Amala

Rubrik für Theaterstücke, Szenen, Sketche, Dialoge, Hörspiele, Drehbücher und andere dramatisch angelegte Texte
Quoth
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Beitragvon Quoth » 21.09.2017, 18:46

Amala: Entschuldigen Sie, ich habe neulich Ihr Hilfsangebot abgelehnt. Das war nicht sehr nett von mir.
Branko: Ach so, ja ich erinnere mich. Aber sie hatten einen sehr guten Grund, nämlich dass Ihre Mutter bei Ihnen ist und sich um Sie kümmert.
Amala: Wie sind Sie eigentlich auf mich gekommen? Hier gibt es so viele, die es nötig hätten.
Branko: Es hat mich, ehrlich gesagt, erschüttert, einen so jungen Menschen im Rollstuhl und mit Augenklappe zu sehen. Ich bin wohl mehr als doppelt so alt wie Sie – und es bedrückt mich, dass ich fast wie ein Gesunder hier herumlaufe.
Amala: Darüber sollten Sie sich freuen. Ja, mich hat’s happig erwischt, aber die Ärzte machen mir Hoffnung.
Branko: Sehr nett von Ihnen, dass Sie sich daran erinnert haben. Und grüßen Sie unbekannter Weise Ihre Frau Mutter.
Amala: Das ist es ja, weshalb ich reumütig auf Sie zurückkomme.
Branko: Geht es ihr nicht gut?
Amala: Sie liegt auf der Kardiologischen … Es ist ihr alles zu viel geworden. Ich, mein Vater zu Hause, mein Bruder hatte einen Unfall … Zu viel …
Branko: Das tut mir leid. Aber bevor Sie mich darum bitten: Mein Angebot von damals besteht weiter.
Amala: Wirklich? Obgleich ich es neulich so schnöde abgelehnt habe?
Branko: Ja klar. Im Gegenteil: Mir tut das Hinausgehen auch gut, und wenn ich Ihren Rollstuhl schiebe, ist das eine wunderbare Stütze für mich. Sie tun also auch was für mich, wenn Sie mir das anbieten …
Amala: Anbieten ist gut. Es ist und bleibt eine Gefälligkeit von Ihnen, für die ich sehr dankbar bin.
Branko: Mal langsam! Danken können Sie mir hinterher. Sagen Sie, wann ich Sie holen soll. Und wo.
Amala: 624. Wie wäre es gegen acht? Ach nein, da ist Tagesschau!
Branko: Die guck ich mir schon lange nicht mehr an.
Amala: Okay. Dann freue ich mich auf unseren gemeinsamen Ausflug.
Branko: Soll ich Sie raufbringen?
Amala: Nein, ich muss noch zur Physio.

Amala: Er fährt wie ein Verrückter. Das musste einmal passieren. Er kann froh sein, dass er noch lebt.
Branko: Bin ich auch nicht zu langsam?
Amala: I wo. Das Tempo ist genau richtig – andante.
Branko: Spielen Sie ein Instrument?
Amala: Ja, Klarinette. Aber das ist nun wohl Vergangenheit.
Branko: Und Ihr Vater?
Amala: Ach, sag doch dein Vater. Ich bin Amala.
Branko: Branko.
Amala: Branko?
Branko: Branko.
Amala: Mein Vater ist einer von diesen Männern, die bei vollem Kühlschrank verhungern, wenn ihnen nicht eine Frau das Essen hinstellt.
Branko: Einen schönen Namen haben Sie! Woher kommt er?
Amala: Ich glaube, aus der Völkerwanderung. Amalaswintha, aber das war meinen Eltern zu lang …
Branko: Wissen Sie …
Amala: Weißt du …
Branko: Entschuldigung. Danke übrigens für das Du!
Amala: Da nicht für!
Branko: Wie bitte?
Amala: So sagt man bei uns in Kiel.
Branko: Ach, daher sind … Ach daher bist du …
Amala: Du fragst mich gar nicht nach den Ursachen für meinen Zustand.
Branko: Du wirst von allein davon anfangen. Hier wird ohnehin viel zu viel von Krankheiten geredet.
Amala: Ich bin so lufthungrig. Ich kann gar nicht genug davon in die Lungen kriegen.
Branko: Steh doch mal auf. Das weitet die Brust ... Ich stelle den Rollstuhl fest – hier …
Amala: Danke, ja. Aber deinen Arm brauche ich nicht. Was für ein herrlicher Blick! Auch mit nur einem Auge von unglaublicher Tiefe.
Branko: Das ist das Sfumato … Je ferner eine Hügelkette ist, desto heller blau ist sie.
Amala: Wie nennst du das?
Branko: Sfumato. Italienisch für dunstig, weil die italienischen Maler es für die Malerei entdeckt haben.
Amala: Woher weiß man so was?
Branko: Mein Mann ist Restaurator.
Amala: Ihr Mann? Ach ja, ich sah dich mit einem Mann Arm in Arm ... Was für ein toller Beruf!
Branko: Sie schwanken – nein, nicht gehen, nein!
Amala: Das war knapp. Danke, Branko.
Branko: Bitte. Amala.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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