Der weise Wächter

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 25.12.2017, 21:12

Liebe Salonler,
am Ende eines in vieler Hinsicht schwierigen Jahres, in dem ich leider zu nicht viel in der Lage war, ist auch die literarische Ausbeute etwas mager. Aber immerhin um der Tradition willen möchte ich euch wenigstens das nicht vorenthalten - hier also mein diesjähriger Weihnachtstext. Nächstes Jahr dann (hoffentlich) wieder mehr und besser.
Liebe Grüße und eine frohe Weihnacht
Merlin

P.S.: Beim Einsetzen des Textes ist leider die Kursivsetzung für die Regieanweisungen verloren gegangen. Falls die Lesbarkeit sehr darunter leidet, würde ich das von Hand korrigieren.



Der weise Wächter

Szene 1
Zu sehen ist ein Schreibtisch "im Profil", davor (also links davon) ein einfacher hölzerner und derzeit leerer Stuhl. Dahinter sitzt, auf einem gepolsterten, drehbaren Bürosessel, ein Mann in einer Polizeiuniform. Der Mann hebt eine Klingel vom Schreibtisch auf und läutet. Von draußen hört man eine Stimme
Stimme: Der nächste, bitte!
Stille, gefolgt von einem undeutlichen Stimmengewirr. Es scheint eine Auseinandersetzung zu geben, über deren Inhalt aber nichts zu erfahren ist. Schließlich kommt von links ein junger Mann auf die Bühne. Er trägt einen Anzug, ihm etwas zu groß ist. Die Hosenbeine sind locker. Die Ärmel sind aufgeknöpft, die beiden oberen Hemdknöpfe offen. Um den Hals hängt lose eine Krawatte. Der Polizist blickt ihn an.
Polizist: Herr Dr. Wultbi?
Wultbi: Zu ihren Diensten! Er deutet eine Verbeugung an.
Polizist: Das eben werden wir sehen. Sie wollen sich also für eine Polizeilaufbahn bewerben?
Wultbi: Ganz recht.
Polizist: Und Sie sind, wie ich Ihren Unterlagen entnehme... Er hebt eine Akte vom Schreibtisch auf und blättert darin.
Wultbi: Doktor der Philosophie. Ich habe über modalen Realismus promoviert.
Polizist: Gewiss, gewiss. Nun würde mich zunächst einmal interessieren, warum Sie glauben, für den Polizeidienst geeignet zu sein. Was bringen Sie denn so an Fähigkeiten mit, die Sie bei uns einsetzen wollen würden?
Wultbi: (1) gründliches logisches Schlussfolgern (2) Präzision: Kommunikationsprobleme wegen unklarer Formulierungen kommen bei mir nicht vor (3) Kritische Grundhaltung: Als Philosoph bin ich der Fressfeind voreiliger Schlüsse. Einseitigkeiten im Ermitteln wird es bei mir nicht geben, weil ich stets darauf achte, ob meine Annahmen auch gut begründet sind. (4) Durchhaltevermögen: Wenn Sie wüßten, was ich alleine für meine Masterarbeit alles lesen musste... (5) Pflichtbewußtsein: Was ich tue, tue ich nicht für Geld, sondern weil es meiner Überzeugung entspricht. Ich bin daher absolut zuverlässig.
Polizist: Das klingt in der Tat, als ob Sie zu uns passen könnten. Aber natürlich müssen wir auch zu Ihnen passen. Was halten Sie davon, wenn ich Sie ein wenig in der Wache herumführe, damit Sie sehen können, wie die Tätigkeitsfelder hier so aussehen?
Wultbi: Ein ausgezeichneter Gedanke. Nur zu!



