Der Optimalentspanner

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 14.12.2018, 09:28

Der Optimalentspanner

(frei nach Elias Canetti - der Ohrenzeuge)

Der Optimalentspanner hat sich am ausgestreckt und sucht die bestmögliche Entspannung. Obwohl er sich gerade recht wohl fühlt, findet sich Anlass zur Skepsis: Die Beine übereinander zu schlagen mag als Ausdruck von Lässigkeit gelten, aber nun bohrt sich der rechte Knöchel ins Fußgelenk, das ist doch unangenehm, er merkt es zwar kaum, aber da ist Luft nach oben - also die Beine nebeneinander. Die vor dem Bauch gefalteten Hände gehen natürlich gar nicht: Dieser Zustand läßt sich nur durch eine muskuläre Anspannung aufrecht erhalten, eine kleine zwar, doch das genügt, dass seine Haltung als unnatürlich und verkrampft durchgeht. Also hebt er die Arme und läßt sie neben seinen Körper fallen, wohlbemerkt! er läßt sie fallen, er legt sie nicht, sonst wird die neue Haltung ja nicht besser als die alte. Die Augen hat er geschlossen, was im Prinzip in Ordnung ginge, wenn es nicht gerade dazu erforderlich wäre, die Sonne davon abzuhalten, ihn zu blenden; so fühlt es sich irgendwie erzwungen an. Aber sie nun deswegen zu öffnen und sich blenden zu lassen kann ja nicht die Lösung sein. Also dreht er sich auf den Bauch.

Was für ein törichter Einfall! Jetzt liegt er mit den Gesicht nach unten, die Augen kann er noch immer nicht öffnen, weil er sonst Sand hinein bekommt, und es knirscht zwischen den Zähnen! Wenn man auf dem Rücken liegt, gehören die Handflächen dann natürlicherweise nach oben oder nach unten? Und was ist eigentlich mit den Füßen? Aufgerichtet auf den Zehen oder langestreckt auf dem Spann? Nein, so geht das nicht. Wie die Toten das nur machen, ganz ohne Mühe auf dem Bauch zu liegen!
Kurz überlegt er, ob er sich auf die Seite drehen soll - aber was fängt er dann mit dem Arm an, der unten zu liegen kommt? Vor dem Körper liegt er irgendwie unbequem, dahinter noch mehr. Darauf legen kann man sich auch nicht, das hält nicht, da rollt man zur Seite. Und dann der Kopf! Der hängt jetzt von der Schulter herunter an einem schiefen Hals.

Irgend etwas ist hier grundlegend verkehrt, denkt sich der Optimalentspanner. Vermutlich denkt er einfach zu viel nach. Eine entspannte Haltung, die ergibt sich doch von selbst, die rechnet man doch nicht aus und nimmt sie dann ein, als ob man eine Gliederpuppe zurecht biegt.

Aber wie macht man das nun: Dass eine Haltung sich von selbst ergibt? Irgendwie redet einem der Kopf ja doch immer dazwischen. Tot müßte man sein, dann würde es schon klappen. Gut, das geht jetzt doch zu weit, denkt er sich, aber etwas hat er schon daraus gelernt. Er steht auf. Stellen wir uns mal vor, sagt er zu sich, wir würden jetzt plötzlich erschossen. Blitzartig läßt er alle Spannung aus seinen Gliedern weichen und klappt zusammen. Der Sand bremst den Aufschlag zwar, aber irgendwie hart ist es trotzdem. Und jetzt liegt er so komisch verdreht, das eine Knie angewinkelt seitlich auf dem Boden, das andere ausgestreckt, der Torso platt im Sand, den einen Arm unter sich begraben. Wenn er so längere Zeit bleibt, schläft ihm erst der Arm ein und dann kriegt er einen Krampf im Bein.

Vielleicht ist die Suche nach einer "Haltung" schon falsch. Er ist ja kein Leichnam, sondern lebendig. Leben bedeutet Bewegung. Vermutlich kommt es darauf an, die Lage immer wieder mal ein bißchen zu wechseln, aber nicht wohlüberlegt, sondern instinktiv, auf Autopilot, sozusagen. Dann ist es eigentlich auch egal, wie man anfängt. So legt er sich einfach irgendwie hin und versucht, nicht zu denken. Gar nicht so einfach. Dass der Sand an den Füßen allmählich heiß wird und er sie etwas drehen sollte, ist das schon Denken oder noch Instinkt? Was ist mit der Sorge um einen Sonnenbrand? Und diese ständige Aufmerksamkeit auf sein Innenleben, ist das nicht auch schon ganz und gar gedacht und also unentspannt? Und falls ja: Zeigt das nicht, dass Entspannung im Grunde gar nicht möglich ist? Das Nachdenken über die Entspannung ist jedenfalls nicht entspannend, und überhaupt, wie soll man denn je wieder herauskommen aus diesem ganzen nervigen Geschachtel!

So wälzt sich der Optimalentspanner hin und her, von rechts nach links, vom einen ins nächste, bis er schließlich erschöpft ist und, beschienen von einer warmen Abendsonne, in den Ohren das sanfte Geplätscher von Wellen, auf der Haut eine leichte Brise einschläft.
Zuletzt geändert von Mnemosyne am 14.12.2018, 11:08, insgesamt 2-mal geändert.

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birke
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Beitragvon birke » 14.12.2018, 10:42

herrlich!! :pff: :daumen:
sehr schmunzelnd gelesen.

ps: "Die Augen hielt er geschlossen, waS im Prinzip in Ordnung ginge (...)"
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 14.12.2018, 10:59

Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass eine Geschichte kommt, die mich charakterisiert.
Jetzt ist sie da :cool:

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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Hetti
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Beitragvon Hetti » 14.12.2018, 11:06

Gelungene humorvolle Schreibe :pff:

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 14.12.2018, 13:50

Vielen Dank für die erfreulichen Kommentare und den Korrekturhinweis, ihr Lieben! :-)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 14.12.2018, 14:04

Noch ein kleines Detail, aber wahrscheinlich kann man das auch so lassen ...

"Also hebt er die Arme und läßt sie neben seinen Körper fallen"

Da ich Arme als Körperteile ansehe, dachte ich für einem Moment, er ließe dieselben amputieren und fallen lassen.

Und "neben seinen ... fallen", ob da nicht strenggenommen der Dativ mit "seinem" angebracht wäre? Eine Frage der Perspektive wohl: Seinen Fallort nah am Körper, oder seinem Fall nah am Körper. In den Korb oder neben dem Korb ...

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birke
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Beitragvon birke » 14.12.2018, 14:46

Pjotr hat geschrieben:
"Also hebt er die Arme und läßt sie neben seinen Körper fallen"

Da ich Arme als Körperteile ansehe, dachte ich für einem Moment, er ließe dieselben amputieren und fallen lassen.


das ging mir allerdings ähnlich mit dieser textstelle, aber man könnte sie auch überspitzt lustig lesen... ansonsten vielleicht eher "neben seinen/seinem rumpf"?? "seinen" oder "seinem" geht beides...
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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