Als ich meine Englischlehrerin frug

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 18.11.2023, 07:28

Als ich in der fünften Klasse meine Englischlehrerin frug, ob sie mit mir schlafen wolle

Da war ich elf, kurz vor Pubertätsbeginn. Ich war schon immer der leise, schüchterne Typ, der nicht viel sprach und lieber Bilder malte, die mit Musik zu tun hatten und mit Humor, aber immer verschlossen zum introvertierten Selbstvergnügen. Manchmal allerdings gabs Momente, da hatte ich einen übermäßigen Drang, aus humoristischer Experimentierfreudigkeit heraus, trotz Scheu, offen etwas riskantes zu sagen, weil meine Intuition den entsprechenden Moment als dermaßen richtig voraussagte, dass das, was ich gleich sagen würde, einfach nicht schiefgehen konnte, trotz gewissen Restrisikos.

Beispiel. Ich muss kurz ausholen. -- Die großartige Soul-Sängerin Patti LaBelle mit ihrer Wahnsinnstimme, weltberühmt seit den 1960ern, war zum ersten Mal 1975 im deutschen TV zu sehen, mit ihrer Band Labelle und ihrem aktuellen Welthit "Lady Marmalade"; dazu trugen sie eine lustige Kombination aus brasilianischen Karnevalshauben und Silber-Astronautenanzug-Resten der ausgehenden Glamrock-Ära. Der Hit kam in meinem Umfeld sehr gut an. Mich begeisterte der auch, zumal ich allgemein, schon damals, auf schwarze Soulmusik abfuhr.

In den folgenden Tagen musste ich meine Begeisterung irgendwie verarbeiten, auch im Schulbetrieb. Wie verarbeiten? Beispielsweise, indem man darüber spricht, was im Refrain die französische Zeile "Voulez Vous Coucher Avec Moi Ce Soir" bedeuten könnte. Ich hatte die leise Ahnung, dass diese Angelegenheit wohl eher etwas für Erwachsene sein würde. Was geschähe, wenn ich diesbezüglich eine Lehrkraft fragen würde? Wozu ist die Schule da? Würde ich wegen frecher Frivolität bestraft werden? Ich entschied mich, meine Englischlehrerin zu konsultieren, persönlich, am Ende der Stunde. Französisch hatten wir noch nicht, aber ich wusste, dass sie auch dieses Fach lehrte.

Sie gehörte zu der Sorte von Lehrkräften, die jeden einzelnen jungen Menschen respektierte, und sie war immer ernsthaft bemüht, Lebensnützliches beizubringen -- im Gegensatz zu manch anderen Lehrern, die ins Klassenzimmer reinwetzten, ihren Stoff runterspulten, und wieder rausflitzten. Meine Englischlehrerin war nicht so, ich fand sie sehr nett. Nicht im erotischen Sinn, sondern so als Mensch. Ich interessierte mich außerdem für Verhaltensforschung, insbesondere für das Verhalten der Erwachsenen. Nun denn, die Schulglocke läutete am Ende der Stunde, die Kinder strömten aus dem Klassenzimmer, und ich startete wie geplant meine Forschungs-Expedition vor zum Lehrertisch, wo sie stehend ihre Sachen in die Tasche packte, hinter ihr die frisch gewischte große Tafel. Nun stand ich vor ihr und blickte zu ihr hinauf: "Sie sind doch auch Französischlehrerin?" -- "Ja." -- "Da gibts doch ... äh ... dieses ... äh ... Wulewukuscheh Awekmoa Se Soar?"

Welche Reaktion erwartete ich von ihr an dieser Stelle? Zornesblick? Kopfexplosion? -- Sie lächelte, und ich meinte sogar, eine leichte Schamesröte in ihrem Gesicht zu erkennen, war aber nicht sicher zu erkennen, denn sie drehte sich schnell um zur Tafel und schrieb darauf in großen Buchstaben jene Zeile. Um eine solche Ausführlichkeit hatte ich eigentlich nicht gebeten. Warum wandte sie sich der Tafel zu, fragte ich mich als Verhaltensforscher. Vielleicht, um ihre Errötung zu verbergen? (Falls sie überhaupt eine bekam.) Oder weil sie schlichtweg immer bemüht war, dass wirklich jedes Kind den Stoff richtig begreift? Spannend. Schließlich übersetzte sie den Satz oral ins deutsche und dabei nickte sie; sie nickte in dem Sinn, dass ihr der Song bekannt war. Ich nickte auch, im Sinn von "Aha!" und "Dankeschön!" In dem Moment hatte ich viel gelernt, nicht nur die Übersetzung.


https://www.youtube.com/watch?v=Vz89H0DfVTk&t=6s

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birke
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Beitragvon birke » 18.11.2023, 10:03

sehr schöne anekdote, was für eine feine feinfühlige lehrerin, die nicht einfach nur abwinkt oder hochroten kopfes aus der klasse stürmt, lach! gern gelesen. (eine frage nur, warum verwendest du das altertümliche "frug"?)
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 18.11.2023, 12:06

Weil das so schön altertümlich klingt :-) Ich wollte generell ein bisschen ironischen Kontrast erzeugen zwischen kindlicher Perspektive und gestelzter, rückbesinnter Gedankensprache. Klein versus gestelzt. Damit die Erzählung sich etwas grotesker oder skurriler anhört. Ist der Text insgesamt noch zu "normal", dass "frug" eher wie ein Stilfehler wirkt als eine stilistische Absicht? -- Hmm, eigentlich finde ich "frug" gar nicht mal sooo altertümlich :-)

Danke für Deinen Kommentar.

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birke
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Beitragvon birke » 18.11.2023, 13:11

mir erscheint es als fremdkörper im text, aber das mag geschmacksache sein. :)
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