Szene 2
Auf dem Schreibtisch, der auf die linke Bühnenhälfte verschoben wurde, stehen nun drei Telefone und ein Bildschirm. Davor sitzt ein junger Polizist mit einem Headset.
Polizist: Und das hier ist unsere Notrufzentrale. Hier werden eingehende Anrufe gesammelt und die Informationen an die entsprechenden Stellen weitergeleitet.
Philosoph: schaut interessiert
Eine Alarmsirene schrillt. Beide Polizisten schrecken hoch.
Polizist: Der Feueralaram! Nichts wie raus hier!
Sie laufen rasch aus dem Raum. Der Philosoph bleibt allein zurück, in die Betrachtung des Headsets versunken. Nach einer kurzen Pause nimmt er Platz und setzt das Headset auf.
Die Bühne wird in der Mitte durch ein Seil o.ä. geteilt. Auf der rechten Seite ist ein Mann zu sehen, der hektisch mit einem Handy in der Hand durch ein Zimmer läuft. Im Zimmer befinden sich noch ein rollbarer Drehstuhl vor einem Schreibtisch und ein Tresor.
Am Headset des Philosophen beginnt ein Licht zu blinken und ein Klingelton ertönt. Der Philosoph drückt einen Knopf am Headset.
Philosoph: Guten Abend, Polizeidienststelle Nord, Wultbi am Apparat. Was kann ich für Sie tun?
Anrufer: Bitte... schicken Sie jemand! Da ist jemand in meinem Haus!
Philosoph: Nun mal ganz ruhig. Von wo aus rufen Sie an?
Anrufer: Von zuhause!
Philosoph: Wollen Sie mich veräppeln? Natürlich ist jemand in Ihrem Haus, wenn Sie zuhause sind! Legt auf und schüttelt den Kopf; bei sich: Komische Leute gibt's!
Das Telefon klingelt erneut, der Philosoph nimmt ab.
Philosoph: Ja, bitte?
Anrufer: Es sind zwei Leute in meinem Haus!
Philosoph: Sind Sie sicher, dass es nicht drei sind?
Anrufer: Nein, aber...
Philosoph: Oder vier?
Anrufer: Nein, aber....
Philosoph: Kurz, Sie haben keine Ahnung, wie viele Leute sich in Ihrem Haus befinden?
Anrufer: Nein...
Philosoph: Und um mir das mitzuteilen, rufen Sie mich an? Er legt auf
Wieder klingelt das Telefon, der Philosoph nimmt ab.
Philosoph: Ja bitte?
Anrufer: Es befinden sich _mindestens_ zwei Personen in meinem Haus.
Kurzes Schweigen.
Anrufer: ...und die sind _nicht_ identisch.
Philosoph: Nicht identisch? Wie meinen Sie das?
Anrufer: Das ist doch wohl völlig klar!!
Philosoph: Klar ist hier überhaupt nichts. Sie servieren hier eine schwammige Halbwahrheit nach der anderen.
Anrufer: seufzt Also, es ist eine Person im Haus, die ich vor mir sehen könnte.
Philosoph: Schon mal von Spiegeln gehört?
Anrufer: Aber ich kann jemand hören!
Philosoph: Na und? Ich höre Sie doch auch, da werden Sie sich doch erst recht selbst hören können.
Anrufer: Ich komme gerade ganz klar _nicht_ meine Treppe herauf! Ich stehe hier!
Philosoph: Ah? Und was wäre, wenn Sie aus der Zukunft durch die Zeit gereist wären und nun Ihr Haus betreten hätten? Das wären dann wohl nicht Sie?
Anrufer: Doch, vielleicht aber - hören Sie, es ist wirklich dringend, er kommt näher!
Philosoph: Oder vielleicht wurde eine Kopie von Ihnen hergestellt.
Anrufer: Das wäre dann doch nicht ich!
Philosoph: Nicht? Vielleicht. Vielleicht aber doch. Was sind denn Ihre Identitätskriterien für Personen?
Anrufer: Meine was?
Philosoph: Die Bedingungen, unter denen Sie zwei Personen als die gleiche ansehen. Sie werden doch vermutlich behaupten wollen, Sie seien der gleiche, der mich vor einer Minute angerufen hat?
Anrufer: Sicher, aber...
Philosoph: Und warum sind Sie sicher, dass Sie nicht auch derjenige sind, der die Treppe herauf kommt? Wann nennen Sie denn zwei Personen gleich?
Anrufer: Keine Ahnung, aber hören Sie, es ist wirklich...
Philosoph: Da haben wir's! Sie reden mir von verschiedenen Leuten in Ihrem Haus und haben keine Ahnung, was Sie da sagen - aber ich soll's dann wohl erraten, wie? Lernen Sie erst einmal, sich klar auszudrücken, ehe Sie mich behelligen! Legt auf.
Der Anrufer steht kurz da und sieht ängstlich um sich. Dann versteckt er sich unter dem Tisch.
