► SCHROTTPLATZ

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.05.2012, 20:45

|hier| |könnt| |ihr| |containerweise| |frust| |in| |literarischer| |form| |abladen|




Ein Pendant zur Frust-Ecke, nur dass es hier um literarische Skizzen und Fetzen, Nachtgedanken, Wutworte usw. gehen soll.
Hier ist also auch Platz für Texte, die keinen Anspruch auf literarische Qualität erheben, für alles das, was man selbst als Schrott(-Text) ansieht, aber aus irgendwelchen Gründen (noch) nicht in die Tonne kloppen will.

Niemand zückt hier den Duden oder kritisiert. Vielleicht aber entstehen ja anregende Fragmente - wer weiß?
Zuletzt geändert von Amanita am 31.05.2012, 16:52, insgesamt 1-mal geändert.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.05.2012, 22:42

Auslöser war ein Gespräch hier: viewtopic.php?f=63&t=13100

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 08.05.2012, 23:27

Wer ein Haustier hat.: Übernimmt Verantwortung.: Bitte mach dir klar.: Dass das Haustier womöglich Jahre lang lebt.: Auch wenn du in Urlaub willst.: Auch wenn du krank bist.: Auch wenn es alt ist und eklig aussieht und stinkt … auch wenn … auch wenn DU alt bist und eklig aussiehst und stinkst. Das Haustier ÜBERLEBT dich womöglich. Am besten suchst du gleich einen neuen Pflegeplatz für den Fall deines plötzlichen Todes.
Oder wählst ein Haustier, das sich notfalls selbst versorgen kann. Zum Beispiel diese madegassische Fauchschabenzucht, ja. Kakakerlakaken. Drei Stück. Zwei Frauen und ein Mann. Hat man einen davon auf der Hand, machen sie sich ganz nett. Jedes Tier macht sich nett, wenn man es eine Weile auf der Hand hat. Sie fühlern in der Gegend herum, sie haben riesenlange Fühler, vermutlich weil sie nichts sehen. Sie cruisen in der Hand herum, solange die Fühler Finger und Handballen fühlern können; sobald sie keinen Widerstand mehr fühlern, sitzen sie still und posen. Aber alles schön langsam, weil es eigentlich zu kalt für sie ist. Unter achtundzwanzig Grad sind sie faul und poppen nicht, es gibt also auch keine Eipakete und keine Babyschaben.
Man kann ihnen was Gutes tun und frisches Obst und Eierschalen anbieten, man kann aber auch einfach seinen Abfall ins Glas werfen. Gregor Samsa ging ja auch als erstes an den vergammelten Käse, nachdem er Käfer geworden war.
Und das Gute ist: gehen sie kaputt, ist es auch wumpe. Ist ja bloß Ungeziefer. Andere Leute bestellen sich den Kammerjäger, wenn sie solches Gekrabbel in ihren vier Wänden haben. Alles eine Frage der Einstellung. Hat man das Krabbelzeugs irgendwann satt, kippt man das Glas aus und tritt alles in den Teppich. Bekanntermaßen legen die Krabbeldamen auf Trittreiz im Sterben noch schnell ein Eipaket ab. Aber unter achtundzwanzig Grad hat es damit auch keine Gefahr. Ideales Haustier, das.

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Zuletzt geändert von Zefira am 10.05.2012, 09:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 10.05.2012, 00:54

Hallo Amanita,
Amanita hat geschrieben:Hier zückt niemand den Duden oder kritisiert.

also sind keinerlei Kommentare erwünscht?
Auch keine Komplimente? ,-)

Liebe Grüße
Gabi

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 10.05.2012, 08:12

Doch, Komplimente immer, Gabriella!

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 10.05.2012, 12:08

Oki! ,-)))

Zefi, habe sehr über deinen "Kakakerlakaken-Text" gelacht, vor allem über diese Stelle
Zefira hat geschrieben:Hat man das Krabbelzeugs irgendwann satt, kippt man das Glas aus und tritt alles in den Teppich. Bekanntermaßen legen die Krabbeldamen auf Trittreiz im Sterben noch schnell ein Eipaket ab. Aber unter achtundzwanzig Grad hat es damit auch keine Gefahr. Ideales Haustier, das.

:totlach:

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pjesma
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Beitragvon pjesma » 10.05.2012, 13:19

ich finde die schrottplatz idee super,(auch tittel ist klasse), werde neugierig mitlesen :-)
vermute aber, weniger dazu schreiben---meine wutterich-anfälle sind dann doch meistens zu wenig literarisch :-))), ich werd dann plözlich redundant mit a- wort...es dampft und zischt und lässt sich nicht kanalisieren...aber schön lesen zu können wenn andere es gut können, kompliment, zefi!
lg
...and all of that jiving around.

