Lyrischer Dialog

Hier ist Raum für gemeinsame unkommentierte Textfolgen
Nifl
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Beitragvon Nifl » 11.08.2006, 17:59

Liebe Schreibfanatiker,

ich möchte hier in diesem vitalen Forum einen "lyrischen Dialog" beginnen. Lyrische Dialoge sind kooperatives Schreiben, Gedichte, die (auf-)einander aufbauen. Das können inhaltliche Bezüge sein, oder es werden Worte des "Vorschreibers" aufgegriffen, oder man übernimmt einfach nur die Stimmung.
Hierdurch entstehen unkommentierte Gedichtfolgen. Die Form bleibt dem Autoren überlassen (zB. ob gereimt oder ungereimt ...)
Würde mich über rege Beteiligung freuen!

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Zuletzt geändert von Nifl am 30.08.2006, 19:10, insgesamt 2-mal geändert.

Klara
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Beitragvon Klara » 31.12.2020, 10:36

Vor oder hinter dem Jahr
wird Raum Zeit, Zukunft schmilzt
in die Nichtgegenwart
(Meine Mutter mag keine Gedichte
Und du?)
Dazwischen liegt Brache

Im Hals kratzt es schon
Und drunter, vor oder hinter
dem, was man Herz nennt
pocht die Fülle
(Zeit wird Raum, Vergangenheit umrandet
das Jetzt)

Mein Zaun hat Lücken
wie jeder Zaun
Ich pflege sie wie einen Freund
nagle halbherzig Latten fest
Als Hammer dient eine von den dummen
Besorgungen im Baumarkt: neuer Schrott
Aus dem Ärmel schütte ich mein Wissen (mein Wesen!) (man muss sich entscheiden) (warum?)
in den Winterflieder:
Er war lila, wird lila sein!

In letzter Zeit (sagt man -
meint man: jetzt? oder: immer?)
wiege ich taktlos
ein Übel gegens andre ab
mich in leichten Winden
Der Sommer war wieder zu warm
In letzter Zeit
ist er das immer
(Fortschritt ist der neue Rückschritt)
Wärme fehlt trotzdem
und irgendwie, plötzlich
der Hund

Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 02.01.2021, 00:47

Letzte Zeit
Geborene Abschiede
Handverlesene Momente
Blauäugig
Sekundenschnelle Ewigkeiten
Portal ins Verschlossene
Bleiben im Moment
Und in Zeitsprüngen
Wissen vergessen
Träume festhalten
Zeitlebens
In Liebe sterben
Ich lese Lyrik. Das spart Zeit.

(Marilyn Monroe)

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nera
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Beitragvon nera » 29.01.2021, 02:15

keine zäune hecken
mauern
nichts schützt vor der angst
-ein dilemma- grinst es mir aus dem spiegel
schminkt ein grinsen ein gelächter

nichts fidelt
nichts

nur dieses rasen gegen die angst
das säen und planen
mondviole
nachtviole
mohn

weide erle
diese zärtlichen erinnerungen
anam cara ich habe für einen moment deine stimme
dich hinter mir gewähnt
bin still
im schnee
harren
warte sagts du
wünsche ich
und berühre die rinde einer buche
unter der rinde schlägt das leben den takt
wünsche ich
dir

Nifl
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Beitragvon Nifl » 29.01.2021, 17:00

Rinde puzzeln
zwei die zu nahe sitzen
mit den Stühlen scharren
zusammenpassen wollen
ganz von allein und locker
sich so gut entsprechen
glatt wie Verschwinden
in eine Fläche
wo Bleiben ins Sehnen übergeht
wo Bleiben das Sehnen übergeht
wir uns bestreichen
ausfüllen und dehnen
keine Vorlage werden können
das Bild vor Augen
ist Knopf
ist Punkt
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Klara
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Beitragvon Klara » 01.02.2021, 17:29

Immerhin verschwinden die Tage
Graben sich in den einsamen Schnee
Schmilzen in die Nacht

Beim Aufwachen weißt du schon
Was du denken wirst
Zu Mittag. Zeit stiehlt sich fort

