Frühlingsgedanken

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Schwarzbeere
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Beitragvon Schwarzbeere » 28.04.2010, 17:31

Hörfassung


Frühlingsgedanken


Der Jüngling Frühling macht mich meinen Herbst vergessen,
zumindest tut sein Bestes er, dass dies gelinge,
und ich, wie von der Jugendtrunkenheit besessen,
dreh mich im Hula-Hoop mit meinen Jahresringen.

Was habe ich, ich alter Esel, nur im Kopf?
Das Jungsein spürt man in den Knochen und im Fleisch,
und alle Willigkeit hilft nicht mir armen Tropf:
es tut der Leib nicht mehr, was ich zu tun ihn heisch!

Im Kabarette witzeln gern die Unterhalter
ob des Johannestriebs vergeblich Liebesmühen.
Ich lache mit, vergesse, dass ich selbst ein Alter
und meine roten Rosen lang schon nicht mehr blühen.

Doch sollte ich vielleicht dem jungen Frühling grollen,
weil er mich denken macht, was ich nicht denken will?
Viel weiser ist’s, sich zu erfreuen an seinem Tollen,
denn was noch auf mich zukommt, das ist stumm und still.
Zuletzt geändert von Schwarzbeere am 01.05.2010, 18:06, insgesamt 1-mal geändert.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 28.04.2010, 22:14

Hallo Schwarzbeere,
brav hast Du 16 Zeilen gereimt, Dich selbst als "alten Esel" hingestellt und Deine verspäteten Frühlingsgefühle abgehandelt, ein gewisses Versinken in Selbstmitleid ist nicht zu verkennen. Der sechshebige Jambus, der wohl bewusst den Alexandriner meidet, wirkt geschwätzig - aber auch das wohl ein Versuch, Senilität zu karikieren. Die Rezitation mir anzuhören, war freilich eine Qual. Sie schadet dem Gedicht - wenn ihm denn geschadet werden kann.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

scarlett

Beitragvon scarlett » 28.04.2010, 22:16

Die schönste und sinnigste Zeile des Gedichtes: die letzte!
DIE unterschreib ich gern.

Lg
scarlett

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Schwarzbeere
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Beitragvon Schwarzbeere » 29.04.2010, 21:03

Dem allerwertesten Quoth mit vielen ? ? ?

Soll ich verzweifelt sein? Die Haare mir zerraufen,
weil jemand, schlecht gelaunt, mich anzugreifen sucht?
Gewönne ich im Streit, was könnt ich dafür kaufen?
Ich frag mich schmunzelnd nur, ob es wohl Eifersucht?

Quoth
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Beitragvon Quoth » 30.04.2010, 13:37

Einfalls- und Gedankenlosigkeit
wird gereimt nicht besser. Tut mir leid!
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 30.04.2010, 19:21

Hallo schwarzbeere,

ich muss Quoths Einschätzung da zustimmen, ich finde, er hat ziemlich getroffen, woran der Text krankt, und auch wenn der Text sich scheinbar nur auf mangelnde Beweglichkeit bezieht, so sind so viele lieblich-erhabene Bildreferenzen (rote Rosen / Jüngling / Willigkeit), dass für mich unterschwellig klar wird (bei mir so ankommt), dass der Text sich eigentlich nur um erotische Wünsche dreht, dies aber erhaben verpackt und verleugnet. Der Reim macht es in diesem Zusammenhang - da das gleiche auf formaler Ebene geschieht - für mich sogar schlimmer.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 30.04.2010, 23:41

Hallo, Schwarzbeere,

mal zwei rein grammatikalische Anmerkungen. Müsste es nicht heißen:

und alle Willigkeit hilft nicht mir armem Tropf

und:

ob des Johannestriebs vergebner Liebesmühen
?

Die Frühlingsgefühle, die hervorbrechen, sich aber nicht mehr auf den Körper übertragen können, sind sicher ein Thema, das jeden Menschen irgendwann bewegt. Überzeugender wäre das Gedicht für mich, wenn es auch durch die Wahl der Sprache und Form Zeugnis eines junggebliebenen Geistes ablegen würde.

Viele Grüße
fenestra

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 01.05.2010, 16:14

Hallo Schwarzbeere,
auch Minderheitenmeinungen sollten zur Sprache kommen :-): Mir gefällt das Gedicht formal durchaus. Besonders die mittleren Zeilen der zweiten Strophe fand ich sprachrhythmisch sehr angenehm flüssig. Ein kleiner Aufsitzer ist für mich das verdoppelte "ich" in der ersten Zeile der zweiten Strophe, das vor dem Hintergrund der Glätte des übrigen Textes auf mich etwas gestottert wirkt.
Im Gegensatz dazu steht die geschilderte Grundstimmung eines ermüdeten Hedonismus zu meiner Lebensauffassung so quer, dass ich mit dem Inhalt nicht viel anfangen kann bzw. mich beim Lesen immer wieder ein leichter Widerwille gegen die anklingende Trieb- und Körperfixierung ankommt. Aber das ist natürlich nicht die Schuld des Textes.
Liebe Grüße
Merlin

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Schwarzbeere
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Beitragvon Schwarzbeere » 01.05.2010, 17:56

Ich habe mich entschieden, diesem Text eine Fassung entgegenzustellen, die vielleicht unserer heutigen Zeit eher entspricht, in der man eben einen Penis Schwanz nennen muss, um nicht als obsolet betrachtet zu werden, und ich habe diese "Neufassung" unter Liebeslyrik eingestellt. Wie echt die Überlegungen des erzählenden Ichs sind, dürfte freilich für jene, die z.B. den zweiten Weltkrieg kaum oder überhaupt nicht aus eigener Erinnerung kennen - und es geht dabei um die Moral jener Zeit - kaum zu beurteilen sein, sie aber auch nicht interessieren - glücklicherweise!

Vielleicht sollte man eine neue Rubrik öffnen, für die ich "Greisenlyrik" :sad: als Titel und ohne Anspruch auf urheberrechtlichen Schutz vorschlage :-)

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Schwarzbeere
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Beitragvon Schwarzbeere » 01.05.2010, 18:22

Danke Fenestra

das hast Du freilich gut gesehen, und ich habe mich für die Änderung des "vergebne" zu "vergeblich" entschieden. Beim armen Tropf ist Dein Hinweis durchaus angemessen, doch noch vielen Versuchen, mich mir "armem" abzufinden, kann ich es einfach nicht,weil es so schrecklich klingt. Sollte es nicht eine Empfehlung geben, dass nach einleitenden "m" einer männlich/sächlichen Form, das Dativ "m" durch ein "n" ersetzt wird? Vielleicht auch nur in der Aussprache, wie z.B. für "ig" in König bzw königlich, oder Auslautverhärtung?


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