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Herby
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Beitragvon Herby » 11.05.2012, 20:34

Huhu Amanita,

die Idee für diese Rubrik ist einfach toll, der Name super :blumen: Das dürfte der erste Schrottplatz werden, den ich gerne besuche.

Liebe Zefi,

wirklich köstlich. Hab mich königlich amüsiert. Ich wusste ja gar nicht, wie schön Schrott sein kann...

Herzlich,
Herby
Alles hat seine Zeit
Ein Jegliches hat seine Stunde
( Kohelet )

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 11.05.2012, 22:56

Und ich hab auch ein Haustier.

Eigentlich hab ich sogar mehrere, aber im Moment steht mir König Ludwig besonders nahe.
Heut wurde er gemessen und gewogen. Wir holten ein Maßband und eine Küchenwaage, und der König musste sich herablassen, die schnöden Gegenstände an sich zu dulden. Dass ihm das nicht besonders gefiel, sah man ihm an.

Danach zog er sich beleidigt in sein Gehege zurück.

Wir wissen nun immerhin, dass er 46 Gramm wiegt. Das ist sehr viel für seine Art; ist doch bei Wikipedia zu lesen, dass die meisten seiner Kameraden nur 30 g erreichen, wenn überhaupt.
Wahrscheinlich ist er schon Rentner. Bis 20 Jahre werden die Tiere, wenn man sie hegt und pflegt. Ich fürchte fast, König Ludwig ist schon 19. Aber noch gut zu Fuß. Letztens klingelte es an der Haustür, es war unsere Nachbarin. Auf ihrem Gartenhandschuh thronte der König, er war ausgebüxt.

Ludwig ist ein Weinbergschneck mit riesig breiter Sohle und großem Haus. Wenn er frisst, macht er Knackgeräusche. Und es kitzelt, wenn man ihn über die Hand laufen lässt. Aber meistens schläft er.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 11.05.2012, 23:07

Es gibt doch wirklich und wahrhaftig eine Weinbergschneckenverordnung

http://de.wikipedia.org/wiki/Weinbergsc ... temberg%29

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 12.05.2012, 00:54

In dem Laden, in dem wir die Fauchschaben erworben haben, gab es auch Achatschnecken und Heuschrecken. Ich betrachte die Kakakerlakaken als das kleinere Übel. Sie verhalten sich angenehm ruhig. Nur nachts höre ich sie manchmal leise fauchen.
Sie heißen Henry Tudor und Anna und Amalia von Kleve. Henry ist der Größte und deshalb leicht zu erkennen. Manchmal liegt er auf dem Rücken, dann atme ich jedesmal auf, im Glauben, er sei tot. Aber ein paar Minuten später streckt er die Beinchen kräftig nach oben und tackert sich wieder an ein Rindenstück an.
In den Nachtstunden (zum Beispiel gerade jetzt) nimmt er gern einen erhöhten Platz ein, reckt den Kopf und bewegt rhythmisch die Fühler. Dann spricht er zu seinem Volk. Zum Glück hat er bislang keines. Wenn es nach mir geht, wird sich das auch nicht ändern.
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 12.05.2012, 12:35

Zefira hat geschrieben:Manchmal liegt er auf dem Rücken, dann atme ich jedesmal auf, im Glauben, er sei tot. Aber ein paar Minuten später streckt er die Beinchen kräftig nach oben und tackert sich wieder an ein Rindenstück an.

I break together! :spin2:

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 12.05.2012, 18:47

Eine alte Story von mir. Genau richtig hier. ,-)

Die Flaschenpost

Chakka, meine treue Schäferhündin, gähnt gelangweilt. Brav liegt sie zu meinen Füßen. "Also, meine Herren. Zum letzten Punkt der Tagesordnung 'Sonstiges'. Hat jemand ein Anliegen vorzubringen?", frage ich in die Runde. Keine Wortmeldungen.
"Gut, dann sind wir für heute fertig. Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende", schließe ich die Sitzung und stehe auf. Chakka räkelt sich. Endlich ist die Konferenz zu Ende. Ich hasse sie, diese endlosen meetings, in denen jeder mir Honig um den Mund schmiert, mir nur meine Zeit stiehlt. Niemand wagt es, Tacheles zu reden. In Wahrheit hassen sie mich, ihren Boss. Eine Frau, die ein solches Unternehmen leitet. Unerträglich für die konservativen Herren. Peter, ja der war von einem anderen Kaliber, selfmade man, zielstrebig, visionär, voller Ideen und Tatendrang. Damals, als noch alles in Ordnung war. Stopp! Keine traurigen Erinnerungen! Mit der Meute bin ich bisher ganz gut klar gekommen, hab sie im Griff, die Gierhälse, und so wird es auch bleiben!

