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Bereich für Erzähl- und Sachprosa, also etwa Kurzgeschichten, Erzählungen, Romankapitel, Essays, Kritiken, Artikel, Glossen, Kolumnen, Satiren, Phantastisches oder Fabeln
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 26.03.2021, 05:30

"Gestatten Sie, darf ich eintreten?"

"Nein, dat Herren-WC es da drüben. Sie sind hier bei den Damen."

"Ich weiß, aber bei den Männern ist die Tür verschlossen. Ich möchte nur die Hände waschen."

"Da kann ich Ihnen leider nit weiterhelfen."

"Kommen Sie, es ist dringend."

"Sie müssen dringend?"

"Dringend die Hände waschen. Das mache ich immer vor dem Essen. Ich habe Hunger."

"Wenn Sie ein paar Milchdrüsen auf der Brust hätten, könnte ich Sie vielleicht reinlassen."

"Ach?"

"Wollen Sie verhandeln? Haha."

"Offengesagt, von außen geschätzt, habe ich tatsächlich mehr Speck unter den Nippeln als Sie."

"Dat muss ich allerdings zugeben."

"Ich habe noch viel mehr weibliche Züge, nicht nur körperlicher Art. Ich bin ein sanfter Hüter dreier
Kleinkinder. Gucken Sie nicht so, das ist kein Witz. Meine Frau arbeitet bei der Polizei. Ich kümmere
mich um den Haushalt, und zwar mit Liebe."

"Interessant. Aber Sie kommen hier nit rein!"

"Schauen Sie: Sie haben sogar mehr Oberlippenhaare als ich."

"Dennoch bin ich eine Frau, -- Sie nit."

"Und woran erkennen Sie das? Sagen Sie es doch mal konkret."

"Sie wollen tatsächlich verhandeln. Hören Sie doch mal ihre Stimme, die's tiefer als meine."

"Aber höher als die von Mechthild Großmann."

"Frau Großmann! Dat es eine außergewöhnliche Dame."

"Bin ich auch. Als Kind hatte ich zeitweise Ballettunterricht. Mein Gang ist immer noch sehr
geschmeidig. Im Gegensatz zu Ihnen. Sind Sie Kugelstoßerin?"

"Hammerwerferin."

"Haben Sie Kinder?"

"Nein. -- Keine intimen Fragen, bitte."

"Neulich beim Friseur habe ich in der Bunten gelesen, Frauen interessierten sich nicht für
technische Gegenstände. Das tue ich auch nicht. Ich habe Jura studiert, und Germanistik.
Wenn ich einen Stuhl zusammenschraube, sieht das hinterher aus wie eine Vogelscheuche."

"Dat tut mir leid. Ich bin Schreinerin. Wenn Sie mal wieder Hilfe brauchen ..."

"Sie haben weniger weibliche Eigenschaften als ich."

"Aber ich habe einen weiblichen Vornamen."

"Ich auch, ich heiße Rainer Maria Milke."

"Aber erst an zweiter Stelle. Geben Sie et auf."

"Dürfte Alice Cooper hier eintreten?"

"Alice würde ich den Kopf abbeißen."

"Warum komme ich hier nicht rein?"

"Weil Sie ein Mann sind."

"Wann ist ein Mann ein Mann?"

"Dat fragen sich viele."

"Und Sie wissen die Antwort."

"In Gottesgnaden, kommen Sie halt rein! Aber nur die Hände waschen!"

"Vielen Dank. Respekt. Sie haben wirklich Führungs-Qualitäten."

"Ich leite eine Kugellagerfabrik."

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birke
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Beitragvon birke » 27.03.2021, 13:54

schmunzel, sehr schön. :)
ein bisschen absurdes theater, ein bisschen komödie, aber mit tiefgang.
die aussage am ende erscheint mir etwas unlogisch - wenn sie doch offensichtlich klofrau, toilettenfrau, ist, äh, ja doch, frau, oder, lach, wieso leitet sie dann eine kugellagerfabrik? bzw. umgekehrt. oder steh ich da auf dem schlauch? (was durchaus mal vorkommt. ;))
ps: könnte mir das ganze auch herrlich als comic vorstellen!
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 27.03.2021, 14:51

Danke! Ich sehe sie nicht als Klofrau. Für mich steht sie nur gerade da als Klobenutzerin, also als Gast, so wie die andere Person auch. Aber wichtig ist das nicht. Du kannst sie auch als Klofrau sehen, die scherzhaft diesen Raum als Kugellagerfabrik bezeichnet.

