Der Tag, an dem das Licht erlosch
1969. Ich war vier. Mein Stiefbruder drei. Advent. Der dritte oder vierte. Ich weiß es nicht mehr. Aber ich weiß: An diesem Tag wurde es dunkel in mir.
Wir saßen am Tisch. Die Kerzen brannten. Es war schön. Warm. Still. Die Erwachsenen waren im Nebenzimmer. Ich ging ins Bett. Drehte mich zur Wand. Wollte schlafen.
Dann der Schrei. Laut. Grell. Schmerz. Ich drehte mich um. Sah sein Gesicht. Es brannte.
Die Eltern kamen. Panisch. Hilflos. Sie versorgten ihn. Fuhren ins Krankenhaus. Mein Stiefvater kam zurück. Zu mir.
Ich lag da. Starr. Er schrie: „Was ist passiert?“ Ich hatte Angst. Ich versuchte zu erklären. Kindlich. Ehrlich. Ich hatte mich zur Wand gedreht. Vielleicht ein Luftzug. Vielleicht war Gerd zu nah an der Kerze. Ich wusste es nicht. Ich wusste nur: Ich wollte das nicht.
Er glaubte mir nicht. Nannte mich einen Lügner. Sagte, ich hätte es gewollt. Dann schlug er zu. Mit dem Koppel. Immer wieder. Mein Körper war grün und blau.
Am nächsten Tag sperrte er mich ein. Ich durfte nicht raus. Ich nässte mich ein. Niemand kam. Auch meine Mutter nicht.
Das war schlimmer.
Ich lernte: Ich bin allein. Liebe ist für andere. Ich erzog mich selbst. Gefühle blieben fremd. Ich versuchte, durch Leistung zu glänzen. Ich wollte gesehen werden. Ich wurde es nicht.
Später: Alkohol. Burnout. Depression. Der Wunsch zu sterben war früh da. Ich konnte ihn nicht benennen. Aber er war da.
Dieses Erlebnis hat mich nicht geprägt. Es hat mich gebrochen.
Ich weiß nicht, ob es besser wird. Ich weiß nur: Ich will heute nicht verschwinden. Vielleicht morgen. Aber heute nicht.
Heute habe ich geschrieben. Das ist mehr, als ich gestern konnte.
Mein Anfang in ein trostloses Leben, die eigentliche Ursache.
Ballade eines verbrannten Advents
Im Kerzenschein, so still, so sacht,
verglomm ein Stück von Kindermacht.
Ein Bruder lacht, ein Bruder schweigt –
bis Schmerz die Stille jäh durchsteigt.
Ein Schrei, so scharf wie Winterwind,
durchbohrt das Herz vom kleinen Kind.
Ein Flammenhauch, ein brennend’ Bild,
das sich in Seelennarben schwillt.
Die Eltern eilen, voller Not,
der Bruder ringt mit Schmerz und Tod.
Doch einer kehrt mit Zorn zurück –
und schlägt das Kind, das sucht nach Glück.
„Was hast du getan?“ – ein kalter Blick,
kein Raum für Zweifel, kein Zurück.
Ein Koppel trifft, ein Herz zerbricht,
die Schuld – sie trägt das Kind, das nicht.
Die Mutter schweigt, das Zimmer klein,
kein Trost, kein Licht, kein „Du bist mein“.
Die Decke nass, die Seele leer,
die Liebe – sie kam niemals her.
So wuchs ein Mensch aus Asche auf,
nahm Schmerz und Schweigen in den Lauf.
Er lernte früh: Wer fühlen will,
verliert sich selbst – bleibt niemals still.
Er glänzt, er strebt, er fällt, er flieht,
bis selbst der letzte Funke zieht.
Doch heute schreibt er, heute spricht –
ein leiser Trotz, ein kleines Licht.
Vielleicht wird’s besser – irgendwann.
Vielleicht beginnt ein neuer Plan.
Doch heute bleibt er, heute lebt –
weil jedes Wort ein Morgen webt.
Dies war meine Ballade zur Geschichte.
Gedanken eines Depressiven
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