Ich packe mein Notebook und mein Filofax in die Aktentasche. Chakka springt auf den Tisch. Leise wimmernd leckt sie zärtlich an der Aktentasche.
"Ich weiß, meine Süße. Ich weiß. Sie erinnert dich immer an Peter. Ich kann sie nicht fortwerfen, ich kann es einfach nicht, ich werde seine Tasche benutzen bis in alle Ewigkeit", sage ich leise. Ihre Augen schauen mich traurig an. Nichts wie weg hier. Dieser Bürokratenmief macht mich krank. Der Wald ruft.
"Ab nach Hause! Dann laufen wir unsere Runde, komm Chakka!" Sie springt vom Tisch und bellt mich auffordernd an. Schmunzelnd nehme ich die Tasche und halte sie ihr hin. Wie immer schnappt sie behutsam nach dem Griff und trägt hocherhobenden Kopfes Peters Aktentasche vor sich her.
Sie trauert, genauso wie ich, denke ich. Charly steht vor dem Firmeneingang, hat die Beifahrertür sowie eine Hintertüre des Wagens geöffnet. Chakka springt auf den Beifahrersitz, ich setze mich nach hinten.

Zu Hause angekommen, werfe ich meine Klamotten auf einen Stuhl. Chakka trägt die Tasche in Peters Arbeitszimmer und legt sie auf seinen Ledersessel. Ich ziehe mir schnell meinen Jogginganzug und meine Laufschuhe an. Der Wald ruft.

Endlich! Frische Luft. Ich spüre den weichen Waldboden federnd unter meinen Füßen. Herrlich! Die goldenen Herbstfarben funkeln in der Spätnachmittagssonne. Chakka springt fröhlich kreuz und quer durch den Wald, wobei sie stets in meiner Nähe bleibt. Wie immer laufe ich neben dem kleinen Bach entlang, fühle mich lebendig. Seit Jahren laufe ich hier meine Seele frei, jeden Tag die gleiche Strecke, kenne jeden Baum, jedes Schlupfloch. Der Wald ist inzwischen meine Heimat. Die täglichen zwei Joggingstunden sind der Sinn meines Lebens geworden, seitdem es damals passierte ... Nein! Keine Erinnerungen, weiter laufen, immer weiter. Laufe ich vor mir davon? Vielleicht. Der Psychiater sagte in den vielen Sitzungen, ich solle loslassen. Dummkopf! Wie kann man die Liebe seines Lebens loslassen?

Keine dreißig Minuten bin ich gelaufen, als meine Füße plötzlich heiß werden. Ich denke mir nichts weiter dabei, setze meinen Lauf fort. Doch die Hitze wird unerträglich. Meine Füße scheinen lichterloh zu brennen. Also ziehe ich Schuhe und Strümpfe aus, tauche meine Füße in den kühlen Bach. Das Wasser ist wunderbar klar. Das Brennen lässt sogleich nach. Meine Zehen spielen mit den Steinen auf dem Grund des Baches. Ich schließe die Augen, genieße die Stille des Waldes. Chakka bellt kurz auf. Überrascht öffne ich die Augen. Eine braune Flasche schlängelt sich den Bach hinunter. Ärger steigt in mir hoch. Wie kann man nur Müll in den Bach werfen? Es stehen doch genug Eimer im Wald, verflucht noch mal. Ich nehme die Flasche, lege sie zur Seite, und ziehe meine Schuhe wieder an. Der nächste Abfalleimer steht nicht weit entfernt.

Typisch, der Eimer ist völlig leer. Aber den Müll werfen sie in den Wald! Als ich die Flasche in den Behälter lege, höre ich ein Rascheln. Nein, nicht das vertraute Rascheln der Blätter, ein anderes, seltsames Rascheln. Egal, die Flasche ist entsorgt. Ich will weiterlaufen, als Chakka laut knurrt. Da wieder! Diesmal hört sich das Rascheln rhythmisch an. Mir scheint, es käme aus dem Abfalleimer. Merkwürdig. Ich schaue zurück. Die Flasche bewegt sich. Eine Sinnestäuschung? Bin ich jetzt schon paranoid geworden? Ich gehe zurück und traue meinen Augen nicht. In der Flasche ist ein länglicher, rund gefalteter Zettel, der sich auf und ab bewegt! Eine Flaschenpost? Wie im Märchen? Mein Atem wird schneller. Mit zittrigen Händen ziehe ich den Korken heraus und schüttele einen vergilbten alten Zettel heraus. Verflucht. Ich schneide mich am Flaschenrand. Eine Seite des Flaschenhalses ist angebrochen. Mein Daumen blutet leicht. Chakka leckt mir liebevoll den Finger ab. Aufgeregt lese ich die krakeligen Buchstaben.