Eine Weile geschieht nichts. Auf der rechten Seite betritt ein maskierter Mann die Bühne. Ohne Mühe hebelt er den Tresor mit einem Brecheisen auf. Dann holt er einen Sack hervor und beginnt, Geld aus dem Tresor in den Sack zu werfen.
Wieder klingelt das telefon, der Philosoph nimmt ab.
Philosoph: Ja bitte?
Anrufer: Es kann nun wirklich kein Zweifel mehr bestehen. Es befindet sich jemand direkt vor meinen Augen im Zimmer, er ist blond, ich braunhaarig, er ist mindestens 1.90 groß, ich 1.75, ich telefoniere mit Ihnen und er räumt gerade meinen Tresor aus und mein Geld in einen sack.
Philosoph: Ihr Geld?
Anrufer: Das will ich meinen.
Philosoph: Nehmen wir mal für einen Augenblick an, ich gebe Ihnen das alles zu, was Sie da zusammenreden. Da steht also eine von Ihnen _verschiedene_ (was immer das heißen soll) Person im Zimmer und räumt Geld aus einem Tresor in einen Sack. Wie kommen Sie darauf, dass es sich dabei um _Ihr_ Geld handelt?
Anrufer: Naja, er nimmt es aus meinem Tresor.
Philosoph: Und so erklären Sie die Ihrheit des Geldes aus der Ihrheit des Tresors? Und der Tresor wiederum ist vermutlich Ihrer, weil Sie ihn von _Ihrem_ Geld bezahlt haben?
Anrufer: Äh...
Philosoph: Naja, lassen wir diesen offensichtlichen Zirkelschluss einmal beiseite. Sie sagen, die Person in Ihrem Haus packe das Geld in einen Sack?
Anrufer: Ja. Der erste Sack ist jetzt voll und er holt gerade einen zweiten hervor.
Philosoph: Jetzt verbirgen wir mal nicht den Kern der Sache hinter einem Nebel von Einzelheiten. Schon Occams Rasiermesser rät davon ab, Entitäten unnötig zu vermehren. Oder sind Sie der Ansicht, dass der zweite Sack hier einen wesentlich neuen Gesichtspunkt ins Spiel bringt?
Anrufer: Nein, aber...
Philosoph: Gut. Wir haben da also eine Person mit einem Sack. Handelt es sich dabei Ihrer Einschätzung nach um den Sack dieser Person?
Anrufer: Was tut denn das zur Sache!
Philosoph: Eine ganze Menge. Also statt hier wertvolle Zeit mit Gegenfragen zu vergeuden, antworten Sie doch einfach!
Anrufer: Ja, was weiß ich, woher der den Sack hat!
Philosoph: Es könnte doch aber jedenfalls seiner sein?
Anrufer: Sicher. Warum nicht?
Philosoph: Halten wir also fest: Das Geld ist Ihres, weil es in Ihrem Tresor lag. Nun allerdings befindet es sich in seinem Sack.
Anrufer: Richtig.
Philosoph: Nach Ihrer Logik ist es dann also jetzt sein Geld.
Anrufer: Nach hören Sie mal! Es ist doch nicht seins, weil er es sich einfach nimmt!
Philosoph: Ach nicht? Dann ist es aber auch nicht schon deshalb Ihres, weil es in Ihrem Tresor gelegen hat, oder? Ich vermute, wenn er es jetzt zuhause in seinen Tresor legt und Sie mit einem Sack kommen, um es zurückzuholen, werden Sie weiter der Ansicht sein, dass es sich um Ihr Geld handelt.
Anrufer: Allerdings. Schließlich habe ich es verdient!
Philosoph: Oha! "Verdient". Da sprechen Sie aber ein großes Wort gelassen aus, mein Herr! Dafür schulden Sie mir aber eine Begründung.
Anrufer: Eine Begründung? Wofür denn?
Philosoph: Natürlich dafür, womit Sie das Geld verdient haben, dass Ihnen da gerade angeblich gestohlen wird.
Anrufer: Nun, ich habe dafür gearbeitet...
Philosoph: Geld verdient man also durch Arbeit?
Anrufer: Wie denn sonst!
Philosoph: Und Sie haben dafür gearbeitet? Für drei Säcke voller Geld?
Anrufer: Wieso drei? Ich habe bisher nur von zweien geredet!
Philosoph: Wenn ich auf meine Uhr sehe, hat er für den ersten Sack zwei Minuten gebraucht. Jetzt sind seither weitere drei vergangen. Ich nehme also an, dass er inzwischen den dritten füllt?
Anrufer: In der Tat.
Philosoph: Gut. Zurück zum Thema. Haben Sie alles Geld in diesen Säcken selbst erarbeitet?
Anrufer: Naja, einiges davon habe ich auch geerbt.
Philosoph: Sind Zinseinkünfte dabei?
Anrufer: Sicher.
Philosoph: Gewinne aus Aktiengeschäften?
