Schweigen auf Papier

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 10.01.2014, 21:57

Ich sollte schweigen, in allen Sprachen, die ich kann oder mal konnte. Schweigen, weil ich nichts zu sagen habe, nichts mehr zu sagen hatte, vielleicht nie was zu sagen hatte; weil das, was ich noch zu sagen hätte, so unerträglich banal ist, so tausendundein mal gedacht, gesagt, geschrieben. Ich kreise nur noch um Alltagssorgen, um trübe Gedanken, vergangene Zeiten und, was am Schlimmsten ist, nur noch um mich. Und zu mir möchte ich nichts sagen. Wenn ich also nichts zu mir sagen will und sonst nichts zu sagen habe, dann kann ich auch nichts schreiben. Weder auf Deutsch noch auf Englisch noch auf Spanisch oder Französisch und erst recht nicht auf Latein. Mit dem Letzteren am Ende ist das Letzte, was mir bleibt, über das nicht Schreiben zu schreiben. Ein leeres Blatt Papier taugt mir nur noch zum Schiffchen-Falten, die hohe Kunst des Origami beherrsche ich nicht, als Zeichner bin ich völlig talentlos. Das Ende also, die endgültige kreative Niederlage. Was gibt es Jämmerlicheres als einen Schreiber, der nicht schreibt und darüber schreibt?
Ich sollte schweigen in allen Sprachen.

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noel
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Beitragvon noel » 11.01.2014, 17:55

wie kann man einen text, der etwas unerhörtes, nihilistisches umschreibt
schön benennen..
der text ist unverblümt, prägnant & trifft
ins mark
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

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ecb
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Beitragvon ecb » 11.01.2014, 18:07

"Die Worte holen wir aus der allgemeinen Schatzkammer, und bestenfalls gelingt es uns, sie so hinzukneten, daß sie neu erscheinen. Noch schlimmer ist es mit den Gedanken: wenige stehen uns zur Verfügung, und es ist kaum möglich, sie auch nur für einen Augenblick frisch erscheinen zu lassen - die Genies versuchen es gar nicht erst. Was ist es aber dann, was uns zum Denken und zum Schreiben befugt? Die Stimme, habe ich immer schon gesagt. Es ist die Stimme. In ihr liegt die Berechtigung und die Signatur."

Klara Johanson (schwed. Literaturkritikerin und Essayistin, 1875-1948, meine Ü.)

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Renée Lomris
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Beitragvon Renée Lomris » 11.01.2014, 19:02

Zakkinen hat geschrieben:Ich sollte schweigen, in allen Sprachen, die ich kann oder mal konnte. .


Mich hat beeindruckt, wie fast Wort für Wort einige Passagen deines Texts mit dem von Lord Chandos übereinstimmen.
Meine Frage: kennst du diesen hoch inteessanten Text? Hast du dich von ihm inspirieren lassen? Oder war Auslöser deiner Ungehaltenheit ein anderer Text ...?


Zakkinen hat geschrieben:Schweigen, weil ich nichts zu sagen habe, nichts mehr zu sagen hatte, vielleicht nie was zu sagen hatte;.


Bei Lord Chandos ist das Schweigen anders bedingt: er hätte noch etwas zu sagen, das, was er bisher gesagt hat. Er könnte wie üblich mit den Wölfen heulen, die üblichen Banalitäten austauschen. Lord Chandos wei?, dass diese kreative Schwatzhaftigkeit die Grundlage war, auf der er seine Texte auf und ausbaute .. er will das Spiel nicht mehr mitmachen.

Lord Chandos (Hoffmannsthal) schreibt:
Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.

Zakkinen hat geschrieben: weil das, was ich noch zu sagen hätte, so unerträglich banal ist, so tausendundein mal gedacht, gesagt, geschrieben..


Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen.

Zakkinen hat geschrieben: Ich kreise nur noch um Alltagssorgen, um trübe Gedanken, vergangene Zeiten und, was am Schlimmsten ist, nur noch um mich..


Du gibst zu, dass du nur noch um dich kreist. das beschreibt Chandos anders. Das ist der große Unterschied zu Chandos: das schwatzhafte Ich zerfällt bevor es noch zur Sprache kommt

Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.


Zakkinen hat geschrieben: Und zu mir möchte ich nichts sagen. .

die worte zerfielen mir im Munde wie modrige Pilzze

Zakkinen hat geschrieben:Wenn ich also nichts zu mir sagen will und sonst nichts zu sagen habe, dann kann ich auch nichts schreiben. .

Dies alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich

Zakkinen hat geschrieben:Weder auf Deutsch noch auf Englisch noch auf Spanisch oder Französisch und erst recht nicht auf Latein..

(dasss ich) kein englisches und kein lateinisches Buch schreiben werde:

Zakkinen hat geschrieben: Mit dem Letzteren am Ende ist das Letzte, was mir bleibt, über das nicht Schreiben zu schreiben. .

Mit einem unerklärlichen Zorn, den ich nur mit Mühe notdürftig verbarg, erfüllte es mich, dergleichen zu hören wie: diese Sache ist für den oder jenen gut oder schlecht ausgegangen; Sheriff N. ist ein böser, Prediger T. ein guter Mensch; Pächter M. ist zu bedauern, seine Söhne sind Verschwender; ein anderer ist zu beneiden, weil seine Töchter haushälterisch sind; eine Familie kommt in die Höhe, eine andere ist am Hinabsinken. Dies alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich
Zakkinen hat geschrieben:Ein leeres Blatt Papier taugt mir nur noch zum Schiffchen-Falten, die hohe Kunst des Origami beherrsche ich nicht, als Zeichner bin ich völlig talentlos. .


