Abends

Bereich für Erzähl- und Sachprosa, also etwa Kurzgeschichten, Erzählungen, Romankapitel, Essays, Kritiken, Artikel, Glossen, Kolumnen, Satiren, Phantastisches oder Fabeln
moshe.c

Beitragvon moshe.c » 27.11.2006, 21:27

Ein Fragment ein wenig weiter gearbeitet.
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Abends

Es war 10 vor 8, als ich plötzlich mit dem Mikrofon vor mir stand und mich fragte: "Wissen Sie noch was Liebe ist?"
Ich war verdutzt über die Frage und überlegte 2 Minuten, bevor ich sagte: "Da oben im Regal ist das Foto meines Mannes. Das hab ich noch!"
Mit dieser Antwort war ich nicht zufrieden und fragte eindringlicher: "Wissen Sie wirklich noch was Liebe ist?"
Nun schaute ich irritiert meinen Dackel an, der genüßlich an einem Vollwert-Knochen kaute und von der Frage keine Notiz nahm.
Schon wieder waren 4 Minuten vergangen, als mir einfiel: "Wenn ich das richtige Shampoo aus der Apotheker-Zeitschrift nehme!"
Es herrschte Stille, eine berüchtigte Stille, und ich sah mein Gesicht blaß werden.
Die Uhr tickte, das Mikrofon hatte ich immer noch auf mich gerichtet, dann fiel es mir endlich ein: "Daß ich auf einem Ikea-Stuhl sitze!"
Tja, und dann fing die Tagesschau an, aber glauben sie bitte nicht, daß da was Neues kam.
Die sind wieder am Debatieren über eine Gesundheitsreform und an der Post und der Bahn soll auch was verändert werden. Na, sollen sie doch reden. Weder ist es mit meiner Gesundheit noch weit her, und die paar Briefe, die ich noch bekomme, die werden trotz Reform schon noch bei mir ankommen.
So lange die über das reden, kommen sie nicht wieder auf eine Rentenreform.

Also die Tagesschau war langweilig, aber mir war wegen dieses komischen Interviews irgendwie unruhig. Ich schaute nochmal ins Programm, aber es schien mir alles bekannt und so hatte ich seit langem mal wieder so einen unruhigen, unternehmungslustigen Drang. Das Wetter war noch gut und mild und so zog ich mich an, ohne zu wissen, wo ich eigentlich hin wollte. Der Dackel wollte nicht mit. Ich sage in mir immer 'Der Dackel' zu ihm, aber laut sage ich halt Schnurzi. Das gefällt ihm besser und er fühlt sich angesprochen. Wenn ich einfach Dackel zu ihm sage, reagiert er überhaupt nicht, So sagte ich also Schnurzi, aber er wollte nicht mit. Na ja, auch Tiere haben manchmal eine Willen.

Ich ging halt vor die Tür und es war wirklich noch sehr sommerlich und ich mal wieder, wegen meiner Vorsicht, viel zu warm angezogen.
Also wohin jetzt?
Mich zog es aufwärts, wie schon lange nicht. Ich bin ja schon eine alte Frau, und nach meinem Sturz will das linke Bein nicht mehr so richtig, aber es schien ganz intakt in dem Moment und so entschloß ich mich mal wieder auf die Lichte Höh zu gehen. Da war ich schon lange nicht mehr. Man sieht so schön auf den Ort von dort.
Ich ging also den Hortenweg aufwärts. Nach ein paar Minuten kam ich an das Grundstück von Schmidtchen und der kniete da in seinem Vorgarten und bohrte mit den Fingern in der Erde.
Mit Schmidtchen hatte ich mal eine kurze Affäre, wirklich nur kurz. Bevor jemand etwas merkte, habe ich es wieder gelassen. Es war ja nur einmal.
Ehrlich gesagt, der roch nicht gut und sein Schniepel war zu dick für mich. Das tat mehr weh, als es schön war. Wir haben dann so getan, als ob nichts wär und niemand hat was bemerkt.
Aber jetzt bohrte er da in der Erde.
"Schmidtchen, was machst du den da?"
"Huch, jetzt hast du mich aber erschreckt. Na ich suche die Tulpen. Die wollen diesjahr überhaupt nicht kommen."
"Aber es ist doch jetzt August, da gibt es doch gar keine Tulpen mehr."
"Hast du den noch nie meine Tulpen im August gesehen. Ich bin der Einzige, der das kann, und deshalb bleiben ja auch normalerweise immer alle um diese Jahreszeit hier stehen und schauen in meinen Garten. Im Kurblatt war ich auch schon deswegen, mit Bild. Aber diesmal wollen sie überhaupt nicht kommen. Ich bin schon ganz verzweifelt."
"Hast du denn einen Fehler gemacht?"
"Ich sehe keinen. Wie immer habe ich die Tulpenzwiebeln in den Kühlschrank gepackt und im Juli eingepflanzt. Dann sind sie immer im August gekommen. Nur diesmal nicht."
"Die kommen bestimmt noch ein wenig später. Wir hatten doch so einen kühlen Sommer. Du solltest nicht so ungeduldig sein.", sagte ich noch und ging weiter, immer bergauf den Hortenweg.