Anrufer: Auch das, aber...
Philosoph: Aus Versicherungen?
Anrufer: Hören Sie mal, ich bin doch hier nicht beim Steuerberater!
Philosoph: Ganz kostenfrei kann ich Ihnen trotzdem raten, all das gründlich zu versteuern. Aber das nur am Rande. Wie kommen denn beispielsweise Ihre Zinsen zustande?
Anrufer: Na, mein Geld wird angelegt, und dann vermehrt es sich.
Philosoph: "Vermehrt sich". Das klingt ja frappierend. Was für eine Währung ist denn das? Hefetaler?
Anrufer: Nein, Euro.
Philosoph: Dann möchte ich doch gerne etwas genauer wissen, wie das Geld sich vermehrt.
Anrufer: seufzt Na, da baut beispielsweise einer eine Fabrik von, und die produziert dann sagen wir mal Quietscheentchen, und alle mögen Quietscheentchen und kaufen welche, und von dem Geld, das er so einnimmt, gibt er mir meins zurück und noch etwas dazu.
Philosoph: Die Fabrik produziert etwas? Das muss ja ein tolles Bauwerk sein!
Anrufer: Natürlich arbeiten da Leute in der Fabrik.
Philosoph: Ah! Und was machen die da?
Anrufer: Gummi zu Enten.
Philosoph: Verstehe. Und die Enten sind mehr wert als das Gummi?
Anrufer: Klar, sonst wäre das ja sinnlos.
Philosoph: Und dann?
Anrufer: Na, die werden dann verkauft, nach Abzug der Kosten für den Lohn und die Maschinen und den Strom usw. bleibt etwas übrig, und davon kriege ich etwas.
Philosoph: Also, Sie sagen, Geld verdient man durch Arbeit. Warum bekommen dann Sie das Geld, dass die Arbeiter verdient haben?
Anrufer: Also hören Sie mal! Immerhin gehe ich das Risiko ein, durch eine Fehlinvestition alles zu verlieren! Da ist es nur recht und billig, wenn ich mehr zurückerhalte als investiere!
Philosoph: Vielleicht. Es käme auf den Versuch an, näher zu beziffern, wie viel dieses Risiko wert ist. Aber sicher ist es doch etwas anderes als Arbeit?
Anrufer: Schon.
Philosoph: Nun, dann ist hier eingangs vorgeschlagener Maßstab für das Verdienst jedenfalls ungeeignet, um Ihre Behauptung zu rechtfertigen. Darf ich mich noch rasch erkundigen, um wie viel Geld es eigentlich geht?
Anrufer: Etwa 10 Millionen, plus minus, in kleinen Scheinen.
Philosoph: Ja, die Kleinen scheinen. Wären sie groß, müßten sie ja nicht scheinen, sondern würden sein.
Anrufer: Wie bitte?
Philosoph: Ach, nichts weiter. Also noch einmal die Frage: Womit, da es ja offenbar nicht Arbeit ist, haben Sie das ganze Geld verdient?
Anrufer: Also, das führt jetzt wirklich zu weit. Ich habe es, es gehört mir, und Punkt.
Philosoph: Und damit schließt sich der Kreis aufs Neue. Sie sehen also ein, dass keineswegs klar ist, ob Ihnen hier ein Unrecht geschieht.
Anrufer: (resigniert) Es scheint so. Pause. Vielen Dank, dass Sie mich so geduldig aus meiner Verwirrtheit herausgeführt haben.
Philosoph: Gern geschehen. Dafür bin ich ja da. Die Polizei - dein Freund und Helfer!
Anrufer: Überlegt eine Weile. Dann, mit etwas verschmitzem Unterton. Darf ich Sie noch eine Kleinigkeit fragen, die mir unklar geblieben ist?
Philosoph: Aber gewiß doch! Gerne!
Anrufer: Einmal zugestanden, dass mein Anspruch auf das Geld nicht gut zu begründen ist - woher soll der Kerl einen haben, der es gerade einsackt?
Philosoph: Sack 4?
Anrufer: Sack 5: Der vierte war nur eine Aldi-Tüte, daher ging es etwas schneller.
Philosoph: Hm. Interessanter Punkt. Das läßt sich so ohne weiteres natürlich nicht sagen. Pause Können Sie mir den Herrn vielleicht kurz geben?
Anrufer: Sicher. Einen Augenblick bitte, er geht gerade zur Tür hinaus.
Stimmengewirr. "Augenblick!" - "Was?" - "Es ist für Sie?"- "Was soll das?" usw.
Einbrecher: Hallo?
Philosoph: Ich grüße Sie!
Einbrecher: Guten Abend!
Philosoph: Ah, das freut mich, dass sich gleich zum Thema kommen. Sehen Sie, ich wurde gerade von jemand kontaktiert (der mit Ihnen identisch sein mag oder auch nicht, das haben wir bisher nicht zufriedenstellend klären können), der entschieden etwas Gegenteiliges behauptet.
