Wie eine Feder

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Klara
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Beitragvon Klara » 02.04.2018, 17:33

Wie eine Feder.

Das hatte ich noch vor Wochen nicht für möglich gehalten: meine Mutter „in der Reha“, untergebracht in einer plattenbauähnlichen westdeutschen Kleinstadtklinik samt Kurpark und geregelten Essenszeiten. Sie, die einst direkt nach ihre Hüftoperation nach Hause ging und gegen jeden medizinischen und familiären Rat ambulante Reha wählte, 70 Kilometer und zurück, mit neuem Hüftgelenk und frischer Narbe. Sie, die sich ihre Freiheit von niemandem je nehmen lassen würde – nicht mal von sich selbst.

Es ist Karfreitag. Beim Gang vom Bahnhof zur Kurklinik wird mir bewusst, wie unpassend dieser Ort für sie ist, er gehört zu den Hass-Orten meiner Mutter: Kleinstadt! Ich nehme mir vor, ihr meine Gedanken dazu solidarisch mitzuteilen, denn auch ich fühle mich sofort unwohl, gelernt ist gelernt, fühle mich eingesperrt im Mittelmaß. Meine Mutter hasst das Maßvolle. Und sie hat ja auch Recht, Himmelherrgott! Oder ist es Dein Wille, dass Menschen sich gegenseitig belauern, mit Jägerzäunen umgeben und die eigene Regelmäßigkeit aufnötigen? Das kannst Du nicht gewollt haben, Du Unregelmäßiger, Überraschender! Ein Kleinstadtleben mit samstags Autowaschen und Rasenmähen und sonntags Kirche kann nicht Deinem Großen Plan für uns Menschen entsprechen. Oder? Jedenfalls nicht nur. Sag mal was, Gott! Du hast mich doch hierhin geschickt! Und bitte lass dir was Besseres einfallen als „Meine Wege sind unergründlich“.

Beim Betreten der Klinik habe ich prompt Mühe zu atmen: Es ist eng, die Wände dünsten dumpf nach den Mahlzeiten von Jahren, trotz der „fröhlich“ grün-gelben Wände wirkt es dunkel, depressionsfördernd sozusagen. Am liebsten möchte ich gleich wieder raus, an die Luft, zum Licht, zur Bahn, nach Hause – in die Freiheit! Das möchte ich ihr sagen, habe es schon auf den Lippen, während ich in den siebten Stock fahre, doch in ihrem Zimmer ist sie nicht, Mittagszeit. Ich gehe das grautrübe Treppenhaus hinunter bis in die Essensetage, „E1“, wie man mir am Empfang sagte, höre, wie der Kellner eine andere Besucherin nur unwillig nach dem Gesuchten schauen lässt – „zur Mittagszeit ist Besuch ungünstig, wissen Sie…“, denn es ist alles abgezählt: die Stühle, die Servietten, die Mahlzeiten, der Platz in den Geschirrspülmaschinen. Meine Mutter hasst abgezählte Mahlzeiten, vorgefertigte Portionen, Leben in Kästchen, die abzuhaken sind, bis man stirbt.

Ich sehe mich um. Sie sitzt ganz dünn in ihrem Rollstuhl, ihr Gesicht hager, und immer noch, immer wieder schön, in aufrechter Haltung, am Tisch zwei Mitgenesende. Der Mann erhebt sich, überlässt mir seinen Platz. „Der kann mit mir nichts anfangen“, wird sie mir später verraten, wenn wir am einbetonierten Teich sitzen werden, die seltene Sonne genießend. Aber noch hat sie Fisch auf ihrem Teller und Kartoffeln und nicht mal die Hälfte geschafft; die Dosenananas, die als Nachtisch schlaffgelb im Glasschälchen neben dem Teller liegen, rührt sie gar nicht an. „Ich habe keinen Appetit“, erklärt sie, „habe mir Astronautennahrung aus der Apotheke besorgt, bin auch immer noch blutarm, obwohl ich Eisentabletten fresse“.