Bald hatte ich die Lichte Höh errreicht, viel schneller als ich gedacht hatte und setzte mich auf die Bank. Ja, das war schön, so über den Ort zu schauen und das Tal. Aber die Unruhe blieb.
Ich war so lebendig, so frisch. Es war richtig komisch. Schließlich entschloß ich mich der Unruhe nachzugeben und noch höher zu gehen, zum Claudiusstein. Der ist fast ganz oben auf der Anhöhe, aber noch auf der Seite von unserer Gemeinde. Ich habe immer gesagt, daß der Claudius, der Dichter, doch nie hier war, und man einen Anderen finden sollte, um den Stein so mit diesem Namen zu lassen. Aber da gab es nur böses Blut. Naja, nun heißt er weiter Claudiusstein und Haupsache, die Gemeinde ist stolz, auch wenn nichts stimmt.
Also, ich kam zum Claudiusstein und setze mich auf ihn, um mich zu verpusten. Es tat mit gut von dieser Höhe, auf der ich schon lange nicht mehr gewesen war, auf meine Gemeinde zu schauen, auf das Tal mit allem, was darin war.
Ich hatte kaum 10 Minuten so gesessen, als ich daran dachte, nun wieder zurückzugehen. Der Dackel wartete bestimmt schon auf sein allabendliches Fressen und ich hatte ja auch noch kein Nachtmahl gehabt.
Aber nein, mir war einfach jung und jeckig. Ich schaute auf das Tal und wollte weiter gehen, mich irgendwie davon entfernen.
Ich wußte, es war spät, bestimmt schon zehn Uhr und ich, so eine alte Frau, um diese Zeit im Wald!
Mich zog es weiter, einfach nach Mooskirchen. Mooskirchen liegt auf der anderen Seite der Höhe und ist unsere Nachbargemeinde nach Osten zu.
Es zog mich nach Mooskirchen, ohne daß sich einen Grund erkennen konnte. Ich bräuchte nur noch ungefär dreihundert Meter aufwärts gehen und dann wäre ich über den Berg und auf Mooskirchen zu. Mir war klar, daß ich heute nicht mehr zurückkommen konnte zu mir. Aber in Mooskirchen konnte ich mich ja einquartieren. Die Bichlers, das sind die Neffen von der Frau meines Onkels von meinem Mann, die haben da so Gästezimmer. Und da ist bestimmt noch jemand wach, wenn ich komme und die nehmen mich bestimmt, sagte ich mir.
Also, ich stand auf vom Claudiusstein und ging noch die dreihundert Meter bis ganz zur Höhe. Dort oben sind nur wenige Bäume und der Wind saust sonst immer so dort, aber heute war es ruhig, fast, und ich hatte keine Mühe über die Höhe zu kommen.
Tja, da war ich also auf dem Weg nach Mooskirchen mitten in der Nacht. Die Wege durch den Forst von Mooskirchen waren wesentlich besser gepflegt, als bei uns. Nichts lag im Weg und wesentlich breiter waren die auch. Außerdem ging es ja jetzt nur noch bergab. So kam ich denn zügig auf Mooskirchen zu.
Ob mein Dackel schon bellte vor Hunger?, fragte ich mich zwischendurch, schob die Frage aber schnell wieder zur Seite.
Dann kam mir noch etwas Anderes: In Mooskirchen wohnte mal der Steffel. Auf den hatte ich ein Auge geworfen. Der war so stark und schön gewesen, daß ich hatte immer an ihn denken müßen vorm Einschlafen, damals.
Hab ich den damals angeblinkt!
Aber der wollte mich nicht.
Ich hatte es mit der Zeit verstanden: Ich war nicht fesch genug und meine Mitgift war ja auch nicht sonderlich.
Der hat dann die Stephanie genommen, aber glücklich soll die Ehe nicht gewesen sein, hat es später überall geheißen.
Die sind dann ja auch früh verstorben: Die Stephanie bei der Geburt des zweiten Kindes mit 32. Und er soll sich dann so gegrämt haben, daß er dann auch bald gestorben ist, obwohl er ja erst 43 war. Wenn er mich noch gewollt hätte, hätte er mich sofort haben können. Mein Mann war ja auch schon kränklich, dauernd hatte er es mit dem Kreislauf und dann ist er einfach so mit einem Herzinfarkt von mir gegangen.
Das erste Kind vom Steffel ist damals, als er starb, dann zu den Jesuiten gegangen und das Anwesen ist bis heute immer noch verwaist.

