Zakkinen liest Milser: rausgehn-fragmente-treibholz

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 23.05.2011, 11:26

rausgehn - fragmente - treibholz

Zusammenschnitt für "Tableau Nr. 2/2011 - Der Säumer"

Lesung: Henkki Zakkinen
Texte, Geräusche, Schnitt, Abmischung: Thomas Milser
Polnische Frauenstimme: Flora Winter

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rausgehn


sanddorntage. der grund
zu karg, als dass die süße
bliebe

am ende bittre kerne, gespien
in sonnensand von
trocknen

lippen
die nicht mehr
flüstern kocham
cię

muss rausgehn
in den
regen






fragmente


Es war ein gute Idee, die Flagge von Juist hier zu hissen. Wenn du die Augen schließt und dem Wind zuhörst, ist es wie am Meer. Man kann überall am Meer sein.

***

Immer wenn ich diese Sanddorn-Marmelade esse, kann ich wieder die wettergegerbten Holzplanken unter unseren nackten Füßen spüren.
Den letzten Rest lasse ich im Glas, als Andenken, und stelle ihn in den Kühlschrank zurück. Zum Verschimmeln.

***

Nachtschweiß mindert das Wohlbehagen nicht. Erst, wenn er kalt geworden ist. Und uns der Mutterleib wieder ausspuckt, in die fröstelnde Dämmerung.

***

Zeit, den Schmerz ins Haus zu bitten. Er hockt schon so lange reglos unter dem Rhododendron.

***

Ich würde so gerne nochmal unter deiner Brust sterben.

***

Ich habe mir eine Bürste mit einem langen Stiel gekauft, für den Rücken. Damit ich deine Hände nicht mehr vermisse.

***
Weißt du noch, wie ich nachts mitten im See aus dem Schlauchboot steigen musste und dich zur Insel schieben, weil wir ein Leck hatten?
Als das Gewitter kam, haben wir uns unter die Malerfolie gelegt, und dein Unterleib hat uns beide gewärmt.
Wie heiß es in dir war.

***

Diese Wohnung ist ein Museum.
Spürst du auch, wie es kühler wird?

***

Die Tage fühlen sich jetzt an, als vertrockneten sie unter mir.

***

Ich habe diese Türe schon so lange nicht mehr geöffnet.







treibholz


in den salzwellen sind wir
nackt

werden gezogen richtung
kalfamer im
unterstrom

und beginnen
die quallen zu lieben
an den waden
weil sie das meer atmen können
und wir nicht

im untertauchen werden wir
strömung
Zuletzt geändert von Thomas Milser am 09.10.2011, 18:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 23.05.2011, 11:46

Grandios, wirklich großes Kino, ihr beiden! :daumen:
Vor allem, wie du "fragmente" liest, Henkki, macht mir richtig Gänsehaut.

Chapeau!
Gabi

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 23.05.2011, 13:06

Hallo Tom,

ich finde, das ist schön und gefühlvoll gemacht, aber es klingt auch ein bisschen wie künstlich verlangsamt, wie eine elektronische Zeitlupe. Ich meine das Gesprochene, nicht die langen stillen Pausen.


Cheers

Pjotr


Höre zum ersten mal Frau Winter: Super Stimme! Sehr sommerlich.

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 23.05.2011, 14:33

Das ist lustig, Pjotr. Normalerweise beschweren sich alle immer über viieeeel zu schnell :) Also hatte die Regie mich wohl gut unter Kontrolle ;o)

Gruß
Henkki

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 23.05.2011, 15:46

Ja, ich erinnere mich, die ersten Versionen waren zu schnell. Da fand ich aber eher die Pausen zu kurz. Jetzt sind aber die Sprach-Samples zu langsam :-) Jedenfalls an einigen Stellen, finde ich. Ich glaube, so langsam sprechen kann ein Mensch, rein biologisch, nur die Vokale, aber nicht die Explosivlaute. An denen fällt der Timestretcher auf. Oder ich bilde mir das ein, das kann auch sein.


Gruß

Pjotr

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 23.05.2011, 16:05

Heda, Freund Pjotr,

woher kennst du denn die "ersten Versionen"? Das hier sind die ersten Versionen ... :o)

Also technisch verlangsamt habe ich hieran nüschte. Nur den lieben Henrik etliche Male dergestalt entschleunigt, er möge doch so lesen, als müsse er sich den Text erst noch ausdenken, oder als habe er Sand im Mund, ein Messer zwischen den Rippen.
Ich finde das wichtig, dass die Sachen nicht so runtergelesen sind, sondern unbedingt verzögert, gebrochen, scheinbar nachdenkend, nach Worten suchend daherkömmen. Letztlich sind die Texte ja auch überwiegend so entstanden ... und ich finde es hier entsprechend meiner Intention hammergut rübergebracht.

Anscheinend ist Henrik auch ein menschlicher Timestretcher :o)

Tömm.

