fenestras blühblog

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 14.05.2012, 18:26

Einen Blühblock im Mai zu beginnen ist eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen – im Blühmonat schlechthin – es wird nicht möglich sein, die Natur schreibend wieder einzuholen. Flieder blühduftet betäubend, Roßkastanien und Vogelbeere wetteifern um Insekten, der Taschentuchbaum wirft weiße Fetzen herum und der Star unseres Gartens, der Blauregen, krönt wie ein riesiger Springbrunnen einen Wäschepfahl. Am Meisenkasten sind bereits häufige Ein- und Ausflüge zu beobachten, offensichtlich ist der Nachwuchs geschlüpft. Der Zilpzalp zählt und zählt. Wahrscheinlich die Tage, bis sein Nachwuchs sich endlich aus dem Ei geschält hat. Nur wo ist das Nest? Ich habe es noch nicht entdeckt. Dafür weiß ich, dass die Dohle im Schuppenschornstein gebaut hat. Sie denkt allerdings, ich hätte es nicht bemerkt und gibt sich heimlich.

Einer meiner liebsten Blütenbäume hat mich dieses Jahr im Stich gelassen. Was ihm wohl fehlt? Ich habe ihm vor Jahren dieses Gedicht gewidmet:



blühstück


birnbaum dein blühstück
verdient allen bienenapplaus

in löwengezähnte szene setzt du dein kleid

wirfst es premieren-erfahren
auf gräsernen teppichen aus

raffst deine ringe
& stundest zum fruchten die zeit

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 15.05.2012, 08:12

:banana_1: Wie schön, ich freue mich auf den blühenden Blog, Fenestra!

Die Einleitung ist schon ein schönes Prosastückchen und interessanterweise höre ich bei deinem Birnbaumgedicht gleich deine Stimme dazu. Du bekommst sicher auch die "löwengezähnte szene" hin ... für mich ist das ein bisschen zungenbrecherisch. :o)
(Mein Birnbaum war auch blühmüde dieses Jahr, er hatte im Winter alle Knospen verloren.)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 15.05.2012, 12:56

Huhu fenestra,

ich freu mich über deinen blühblog. Das passt zu dir, als Biologin. ,-)

Auch dein Gedicht gefällt mir sehr. Gerade das Zungenbrecherische (das magst du ja so gern) passt hier sehr gut, finde ich.

Werde deinen Blog aufmerksam lesen.

Liebe Grüße
Gabi

scarlett

Beitragvon scarlett » 15.05.2012, 13:03

:daumen:

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 15.05.2012, 18:49

Danke! :-) Über diese neue Rubrik habe ich mich sehr gefreut, es regt zum Texten an! Dann lasse ich es gleich mal weiter blühen, diesmal nicht zungenbrecherisch, sondern ...


Hammerhart


Verborgen blüht die Pimpernuss im Unterholz
auf ihre rosa überhauchten Blüten ist sie stolz
denn diese sind an Duftnuancen reich
man denkt an essigsaure Gurken gleich.

Kein Strauch hat sich zu ihrer Nähe ganz bekannt
und niemand ist so recht mit ihr verwandt
gemieden wird sie wie dereinst die Hexen
man stellt sie zu den „Pimpernussgewächsen“.

Im Unterholz da blüht die Pimpernuss
doch während Pimpern meistens ein Genuss
ist diese Nuss im aufgeblas’nen Sack
so hammerhart, dass niemand eine mag.

Im feuchten Laub von Mäusen unberührt
verharren ihre Samen ungerührt
noch über Jahr und Tag – ein Rätsel ist
wie daraus je ein zarter neuer Keimling sprießt.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 19.05.2012, 15:29

Die Elsbeere hat eine völlig ebenmäßige Krone entwickelt, einen perfekten Dom, nach oben als immer dichter werdendes Blatt- und Astwerk ausgebildet. Durch diesen Dom flogen nun zwei Schwanzmeisen - eine hinter der anderen. Nicht einmal, nicht zweimal, immer und immer wieder kreisten sie darin, durchkreuzten ihn, als gäbe es das dichte Blattwerk gar nicht, flogen eine Acht zur daneben stehenden Hainbuche, wieder zurück, tauchten ab zur benachbarten Kornelkirsche, zum Ranunkelstrauch, wieder hinaus in den Elsbeerendom. Nein, das Nest ist dort nicht, ich weiß auch diesmal nicht, wo es ist. Es war, als wollten die Vögel, die libellengleich flogen, ohne einen Piep von sich zu geben, mit ausgebreiteten Flügeln, die Büsche und Bäume miteinander verweben. Manchmal flogen sie direkt an mir vorbei, mit nur 50 oder 60 cm Entfernung. Geschicklichkeitsübung? Der Widerspenstigen versuchte Zähmung? Ich werde es wohl nicht erfahren.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 20.05.2012, 15:05

daseinsblüte


tausend liebes-
stauseen bilde
ab, seidene lust.

dünste salbei,
die taubnessel,
liebesstauden,
das blüteneis.

dies blaue nest
ist edens laube
buntes ideal. es
ist blaues ende.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 20.05.2012, 16:38

Toll, was du hier alles für Anagramme gefunden hast, fenestra!

Und vor allem in sehr poetischer Weise kombiniert. :daumen:

Liebe Grüße
Gabi

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leonie
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Beitragvon leonie » 20.05.2012, 17:26

Oh, wie schön, schön, schön, liebe fenestra, dass Du wieder da bist und gleich einen blog eröffnest. Ich lese gespannt mit.
Die Angramme beeindrucken mich auch. Toll!

Liebe Grüße

leonie

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Beitragvon fenestra » 20.05.2012, 23:22

Ja, ich hätte die erste Rosenblüte am Briefkasten bedichten können, aber es ist die Taubnessel geworden, ein unscheinbares Wildkraut und doch so lecker - eines der besten Wildgemüse, wenn ihr mich fragt.

Es freut mich, dass ihr die Anagramme mögt - man ist immer wieder erstaunt, was bei solchen Puzzle-Spielen heraus kommt.

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.05.2012, 10:47

Du machst mir Lust, die Natur auch wieder mal zu bedichten, oder überhaupt zu dichten.
Es hat mir Freude gemacht, deine Einträge zu lesen.

Liebe Grüße
Gerda

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 23.05.2012, 10:29

*hihi* Ich amüsiere mich noch immer über die Pimpernuss, herrlich!
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 23.05.2012, 12:50

Ja, die hammerharte Pimpernuss ist wirklich klasse, fenestra! :spin2:

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 23.05.2012, 18:59

Danke für eure lieben Rückmeldungen! In Kürze blüht es weiter - wenns nicht verhagelt ...


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