[zur Überarbeitung]
Verfasst: 01.12.2006, 20:50
[zur Überarbeitung]
Du hast es großartig hinbekommen, dieses Gefühl der Ohnmacht einerseits und das der Achtung andererseits auszudrücken. Klasse geschrieben! Einmal angefangen, liest man bis zum Schluss durch. Auch ist der Leser mittendrin. Man erlebt alles sehr gut mit, kann es nachvollziehen.
Klara hat geschrieben:Sie reagiert nicht auf mein Klingeln.
Klara hat geschrieben:Ich bin früh mit dem Zug gekommen , und zu Fuß zu ihrem großen Haus gegangen, aber sie macht die Tür nicht auf.
Klara hat geschrieben: Ich öffne die Gartenpforte. Vielleicht ist etwas passiert. Sie weiß, dass ich komme, aber sie vergisst alles. Ich gehe um das Haus herum, sehe sie liegen, weiter hinten, in ihrer Laube, im Liegestuhl. Ihr Mund steht offen. Ich kann noch nicht hören, ob sie schnarcht, sehe den Garten, duftend im Mai, der Rasen zu lang, die Sträucher geschossen, die Blumen wie wild.
Klara hat geschrieben:Ich versuche, näher zu kommen, nicht zu leise und , nicht zu laut, um sie nicht zu erschrecken, und weiß doch nicht, wie ich beides zugleich schaffen soll. Mir fällt ein, wie gern Oma Gegensätzliches fordert - gleichzeitig: Strafe und Erfüllung, Genuss und Kontrolle, Lachen und die Hand vor den Mund. Also rufe ich zurückhaltend: “Oma.” Ich spüre meine Unbeholfenheit, rufe lauter, beuge mich über sie, sehe schwarze Haare auf ihrem Kinn. Da richtet sie sich auf. “Ach, du bist es”, sagt sie deutlich, “genau so hab ich mir das vorgestellt!” Ich weiß nicht, was sie meint. Wir umarmen einander unvollständig, mit einer knöcherner, pflichtschuldigen Vertrautheit. Ich setze mich zu ihr, und Sie braucht lange, bis sie richtig wach ist. um richtig wach zu werde
Klara hat geschrieben:Dann steht sie auf, um Kaffee zu machen, sie besteht darauf. Wir gehen über den Rasen ins Haus. Es fällt ihr schwer, den Deckel der Kaffeemaschine aufzusetzen, es fällt ihr schwer, das Pulver zu dosieren, das Wasser einzufüllen. Sie kleckert. Ich schmiere Butterbrote für uns, meine Hände zittern vor Angst, etwas falsch zu machen, der Käse ist über dem Verfallsdatum, im Kühlschrank steht Schimmel auf dem Joghurt, ich werfe ihn weg, ohne zu fragen, habe Schwierigkeiten, so langsam und laut zu sprechen, wie sie es braucht. Auf dem Lid ihres erblindeten Auges leuchtet lila eine kleine Entzündung, ihre Haut an Stirn und Wangen ist ekzemartig gerötet, ihre Schritte sind unsicher geworden, sie zwingt sich aufrecht. Meine Tante möchte sie lieber in einem Pflegeheim unterbringen. Sie fürchtet, dass alles verkommt, dass ihre Mutter mit gebrochenen Beinen auf den Fliesen der Küche liegen bleibt und verreckt, oder dass sie vergisst, den Herd abzuschalten, so dass alles brennt, dass sie anfängt zu riechen, nach Schmutz, nach Sterben. Doch Oma trotzt, wie ein Kind. Da hat meine Tante eine Pflegerin gefunden, aber die hat Oma nach kurzer Zeit wieder weg geschickt. “Ich brauche das nicht”, erklärt sie mir, als ich vorsichtig danach frage, und mir fehlt die Kraft sie umzustimmen, vielleicht auch die Überzeugung. Meine Tante spricht von “Krankheitsbildern”, entfremdet das Alter, macht es zu einem Zustand, der behandelt werden muss, am besten fachkundig. Meine Mutter findet, dass Oma machen soll, was sie will. Mir kommt beides richtig vor, und beides falsch.
