehrlich ist sie also auch noch.
Hat der Seelenkenner einen erst einmal erraten, ist Leugnen zwecklos: Was man auch sagt, es passt ins Bild. So fällt dem Seelenkenner auch das Lesen leicht: Denn er weiß, dass jedes Buch von der Mutter des Autors handelt. Da kann ein Text sich winden, wie er will: Kommt das Wort "Mutter" irgendwo auf einer Seite vor, hat er sich verraten, und wenn nicht, erst recht. Auch dass etwa die so bestechend gedeuteten Einkäufe gar nicht der aparten jungen Dame gehörten (die bloß einen Pfandbon einlöst), sondern dem beleibten Mittsechziger vor ihr, ficht ihn nicht an: Da hat sie es wohl gemerkt, wie er sie durchschaut hat, und dann irgendwie den Herrn dazu gebracht, ihren Einkauf als den seinen auszugeben. Bemerkt hat er davon zwar nichts, aber sie wird da schon ihre Methoden haben. Oder die beiden gehören gar zusammen.
Der Seelenkenner kommt zwar oft und leicht mit jemand ins Gespräch, aber eine Freundschaft ist bisher noch nie daraus geworden. Auch der Geheimnisvollste ist ja bald enträtselt,und was soll es dann noch? Wenn man jemand zu gut kennt, wird es eben schnell langweilig.

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Hetti
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Beitragvon Hetti » 11.12.2018, 19:45

Hallo Mnemosyne,

solchem Seelenkenner, den du sehr präzise beschreibst, bin ich auch schon begegnet. Die Charakterisierung erinnert mich an jene, die sich mit Horoskopen auskennen. Ich meine nicht die sympatischen Zeitgenossen, die vermittels der Kenntnis des Sternzeichens in liebenswürdiger Weise vorhersagen, dass man: am nächsten Tag achtsam beim Alkoholkonsum sein muss / sicherlich in der Liebe die ersehnte Wende erfährt / im Beruf der fällig Erfolg eintreten wird. Nein ich meine jene, die neben Geburtsmonat, auch das Jahr erfragen, Uhrzeit, Himmelsrichtung, in der das Bett meiner gebärenden Mutter wies, dann die Konstellation der Sterne und Aszendenten und was weiß ich noch referieren um schließlich zum Eigentlichen zu kommen: Mein Charakter, meine Neigungen, Winkel und Züge, die ich gerne vor der Welt verheimlichen möchte - Hilfsbereit mit einem Hang zur Geltungssucht bei gleichzeitig völligen Fehlen von Adhäsionskontrolle -, um mich dann, von schräg oben (die sind immer größer als ich) nach schräg unten nicht etwa nur wissend, nein, schlichtweg überlegen, "taxieren".

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 12.12.2018, 10:11

Hallo Hetti,
oh ja, die Astrologen können das ziemlich gut, das habe ich auch schon erlebt. Danke für deinen Kommentar!


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