P.S.: An dieser Stelle auch noch mal einen dicken Dank an die werte Frau Winter, die nicht nur meiner polnischen Prinzessin die Stimme lieh (erstaunlich, dass diese "sonnerlich" klingen soll, so mitten im Winter, als wir das aufgenommen haben), sondern mich auch besänftigte, wenn es an die Überzeichnung der Texte bzw. der Dramaturgie ging. Ihr hättet mal die vorherige Version hören müssen, da gings aber ab wie Schmitz' Katze. Da hatte selbst ich eine fette Gänsehaut am Schluss (Henrik sprach, ach was, er schrie direkt aus der Gummizelle) , aber so ein völlig irres Ende hätte womöglich ein falsches Bild des Autoren gezeichnet. So ganz dulle bin ich ja dann doch noch nicht ... aber geil wars trotzdem, so für sich betrachtet ...
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 23.05.2011, 16:33

Siehste, dann habe ich mir den Timestretcher tatsächlich nur eingebildet. Irgendwie klang es (künstlich) gebremst, in meinen Ohren.

Mit den Versionen habe ich etwas verwechselt. Das war wohl eine andere, ältere Zakkinen-Milser-Lesung. Da gab's eine mit und ohne Pausen.

Die Gummizellen-Version würde mich mal interessieren. Ich habe gezögert, es zu sagen, weil ich nicht so pingelig sein wollte, aber ... die Szene mit dem Boot fand ich ein bisschen unfertig. Irgendetwas widerspricht sich da stilistisch. Entweder ist es zu soft, fast unfreiwillig komisch -- oder zu dramatisch. Vielleicht ist es ja gerade hier das langsame Tempo. Erinnerungen werden wach, eigentlich müsste es kurz mal sprühen, erwachen, aufleuchten ... dabei aber natürlich nicht den fröhlichen Luis Trenker machen, schon klar; sondern schwarz bleiben.

Jetzt fällt mir noch eine Erklärung ein: Bei diesem allzu langsamen Tempo besteht die Gefahr, dass es wie ein satirisches Grusel-Hörspiel klingt. Sehr langsam, hauchend gesprochen, dazu noch bizarre Bilder, Uhrenklicken, Wassertropfen -- das sind durchaus auch Elemente aus dem Horror-Genre. Um ein Haar ...


Cheers

Pjotr

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 28.05.2011, 10:04

Nuja, Pjotr,

das Leben ist manchmal ganz schön nah am Horror ... wenn nicht gar mittendrin ... nur ohne Fernbedienung zum Ausknipsen ...

Sicherlich könnte man an der einen oder anderen Sache noch feilen. Hier war es so, dass wir in Zusammenarbeit mit Flora eine Textauswahl speziell fürs Tablö erstellt haben, bei der sich für mich erst beim Vertonen die Problematik der neuen Dramaturgie des zusammenhängenden Ganzen ergab, die vorher bei den Einzeltexten gar nicht da war.
Die ausgewählten Geräusche finde ich allerdings - mögen sie noch so abgenudelt oder genretriefend sein oder nicht - ziemlich wichtig, weil sie den Faktor Zeit und einen gewissen Rhythmus mit reinbringen. Außerdem sind es ja z.B. keine normalen Wassertropfen, sondern ich habe den Waserhahn überredet, dass das Tröppeln langsamer wird und versiegt. War gar nicht so einfach ... :o)

Ist halt im Moment noch eine Feierabend-Produktion, und für so ein paar Minuten Abmischung gehen gerne mal hundert Stunden ins Land, Lesung und Geräusche aufnehmen nicht mitgerechnet. Man kennt das ja von Comics zum Beispiel :o)

Für die CD-Produktion werde ich da sicherlich nochmal gesamtkonzeptioneller dranmüssen ... und nen fetteren Rechner brauch ich auch ... der hier geht langsam bei größeren Anwendungen in die Knie ...

Ahoi,
Tom.
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Beitragvon Pjotr » 28.05.2011, 12:02

Ahoi Tom,

das Arrangement der Geräusche finde ich genial! In meinem vorigen Kommentar fehlt leider die Bemerkung, dass mir Euer Produkt, insgesamt, überdurchschnittlich gut gefällt. Entsprechend diesem hohen Niveau war meine Kritik am Tempo auch entsprechend pingelig.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie zeitraubend und geistesaufwendig so eine Produktion ist. Respekt! Und eine Thematik wie diese fordert zusätzlich eine extrem schwierige Gratwanderung zwischen "unfreiwillig komisch" und "unfreiwillig zombisch". Oder so ähnlich. Du weißt bestimmt, was ich meine :-)


Sonne

Pjotr

Gerda

Beitragvon Gerda » 28.05.2011, 12:18

Lieber Henrik, lieber Tom,

ich habe mir soeben eure Gemeinschaftsarbeit angehört.
Ich möchte mich Pjotr anschließen.
Pjotr hat geschrieben:Jetzt fällt mir noch eine Erklärung ein: Bei diesem allzu langsamen Tempo besteht die Gefahr, dass es wie ein satirisches Grusel-Hörspiel klingt. Sehr langsam, hauchend gesprochen, dazu noch bizarre Bilder, Uhrenklicken, Wassertropfen -- das sind durchaus auch Elemente aus dem Horror-Genre. Um ein Haar ...