Später riecht Oma tatsächlich ein bisschen nach Urin. Ich sollte darüber traurig sein, oder wenigstens schockiert, aber es ist auch sehr eindrucksvoll. Ich kenne sonst niemanden, der einen so eisernen Willen hat. Meine Oma lässt nichts auf sich kommen, auch wenn sie stinkt, auch wenn der Reißverschluss ihres Rockes eingerissen ist, auch wenn in ihren Mundwinkeln Marmeladenreste kleben. Sie kaut sehr laut, beim Essen, ein bedrohliches Knirschen und Malmen. Es fällt mir schwer, dabei sitzen zu bleiben, zu lächeln, ihr trotzdem höflich das Salz zu reichen, den Schein zu wahren. Wir halten die Mahlzeiten kurz.
Klara hat geschrieben:Ihren Rücken hält sie gerade wie je. Einmal in der Woche kommt eine Putzfrau. Das Grobe ist ordentlich, aber die Kleinigkeiten stimmen nicht mehr. Dinge bleiben kaputt. Das Handtuch an der Spüle starrt vor Dreck. Der Wischlappen klebt muffig – derselbe Geruch wie damals, als sie uns damit über die Kindermünder fuhr: Wir haben die Lippen fest zusammen gepresst und durch die Nase ausgeatmet, mit einem protestierenden “Mmmh”, wie unter einem Knebel hervorgepresst. Ein frisches Handtuch rückt sie heraus, aber zu einem sauberen Lappen lässt sie sich nicht überreden. “Ich bin da nicht so empfindlich”, betont sie, als sei das eine Auszeichnung: ein fauliges Stück Stoff als Beweis ihrer Charakterstärke. Trotzdem stecke ich den dreckigen Lappen später heimlich in den Wäschekorb: die heldenhafte Tat einer Verräterin.
Klara hat geschrieben:Wir gehen aus dem Haus, obwohl ihr Gesicht auf einmal weiß ist, und schweißnass. Sie nimmt ihren Stock und , will mit mir zum Markt, wie wir das immer getan haben, am Markttag, Fisch kaufen, und Spargel, denn Oma denkt beim Frühstück an das Abendessen. Sie zwingt sich auf die Straße, mit ihrem Stock, mit ihrem Willen, Schritt für Schritt. “Ist alles in Ordnung, Oma?”, frage ich, und berühre sie scheu an der Schulter. Sie zuckt zurück. Immerhin darf ich die Tasche tragen, die ich kenne, seit ich sie kenne:  WIESO IMMER DIESES SATZZEICHENß ein bisschen eingerissen, aus Kunstleder, bewährt. Und ich muss bezahlen, weil sie das Geld vergessen hat.
Klara hat geschrieben:“Lauf vor und hol den Schirm”, befiehlt sie knapp, als dunkle Wolken kommen. Also renne ich, während sie unter einem Baum wartet, im Trocknen. Dann gehen wir zusammen unter dem Schirm, meine Oma stützt sich fest auf meinen Arm, sie ist stark. “Gut, dass wir zuhause sind”, seufzt sie zufrieden, als wir drinnen sind und das Gewitter richtig los donnert. Ihre Haut glänzt feucht. Sie sieht noch gut aus, trotz der Altersflecken, mindestens zehn Jahre jünger als sie ist, doch ich vergesse, ihr das zu sagen, obwohl sie es so gern hört. Mittags legt sie sich hin, in ihren braunen Kippsessel mit Fußstütze, der neben der Standuhr steht, eine Zeitung auf der Brust. Zum Kaffee essen wir Pflaumenkuchen, den sie am Morgen aus dem Tiefkühler genommen hat (er ist innen noch vereist, aber ich sage nichts). Sie gewinnt eine Patience gegen mich, spricht dabei mit widerwilliger Anerkennung von meiner Mutter, die auch gerne Patiencen legt, und verdrückt zugleich ihren Ärger über die widerspenstigen Karten.