Zakkinen hat geschrieben:Das Ende also, die endgültige kreative Niederlage. .

Und ich vergleiche mich manchmal in Gedanken mit jenem Crassus, dem Redner, von dem berichtet wird, daß er eine zahme Muräne, einen dumpfen, rotäugigen, stummen Fisch seines Zierteiches, so über alle Maßen lieb gewann, daß es zum Stadtgespräch wurde; und als ihm einmal im Senat Domitius vorwarf, er habe über den Tod dieses Fisches Tränen vergossen, und ihn dadurch als einen halben Narren hinstellen wollte, gab ihm Crassus zur Antwort: »So habe ich beim Tod meines Fisches getan, was Ihr weder bei Eurer ersten noch Eurer zweiten Frau Tod getan habt.«
eigentlich keine Niederlage, im Gegenteil...

Zakkinen hat geschrieben:Was gibt es Jämmerlicheres als einen Schreiber, der nicht schreibt und darüber schreibt?.

nämlich weil die Sprache, in welcher nicht nur zu schreiben, sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder die lateinische noch die englische, noch die italienische oder spanische ist, sondern eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zuweilen zu mir sprechen, und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde.



Zakkinen hat geschrieben:Ich sollte schweigen in allen Sprachen.


Ich fühlte in diesem Augenblick mit einer Bestimmtheit, die nicht ganz ohne ein schmerzliches Beigefühl war, daß ich auch im kommenden und im folgenden und in allen Jahren dieses meines Lebens kein englisches und kein lateinisches Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund, dessen mir peinliche Seltsamkeit mit ungeblendetem Blick dem vor Ihnen harmonisch ausgebreiteten Reiche der geistigen und leiblichen Erscheinungen an seiner Stelle einzuordnen ich Ihrer unendlichen geistigen Überlegenheit überlasse:

Lieber Zak,



Dieser Gedanke der Sinnlosigkeit menschlichen Tuns, Redens, Schreibens, etc. taucht immer wieder als Thema auf. Auch diese Haltung kann zur Banalität werden. Der Banalität zu entkommen ist nicht so einfach.

Jeder hat die Möglichkeit nicht zu schreiben. Doch manchmal kommt man eventuell in Versuchung sich selbst das Wühlen im Banalen und die Niederschrift des dabei empfundenen Zorns zu gestatten, und indirekt den schreibenden "Kollegen" maßzuregeln, der möge aufhören Klischees, Banalitäten, Vorurteile, Klugscheißereien u.ä. Geschwätz von sich zu geben ...

Goethe hätte z.B. gern die Romantiker mit einem Schreibverbot unschädlich gemacht. Er nannte sie (das begann bei den Nachahmern des Werther und allgemein beim Sturm u. Drang "die Aufgeregten".



Ich finde den Ausdruck "die Aufgeregten " sehr passend. Aber m:A. nach : mögen sie doch schreiben. Ist nicht das unendlich sich wiederholende Universum gro? genug um unsere Papierschiffchen klein erscheinen zu lassen.

Klein, unbedeutend, unwichtig: aber doch kreative Erzeugnisse eines sich selbst reflektierenden Wesens. Selbstgeißelung scheint mir ein unpasssenderes Mittel auf dem Weg zur Überwindung des Banalen als Zweifel und Fragen. Und Humor.

liebe Grüße
Renée

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 11.01.2014, 19:21

Danke Euch, speziell Renée für diese ausführliche Antwort,

nein, ich kannte Lord Chandos nicht. Sehr interessant.

Liebe Grüße
Henkki

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 12.01.2014, 11:02

Auch diese Haltung kann zur Banalität werden.

Stimmt, und so fühlt es sich auch an. Plus ein wenig selbstmitleidig. Nicht gerade positiv.

und indirekt den schreibenden "Kollegen" maßzuregeln, der möge aufhören Klischees, Banalitäten, Vorurteile, Klugscheißereien u.ä. Geschwätz von sich zu geben ...

Die Gefahr besteht, auch wenn das nicht die Intention hier war. Eher wäre es Neid auf die "Kollegen", denen der interne Zensor nicht so arg jeden Ansatz vermasselt. Schwierig, nur auf einen Grund zu reduzieren, aber diese Wirkung gibt es.

Selbstgeißelung scheint mir ein unpasssenderes Mittel auf dem Weg zur Überwindung des Banalen als Zweifel und Fragen. Und Humor.

Da magst Du Recht haben.

Grüße
Henkki

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Eule
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Beitragvon Eule » 17.04.2014, 11:07

Bei Schreibkrisen hilft es manchmal, bei früheren Techniken, die gut "liefen", anzuknüpfen ... ;-)
Ein Klang zum Sprachspiel.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 18.04.2014, 18:56

Si tacuisses, philosophus fuisses.
Ave Zakkinen
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 06.03.2015, 19:29

Das kraftvolle, das in dem Text mitschwingt, gefällt mir.
Schweigen in allen Sprachen.


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