Vielleicht sollten Kugellagerfabrikvorsitzende keinen Kölschen Akzent haben? Vielleicht sollte umgekehrt der Typ einen Akzent haben, und die Kugellagerfabrikvorsitzende hochdeutsch reden?


(Falls jemand denkt, der Typ im Text sei identisch mit dem Autor: Nein, ist er nicht.)

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birke
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Beitragvon birke » 27.03.2021, 15:21

ah, verstehe - aber würde/ könnte eine klobenutzerin ihm dermaßen den zutritt verweigern? das klingt für mich halt eher danach, als hätte sie dort eine verantwortung. aber egal, es könnte natürlich tatsächlich so sein.
der akzent... hm, vielleicht wenn schon, beide? oder keiner?
die erwähnung von mechthild großmann gefällt mir übrigens (sehe sie gern!) - und rainer maria milke hat auch was, lach! :)
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 27.03.2021, 15:30

Na, sie ist halt eine dominante und frechwitzige Persönlichkeit. Das könnte auch auf einer Party stattfinden, wo gehobene Mittelschichtler feiern.

Ich bin Mechthild Großmann dankbar, dass sie so einen mächtigen Namen hat. Ich hätte nicht gewusst, wen ich sonst hätte nehmen sollen.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 27.03.2021, 17:33

Schöne Idee! Sogar ich stolpere über meine "Definitionen".

Das Einzige, was mich etwas stört, ist dieser angedeutete Dialekt. Für mich dürfte es gern deutlich mehr sein. Nur "dat" und "et" und so was wirkt auf mich etwas konstruiert, zumal wenn Wörter wie "außergewöhnlich" damit verbunden sind.

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Beitragvon Pjotr » 27.03.2021, 17:55

Wejen mir kann der Akzent janz raus ...

Ich hab ihn nur reingetan, damit die beiden Charaktere sich unterschiedlicher anfühlen. Ich habe quasi Maggi reingetan. Literarisches Maggi, weil der Autor zu faul oder zu unfähig ist, die Unterschiede auf rein hochdeutsch-sprachliche Weise auszuprägen.

Verstehe voll, dass der Dialekt den Eindruck verstärkt, die Dame sei eine Klofrau. Da fehlt dem Text die notwendige Einleitung. Aber, wie gesagt, ob sie eine Klofrau ist oder nicht, ist inhaltlich irrelevant. Der Dialekt an sich soll hier keine Bedeutung haben. Ich denke, ich sollte das Maggi einfach weglassen.

Die Antwort darauf, wann ein Mann ein Mann ist, ist so menschengemacht-bunt-zufällig wie die Antwort auf die Frage, wann ein Deutscher ein Deutscher ist, zum Beispiel.

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 28.03.2021, 08:49

Zweite Version:


"Gestatten Sie, darf ich eintreten?"

"Lassen Sie mich bitte vorher raus? Mein Sekt wartet an der Bar. Danke. -- Äh, Moment,
das Herren-WC ist aber da drüben. Sie sind hier bei den Damen."

"Ich weiß, aber bei den Männern ist die Tür verschlossen. Ich möchte nur die Hände waschen."

"Na dann warten Sie dort halt kurz. Hier können Sie jedenfalls nicht rein!"

"Kommen Sie, es ist dringend."

"Sie müssen dringend?"

"Dringend die Hände waschen. Das mache ich immer vor dem Essen. Ich habe Hunger."

"Wenn Sie ein paar Milchdrüsen auf der Brust hätten, könnte ich Sie vielleicht reinlassen."

"Ach?"

"Wollen Sie verhandeln? Haha."

"Offengesagt, von außen geschätzt, habe ich tatsächlich mehr Speck unter den Nippeln als Sie."

"Das muss ich allerdings zugeben."

"Ich habe noch viel mehr weibliche Züge, nicht nur körperlicher Art. Ich bin ein sanfter Hüter
dreier Kleinkinder. Ja, gucken Sie nicht so. Meine Frau arbeitet bei der Polizei. Ich kümmere
mich um den Haushalt, und zwar mit Liebe."

"Interessant. Aber Sie kommen hier nicht rein!"

"Schauen Sie: Sie haben sogar mehr Oberlippenhaare als ich."

"Dennoch bin ich eine Frau, -- Sie nicht."

"Und woran erkennen Sie das? Sagen Sie es doch mal konkret."

