Lyrischer Dialog

Hier ist Raum für gemeinsame unkommentierte Textfolgen
Nifl
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Beitragvon Nifl » 11.08.2006, 17:59

Liebe Schreibfanatiker,

ich möchte hier in diesem vitalen Forum einen "lyrischen Dialog" beginnen. Lyrische Dialoge sind kooperatives Schreiben, Gedichte, die (auf-)einander aufbauen. Das können inhaltliche Bezüge sein, oder es werden Worte des "Vorschreibers" aufgegriffen, oder man übernimmt einfach nur die Stimmung.
Hierdurch entstehen unkommentierte Gedichtfolgen. Die Form bleibt dem Autoren überlassen (zB. ob gereimt oder ungereimt ...)
Würde mich über rege Beteiligung freuen!

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Zuletzt geändert von Nifl am 30.08.2006, 19:10, insgesamt 2-mal geändert.

Klara
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Beitragvon Klara » 14.01.2019, 18:49

Ein paar sind ausgefallen
Nervenenden
Windräder, die anderen
lächeln synchron rot auf
in der Dämmerung eines endlich wieder klar gewesenen Himmels
Wem wollen sie damit etwas vormachen?

Auf der Zeitschrift der Eisenbahn lockt die Lausitz
„Schnell, modern, barrierefrei“ mit einer Vater-Mutter-Kind-Familie,
die fröhlich rennend einen Drachen steigen lässt
Wer hat sich das ausgedacht?
Eine wie ich, die die lieber die Nase in Bücher steckt als ein Leben zu planen und trotzdem
irgendwie ihr Geld verdienen muss?

(Man war irritiert, auf meiner letzten Arbeitsstelle, als ich nicht nur eine Gehaltserhöhung erbat, sondern auf die Antwort nach meiner "Lebensplanung" nur zu sagen wusste „keine“. Als hätte ich die Lebensplanung anderer in Frage gestellt – was mir fern lag! Aber noch ferner ist, meine Nicht-Lebensplanung der Lebensplanung anderer Leute zu unterwerfen.
Die Gehaltserhöhung wurde nicht gewährt.)

Ich bin auf dem Weg
zu einem anderen Windrad

Nifl
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Beitragvon Nifl » 14.01.2019, 19:38

Du hast mir die Augen
ausgewaschen
und all das Gelöste tanzt hinter
den Lidern
wir stellen uns das immer so leicht vor
mit den erfundenen Worten im Haar
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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birke
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Beitragvon birke » 14.01.2019, 21:58

.

ich wasch die erfundenen
worte aus dem haar
zartselgen, belsen-
schimmer, und besinge
deine lider
dass sie mir zutanzen

.
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

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Hetti
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Beitragvon Hetti » 15.01.2019, 09:31

unter den lidern ein grauer schimmer
dunkel pulst das blut durch deine pläne
vom schönen + erhabenen dahin
wo staub + dreck auf deine schritte warten
dann trommelt es sich wieder hinauf
im kelch
zum top, zum brain
"sing mir das lied" rufst du
und die belsen schillern

Klara
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Beitragvon Klara » 15.01.2019, 15:36

Bad Wilsnack im Januar
tut so, als wäre seit langem
alles vorbei
nur vielleicht in Vorzeiten gewesen und damals
vielleicht sogar schön

Im Karthanepark jubeln die Krähen mit Elbmöwen
um die Wette: Eine jede gewinnt
Die Obstbaumreihe am Garten steht schmächtig wie gerad erst gepflanzt und schon alt, eine Wilhelmsbirne
hängt faulig in Sprunghöhe, huldigt dem Herbst, und die Sträucher
verbergen sich hinter gekonnter Tristesse

Der Zug fügt sein Rauschen hinzu, mit Gütern, mit Menschen
Spuckt Kurgäste aus, die sich alsbald verkrümeln, der unfeinen Landschaft
das Feld überlassen

Die Fitness draußen ist leer, die Geräte
stehen wie wüst
Selbst der Regen tröpfelt unentschieden
aus dem unendlich schattierten und seltsam beglückenden
Grau: Als gäbe es: „Auszeit“!

Nur die Birken halten dem staundenden Blick ihre fehlbare
Hoffnung entgegen
dem Wind tapfer stand
Der bereitet das Herz, das bald wieder
schneller lebt, lauter schlägt, wie eine nie genug
geschlossene Tür, der das Schloss nicht klemmt
sondern fehlt

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 16.01.2019, 12:51

wir stellen uns (als ob

wir stellen uns das immer so schwer vor

das

was auf keinen namen hört
wohnt unter den rippenbögen
wie ein obdachloser

lächelt
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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birke
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Beitragvon birke » 16.01.2019, 15:39

.

dabei ist es ganz leicht
das namenlose
hat flügel, vielleicht
ist es ein wort
das unerhört
unentwegt sich
in dir flüchtet

.
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

Nifl
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Beitragvon Nifl » 16.01.2019, 18:45

Wenn das Leben keinen Verlauf mehr nimmt
(morgen muss ich mich entwickeln)