Einbrecher: Etwas Gegenteiliges? Wozu denn?
Philosoph: Zu Ihrer These vom "guten Abend", ich möchte sie einmal mit "GAT" abkürzen. Der nämliche Herr vertrat, wenn ich es recht verstand, die Position, es handle sich ganz und gar nicht um einen guten Abend.
Einbrecher: Ja, für ihn wohl nicht. Er wird gerade recht viel Geld los. Aber für mich läuft es gerade super, ich sacke ein wie nie zuvor.
Philosoph: Verwirrend. Ist es nun ein guter Abend oder ist es keiner?
Einbrecher: Für mich ist es einer, für den Herrn hier wohl nicht. Wie es für Sie ist, weiß ich nicht.
Philosoph: Ah. Sie behaupten also, das Prädikat "gut" sei ohne die nähere Qualifikation, für wen etwas gut sei, bedeutungslos?
Einbrecher: Sicher. Komische Frage.
Philosoph: Eingangs sagten Sie aber "guten Abend", ohne weitere Zusätze.
Einbrecher: Schaut verdutzt, kratzt sich am Kopf. Naja, das sagt man eben so. Es sollte eben für Sie ein guter Abend werden. Dass Sie gemeint sind, war ja klar, weil ich ja mit Ihnen geredet habe.
Philosoph: Ich verstehe. Etwas unklar ist mir indes noch der Grund für dieses Sollen.
Einbrecher: Hä?
Philosoph: Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich unklar ausgedrückt habe. Was ich wissen wollte, ist, warum der Abend für mich gut werden soll.
Einbrecher: Na, ist doch gut, wenn Sie einen guten Abend haben - wenn schon der Kerl hier keinen hat. Hihi.
Philosoph: "gut" für wen?
Einbrecher: Für Sie natürlich.
Philosoph: Aber wenn Sie sagen, dass der Abend für mich gut werden soll, muss es dann nicht etwas Gutes für Sie sein, dass der Abend etwas Gutes für mich ist?
Einbrecher: Ich glaube, Sie verkomplizieren die Dinge da unnötig...
Philosoph: Also, mir ist das nicht klar. Vielleicht hilft es, sich erst einmal über die Begriffe klar zu werden. Was heißt es denn, dass etwas für jemand gut ist? Wann ist etwas für jemand gut?
Einbrecher: Naja, das ist wohl für jeden etwas anderes. Einige finden zum Beispiel Blasmusik gut, andere bevorzugen Jazz und können Blasmusik nicht ausstehen.
Philosoph: Ich bin verwirrt. Jetzt reden sie aber nicht davon, was gut für sie ist, sondern was sie finden, was gut ist. Das war ja aber gar nicht die Frage - und außerdem fehlt jetzt wieder der Zusatz "für wen" bei dem vermeintlich guten. Eigentlich müßte es doch heißen: Einige finden, dass ... für ... gut ist?
Einbrecher: Läßt sich auf einen Stuhl fallen. Sie nehmen es aber wirklich genau.
Philosoph: Nur so kommt man weiter.
Einbrecher: Na meinetwegen. Ich denke, der Zusatz "für wen" ist da unnötig. Natürlich geht es darum, was jeder für sich selbst gut findet.
Philosoph: Eigentlich ging es darum, was für ihn gut _ist_.
Einbrecher: Das ist doch das gleiche!
Philosoph: Ist es?
Einbrecher: Klar. Was sonst?
Philosoph: Was sonst? Irgend etwas sonst, nur nicht das! Wie kann denn etwas das gleiche sein wie das Empfinden dieses etwas? Damit läuft man doch zwangsläufig in ein fatales Strukturproblem: Gut ist, was ich finde, das gut ist; also: was ich finde, das ich finde, das gut ist; also: was ich finde, das ich finde, das ich finde, das ich finde, das ich finde...
Einbrecher: Öh...
Philosoph: Das lehrt uns nichts über das Gute! Das ist nur ein leeres Geschachtel von Subjektivität, ohne je zum Gehalt dessen zu gelangen, was da gefunden wird!
Einbrecher: Meinetwegen. Gut ist, was sich gut anfühlt.
Philosoph: Damit ist es das gleiche! Wie immer, wenn Sie etwas durch sich selbst erklären wollen. Allgemein kann aus diesem Grund nie ein X identisch sein mit der Empfindung, dass X oder der Meinung, dass X...
Einbrecher: Wie? Auch nicht das Schöne, Beeindruckende oder Angenehme?
Philosoph: Offenbar nicht, und zwar aus rein logischen Gründen.
Einbrecher: Also, darüber muss ich jetzt wirklich erst nachdenken...