Ich schritt also mitten in der Nacht auf Mooskirchen zu. Die Luft war herrlich und so kam ich an den Waldrand und hielt inne.
Da war also Mooskirchen. Die Lichter der Straßenbeleuchtung glimmten warmgelb und in den Fenstern sah ich auch überall die Wärme der Familien.
Ja, Mooskirchen!
Ich setze mich an den Waldrand und atmete alles ein.
Dann stand ich wieder auf. Der Weg wurde steiniger und fester und ich erreichte die Ortsgrenze. Als Erstes kam der Friedhof. Der lag so schön am Hang mit Blick auf Mooskirchen, auf die grüne Kuppel des Kirchturms, auf all die weißen Häuser, und alles sah so sauber aus.
Ich ging einfach hinein, in den Friedhof, und setzte mich auf die Bank, die gleich am Eingang war. Der Steffel ist hier begraben, dachte ich sofort, und wenn der wieder aufersteht, hat der so einen Blick. Dem seine Auferstehung wird einfach schön sein.
Je mehr ich so schaute, desto klarer wurde mir, daß ich hier auch begraben sein wollte, nicht nur wegen dem Steffel, sondern allein schon wegen der Aussicht. Ich hatte schon lange überlegt, um welche Uhrzeit die Auferstehung wohl wäre und bin immer wieder darauf gekommen, daß es nur am Morgen sein kann. Am Abend wird es doch wohl keine Auferstehung geben!
Deshalb ist der Friedhof von Mooskirchen einfach besser, als der bei mir. Hier in Mooskirchen scheint schon um neun Uhr die Sonne auf den Friedhof, während sie bei uns erst um Drei am Nachmittag kommt, und das auch nur im Sommer.
Und dann dieser Blick!
Ja, und der Steffel. Der soll sich ja so geärgert haben über seine Frau. Das hatte er davon, daß er nur auf das Äußere geschaut hat und auf die Mitgift. Ich war mehr fürs Herz.
Das fand mein Mann auch immer, und so waren wir dann bestimmt glücklicher als der Steffel.

Also wirklich, wenn ich das hier so sehe, obwohl es schon fast Mitternacht ist, also hier könnte ich mir meine Wiederauferstehung vorstellen.
Man steht ja dann gleichzeitig wieder auf, und so würde ich und der Steffel dann gleichzeitig hier wieder aufstehen, und wir könnten alles bereuen, und er würde mich dann bestimmt nehmen und sein Frau links liegen lassen,
Je mehr ich so saß und so dachte, um so sicherer wurde ich mir: Ich lasse mich in Mooskirchen begraben.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 03.08.2022, 00:03

Hallo Moshe,
wollte immer schon mal mit Toten reden, symbolisch

Am Eingangsatz gefällt mir dieses schön verdrehte, es regt an zu Wortspielereien

ziTat: "Es war 10 vor 8, als ich plötzlich mit dem Mikrofon vor mir stand und mich fragte: "Wissen Sie noch was Liebe ist?"


Sah meinem mir zu, wie es, verdutzt über diese Frage, angestrengt darüber nachdachte, was das sein könnte, was der Stimme aus diesem Ding da vor ihm es doch eigentlich wissen sollte, nach was hat mein Ich mich eben befragt, der Klang jenes Wortes, dass es wissen sollte, kam mir irgendwie bekannt vor, vielleicht auch nur deshalb, weil mir meine Stimme absolut bekannt vor kam. Da oben im Regal könnte die Lösung stehen, kam Ich mir in den Sinn, es tauchte nach Erinnerungen am Meeresgrund, die Apotheke wirbt damit, rätselte dieses mir vor dem mikrofon tonlos vor sich hin, es soll vor Herzinfarkt schützen, oder war es seltener Blutdruck, wenn es nur schnell googeln könnte, dieses unverschämt schlaue Ich am Mikrofon da will mich bloßstellen, die Antwort war mit mir nicht zufrieden, wenn sie mir Liebe buchstabieren, kann es sich wieder daran erinnern, war ich überzeugt.

