Domownja

Rubrik für Theaterstücke, Szenen, Sketche, Dialoge, Hörspiele, Drehbücher und andere dramatisch angelegte Texte
Quoth
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Beitragvon Quoth » 24.03.2019, 11:17

Hannes: Stell dir vor, ich hab auf der Restauratoren-Konferenz in Schwerin einen Kollegen aus Kötzschenbroda getroffen, der behauptete, er hätte fast die DDR gerettet.
Branko: Wollte er sie restaurieren?
Hannes: Ja – auf gewisse Weise schon. Er war Möbelrestaurator, bestimmt ein guter. Ich habe Fotos seiner Arbeiten gesehen, Jugendstil, Thonet, Biedermeier, alles sehr professionell gemacht. Ein gutes Möbel, sagte er, hat eine Identität. Und die muss man herausarbeiten, dann wird es was. Die DDR hatte aber keine, zumindest keine klar erkennbare. Kurt Hager, der Chefideologe, wurde nicht müde, das Gegenteil zu behaupten, aber er wusste, dass er sich auf dünnem Eis bewegte.
Branko: Und wie wollte er das brüchige alte Möbel DDR retten?
Hannes: Das Kernkriterium für eine Staatsidentität ist die Sprache.
Branko: Die Schweiz hat vier verschiedene und hält gut zusammen.
Hannes: Eben. Und daran, dass die DDR deutschsprachig ist, sollte nach Auffassung Wolffs auch nicht gerüttelt werden. Aber es sollte eine zweite Sprache hinzukommen.
Branko: Sächsisch, nu?
Hannes: Spar dir deinen Witz. Der Mann war gar nicht so blöd und hatte auch schon Kontakt zum Kulturministerium aufgenommen. Die haben ihn an Kurt Hager weiterverwiesen und ihm einen Besuchstermin in Wandlitz verschafft. Und Hager war Feuer und Flamme von der Idee.
Branko: Von welcher denn? Spuck‘s aus!
Hannes: Wolff schlug Hager vor, das Sorbische zur zweiten Amtssprache zu machen.
Branko: Was – diese Spreewaldgurkensprache sollte zweite Amtssprache werden? Lachhaft. Die Sorben machten doch höchstens ein Prozent der Bevölkerung aus.
Hannes: Das Rätoromanische in der Schweiz ist Amtssprache, obgleich noch nicht einmal ein Prozent der Schweizer Bevölkerung es spricht.
Branko: In Sachsen und Brandenburg könnte ich mir das vorstellen. Aber warum soll es auch in Mecklenburg gelten?
Hannes: Weil Mecklenburg komplett von den Liutizen besiedelt war, einem westslawischen Stamm, bevor die Sachsen es unter Heinrich dem Löwen besiedelten und die Ureinwohner vertrieben, einschmolzen, wenn nicht gar ausrotteten.
Branko: Und welche Folgen sollte die Einführung der zweiten Amtssprache haben?
Hannes: Wolff, selbst sorbischer Herkunft, sein Vater hieß noch Wjelk, schlug vor, dass sie an allen Schulen der DDR unterrichtet werden sollte. In die Nationalflagge sollte das Wappen der sorbischen Domownja, die drei Lindenblätter, eingefügt werden. Das „Auferstanden aus Ruinen“ sollte auch auf Sorbisch gesungen werden, und die alten Heiligtümer der West- und Elbslawen, ihre Tempel und Fluchtburgen, sollten ausgegraben, restauriert und gepflegt werden. Kurt Hager, der ja kein Dummkopf war und der merkte, wie der DDR im Zeitalter der Perestroika die Felle davonschwammen, nahm Kontakt zu den sorbischen Volksgruppen auf. Hier, diese Fotos hat Wolff verteilt. Dieses zeigt Hager, wie er sich von der sorbischen Musikerin Marhata Cyzec, Mitglied der Folkloregruppe Sprjewja, das ist Spree, Platten mit sorbischer Musik überreichen lässt. Er soll sogar Sorbischunterricht genommen haben. Und dieses Bild zeigt ihn zusammen mit dem Bürgermeister von Binz auf Rügen am Kap Arkona, wo der slawische Stamm der Ranen in einer Tempelanlage vor 1000 Jahren dem Gott Swantewit huldigte.
Branko: Du meinst also, die deutsche Ostsiedlung war keine Kulturtat, sondern eine Art Völkermord an den Westslawen.
Hannes: Vergleichbar ist es mit dem Vorgehen der amerikanischen Siedler gegenüber den Indianern. Sie wurden in Gebiete verdrängt, die sich für Ackerbau und Viehzucht nicht eigneten. Der Spreewald, in dem die Sorben bis heute überlebten, ist so eine Art Reservat, bewohnbar für ein Volk von Fischern und Jägern, aber nicht für eins von Bauern. Und ähnlich wie in den USA sind sie auch dort nicht sicher, wenn Bodenschätze entdeckt werden: In Amerika Erdöl, in der Lausitz Braunkohle.
Branko: Wolffs Plan läuft auf eine Reslawisierung der ganzen DDR hinaus … Eine lustige Idee für mich, ich heiße ja Branko nach meinem serbischen Großvater. Und das hätte die DDR retten sollen? Ich bin sicher, die Menschen wären auf die Straße gegangen und hätten nicht „Wir sind das Volk“ gerufen, sondern „Wir sind das deutsche Volk“!
Hannes: Kurt Hager hat ja auch Angst vor der eigenen Courage bekommen. Aber das soll er später bereut haben. Die DDR sei an ihrer Künstlichkeit, an der Schwäche ihrer Identität zerbrochen, hat er gesagt. Zumindest behauptet das mein Möbelrestaurator aus Kötzschenbroda.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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