fundsachen

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Quoth
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Beitragvon Quoth » 09.04.2017, 17:30

um die stirn ein blutiger reif,
der osterengel im krieg.
american way of life,
okinawa und grieg.

ein walky-talky gib mir
mit vaterunser-frequenz,
blutendes menschentier,
quellender maryland-lenz.

auf dem bekümmerten berg
stars-and stripes gehisst:
ho ein gewaltiger zwerg,
himmelzerreißender zwist.
(1965)
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Klara
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Beitragvon Klara » 25.05.2017, 16:08

Hallo Quoth,

das finde ich spannend.
Beginnt (scheinbar?) mitten drin im "um", das auch ein "und" sein könnte

der osterengel lässt mich an Paul Klees Engel denken, Christi Leib, Krieg, bunte Trauer
1945 und Vietnam
(warum Grieg?)

our father in heaven und blut

Gelungen!

(Neugierig frag ich mich, ob die Jahreszahl zum Gedicht gehört oder die Zeit seines Entstehens anzeigt?)

herzlich
klara

Quoth
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Beitragvon Quoth » 06.07.2018, 22:42

Entschuldige, Klara, dass ich mich erst nach über einem Jahr für Deinen überraschenden Kommentar bedanke. Sollte ich nach weiteren Fundsachen aus den 60er Jahren auf die Suche gehen? Ich fing damals an, Gedichte zu schreiben und habe mich im Verdacht, dass ich "Grieg" vor allem "um des Reimes willen" wählte! Aber ich erinnere mich auch, dass ich Solvejgs Lied aus der Peer-Gynt-Suite sehr mochte.
Was hieltest Du davon, wenn Du auch mal eine "Jugendsünde" in diesem Faden ausstelltest? Du bist herzlich dazu eingeladen! Guck mal in der Schublade ganz unten!
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 16.04.2019, 16:59

Zu spät. Die Süßigkeit der Trauer und der Liebe. Von ihr angelächelt werden im Boot. Das war das Allerschönste. Immer nur das Verlangen, zu sterben, und das Sich-noch-Halten, das allein ist Liebe.
Kafka, 22. Oktober 1913
Warum erschüttern diese Zeilen mich so? Diese Verbindung von Liebe und Todessehnsucht gab es mal in meinem Leben. Sogar auch das Boot mit mir und einem Mädchen darin. Was habe ich dazugelernt, dass ich so heute nicht mehr empfinden kann? Der andre, der ich damals war, wird in diesen Zeilen wieder wach. Seit Jahrzehnten hat er in mir geschlafen.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Klara
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Beitragvon Klara » 16.04.2019, 17:51

An Kafka habe ich mich bis heute nicht herangetraut, Quoth...

Hier kommt eine erste Jugendsünde, mit ganz vielen Apostrophen zur Rhythmus-Fälschung, wie du sie, wenn ich mich recht entsinne, nicht besonders leiden kannst? (es ist ein Lied - hatte ich es nicht schon mal gepostet? Ich könnte mich distanzieren, herabschauen auf die 14- oder 15Jährige, die da singend suchte, Gefühl und Geist zusammenzubringen, doch ich tu's nicht, widerstehe der Versuchung zur Koketterie : Im Grunde habe ich mich, fürchte, hoffe ich oder stelle ich einfach nur fest, nicht wirklich verändert, weder im Suchen noch in der Sehnsucht, und in Wahrheit, scheint mir, schöpfe ich sowohl schreibend als auch erlebend bis heute aus diesem frühlingserwachenden Drängen):

Melodie I
Der eine Traum / ist noch lange nicht ausgeträumt
der andre Traum schwebt und schwelt
Zögernd Augenblicksleuchten versäumt
Den Zipfel Glück knapp verfehlt

Melodie I
Krampf verzieht mir den Magen krumm
treibt Tränen durch Augentürn
Auf die wiederkehrnd bohrende Frage WARUM
muss ich die Traurigkeit spürn

Melodie II
Sanfter Wind über Felder streicht
Düfte leben und blühn!
Wenn man .. und Wälder und Träume vergleicht, sind sie alle noch einmal so schön.
Sind sie alle noch einmal so schön.