Klara hat geschrieben:Wir setzen uns an den Küchentisch, der Regen läuft außen am Fenster hinunter, und schälen Spargel. Als sie die Töpfe auf den Herd stellt, schickt sie mich weg: “Geh doch etwas lesen, während ich koche!” Ich verrate ihr nicht, dass ihr die Rock-Aufhänger aus dem Bund hängen, nach einiger Überlegungsage ich ihr das nicht , denn das nächste Mal sähe sie es wieder nicht und hätte niemanden, der ihr das sagt. Noch hält der Rahmen - was würden die anderen sagen – sie hat sich ihr Leben lang dran fest gehalten, hat den Außenblick so sehr verinnerlicht, als könnten die Nachbarn oderwerauchimmer durch die Wände gucken. Ohne Notwendigkeit, so scheint es mir, unterwirft sie sich einer ständigen Selbstzensur, aber vielleicht ist sie ja selbst die Hüterin. Vielleicht hat sie den Zwang überlistet, indem sie sich die Fremdbestimmung aneignete, und dann tauschte - als nurmehr scheinbare - gegen echt gefühlte Sicherheit, wer weiß. Hätte sie dann gewonnen?
Vielleicht gibt die Vorstellung der nur vage konturierten, dafür scharf bewussten Anderen als Lauernde ihr Kraft: ein ständiger Ansporn, jenen eben keine Verfehlung zu gönnen. Vielleicht hat sie die fremden inneren Augen ausgetrickst, jene quasi göttliche Instanz, allmächtig, allwissend, indem sie, inwändig, beim besten Willen nie etwas anderes entdecken konnte als ein braves Mädchen, unsichtbar und doch im Bild, als würde sie immerzu in eine Kamera winken, die gar nicht aufnimmt. Nie ist sie aus dem Rahmen gefallen. Noch sind da nur ein paar Sprünge im Glas.
Klara hat geschrieben:Seit 70 Jahren lebt Oma in dem großen Haus. Es ist voll mit Vergangenheit, aus jeder Perspektive, ich kann mich kaum bewegen darin, und meine Zunge liegt mir träge und pelzig im Mund, macht jedes Wort unsäglich mühsam. Auch Omas Zuwendung klingt wie auswändig auswEndig gelernt, doch ich weiß, dass ihre Augen lieb sein werden beim Abschied, wie ein Spiegel der meinen: Sie wird froh sein, mich wieder los zu sein, und sie wird mich trotzdem mögen. Ich werde vergessen haben, die Mülleimer nach vorne zu stellen, und aufatmen, wenn ich im Zug sitze. Meine Erinnerungen werden gelbstichig, wie alte Fotos, fangen an zu bröckeln. Wir sind so oft bei ihr gewesen, als Kinder, und immer war es geschlossen, sicher und angenehm kühl - das Gegenteil von zuhause. Meine Mutter hat sich große Mühe gegeben, alles anders zu machen, aber die Art, wie sie beide den Kopf nach vorne rucken oder den schmalen Mund verziehen, verrät sie ebenso wie der Schwung der Falten um Mundwinkel und Augen, ihre herrischen Gesten, der strenge Blick über die Brille, das abgehackte Zerren an den Spielkarten auf dem Tisch, wenn sie den kräftigen Fingern nicht gleich gehorchen; ihr Starrsinn, ihr Egoismus, ihre Härte.
Du könntest an einigen Stellen sicherlich etwas kürzen,
Einziger Einwand: Den Vorletzten Absatz ("Zum Abendessen ... Knie zwingen ließe!") würde ich komplett streichen. Er ist gut geschrieben, bringt aber inhaltlich nichts Neues über die alte Dame. Ansonsten: Deine Prosa ist glänzend!

). Ich woltle nur sagen: Der text hat mir so gefallen, dass ich keine wirklich Kommentararbeit leisten möchte (wie ich es sonst hoffe zu tun).