Der Kommdoch!

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 17.12.2018, 17:43

Der Kommdoch!

(Frei nach Elias Canetti - der Ohrenzeuge)

Der Kommdoch! ist vor allem eins - gefährlich! Damit das so bleibt, geht er Montags und Mittwochs zum Boxen, Dienstags zum Judo, Donnerstags zum Karate, Freitags zum Kung-Fu und am Wochenende stemmt er Gewichte. Nicht, dass er etwa auf Streit aus wäre; aber die Welt ist voll von zweifelhaftem Gelichter, da muss man sich eben zu wehren wissen. Aus Filmen und Büchern weiß der Kommdoch!, wie es zugeht: Wohin man auch kommt, werden solche wie er unvermittelt bedroht, überfallen und angegriffen, meist kommen die Schurken zu dritt oder zu viert, um sich mit Sprungtritten, Handkantenschlägen und Würfen in die Flucht treiben zu lassen.

Den Kommdoch! trifft man nur selten in Gesellschaft; bei all den Feinden, für die er sich wappnen muss, bleibt keine Zeit für Freunde. Den einzigen Menschen, die er in seiner Freizeit trifft, schlägt Montags und Mittwochs ins Gesicht, Dienstags wirft er sie zu Boden, Donnerstags und Freitags tritt er sie und am Wochenende gibt er acht, dass auch keiner mehr Gewichte stemmt als er.
Nachts geht der Kommdoch! gerne spazieren, und wie es der Zufall will, verirrt er sich dabei immer in die verrufensten Viertel der Stadt. Ist in der Zeitung etwas von einer Kneipenschlägerei zu lesen, findet man ihn dort tags darauf todsicher am Thresen. Gewöhnlich schlängelt er sich zu den Hauptstoßzeiten mit dem Fahrrad durch den dichtesten Verkehr, doch kommt es in Bussen vermehrt zu Überfällen, wird er das Radeln leid. Schon an der Haltestelle blickt er sich dann um: Der Kerl da mit der Kapuze, hat ihn der nicht gerade so angesehen, als ob...? Ach nein, er hat nur auf eine Anzeigetafel über dem Kommdoch! geschaut, jetzt wendet er sich wieder seiner Lektüre zu und der Kommdoch! läßt die Schultern hängen. Gerne würde er einmal in Urlaub fahren, regelmäßig studiert er die Reisewarnungen des auswärtigen Amtes, aber just für die Länder, die ihn interessieren, haben die Reisebüros gerade keine Angebote.

Aber was er draußen auch anfängt, irgendwann wird es ihm langweilig. Dann geht der Kommdoch! von den verrufensten Vierteln der Stadt, der Kneipe mit den vielen Schlägereien und ungezählten Busfahrten nach Hause. Wieder einmal hat niemand ihn bedroht und einen Angriff oder Überfall gab es auch nicht, nicht einmal einen kleinen. Trotzdem wirkt er dabei abgekämpft, und wollte man dem breitschultrigen, hoch aufgeschossenen Kerl mit dem Stiernacken länger ins Gesicht schauen, läse man darin neben Müdigkeit einen Ausdruck bitterer Enttäuschung.

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birke
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Beitragvon birke » 18.12.2018, 09:51

hihi, ja, man muss schließlich seine verteidigung verteidigen... oder so :)
beim "kommdoch!" kam mir allerdings zunächst an eine ganz andere persönlichkeit in den sinn, und zwar so ein mensch, der permanent und penetrant versucht, andere von seinen ach so tollen aktivitäten zu überzeugen bzw. sie ständig versucht zu animieren, mitzumachen... "komm doch!" ;)
lg

ps: vielleicht ist dies, den du hier skizziert, eher ein "kommher!" oder "kommdochher" ... oder ein kommdochherr ;)) kleine spielerei..
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

Quoth
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Beitragvon Quoth » 21.03.2019, 21:33

Mir scheint das eigentliche Problem des Kommdoch sein Wunsch zu sein, angegriffen zu werden, um dann in Notwehr handeln zu können. Aber dafür verhält er sich zu fad und zu langweilig und zu desinteressiert - niemand hält ihn für angriffswürdig. Er brauchte in der U-Bahn doch nur einem Rentner beizuspringen, der etwas Tadelndes gesagt hat und nun verhauen wird - schon hätte er die schönste Schlägerei und könnte zeigen, was er kann. Aber dafür ist er zu fad und zu desinteressiert. In Zeile 9 müsstest Du, lieber Mnemosyne, ein "er" einfügen, und Dir auch überlegen, ob Du diese Aufzählung in dieser Form beibehältst; er würde ihnen montags ins Gesicht schlagen usw. - das gefiele mir besser. Gruß Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.


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