Salmon Rabbit: Ein Mord für ein Leben

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Herschel
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Beitragvon Herschel » 23.05.2020, 12:32

Kapitel 1

Montag, 24. Mai 2010

Der Tag der Tat

Er hatte sich den Tag, an dem er seine Frau töten würde, anders vorgestellt. In Jonathan Haris Trugbild roch es wie in einer Silvesternacht, auch wenn es ausgeschlossen war, dass er sie erschießen würde. Genauso wenig durfte er Medikamente verwenden. Das hatte sein bester Freund Lech Michawski ausdrücklich verboten. Er war zwar suspendiert, aber immerhin Professor der Medizin.
Doch dieser Tag hatte so gewöhnlich wie jeder andere begonnen. Er war vor Maja aufgestanden, hatte kalt geduscht, sich die Zähne geputzt, den Henriquatre in Form rasiert und dabei leise Herbie Hancock gehört, um Maja nicht zu wecken. Anschließend bereitete er das Frühstück vor, half ihr in den Rollstuhl und nahm es gegen halb neun mit ihr ein. Spiegeleier, Sunny side up, dazu ein Glas Mandelmilch, wie jeden Tag in den letzten dreißig Jahren. Zum Abschied gab er ihr einen Kuss auf die Wange, fuhr mit dem Rennrad zur Uni, hielt seine morgendliche Vorlesung und aß mittags allein beim Italiener. Carpaccio, trank dazu ein Glas Brunello und danach einen doppelten Espresso. Alles geschah immer in dieser Reihenfolge, in der er beim besten Willen keinen Hinweis auf Silvester feststellen konnte.
Nun saß er wie an den vergangenen Nachmittagen in seinem Büro in der Universität über den Hausarbeiten seiner Studenten zum Thema “Der Tod und seine Konsequenzen”.
Was für ein desaströses Timing, dachte er. Als er sich vor sechs Wochen für das Thema entschieden hatte, schien es ihm, als sei es eine naheliegende Wahl. Doch ausgerechnet jetzt musste er sich von seinen Studenten erklären lassen, welche vielfältigen Konsequenzen der Tod mit sich brachte, als er kurz davor stand, seine Frau umzubringen. Und das musste er tun. Er hatte keine Wahl.
“Himmel Herrgott, Sartre. Wo ist dieser verfluchte Gameboy?”
Er brauchte ihn jetzt. Tetris wirkte Wunder. Die eintönige Musik, das stete Herunterfallen der neongrünen Kästchen und ihre Zuordnung, die er mit wenigen Fingerbewegungen kontrollierte, halfen ihm, innere Ruhe und Konzentration wiederzuerlangen. Doch das Mistding blieb unauffindbar. Er wühlte in der Post-Ablage auf dem Schreibtisch, kramte in seiner Aktentasche und blickte vergeblich in die Schublade. Auf dem Beistelltisch lag der Gameboy auch nicht. Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb an der bronzenen Wanduhr haften, die er zum dreißigjährigen Dienstjubiläum erhalten hatte. Ihm blieben nur noch zehn Minuten bis zum Beginn des Seminars, in dem er die Arbeiten endlich zurückgeben wollte. Doch dieser letzte Aufsatz machte ihm zu schaffen. Stefan Scholer, nicht nur der beste Freund seines Sohnes Salmon, sondern auch einer seiner tüchtigsten und engagiertesten Studenten, stellte im Verlauf seiner Argumentation die Frage: Wovor haben wir eigentlich Angst?