Sie hat zwei Operationen hinter sich, von denen die erste nicht gut lief, eine Not-OP nach nächtlichem Sturz. „Haben Sie dir den Arztbrief endlich geschickt?“, frage ich. „Nein, nichts. Als ich hier ankam, war ich noch nicht mal angemeldet!“ „Sie haben Mist gebaut, oder?“, sage ich. „Sie haben gepfuscht. Ich habe dem Arzt noch gemailt, nachdem du angerufen hast“. Am Telefon hatte sie sich weinend beklagt, es gehe ihr schlecht, die Behandlung im Krankenhaus sei menschlich furchtbar. Ich hatte die Nachbarin, die sie regelmäßig besucht, gebeten, besser kein Obstmesser mitzubringen, weil ich fürchtete, die Mutter werde sich damit etwas antun. Der Arzt hatte mir knapp zurückgeschrieben, „Ihrer Mutter geht es gut“. „Ein Arschloch, Mama. Du kannst klagen.“ „Ich will das nicht“, wehrt sie ab. Sie hatte auch den Prügler nicht vor Gericht gezerrt nach jahrelanger Misshandlung. Sie hatte keine Anzeige erstattet und sich geweigert, ihr Recht einzufordern, weil sie kein Opfer sein wollte. Und weil es vorbei sein sollte. „Ich will das hinter mir lassen“, erklärt sie. Wie sie es immer handhabte: Die Vergangenheit, was sie getan und was ihr angetan, hinter sich lassen, abgepackt in präsentable Anekdötchen, variierbar je nach Anlass, totgeschwiegen, runterschluckt, vergraben im Chaos des Unaufgeräumten, in dem man so gut Sachen verschwinden lassen kann. Der Pfleger hatte sie so grob angefasst, dass sie schrie, hatte sie am Telefon erzählt, „und fünf Ärzte standen in der Nähe, einer davon der Chirurg, und haben nicht mal gezuckt“. Jetzt will sie darüber nichts mehr hören.

„Lass uns nicht hier darüber sprechen“, bittet sie mit einem Seitenblick auf ihre Tischnachbarn - sie, deren Sache Diskretion eigentlich nicht ist. Sie redet gern über, zum Beispiel, Menschen am Nebentisch, und nicht mit gesenkter Stimme. Sie mag es zu provozieren, aufzufallen, einen Konflikt herbei zu beschwören, dessen Folgen sie dann interessiert betrachten und kommentieren kann. Aber nun scheint sie vorsichtig geworden, meine Mutter, sie haben sie fertig gemacht, so wie der Prügler sie fertigmachte, jahrelang, damals. Sie unterwirft sich den Krankenhaus-Ritualen aus Angst, schlecht behandelt zu werden. Sie hat erfahren, wie es ist, ohnmächtig zu sein, ausgeliefert: „Wenn man sich wehrt, kommt es noch fieser zurück“, sagt sie, „da halte ich lieber den Mund“. „Es ist so eng hier, Mama“, flüstere ich. „Ach nein, hier ist es ganz in Ordnung“, widerspricht sie. Mir wird klar, dass ich ihr das nicht kaputt reden darf. Sie muss noch eine Weile bleiben – ich kann wieder gehen. Es bringt ihr nichts, wenn ich die Enge betone, die für sie nach Wochen leidvoller Bettlägerigkeit zur Weite wird: der Klinikteich ein Meer, und die Ente ein Kranich.

„Gehen wir raus“, schlage ich vor, „du willst doch sicherlich rauchen, oder?“ Das will sie, ja. „Schon lustig, dass all die Leute, die mir immer sagen, wie ungesund Rauchen ist, mir nun Zigaretten mitbringen und mich zum Rauchen ermutigen“, amüsiert sie sich, während wir zum Teich rollen. Sie will, dass ich bestimme, wo wir uns hinsetzen, d. h auf welche Bank ich mich setze, denn sie sitzt ja schon. Das verwirrt mich, weil sie sonst immer vorangeht, den Ort bestimmt, die Dauer. Sie agiert recht wendig mit dem Rollstuhl. „Heute habe ich zum ersten Mal das Gefühl, es wird wieder was mit dem Laufen“, sagt sie leise. „Sag es niemandem. Es ist noch zu frisch. Ich hatte mich schon mehr oder weniger damit abgefunden, im Rollstuhl sitzen zu bleiben.“