An einer Tür habe ich gerüttelt (von innen)

Ich weiß noch wie es war mit der Leichtfüßigkeit

Toucher et jouer

Weil ich schon dalag bei dir

Der Überschuss ist knapp geworden

Jeder Rippenbogen wird eine Frau (heißt es)

Arkadengesänge für dein Lächeln
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Klara
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Beitragvon Klara » 17.01.2019, 11:05

Wenn das Wachen keine Begrenzung kennt
(gestern? morgen?) anhalten
In die Nacht gehen (nicht an ihr rütteln!)
Und ohne großes Gewese einfach nicht verstehen
(das sagt sich so leicht)
Ich weiß nicht mehr, wie es war mit der Schwere
Im Blick, damals: War das ich? Warst das wirklich du?
Spielen und fallen: Habe ich das gekonnt?
Auf die Knie, auf die Füße, in dein Herz. Warum
will ich mich nicht erinnern?
Das Lachen ist kostbar geworden wie der Schmerz
An anderen Stellen als den verschlissenen
Gelenken. Ich habe einen ausreichend
lehmigen Mann gesehen, geschaffen! doch glaube,
du warst es noch nicht

Nifl
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Beitragvon Nifl » 18.01.2019, 18:51

weil ich etwas nicht heilen lassen will, obwohl es heilbar wäre (Ingeborg Bachmann)

Ein Stoß Winterschriften
Männermännchen aus Lehm
Großtuer und höher sitzen
(Verben kommen verzögert)
(das Ich sonst am Zeilenanfang jetzt ganz am Ende)
schaffst du das auch?
vorlaut träumen?

Haptik beim Formen
(es quillt zwischen den Fingern hervor)

Sie wollte einen Linkshänder
(links schriebe ich Gedichte)
ganzmachen
Lebewesen
hell und dunkel sprechen
aufleben
Frühlingsfrauen lieben
Der Eingerückte
das bin ich
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Klara
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Beitragvon Klara » 19.01.2019, 10:16

Dein Körper erwartete Barmherzigkeit, und es war unerfreulich, dass diese Erwartung im Allgemeinen unerfüllt geblieben war. (A. L. Kennedy)

Die am Rand
Die so stark leuchtet, dass es nicht auffällt
Das bin ich: ohne Gewähr
Hochstaplerin von Gottes Gnaden
Stets die Geißel in der linken Hand
in der rechten die Feder
zum Fliegen, zum einzig sicheren Schweben

Die Luft zwischen den Fingern ist das Wirkliche
das mir möglich ist

Du wolltest eine Ganzheit
Oder ich dachte, dass du wolltest
und versuchte mit jeder Faser, mich vorlaut
träumen zu lassen, mein leerer Körper eine Fee
Denn was ganz ist, wissen allein die fremden
die nichtigen Götter

(Wenn du die Wahl hast zwischen schreiben und heilen
Wählst du nicht
oder)

Nifl
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Beitragvon Nifl » 19.01.2019, 18:56

Gewinnbenachrichtigung

Auch Ganzheit muss sich häuten
ich stecke in der selben Generation
fange an zu säumen
fadenscheinige Flugfiguren
(und ja du leuchtest!)
heute Nacht ist der Mond besonders groß
und in ein Dorf mit Blocksberg ziehen
als würden sich zwei versammeln
mit Schatten und allem Drum und Dran
einander entlangfahren
und lachen über die ganzen Geschichten
(außer über die eigene, weil die immer mit dem Tode endet)
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Klara
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Beitragvon Klara » 20.01.2019, 11:39

Dein Los nehm‘ ich an!
Heute ist die Sonne besonders klar
Als könnte sie sich selbst flach legen aufs Brett
der unendlichen Möglichkeiten – und wie sie im Mundinnen lärmt!
(Kälte kann helfen)
Die Vögel erinnern an das, was vor uns liegt
Du hältst deine Brust zusammen, vernähst deine Fäden, und manchmal gibst du
den richtigen Stich ins Genick
den sonst nur Hexen verpassen
und setzt dich zu mir auf den Besen, ganz einfach, erdnah
um Ordnung in der Wüste zu schaffen, sogar
im Keller, mit deinem unmöglichen Lachen
denn du weißt wie ich, dass wir nicht nur möglich sind
weil wir sterben müssen

Nifl
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Beitragvon Nifl » 20.01.2019, 18:26

Ein weiteres Nichtgedicht
(es ist nur ein Wahnsinn)
(to rest my soul)

Die schweren Lose
häufe ich im Innenhof
wie zusammengefegte Herbstblätter
drehe ihnen den Rücken zu

Bin auf dem Bürgersteig umgeknickt
(die Bürgerlichkeit!)
und nichts ist passiert
da bin ich den ganzen Tag umgeknickt
und immer noch ist nichts passiert

Wusstest du, dass Besen zittern?
(früher habe ich mich gefragt, ob nur ich das spüre)
(wie das Landen in Google Earth nur umgekehrt)
(ist das sterben?)

Hast du noch was vor?
Sag ja
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)


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