Tja, dachte Jonathan, wovor eigentlich? Angst haben nur die Ahnungslosen. Er hatte längst keine mehr. Er wollte nur noch wissen, wie es morgen weitergehen würde. Er würde allein sein, allein frühstücken, seine Abende allein verbringen, seine Wäsche waschen müssen. Doch was passierte mit dem großen Haus? Wer würde sich um den Garten kümmern? Ein Gärtner musste her. Und eine Putzfrau. Um Gottes willen, wo sollte er die denn finden? Und Salmon ... Wie konnte er seinem Sohn jemals wieder unbedarft begegnen? Wie ihm in die Augen schauen? Wie ihm erklären, dass es hatte geschehen müssen und er keine Wahl hatte? Er durfte gar nicht daran denken. Salmon, der seine Mutter verehrte wie eine Heilige, der ihre Schönheit bewunderte und ihre Herzenswärme brauchte wie ein Kleinkind den Geruch der Mutter. Irgendwann würde Jonathan mit ihm darüber reden müssen. Wenn sie nicht mehr da war. Irgendwann würde er ihm die ganze Geschichte erzählen.
Jetzt kroch die Furcht doch unbemerkt in sein Inneres, umklammerte sein Herz, schoss durch seine Venen, dröhnte in seinen Ohren, drückte auf sein Zwerchfell und betäubte seinen Verstand, durch nichts gemildert, roh und wahrhaftig.
“Was für eine ungeheuerliche Tragödie”, sagte Jonathan unvermittelt laut, woraufhin seine hochbeinige Assistentin Alba Prein im Türrahmen erschien und ihn verwundert anschaute.
“Sie sehen blass aus. Ist alles in Ordnung, Professor Hari?”, fragte sie.
“Ja. Ja, alles okay.” Jonathan ließ seinen Stift durch die Finger gleiten und wünschte sich nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen, seine Assistentin würde weniger aufmerksam sein.
"Wieso sind Sie eigentlich noch hier? Ihr Kurs beginnt gerade."
"Ich habe noch zehn Minuten."
Alba blickte auf die bronzene Uhr. "Die Uhr geht falsch. Ihr Kurs beginnt genau jetzt.”
“Sie geht falsch?”, fragte er und schaute sie verdutzt an. Sie war so jung, fast noch ein Mädchen.
“Ja, sie geht zehn Minuten vor. Sie sollten jetzt wirklich los. Die Studenten warten.”
“Zehn Minuten vor? Wieso denn das?”
“Sie kommen zu spät.”
Alba wandte sich ab.
“Hast du die Uhr vorgestellt?”
“Wieso sollte ich?”
“Klar, hast du. Weißt du eigentlich, was zehn Minuten bedeuten? Das sind sechshundert Sekunden, die ich mit meiner Frau verbringen könnte. Die hast du mir jetzt einfach gestohlen.”
“Die können Sie doch noch nach dem Kurs mit ihr verbringen”, sagte Alba in einem trotzigen Tonfall. “Ich hätte es ahnen können, als ich Ihr Hemd heute Morgen gesehen habe. Grau. Steht für Depressionen oder schlechte Laune. Sagt man jedenfalls. Wenn Sie gut drauf sind, tragen Sie immer Hellblau, Weiß oder Rosa. Wenn Sie zum Dekan müssen, tragen Sie Grau. Wenn Sie Prüfungen abnehmen, meist Hellblau.”
“Alba”, sagte Jonathan warnend.
“Stimmt doch”, erwiderte sie und sah ihn herausfordernd an. “Ich hab mal spaßeshalber eine Liste angelegt. In den letzten sechs Wochen haben Sie 24 Mal Grau getragen. Immer dann, wenn Sie Seminare ausfallen ließen, Termine absagten oder zum Arzt, zum Friseur oder zur Rückengymnastik mussten.”
“Eine Liste”, sagte er leise, straffte sich und richtete sich auf. ”Weißt du was? Darüber reden wir ein anderes Mal. Jetzt informier doch bitte meine Studenten, dass der Kurs heute ausfällt. Ich fühle mich nicht.”