Szene 3
Szenenwechsel. Die Einrichtung der rechten Bühnenhälfte und das Trennseil sind verschwunden; der Polizeischreibtisch steht wieder da wie zu Beginn, daran sitzt der Philosoph. Der Polizist kommt herein.
Polizist: Ein Glück, es war nichts weiter. Irgendwo hat jemand einen Toast im Toaster vergessen, der ist mit viel Rauch verschmort und hat gleich mehrere Rauchmelder ausgelöst.
Er sieht den Philosophen.
Philosoph: (ins Headset sprechend) ...und es ist eben diese vermeintliche Objektivität des Subjektivismus, diese Selbstermächtigung zum Supra- oder zumindest Intersubjektiven, durch die er sich ad absurdum führt, in dem er an seinem eigenen Anspruch...
Polizist: (eilt auf ihn zu und entreißt ihm das Headset) Sagen Sie mal, was treiben Sie da, Mann?
Philosoph: Was schon? Meine Arbeit! Offiziell haben Sie mich natürlich noch nicht eingestellt, aber solche Formalien dürfen doch nicht dazu führen, dass eine wichtige Arbeit unerledigt bleibt. Ich darf Ihnen mitteilen, während Ihrer Abwesenheit zahlreiche Anrufe professionell behandelt zu haben.
Polizist: Wie bitte? Sie haben die Notrufe entgegen genommen?! Das ist Amtsanmaßung! Betrug! Gefährdung der Öffentlichkeit! Dafür wird man Sie...
Es klopft, dann wird die Tür geöffnet. Der Anrufer schiebt den auf einen Drehstuhl gefesselten Einbrecher herein.
Anrufer: Entschuldigung, ich hätte da etwas abzugeben...
Polizist: Wie bitte? Wer sind Sie? Und wer ist das?
Anrufer: Rolf Kaiser mein Name.
Polizist: Der Inhaber des großen Einkaufszentrums am ehemaligen Marktplatz?
Anrufer: Eben jener.
Polizist: Der Betreiber des Kino-Centers?
Anrufer: Auch der.
Polizist: Der Besitzer der drei Mietshochhäuser am Bahnhof?
Anrufer: Ganz recht. Können wir die Aufzählung hier beenden?
Polizist: Schlägt die Hacken zusammen. Gewiß. Verzeihung. Was bringen Sie denn da mit?
Anrufer: Ah, nun, dieser Bursche hat sich bei mir daheim an der Portokasse vergriffen, da habe ich bei Ihnen angerufen. Zunächst war ich von Ihrer neuen Einsatzstrategie etwas befremdet, aber dann ist mir die ganze Brillianz Ihres Vorgehens aufgegangen: Mit klassischen Methoden - Streifenwagen schicken, Fahndung - wäre der Kerl ja längst über alle Berge gewsen. Aber wie ihr Mitarbeiter das gemacht hat, ihn so einzuwickeln...
Einbrecher: Das waren ja wohl eher Sie!
Anrufer: Wirklich, ganz groß! Der Kerl war ja völlig neben der Spur, ich glaube, er hat gar nicht mitbkommen, wie ich ihn gefesselt und hergebracht habe.
Einbrecher: Es gibt ja auch wichtigeres. Herr Wultbi! Ich gebe zu, dass Ihre Kritik am Subjektivismus treffend ist, jedoch scheint sich mir daraus viel weniger ein Werteobjektivismus zu ergeben, als vielmehr eine fundamentale Skepsis , die...
Anrufer: Also, ich muss dann auch mal weiter. Bestellen sie dem Kollegen einen schönen Gruß von mir. Hervorragende Arbeit! Der Mann verdient eine Beförderung! Im Abgehen: Den Stuhl können Sie behalten.
Polizist: Sehr wohl, Herr Kaiser!
Der Polizist blickt den Philosophen mit offenem Mund an. Dann fängt er sich, er geht auf ihn zu und schüttelt ihm die Hand.
Polizist: Da bleibt mir wohl nur noch, Ihnen zur Einstellung und auch gleich zur Beförderung zu gratulieren! Ab morgen leiten Sie die Wache.
Philosoph: Ausgezeichnet. Ich wußte doch, dass ich hier richtig bin. Er geht zufrieden lächelnd ab.
Polizist: Ihm hinterher schauend. Wenn die Philosophen solche Polizisten abgeben, wie müssen Sie dann erst als Könige sein...
Zuletzt geändert von Mnemosyne am 26.12.2017, 16:20, insgesamt 1-mal geändert.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 26.12.2017, 15:50