"Dies ist eine Botschaft für dich, nur für dich! Schau in den See!"

Chakka schnuppert an dem Zettel und fängt kläglich zu wimmern an. Was bedeutet das alles? Ich will die Zeilen noch einmal lesen, doch just in dem Moment verschwindet die Schrift! Nur ein kleiner blasser Blutfleck von meinem Daumen bleibt auf dem Papier. Enttäuscht zerreiße ich den Zettel und werfe ihn mit der Flasche wieder in den Eimer. Ein dummer Scherz, weiter nichts. Ich laufe meine Runde nachdenklich weiter. Eigentlich glaube ich ja nicht an Zufälle.

Ich erreiche die große Eiche, Markpfeiler meiner halben Laufstrecke. Ein Eichhörnchen hüft munter zwischen den Ästen hin und her. Vergnügt betrachte ich das putzige Tierchen. Chakka fletscht die Zähne und knurrt. Sie legt die Ohren an.
"Chakka, verschreck doch das Eichhörnchen nicht!", ermahne ich sie. Doch bald erkenne ich den Grund ihres Verhaltens. Am Stamm der Eiche heftet ein Blatt Papier. Zuerst denke ich, dass da wohl jemand seinen Hund sucht und überall Zettel angebracht hat. Doch, Moment mal, der Zettel kommt mir so bekannt vor! Ja, es ist derselbe vergilbte Zettel wie in der Flasche! Der kleine Blutfleck von meinem Daumen ist darauf! Träum ich oder geschieht das hier wirklich? Ich hab ihn doch zerrissen und weggeworfen? Langsam wird mir mulmig zumute. Die krakelige Schrift ist wieder zu lesen. Doch der Text hat sich verändert!

"Wage den Sprung! Schau in den See!"

Mich packt das kalte Grausen, als sich die Buchstaben diesmal nicht auflösen, sondern, sich in Blut verwandelnd, den Zettel hinunterlaufen. Ich renne, wie vom Teufel gejagt, davon. Chakka läuft laut bellend voraus.

Atemlos zu Hause angekommen, schaut mich Sofie, meine Haushälterin, besorgt an.
"Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen aus, als ob Sie einen Geist gesehen hätten!"
Ich winke nur ab und flüchte ins Bad, werfe mir ein Beruhigungsmittel ein. Ich muss dringend einen Termin bei meinem Psychiater ausmachen. Ich leide unter Halluzinationen! Obwohl? Chakka hat den Zettel doch auch gesehen und sich so auffällig verhalten! Traurig stelle ich fest, dass ich es immer noch nicht verarbeitet habe, all die Jahre nicht. Es holt mich wieder ein. Dabei dachte ich wirklich, ich hätte mich wieder im Griff. Das Mittel hilft nicht. Panik ergreift mich. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ängstlich verkrieche ich mich unter meiner Bettdecke. Augen zu. Nichts sehen! Chakka schmiegt sich eng an mich, wimmert in einem fort.

Plötzlich heult sie schaurig auf. Ich schrecke hoch. Ganz deutlich höre ich erneut dieses grauselige Rascheln direkt neben meinem Kopf! Ganz langsam luke ich vorsichtig aus der Bettdecke hervor. Da liegt er, der Teufelszettel!

"Wage endlich den Sprung in den See! Vertrau mir, wage es!"

Chakka fängt an zu fiepen, leckt den Zettel liebevoll ab. Ich verstehe die Welt nicht mehr, will laut losschreien, doch keine Silbe kommt mir über die Lippen. Ich klammere mich fest an Chakkas zitterndem Fell und schaue wie gelähmt auf den Zettel. Die Worte bleiben stehen, verschwinden nicht, verändern sich nicht, bleiben einfach stehen. Ich starre auf die Zeile. Ein Wort lässt mich nicht mehr los. "See" Welcher See? Der See! Der bernsteinfarbene See in seinen Augen, so tief, so schön, so geliebt.