Du verdächtigst den Hund
Den du nicht hast
Verlierst das Geleit

Deine Bücher sind Gesprächsangebote
Die du ausschlägst. Vielleicht
Schlägt ein andrer sie auf
Zuletzt geändert von Klara am 01.02.2021, 20:59, insgesamt 1-mal geändert.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 01.02.2021, 18:56

Wir verhandeln uns

Die Welpen sind gestorben
so sind wir
zusammengekrochen
schieben die Ferne beiseite
und all das Kalte der Nacht
tropft in den Schnee

Die Zeit finden wir schon wieder
lüge ich lügst du
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 02.02.2021, 16:59

.

hinter dem vorhang
wächst der schnee
Immer noch
geben wir uns nicht preis

blau ist diese kälte
nächtens ein graus
und du redest
von aprikosen und himbeersaft
aber immer noch
wächst der schnee
hinter dem vorhang

.
Ich lese Lyrik. Das spart Zeit.

(Marilyn Monroe)

aram
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Beitragvon aram » 02.04.2021, 02:41

der vorhang ist
gefallen der schnee geschmolzen das
fensterglas ist
noch da
misstrauisch
erkenne ich den weiß
blühenden baum dahinter
der aussieht als wäre er ein weiß blühender baum
du
redest nicht mehr
von himbeeren das
fenstergeviert ist nackt der rahmen
schäbig das hat damals
der vorhang verdeckt ich glaube
das glas würde fest bleiben
wenn das holz längst
morsch weggemorscht vermodert
ist ich frage mich
was ist mit diesem blütenbaum
weißen blütenbaum
der ist nicht echt das fensterglas
macht ihn unecht der schnee
war noch echt
du redest nicht mehr von backfabrik
ich

Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 02.04.2021, 03:16

wir haben gegenwind
zwischen uns
verzerren die worte sich
nach klaren linien
wir welken im blütenschaum
und über nichts
besonderem scheint die dunkelheit
In gefräßiger lust
immer noch
treten die zeitpedale uns
mit leere auf der stelle
bleibe ich wunschlos
und du
suchst nach heu im nadelhaufen
wir bleiben
ungestillt
Ich lese Lyrik. Das spart Zeit.

(Marilyn Monroe)

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birke
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Beitragvon birke » 04.11.2021, 00:00

der blütenschaum ist längst verflogen
bleibt nur ein duft
von mandeln von herbst
nie war der ton lauter
lauter als du
ein gedicht
schreibt sich selten allein
ich lese dich
dein verständnis von nähe
deckt sich mit meinem
winterwort
verloren im schnee
beinahe erfroren
beinahe
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

Nifl
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Beitragvon Nifl » 12.11.2021, 19:30

Frühgeborenes Geflecht

Bedeckt mit Tannenzweigen
wollten wir überwintern
aber es wurde
nur immer wieder
Winter

In den Taschen formst du
Ringe aus Daumen und Zeigefingern
ich weiß das

Irgendwann fallen Eiskristalle zusammen
dann ist das Leichte fort
wird die Schneeballschlacht ein Krieg

Tadellos sagst du
zeigst auf deine roten Flecken im Inneren
genau wie bei mir denke ich

Das soll uns reichen
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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birke
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Beitragvon birke » 14.11.2021, 12:54

.
schneewehen sagst du
bedecken unser boot
wir müssen bleiben
die kälte ausmessen
zwischen uns
die luft ist rein
wir könnten beeren sammeln oder nüsse
deine hand auf meinem mund
ist warm zum überwintern
brauch ich nicht viel
nur eine hand, einen mund
einen bauch
und ein gedicht
dass der schnee schmilzt

.
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 14.11.2021, 14:51

der winter und wie man ihn ruft

in seiner sonne sitzen
auch wenn er schon längst gegangen ist

die sätze kehren sich
nach innen wie laubhaufen
in die hunde springen

und zwischen den fingern
minze und meer

wir haben fenster um uns
sagst du, als sei das die antwort
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Nifl
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Beitragvon Nifl » 15.11.2021, 19:57

Luftrudernd nähern

Wir rufen Land in Sicht
bis wir nicht mehr können
tragen wieder Hüte (zum Grüßen)

Ein Treffen auf dem Schwebebalken

wohin die Fenster zeigen
wenn der Nebel sich verzöge

wir kleine Blumenzwiebeln
im Bodenlosen
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)


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