Beitragvon Klara » 29.03.2018, 13:20
Kaffeehausbitzel
Wenn jemand so dahin redet, entferne ich mich
Manchmal weine ich nur auf einem Auge
Später sitze ich und frage mich
Warum
Ich streiche durch
esse Suppe und Salat
als wäre ich zu zweit
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Und lese , was ich
Vor Tagen erst geschrieben habe
Was hat das mit mir zu tun!
Uralt bin ich
Und lebendig
Wie ein grad gebornes Tier
Ein kleiner Vogel oder Elch
Eine Landhausfledermaus
Ein frischer Fisch (Atlantik)
Oder
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Sehnsucht nach Prosa
Und Zeit Der Laptop zittert neben mir in der Tasche
Der Ort scheint unpassend
LAPTOP stört schon als Wort
Gehört nicht in diesen Raum
In diese Intime Öffentlichkeit
die Zuhause und Zuflucht ist
In dunklen und in hellen
Und in beiden Stunden Denn Zuflucht
Braucht ein wundes Kind zu jeder Tageshelligkeit
wie Staunen
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Der eine weilt in Hannover
Der andere in Übersee
Der dritte hat Besuch
Der vierte liegt bei seiner Frau
Den fünften kenne ich noch nicht
Der sechste mailt (eher karg)
Der siebte ist fort
Aus welchen Gründen auch immer
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Sie werden zurückkehren
Mich auf ihre Art
Verehren Derweil
begnüge ich mich mit einer
Frau, die polnisch aussieht
Oder russisch, Stammgast wie ich
Blond, unter der Strickjacke ein rotes Kleid
Sie lächelt und schreibt viel oder liest
Offline Sie trinkt den Wein weiß, ich bin heute
Extravagent in rosé
Zur Feier des Freiseins ein Glück ist das Leben!
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Die Zeitung hole ich nur
Pro forma oder aus Gewohnheit
Und stelle mir vor, wie einer von draußen
Durch die Scheibe nach mir schaut
Oder wie die blonde Lektorin oder Verlegerin
(sie nickt mir freundlich zu mit mildem Kaffeehauserkennen, in Papieren blätternd, ohne dass wir einander schon gestatteten, dezent das Glas zum Prost zu heben)
Mir aus reiner Sympathie ein Verlags-Angebot macht
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Jetzt habe ich doch diesen Laptop
hervorgekramt
Brauche „Druckbuchstaben“, auch wenn es keine sind, um mich
Lesen zu können, obwohl das blaue Licht
Denkbar unangemessen flimmert
(Kompromisse sind unabdingbar
Auch für eine Person,
die mit jeder Minute, die sie lebt
radikaler wird)
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Ich sitze und frage
Nur mich
Habe ich Angst vor dem Abend oder Angst vor der Angst vor dem Abend?
Schreiben geht immer oder? Nein. Fast. Klar. Schreibt geht gar nicht, vergeht nie
Wenn ich Fußball sehe, höre ich meine Lieblingsmänner
Die Söhne zuerst, wispern mir Erinnerungen ins Ohr MAMA
Ich gehe auch ins Kino und liebe Alfred Hader, zum Beispiel,
Menschen, die schauspielern, sind so schön nah
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Die polnische Verlegerin erhebt sich
Ich werde nervös, traurig fast: Wird sie mich hier
Sitzen lassen? Doch ihr Glas, ihr Buch, ihre Papiertasche bleiben liegen
Sie raucht ein Häppchen vor der Tür Die Erleichterung darüber verwirrt und
Amüsiert mich Ich nehme mir die Verbündeten, die ich kriegen kann, habe keine andere Schlacht zu schlagen als diesen Abend mit Buchstaben und verlorenen Gedanken im Kopf
Die aufs Papier müssen, um sich nicht zu allein zu fühlen
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Dann verschiebt sich der Blick
Ohne Plan gehe ich ins Bett
Und träume in roten Kästen