Melodie I
Ich versteh nicht und ahn doch
woher das Blut treibt
und mir trännassen Dampf jagt durchs Hirn
Eine Lust auf den Donner, und Sehnsucht nach - was?
Nach der Ruhe und Sanftheit der Stirn

Melodie II
Nach Kampf, nach Erinnrung, rote Fäden erahnt
Klarheit, Wärme und Licht
Ich verschnauf nicht und seh
durch den Schleier der Angst,
trotzig hoffend, er nimmt nicht die Sicht
trotzig hoffend, er nimmt nicht die Sicht

Melodie I und II kombiniert
Und Gedanken führn hin mich
auf Wege voll Blut
Ein Drang treibt sie und peitscht sie nach vorn
S ist der Drang zu verstehn, der sich weitet in Wut,
sind doch Herz und Verstand schon verschworn
Sind doch Herz und Verstand schon verlorn

Schöne Idee... Vielleicht machen wir einen Faden für Jugendsünden auf? Ich hätte da auch noch französische...

Herzlich
Klara

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Beitragvon birke » 16.04.2019, 18:11

Quoth hat geschrieben:
Zu spät. Die Süßigkeit der Trauer und der Liebe. Von ihr angelächelt werden im Boot. Das war das Allerschönste. Immer nur das Verlangen, zu sterben, und das Sich-noch-Halten, das allein ist Liebe.
Kafka, 22. Oktober 1913
Warum erschüttern diese Zeilen mich so? Diese Verbindung von Liebe und Todessehnsucht gab es mal in meinem Leben. Sogar auch das Boot mit mir und einem Mädchen darin. Was habe ich dazugelernt, dass ich so heute nicht mehr empfinden kann? Der andre, der ich damals war, wird in diesen Zeilen wieder wach. Seit Jahrzehnten hat er in mir geschlafen.


bewegende zeilen von kafka! und von dir. ich glaube, es liegt ein bisschen daran, dass man im laufe des lebens aufgrund vieler erfahrungen einfach verletzlicher wird bzw sich vor solchen verletzungen, die aus solch einer hingabe folgen können, schützen will. aber es liegt vielleicht auch daran, dass man nicht oft solche menschen trifft, denen man sich bedingungslos hingeben will, denn ich glaube schon, dass einem das im prinzip durchaus in jedem alter wieder "passieren" kann. hach!

ein jugendsünde- faden...? ja, warum nicht? :)
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Beitragvon Quoth » 16.04.2019, 21:08

Bitte nicht Jugendsünde. Einfach Fundsachen mit einer Tendenz zu "lang, lang ist's her."
Ich glaube, man wird nicht verletzlicher, Birke, man bekommt eine Hornhaut.
Und entscheidend: Es sind ja längst nicht mehr so viele Möglichkeiten offen, in die man sich hineinfühlen und -träumen kann.
Danke Quoth
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Beitragvon birke » 16.04.2019, 21:53

du und klara, ihr spracht weiter vorne von "jugendsünden"... und ja, hornhaut, vielleicht auch das, wobei die durchaus wieder aufweichbar ist... die möglichkeiten schrumpfen, ja, auch das...

dieser "fundsachen" - faden - schön!

lg :)
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Beitragvon Quoth » 16.04.2019, 22:07

Stimmt, Birke, ich habe oben den Begriff benutzt. Aber er gefällt mir nicht mehr, er hat was Überhebliches.
Dem früheren Ich nicht mit Herablassung, sondern mit verwundertem Respekt begegnen!
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birke
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Beitragvon birke » 16.04.2019, 23:20

ja, das ist schön.
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Beitragvon Klara » 17.04.2019, 17:38

.. dass die Möglichkeiten schrumpfen, glaube ich nicht. Aber es schrumpft die Fähigkeit, sie wahrzunehmen (in beiden Bedeutungen: anpacken und erkennen), weil Körper und Geist und Seele so beschäftigt sind und auch schon so viel "geschluckt" haben. Was die Möglichkeiten betrifft (auch wenn es sie objektiv wohl nicht gibt), werden es eher mehr. Ich empfinde das so: Die Möglichkeiten, die ich heute habe, was ich mir zutraue etc. - hatte ich als junges Mädchen nicht. Oder jedenfalls nicht wahrgenommen ;-) Das ist paradox, weil ich damals schöner und kräftiger war. Aber ich war, glaube ich, weniger wach. Und ich war, scheint mir, in mich verkrümmt. (Das, was Luther "Sünde" nennt, er meint damit von Gott weggewandt nur mit sich selbst beschäftigt, man kann aber als Nichtgläubiger, denke ich, für "Gott" auch "Leben" setzen. Oder "Fülle". Oder "Glück". Oder "Dankbarkeit". Und schon bin ich wieder bei der Sünde der Jugendsünden - in der Tat ein merkwürdiges Wort.) Seltsam, darüber nachzudenken...