Gerade die Fragmente (derer m. E. zu viele gelesen werden), wirken auf mich übertrieben und manchmal komisch-dramatisch.
Mir fehlt eine gewisse Nonchalance, von der ich meine, dass sie Toms Texte sehr schön beinhalten.
Tut mir leid für die Mühe, die ihr euch sicher mit den Hintergrundgeräuschen gemacht hat, für mich hat diese Aufnahme etwas zu viel der Langsamkeit und der Hintergrundgeräusche und an manchen Stellen wirkt das Ganze dann traum-Traumatisch. Sollte das von euch intedndiert sein, dann wäre es Kino, aber ein bisschen unentschieden auf der Kippe. ;-)
Was zur Technik, ich muss das Volumen bei meiner Anlage (ich habe ein ziemlich gute Stereoanlage an meinem PC hängen) bis auf 14 aufdrehen, in der Regel ist bei 10, Zimmerlautstärke erreicht ... Die Tondatei ist also sehr sehr leise.

Trotz aller Kritik, ich habe es gern angehört.

Liebe Grüße
Gerda

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 10:02

Bissken spät, aber anscheinend musste ich erstmal wieder ein büschen krank werden, um Zeit für den Salon zu finden.

Hallo Gerda,

nunja, bei dieser Textauswahl - oder besser gesagt - bei deren Niederkunft ging selbst mir die Nonchalance verlustig. Es war eine dunkle Zeit voller Verlust und Schmerz, unerfüllter Liebe und menschlicher Enttäuschung, Lethargie und Resignation, und ich finde letztendlich die Lesung absolut entsprechend. Ich hatte Henrik immer wieder genötigt, noch ein Schüppchen draufzulegen, und auch, wenn das übertrieben wirken mag, so kann ich nur sagen: isses nicht.
(ein bisschen inspiriert bin ich von Kinskis Lesung >> Sechs Gramm Caratillo<<, wobei der Kerl ja wirklich nen Sprung in der Schüssel hat; Henrik hat dagegen die Gabe, nur so zu tun als ob :o)

Deinen Vergleich zu Kino (ich ergänze mal: (Lichtspiel-)Theater) empfinde ich als Bestätigung für unseren Vorstoß, statt bloßer Lesung eine Inszenierung zu wagen. Und ich schäme mich dafür auch nicht, bei all diesen Aufnahmen eine breitere - nennen wir es mal - Massenkompatibilität im Hinterkopf zu haben, eben auch literatur- oder lesungsferne Leute anzusprechen. Und ebendiese Wirkung hat sich neuerlich bei der Ausstellung >public home< eindrücklich bestätigt, bei der u.a. diese Aufnahme in einem kleinen, abgedunkelten Kellerraum als Endlosschleife lief. Mit einem Mal interessierten sich Leute, die normalerweise keinen Zugang zu Lyrik haben, dafür, und waren durchweg angetan bis berührt. Ich hätte weitaus eher eine CD verkaufen können als die entsprechenden Bücher, so es die CD denn schon gäbe.

Ich denke, man muss unterscheiden zwischen den geschulten, feinsinnigen Foreno(h)ren, und dem, wie gemeinhin Wahrnehmung des ungeübten Hörers funktioniert. Und dementsprechend auch der unterschiedlichen Rezeption dieser Adressatenkreise. Auch das Theater lebt von der Überzeichnung, der großen Geste und Mimik, der fetten Szene, und ich möchte den Versuch weitergehen, eben auch "normale" Menschen zu erreichen. Und ja: Auch der Versuch, in Richtung Kommerzialität zu gehen, ohne sich schöpferisch zu verbiegen, dabei den Inhalten treu zu bleiben, und den Mut zum Gefühl. Und ich meine, dass wir von "reißerisch" und Kitsch gut genug entfernt sind.

Ob der Spagat zwischen fein und breit dabei gelingen muss, oder ob der Kompromiss wie so oft der Tod der Idee ist, muss man sehen.
Aber Euer Feedback ist sehr wertvoll (dürfte ruhig noch von ein paar Leuten mehr sein, dafür, dass wir uns so 'ne Arbeit gemacht haben, menno! :o),
und danke dafür!

Tom.
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Beitragvon Mucki » 10.06.2011, 14:20

Moin Tom,
Thomas Milser hat geschrieben:Aber Euer Feedback ist sehr wertvoll (dürfte ruhig noch von ein paar Leuten mehr sein, dafür, dass wir uns so 'ne Arbeit gemacht haben, menno! :o)

aber mein großes Lob (1. Reaktion oben) einfach überlesen, ts, ts ...

Liebe Grüße
Gabi

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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 14:28

Nein, Gabi, hab ich natürlich gesehen :o)

Und g'freit hats mi a!

Tom
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Beitragvon Mucki » 10.06.2011, 14:33

Fein! ;-)


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