Eine Ente begrüßt uns. Ich spendiere ihr Gurke und Reis von meinem Lunchpaket. „Die kommt immer, wenn ich hier bin“, berichtet die Mutter. „Bist du noch unter Morphium?“, will ich wissen. Sie erscheint mir klarer als beim letzten Mal, aber ein Vorhang ist da immer noch vor ihren Augen – jener Vorhang, der stets beim ersten Schluck fällt und den Abend über bleibt. „Nur Morphin-Derivate“, wiegelt sie ab. „Anders ginge das hier alles gar nicht!“ Mit einer vagen Geste zeigt sie auf ihre Beine. Es klingt wie eine Rechtfertigung, ein Manöver wie der Saft, den sie im Glas mit Wein zu mischen pflegt, damit es für uns Kinder nicht nach Alkohol aussähe. Sie fährt damit auch fort, nachdem wir sie mit unserem Unbehagen wegen ihres Alkoholkonsums konfrontiert haben. Hält das Bild einer Frau aufrecht, die auf nichts und niemanden angewiesen ist. Vielleicht ist Morphium ihr Alkoholersatz. Es geht mich nichts an, Mutter, es geht mich nichts an. Ich habe kein Recht, über dich zu urteilen, und ich will auch nicht alles verstehen, will schon gar nicht zurück in die Vergangenheit, Geschehenes bereden, auferwecken. Es soll liegen bleiben, schlafen. Es ist da, denn es war, aber es soll uns nicht daran hindern, miteinander gut zu sein, okay?

Ich frage mich, wo die Spannung hin ist, die all die Jahre auf jeder unserer Begegnungen wie zur Strafe einer unmöglich zu bewältigenden Aufgabe lag. Wir sind frei, stelle ich verblüfft fest, zumindest in diesem Moment, in dem sie mich an ihrem bescheidenen Glück teilhaben lässt, weniger Schmerzen zu haben als vorher und mit Freundlichkeit behandelt zu werden. Sie sitzt demütig, scheint mir – eine Haltung, die ich an ihr zuletzt wahrnahm, als sie beim Prügler war. Das ist Jahrzehnte her. Ihm hatte sie sich unterworfen, aber erst, wenn er gewalttätig wurde, vorher sagte sie frei heraus, was zu sagen war. Sie blieb aufrecht und duckte sich erst unter seinen Schlägen.

Sie bittet mich, Kaffee aus dem Automaten zu holen. Als ich wiederkomme, sitzt ein Mann bei ihr, der aber sofort aufsteht, um mir die Bank frei zu machen. „Der ist Russe“, sagt sie. „Seit 1993 in Deutschland, spricht auch gut Deutsch, aber mit einem heftigen Akzent, immer noch.“ „Das ginge mir in Russland wahrscheinlich genauso“, entgegne ich. Sie nickt, hätte lieber noch mehr über den Akzent des Mannes gesprochen. „Der ist in der Psychiatrie. Hier ist ja nicht nur orthopädische, sondern auch neurologische und psychiatrische Reha.“ „Kennst du ihn?“, frage ich. „Nee, eben zum ersten Mal getroffen.“ So war es früher auch: Leute, denen die Seele brennt, kamen zu meiner Mutter. Sie hat zugehört und ihren Senf dazu gegeben, aber vor allem war sie da. Auch bei mir hat sie das getan. Als mir viel später aufging, dass sie mich dabei manipulierte, gewollt oder ungewollt, konnte ich ihr nicht mehr vertrauen: Ihr Zuhören verfolgte eigene Ziele, sich unentbehrlich zu machen, zum Beispiel, sich gut zu fühlen. Sie liebt es, Menschen zuzuhören, die Probleme haben. Die Probleme anderer machen sie mächtig. Ich weiß nicht, ob ich ungerecht bin. Ich weiß nur, dass sie mir geschadet hat mit ihrem Leben – aber sie hat mir eben nicht nur geschadet, natürlich nicht. Sie hat mich auch groß werden lassen und stark und eigenwillig und frei. Sie hat mich „unterstützt“, meinen Weg zu gehen, auch wenn sie gleichzeitig zentnergroße Steine drauf verteilt hat, ohne es zu wollen. Einfach durch ihren „Lebenswandel“, und durch ihre wie zwanghafte Art, Menschen zu bewerten, als bräuchte sie es, Leute in Schubladen zu stecken. Das tut sie weiterhin, aber jetzt beruhigt es mich: Es lässt sie weniger verletzlich, als gebe es eine Kontinuität in ihrem Verhalten, als sie sie „die Alte“.. „Ich habe einen Zahnarzt kennengelernt“, erzählt sie. „Hast du jetzt auch noch Zahnweh?“ „Nein, nein, ein Patient hier. Er ist sehr, sehr dick und häkelt mit lila Wolle. Ich habe verrückte Leute immer gemocht.“