Wie in Trance versinke ich im See seiner Augen. Ich befinde mich im Bernsteinsee. Alles um mich herum wird Bernsteinfarben. Ich werde klein, immer kleiner, zu einem winzigen Punkt. Chakka steht neben mir, auch sie wird ganz klein. Ich schaue mich um. Wo bin ich? Im Traumland? Ich stehe mitten in einer bernsteinfarbenen Landschaft. Sie verändert sich, wird immer flacher, formt sich schließlich zu einer alten vergilbten Karte. Seltsame Linien, wo ich hinschaue. Vertikale und horizontale Linien. Ich sehe Zeichen, Markierungen. Ich kann mich nicht bewegen, stehe wie festgenagelt an einem bestimmten Punkt auf dieser Bernsteinkarte. Chakka springt aufgeregt hin und her. Ich höre Wasser plätschern, sehe sich aufbäumende Wellen, Schiffe fahren in der Ferne. Kleine Felsen, Korallenriffe überall. Das Wasser wird flacher, färbt sich in türkisfarbenes, klares Blau. Ich sehe den Meeresgrund. Eine Insel, dicht bewaldet, erscheint mir. Da! Der Flügel eines Flugzeuges, dicht vor der Insel. Oh Gott, es ist seine Cessna! Chakka springt wild an mir hoch, bellt wie verrückt. "Wage den Sprung! Wage den Sprung!" Ich springe.

Ich habe die Karte mit jedem Detail eingebrannt in meinem Kopf. Ich rufe sogleich Klaus an, Peters Pilotenfreund.
"Klaus, komm sofort her. Bring alle Seekarten mit, die du besitzt!", schreie ich wie von Sinnen. Erneut greife ich zum Handy und rufe David im Tower an.
"David, mach die Seeflower II startklar!" Überrascht fragt er:
"Marie, du willst mit dem Wasserflugzeug fliegen? Du willst wirklich wieder fliegen, nach all den Jahren?"
"David, mach sie bereit, vollgetankt! Klaus und ich sind in ca. einer Stunde am Flughafen!", brülle ich ihn an und lege auf.

Zwanzig Minuten später kommt Klaus. Er trägt ein dickes Bündel an Seekarten unterm Arm.
"Marie? Was ist los, um Himmels willen?"
"Klaus, Peter lebt! Er hat den Flugzeugabsturz überlebt! Ich weiß ganz genau, wo er sich befindet!", rufe ich atemlos und reiße ihm die Karten aus der Hand. Wild fuchtelnd werfe ich eine Karte nach der anderen zur Seite, bis ich sie gefunden habe, die Bernsteinkarte! "Da! Genau da ist Peter, auf dieser Insel!", schreie ich.
"Aber Marie, woher willst du das so genau wissen? Es ist so viele Jahre her!"
"Frag nicht. Wir müssen sofort zum Flughafen!" Chakka bellt mich an.
"Ja, Chakka, du kommst mit, du musst sogar mit!" Klaus ist total verwirrt, auch über meine Sturheit, Chakka mitzunehmen.

Fünf Stunden später nähern wir uns endlich der Insel. Ich erkenne sie sofort. Klaus traut seinen Augen nicht, als er den Flügel von Peters Cessna sieht.
"Marie! Das kann doch nicht wahr sein!" Kreidebleich schaut er mich an. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Vor Aufregung kann ich kaum atmen.

Wir landen kurz vor der Insel. Ich springe, während das Flugzeug sich noch in Bewegung befindet, in die Fluten, Chakka hechtet mir hinterher. Wie besessen schwimme ich zum Strand. Chakka erreicht ihn vor mir, nimmt Peters Witterung auf und prescht sofort laut bellend in den Wald. Am Strand angekommen schreie ich aus Leibeskräften:
"Peter? Wo bist du? Peter?" Kurze Zeit später höre ich Chakka aufgeregt bellen. Sie hat ihr Herrchen gefunden! Am anderen Ende des Strandes sehe ich Peter. Wir laufen aufeinander zu, fallen uns in die Arme. Chakka springt um uns herum. Lächelnd stottert er:
"Ich wusste immer, dass dich meine Flaschenpost erreiche würde. Ich wusste es!"

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 13.05.2012, 01:17

Alles, was dieser herzerwärmenden Geschichte noch fehlt, ist eine Beschreibung von Peter, wie er nach all den Jahren aussieht ... Bild
Aber im Ernst: Aus Plots wie diesem werden Bestseller gestrickt. Alles noch ein wenig ausschmücken, ein paar abgewiesene Liebhaber unterbringen, Landschaftsbeschreibung, Drama, Besuche in Konsulaten, Drama, Gespräche mit der Polizei, Drama, Drama. Am schönsten ist der hüpfende Zettel ... Klasse.

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