“Professor”, sagte sie und zog eine Augenbraue hoch, drehte sich um, stürmte in ihr Büro und kam mit einem Kalender zurück. “Sie wollten die Hausarbeiten schon längst zurückgeben. Zuerst ist Ihnen diese Konferenz dazwischengekommen. Dann letzte Woche. Da ging es Ihrer Frau nicht gut. Und jetzt soll der Kurs schon wieder ausfallen? Was ist los mit Ihnen?”
Jonathan schaute sie verblüfft an. Das letzte Mal hatte sie vor einem Jahr so mit ihm geredet, als er seinen Tee auf der Arbeitsplatte seines Schreibtischs verschüttet und die gemusterte Einkerbung wochenlang nach Kamille gerochen hatte.
Da er nicht antwortete, fuhr Alba fort: “Und wer muss die Nachfragen der Studenten immer beantworten? Ich. Und wer sitzt mir auf der Pelle? Der liebe Stefan. Der rief diese Woche schon zwei Mal an und fragte, ob Sie die Arbeit diese Woche auch ganz sicher zurückgeben würden. Und ich habe ihm hoch und heilig versprochen, dass Sie das tun würden. Strafen Sie mich nicht Lügen.”
“Alba…” Jonathan stand auf und ging einen Schritt auf seine Assistentin zu.
“Schon gut, Professor. Das musste jetzt mal raus.” Sie winkte ab. “Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?”
“Nein, danke.” Er schüttelte den Kopf. “Ich bin mit dem Fahrrad hier.”
Alba nickte und verließ den Raum so leise, wie sie gekommen war.
Jonathan blieb noch eine Weile vor dem Schreibtisch stehen und starrte auf die Frage in der Hausarbeit. Wovor haben wir eigentlich Angst? Was ist Angst überhaupt … Ein atavistisches Hormondebakel des Gehirns? Eine Art Gaukelei, um zu überleben? Oder einfach nur dämlicher Urinstinkt, den wir nicht loswerden? Schließlich unterstrich er die Frage so fest mit einem Filzstift, dass die Hülle samt Tintenschlauch brach und rote Tinte auf den Tisch tropfte. Hastig klaubte er ein altes Taschentuch aus dem Papierkorb und entdeckte dabei seinen Gameboy. Es wurde Zeit, dass dieses ganze Chaos endlich ein Ende nahm.
Er packte den Gameboy in seine Tasche, legte Puhs Abhandlung auf den Stapel zu den anderen Hausarbeiten und durchquerte Albas leeres Büro. Sie war wohl schon unterwegs zum Seminarraum, um die Studenten zu informieren, dass sie heute Nachmittag frei hätten. Die meisten würde es freuen.
Am großen Torbogen der Universität blieb er einen Moment stehen und atmete tief durch. Stefan würde zutiefst enttäuscht sein, dass er die Arbeit heute nicht zurückbekäme. Der Junge hasste Unvorhergesehenes ebenso sehr wie er selbst.
Eine Windböe blies ihm fast die Lesebrille vom Kopf. Die meiste Zeit steckte sie in dem grau melierten Haar, was ihn zum Missmut seiner Frau davon abhielt, einen Helm zu tragen. Allerdings war die Brille nur ein Vorwand. Er war zweiundsechzig, sah aber aus wie fünfzig, und fand, Helme seien etwas für ältere, soignierte Herren. Er bevorzugte es jugendlich mit leicht aristokratischem Habitus. Weiße Sneaker zur grauen Stresemannhose mit schwarzen Kniestrümpfen, im Sommer aus Seide, ab Herbst aus Kaschmir, Hemd, Jackett und ein lachsfarbenes Einstecktuch. Er fühlte sich wie ein frisch gekröntes Haupt. Morgens König, abends Henker. Er stopfte das rechte Hosenbein in den Strumpf, schwang das Bein über das Rennrad, richtete den Kragen seines grauen Hemdes, dachte kurz an Alba, schüttelte den Kopf und verließ in rasantem Tempo den Campus.