Zu oft steht Mooskirchen drin.

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Beitragvon Pjotr » 03.08.2022, 00:34

jondoy hat geschrieben:Zu oft steht Mooskirchen drin.

Du meinst, es sind zu viele Küsse?

jondoy
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Beitragvon jondoy » 04.08.2022, 18:29

Pjotr hat geschrieben: Du meinst, es sind zu viele Küsse?


Lach, das meinst du, dies würde der geschichte ihr leben nehmen
ein beispiel
wenn ich hier drin lesen würde, würde ich sagen
Zu oft steht Epiklord drin.

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Beitragvon Pjotr » 04.08.2022, 20:06

Naja, mir scheint, die erzählende Seele feiert Mooskirchen mit allen Sinnen; sie will da hin, und die Wanderung dahin sehe ich als genüssliches Vorspiel, währendessen die vielen Mooskirchen, Mooskirchen, Mooskirchen aus allen ersinnlichen Denkwinkeln die Verliebtheit vertonen.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 14.08.2022, 23:55

....wenn ich ihn mir in der selben zeit, in dem dieses textfragment spielt, von einer fiktiven Jahreszahl mal abgesehen, also in einer sommernacht so durchlese, wirkt das Erzählte auf mich eher wie eine traumsequenz, als leser frag mich, geht wirklich die protagonistin dieses fragments, obgleich ihr linkes bein nach einem sturz nicht mehr so will, abends nach der tagesschau über die lichte höh in den nachbarort, der hinter dieser anhöhe liegt....die lichte höhe und bald darauf auch den claudiusstein hat sie ihren worten nach schon bald erreicht, ihrer einschätzung nach so kurz nach zehn, dann, bereits in der dunkelheit noch die letzten 300 m nach oben und danach mitten in der nacht auf gepflegten (wald)wegen runter in den nachbarort und rein in dessen friedhof, in solchen ähnlichen modellen wir als kinder nachts in den ferien ab und zu, um uns zu gruseln, geister, gespenster und vampire gespielt haben, also an einem ort, an dem es nachts nicht wesentlich weniger rabenschwarz dunkel ist, wie im wald, außer du hast eine taschenlampe mit funktionierenden batterien dabei oder es ist klar und um vollmond herum, vielleicht, doch für mich wirkt es eher wie eine traumsequenz aus einer ein bischen surreal-real-bunten erinnerungswelt, das ist ja das schöne an dieser geschichte, das sie ein wenig spielt, mit der gedankenwelt des lesers und mit ihrem eigenen plot, in dem einige dinge glaubwürdig erscheinen, wie deren große sehnsucht nach ihrer vielleicht wirklich einzigen großen liebe, diesem steffel, die unerfüllt blieb. Kurios, wie diese unbekannt alte strohwitwerin unerhört forsch in dieser geschichte reflektiert, in dem sie beispielsweise ihr Ich surreal verspielt interviewt und ihrer phantasie freien lauf lässt, ihre wiederauferstehung in diesen friedhof verlegt, dessen lage und tolle aussicht sie immer schon bewundert hat, und wie sie der steffel bei ihrer wiederauferstehung auch so verliebt ansieht, als wenn er bereits vom ersten erdentag an total verknallt in sie gewesen wäre, wenn sie nur ein bischen mehr zasterbraut gewesen wäre, moshe hat diese geschichte nichts ins melancholische fallen lassen, nur frag ich mich, was hat dies mit diesem mooskirchen zu tun, diese protagonistin da in diesem fragment lebt doch nicht in einem urbanen traumchloss, dessen unzählige räume wie zwiebeln und nachtgeschöpfe sommernachts aus dem boden wachsen, die lebt seit jahrzehnten im nachbarort jenes engelsgleichen mooskirchen, und zumindest bis vor der episode mit dem knie und dem sturz sollte es die protagonistin doch ab und zu durch autos, andere mobile errungenschaften oder eigene füße in nachbarorte des eigenen wohnortes wie zufällig jenem mooskirchen verschlagen haben, was einen so verklärten blick auf den nachbarort zu einer schriftstellerischen phantasie platzen lässt. das ist ein detail.


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