Lila Wolle + Zahnarzt = verrückt. Ich freue mich, dass sie Kontakt aufnimmt, sich nicht ganz abschottet. Dass sie es aushält, unter so vielen Menschen zu sein, deren Gegenwart sie sich nicht ausgesucht hat. „Ich bekomme sehr viel Besuch“, sagt sie, und es klingt wie ein fernes Echo ihrer Mutter, meiner Oma, mit der meine Mutter sich nie ausgesöhnt hat, sie waren zu verschieden, und vielleicht zu ähnlich: Es ist ein Verdienst, beliebt zu sein, viel Besuch zu bekommen. „Die Leute wissen, wie das ist, Mama“, sage ich, „wenn man vom Alltag abgeschnitten ist, tut Besuch gut.“ „Wie nett die Leute sind!“, staunt sie. Meine Mutter würde niemanden im Krankenhaus besuchen, oder auf Kur, wenn es sich irgend vermeiden ließe. Dienste ohne Gegenleistung liegen ihr nicht. Sie kann solcherart selbstlose Freundlichkeit, bei der sie sich zurücknehmen müsste, nicht geben. Aber sie gibt andere Dinge. Und sie wirkt dankbar, wie ich sie nie erlebt habe. Dass Menschen an sie denken? Akzeptiert sie jetzt die Wärme, die man ihr schenkt? Ist sie weniger wählerisch? Nimmt sie hin, dass es Zeit kostet, wieder auf die Beine zu kommen? Und dass sie dafür eben auch andere Menschen braucht? Jedenfalls scheint alle Wut, scheint jeder Hochmut auch und all ihre Ungeduld von ihr abgefallen. Es ist, als dürfe sie endlich bedürftig sein wie jeder Mensch.

Wir sprechen nicht nur über ihre Wunde, über ihr Laufenlernen, über den Schmerz, sondern auch über Politik, über andere Leute, wie sie es mag, und ich verstehe zum ersten Mal, dass es auch mit Würde zu tun hat, wenn sie sich über andere erhebt: Sie tut es nur scheinbar. Er ist ihre Art, sich abzugrenzen von dem, was alle tun. Ihr Beweis, dass sie die Wirklichkeit dominiert. Ihre Art, mit der Unverfügbarkeit des Lebens umzugehen.

Auf dem Teich kommt uns eine weiße Feder entgegen. „Sieht aus wie ein Küken“, sagt meine Mutter. Ihr rechtes Bein ist strichdünn, ihr linkes dick geschwollen. Ich wünschte, ich hätte nicht so viele schlimme Gedanken über sie gehabt, sie viel Groll, Wut, Ärger. Sie wurde geschlagen! Sie war ein Opfer! Sie hat getan, was sie konnte, das wird stimmen, wenn ich es glaube. Sie hat viel Mist gebaut mit uns Kindern, und mit sich selbst, aber sie hat dafür bezahlt. Ich will die alten Geschichten ruhen lassen. Will nicht mehr rechten und richten und mich fernhalten müssen, damit nur ja nichts rausbricht. Ich will nicht mehr brechen. Ich will zusammen halten. Ich will die Zeit, die uns miteinander bleibt, in Achtung und Wärme und scheiße, ja, Liebe mit ihr verbringen. Wie konnte ich je auf die Idee kommen, sie sei nicht da, zwischen uns, die Liebe? Sie war immer da, reichlich, dick und wund. Es gab davon so viel, dass nicht mal die ganze Scheiße sie kaputt machen konnte. Uns kaputt machen konnte. Ich wäre gar nicht, die ich bin, ohne diese Liebe!

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof in der kleinen Stadt läuten die Glocken nicht, denn es ist Karfreitag, Jesu Sterbestunde. Die Kirche ist auf, ich erhalte Eintritt und Gesangbuch und singe brüchig, höre die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz, „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Ich will wissen, was ich tue. Weinen will ich. Auch im Zug will ich noch weinen. Weil ich meine Mutter liebe. Weil da immer eine Lücke ist, in der man sich begegnen kann, man muss nur lange genug danach suchen. Weil ich ein furchtbar weichherziges Wesen mit einer unglaublich großen Klappe (und darin meiner Mutter furchtbar ähnlich) bin. Weil ich mich erinnere, wie sie an den Briefkästen der Klinik vorbeigeht und sagt „Man soll hier jeden Tag reinschauen“, gehorsam ihr Fach öffnet – „ich mache das auch immer, aber für mich liegt nie etwas drin.“ Ich will weinen, weil sie sich gefreut hat und mir nicht übelwollte. Ich will weinen, weil ich froh bin, dass ich endlich aufhören kann, über mich selbst zu weinen. Danke, Mama. Danke, lieber Gott im Himmel. „In deine Hände lege ich meinen Geist.“ Wie eine Feder.

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