***


Salmon Hari wusste, dass die silberne Zigarettenspitze den Joint für seine von Asthma geplagten Lungen nicht weniger schädlich machte. Er benutzte sie dennoch, weil er sie elegant fand. Sein Handy vibrierte, als er seinen ersten Zug nahm und das Feuerzeug zurück in die Tasche steckte. Er zog an dem Joint, wie es nur jemand tat, dem noch nie etwas schlimmes widerfahren war.
“Ich kann schon früher, mein Kurs fällt aus”, hatte Puh geschrieben.
“Komm zum Gerüst, bin schon da”, antwortete er.
Salmons bester Freund Stefan Scholer, von allen nur Puh genannt, stotterte, wenn er nervös war, und da er aus unerfindlichen Gründen fast immer nervös war, rief er grundsätzlich nie an, sondern schrieb auch dann Textnachrichten, wenn ein Gespräch eigentlich angebrachter gewesen wäre. Da persönliche Unterhaltungen sich nicht immer vermeiden ließen und Puh sich dann regelmäßig durch seine Sätze quälte, sagten seine Kommilitonen immer: “Puh, komm zum Punkt.” So hatte er seinen Spitznamen erhalten. Es gab wohl noch einen anderen Grund, warum er so hieß, aber den hatte er Salmon nie verraten.
Die Fassade der alten Bibliothek war seit Wochen eingerüstet und die Studenten kletterten hinauf, um während ihrer Freistunden die atemberaubende Aussicht über den Campus zu genießen. Puh richtete seine gelbe Fliegermütze, klemmte den Block zwischen die Zähne und hangelte seinen schweren Körper am Geländer entlang. Keuchend überwand er das letzte Stück, streckte seinen Kopf hoch und erblickte Salmon, der grinsend einen prächtigen Joint in der Hand hielt.
“Alter! … Du ha ...hast schon ohne mich an... angefangen”, sagte Puh und setzte sich neben Salmon.
“Entspann dich. Es ist noch genug da”, entgegnete Salmon und inhalierte tief, hielt den Atem an und grinste, als er den Rauch genüsslich und langsam seinem Mund entkommen ließ.
“Gib da… das Ding her. ” Puh riss ihm den Joint aus der Hand. “Dir mit deinem Asthma tue ich dir nur ei… einen Gefallen, wenn ich mir dieses Meisterwerk selbst einverleibe.”
Salmon strich sich eine Haarsträhne aus dem schmalen Gesicht, stützte sich auf die Hände, schloss die grünen Augen und lächelte das selige Lächeln der Kiffer. Eine Böe trieb ihm die Strähne erneut vor die Augen.
“Du solltest dringend zum Friseur”, sagte Puh in die Stille, ohne auch nur einmal zu stottern, und lachte laut los.
“Und du solltest ständig bekifft sein, bevor du redest.” Salmon fiel in Puhs Lachen ein, ließ sich nach hinten fallen und zog seinen Freund mit sich. Sie zogen abwechselnd an dem Joint und blökten in den weiten Sommerhimmel wie junge Rinder, die nach langen Wintermonaten endlich in die Freiheit und auf die saftigen Frühlingswiesen sprangen.
Ein knallender Schlag erschütterte das Gerüst. Puh gröhlte noch lauter. Salmon hielt ihm den Mund zu und schaute über die Brüstung zu einem Mann mit Bauhelm hinunter, der mit einem Bolzen erneut gegen das Gerüst hämmerte.
“Geht ihr da wohl runter, ihr Vollpfosten! Das ist lebensgefährlich!”, schrie der Mann. “Ich werde euch melden!”
Puh hielt sich beide Hände vor den Mund, um das Lachen zu unterdrücken, sprang schneller auf, als man seinem Gewicht zugetraut hätte, lief gebückt auf dem Gerüst entlang und um das Gebäude herum. Salmon folgte ihm, den qualmenden Rest des Joints in der Hand. Auf der Rückseite stiegen sie durch ein offenes, provisorisch mit Folie beklebtes Fenster.
Der Raum war schummrig und es dauerte einen Augenblick, bis sich Salmons Augen daran gewöhnten. Er ging zum Lichtschalter und mit lautem Surren und unangenehmem Flackern gingen mehrere weiße Leuchtdioden an. Sie befanden sich in einem der Hinterzimmer der Bibliothek, in dem die Bücher lagerten, die auf ihre Restaurierung warteten.
“Alter!”, rief Puh. “Hier sind also die ganzen Prunkstücke. Gib mir noch mal einen Zug.”
Salmon reichte ihm den Joint und schaute gleichgültig auf die Buchrücken, die ihm alle nichts sagten.
Puh nahm ein Buch aus einem Regal, blätterte kurz darin, stellte es sorgsam zurück und griff zum nächsten, den Joint zwischen den Lippen.
“Warum kannst du eigentlich schon so früh? Hast du nicht irgendeinen lausigen Kurs bei meinem Vater?”, fragte Salmon.
“Ist ausgefallen. Dein Vater ist krank. Alba hat vorhin Bescheid gesagt.”
“Krank?”
“Ja, mal wieder. In den letzten Wochen war ständig irgendwas. Mal war er krank, mal deine Mutter, mal musste er zum Röntgen, mal war was mit dem Rücken. Komisch, oder?”
“Meiner Mutter geht es nicht gut”, sagte Salmon und kramte sein Handy aus der Hosentasche. “Aber mein Vater?”

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