O, juhu die Weihnachtstradition wird nicht gebrochen!

Ein witziges Theater über materiellen immateriellen Besitz, der am Ende auf dem BeSitz gefesselt überführt wird in die Staatsgewalt.
Gut gelungen mit spritzigen Dialogen Absurditäten (wirklich?) nachspürend.

Nur der letzte Satz gefällt mir nicht, vielleicht auch, weil ich ihn nicht verstehe. Hä, wieso König? Heilige drei ä ?

Zwei Flüchtigkeiten:

Ich vermute, wenn er es jetzt zuhause in seinen Tresor liegt und Sie mit einem Sack kommen, um es zurückzuholen

Schlägt die Hacken zusammen. Gewiß. Verzeichung. Was bringen Sie denn da mit?



Grüße
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Beitragvon Mnemosyne » 26.12.2017, 16:23

Lieber Nifl,
danke für die Rückmeldung. Die beiden Fehler habe ich korrigiert.
Der letzte Satz ist (wie auch der Titel) eine Anspielung auf Platons Politeia, wo es heißt:

"Wenn nicht in den Staaten entweder die Philosophen Könige werden oder die, welche man jetzt Könige und Herrscher nennt, echte und gründliche Philosophen werden, und wenn nicht diese beiden, die politische Macht und die Philosophie, in eines zusammenfallen und all die vielen Naturen, die heute ausschließlich nach dem einen oder dem anderen streben, zwingend ausgeschlossen werden, dann, mein lieber Glaukon, gibt es kein Ende der Übel für die Staaten und, wie ich meine, auch nicht für die Menschheit."

Viele Grüße und einen frohen Weihnachtsrest!
Merlin

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Beitragvon Nifl » 26.12.2017, 16:47

O, okay, den Schlüssel habe ich nicht einstecken.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 26.12.2017, 18:42

Hi Merlin,

"Neben der Spur" hätte auch gut als Titel gepasst. *lach* Wer hier so alles 'neben der Spur war'. Herrlich absurd, wie von dir gewohnt. Gelungen! Hab ich gern gelesen. (Zur Abwechslung mal keine verschachtelten Sätze a la Kant von dir) ;):

Saludos
Mucki

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Beitragvon Mnemosyne » 27.12.2017, 15:29

Hi Mucki,
schön, dass du den Eskapaden auch etwas abgewinnen konntest. Danke für den Kommentar!
Liebe Grüße
Merlin

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 28.12.2017, 00:01

Hallo Merlin,

ja, schönes Schauspiel mit dem Absurden und der Verwirrung. Danke fürs Einstellen :ah:

Liebe Grüße
Ylvi
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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