"Sie wollen tatsächlich verhandeln. Hören Sie doch mal ihre Stimme, die ist tiefer als meine."

"Aber höher als die von Mechthild Großmann."

"Frau Großmann! Das ist eine außergewöhnliche Dame."

"Bin ich auch. Als Kind hatte ich zeitweise Ballettunterricht. Mein Gang ist immer noch sehr
geschmeidig. Im Gegensatz zu Ihnen. Sind Sie Kugelstoßerin?"

"Hammerwerferin."

"Haben Sie Kinder?"

"Nein. -- Keine intimen Fragen, bitte."

"Neulich beim Friseur habe ich in der Bunten gelesen, Frauen interessierten sich nicht für
technische Gegenstände. Das tue ich auch nicht. Ich habe Jura studiert, und Germanistik.
Wenn ich einen Stuhl zusammenschraube, sieht der hinterher aus wie eine Vogelscheuche."

"Das tut mir leid. Ich bin Schreinerin. Wenn Sie mal wieder Hilfe brauchen ..."

"Sie haben weniger weibliche Eigenschaften als ich."

"Aber ich habe einen weiblichen Vornamen."

"Ich auch, ich heiße Rainer Maria Milke."

"Aber erst an zweiter Stelle. Geben Sie es auf."

"Dürfte Alice Cooper hier eintreten?"

"Alice würde ich den Kopf abbeißen."

"Warum komme ich hier nicht rein?"

"Weil Sie ein Mann sind."

"Wann ist ein Mann ein Mann?"

"Das fragen sich viele."

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birke
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Beitragvon birke » 28.03.2021, 17:55

joa, kann man so machen, funktioniert durchaus.
(allerdings fehlt mir jetzt so ein bisschen der witz, etwas zwinkerndes ...? aber vielleicht hattest du das ja auch gar nicht beabsichtigt?)
;)
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 28.03.2021, 18:07

Ist jetzt leider etwas kälter geworden, gell. Völlig witzfrei war nicht beabsichtigt. Aber vielleicht ist es jetzt mehr ironisch-erotischer, weil beide im Türrahmen eng beieinander stehen könnten.

Ich habe plötzlich die Wahnvorstellung, der Typ würde von Loriot gespielt, in der Figur, die am Opernschalter Karten bestellt für drei Erwachsene und einen Riesenschnauzer. Aber die Figur passt natürlich gar nicht.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 28.03.2021, 23:10

Mir gefällt die erste Textversion wesentlich besser. Ich finde es auch schlüssig, dass die Frau Klofrau ist - warum sonst sollte sie sich die Mühe machen, dem Herrn den Zutritt zu verweigern?

(Bin mir allerdings nicht sicher, ob es in Deutschland noch Klofrauen gibt. Die letzte, die ich gesehen habe, hütete das Klo in C & A, das muss über zehn Jahre her sein.)

lG Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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birke
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Beitragvon birke » 28.03.2021, 23:19

jepp, fand ich auch schlüssig(er) - (könnte man ja tatsächlich offen lassen wie in der ersten version) - und ja, klofrauen gibts definitiv noch.
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 29.03.2021, 08:36

Ja, gut, dann lasset sie eine Klofrau sein -- aus Köln oder so. Ihre Sprüche sind demnach teilweise unernst gemeint; man kann ja ein Scheißhaus durchaus mit einer Kugellagerfabrik gleichsetzen, und auch beim Schüsselputzen muss man dort bisweilen manche Kugel anstoßen.

Warum die Frau in der zweiten Version den Mann nicht reinlassen will, obwohl sie keine Klofrau ist? Weil sie sich im Namen aller Frauen verantwortlich fühlt für die Reinhaltung der Schwarzweiß-Trennung.

Dürfen eigentlich Lesben in Herrenklos rein und Schwule in Damenklos? Wenn nicht, worauf fußt die Scham, welche die Trennung verlangt?

aram
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Beitragvon aram » 01.04.2021, 21:47

hallo pjotr, (bloß den eingangstext gelesen)

da entstehen bei mir bilder, die verdammt an .. deinen berühmten comic strip zum geschehen in der milserschen verpartnerungsagentur erinnern - wobei die vergleichsweise wie aus einer längst vergangenen zeit wirkt; das hier dagegen:

ziemlich griffig / ins absurde fluktuierend und doch sehr konkret: die absurdität enspringt weniger der künstlerischen freiheit als der zugrundeliegenden realität -

aktuell und en passant. chapeau.


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