Natürlich liegt vor einem weniger Leben als hinter einem. Aber es hätte ja, mit 18, genauso sein können. Jederzeit hätte man einen Unfall haben können. Das Leben ist nicht verfügbar. Und die Berechnung von Zeit lehne ich aus grundsätzlichen Erwägungen ebenso ab wie den Begriff "quality time". Ich finde, es gibt nur quality time, also nur Zeit. In der ich lebe, passiere und passieren lasse, schmecke und höre und sehe und möglichst genau da bin, wo ich bin, auch wenn ich in der Vergangenheit bin ,so wie mit dem Lied, das ich gestern hervorzitierte. Eine schwierige, aber fröhlich machende Aufgabe :-)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 17.04.2019, 19:03

Was sollte schrumpfen an den Möglichkeiten? Deren Anzahl? Oder deren Wichtigkeit?

Tausend Möglichkeiten, einen Kuchen zu backen? -- Drei Möglichkeiten, eine Kathedrale zu bauen?

In der Jugendzeit gibt es vielleicht mehr Sturm und Drang, straffere Muskeln, und naiveren Antrieb, um eher körperliche als geistige Vorhaben zu ermöglichen. In späteren Jahren ermöglicht die mentale Reife dann eher die geistigen Vorhaben als die körperlichen.

Das eine schrumpft, das andere wächst.

Und überhaupt: Was war mir damals wichtig? Was ist mir heute wichtig?

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birke
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Beitragvon birke » 18.04.2019, 12:47

ja, da bin ich ganz bei dir, klara :)
einige möglichkeiten schrumpfen zwar schon ( zb ganz konkret bei frauen die möglichkeit (noch) (mehr) kinder zu bekommen) aber andere eröffnen sich im gegenzug auch.
ich fühle mich heute auch reicher und sicherer und von daher... steht mir vieles offen, was früher für mich nicht möglich war. "verkrümmt", schön gesagt, das war ich glaub ich auch in gewisser weise ... unsicher und desorientiert im dschungel namens "leben" - aber es ändert und verschiebt sich halt irgendwie alles; wie gut!

einige türen schließen sich, andere öffnen sich. :)
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Beitragvon Quoth » 18.04.2019, 16:49

Shakespeares 73. Sonett hat eine besondere Rolle in meinem Leben gespielt. In "Schau heimwärts Engel" nennt Thomas Wolfe es "des größte von allen" (Sonetten Shakespeares) - aber warum hat es mich als 16-Jährigen so faziniert? Hans Schiebelhuth übersetzt die erste Zeile mit "Nimm jene Zeit des Jahres an mir wahr", und Wolfe schreibt, es habe seinen Helden bei der Stelle "Ein Kreuzgang kahl, wo süße Vögel sangen" so ergriffen, dass er nicht habe weiterlesen können. Jetzt bin ich diesem Sonett wieder begegnet: In "Stoner" von John Williams bringt es Stoner dazu, sein Studium der Agronomie aufzugeben und Literatur zu studieren. Wieder ist es ein junger Mann, in dessen Leben dieser Text regelrecht eingreift. Vielleicht erschüttert die Erkenntnis der Endlichkeit junge Menschen mehr als ältere. Die haben sich gleichsam damit abgefunden.
Sonnet 73

That time of year thou mayst in me behold
When yellow leaves, or none, or few, do hang
Upon those boughs which shake against the cold,
Bare ruin’d choirs, where late the sweet birds sang.
In me thou seest the twilight of such day
As after sunset fadeth in the west,
Which by and by black night doth take away,
Death’s second self, that seals up all in rest.
In me thou see’st the glowing of such fire
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed whereon it must expire
Consumed with that which it was nourish’d by.
This thou perceivest, which makes thy love more strong,
To love that well which thou must leave ere long.


Thomas Wolfe stellt "Look Homeward, Angel!" unter dieses Motto (in der Übersetzung von Schiebelhut):

... ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür. Und von all den vergessnen Gesichtern.

Nackt Und allein gerieten wir in Verbannung. Im Dunkel ihres Schoßes kannten wir unsrer Mutter Angesicht nicht. Aus dem Gefängnis ihres Fleischs sind wir ins deutungslose Gefängnis dieser Erde geraten.

Wer unter uns hat seinen Bruder gekannt? Wer unter uns hat in seines Vaters Herz gesehn? Wer unter uns ist nicht immer unterm Druck des Kerkers geblieben? Wer unter uns ist nicht immer ein Fremdling und allein?

O Öde aus Verlust: in heißen Wirrsalen verloren; unter hellen Sternen auf dieser müden, lichtlosen Schlacke verloren. Verloren! Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür. Wo? Wann?

O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!


Auch heute noch kann ich mich dem Überschwang dieser Worte nicht entziehen. Und glaube, dass John Williams Thomas Wolfe nicht nur gelesen hat.
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