Ramon Fernandez, sag, wenn du es weißt ...

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 27.02.2018, 00:30

Liebe Mitleser,
wie es so geht, ich hatte ein seltsames Erlebnis. Vor ungefähr dreißig Jahren lieh mir eine Freundin, mit der ich mich damals sehr intensiv über Bücher austauschte, einen Roman der amerikanischen Autorin Martha Grimes. Mrs. Grimes gilt eigentlich als Meisterin des klassischen Krimis in der Tradtion von Agatha Christie - ihr Krimiheld heißt Inspector Jury und ermittelt für Scotland Yard. Das Buch, das mir meine Freundin lieh, heißt "Was am See geschah", ist kein Krimi und spielt in den USA.
Die Heldin des Buchs beschäftigt sich unausgesetzt mit einem Gedicht von Wallace Stevens, benannt "The Idea of Order at Key West", besonders mit den beiden letzten Strophen des Gedichts. Diese waren in deutscher Übersetzung dem Roman vorangestellt. Ich hatte im Lauf der letzten dreißig Jahre den Roman von Mrs. Grimes vergessen. Was ich nicht vergessen hatte, waren einige Zeilen aus diesem Gedicht.
Letzten Donnerstag fand ich "Was am See geschah" auf einem Bücherflohmarkt in Frankfurt. Sofort blinkten in meinem Bewusstsein die Zeilen aus dem Gedicht auf. ich nahm das Buch mit und las es innerhalb eines Tages, es ist wenig bemerkenswert. Aber das Gedicht nahm mich aufs neue mit.
Ergebnis ist, ich habe mir einen zweisprachigen Gedichtband von Stevens gekauft, aber ehe ich daraus zitiere, würde ich gern die beiden letzten Strophen hier vorstellen. Ich habe nämlich erstaunlich widersprüchliche Übersetzungen dazu gefunden.

Erstmal ganz wertfrei das Original.
Es ist lang ohne Ende, daher betone ich vorsorglich mal, es geht mir eigentlich nur um die beiden letzten Stophen. Ab der Zeile, die Mit "Ramon Fernandez" beginnt. Sie haben eine besondere Bedeutung für mich, aber dazu lieber später.

Wenn jemand Lust hat, sich in das Original zu vertiefen - wie würdet ihr die letzten Strophen übersetzen?

The Idea of Order at Key West
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

aram
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Beitragvon aram » 08.03.2018, 20:02

liebe zefi, mal so runterübersetzt, mit kleinen freiheiten:

ramon fernandez, sag mir, wenn du's weißt,
warum, als das singen ausklang und wir uns der stadt zuwandten, sag warum die spiegelglatten lichter, die lichter der ankernden fischerkähne, als die nacht herabsank, kippend in der luft,
die nacht bezwangen und die see aufteilten, lusterne flächen und glühende pfähle hervorbrachten, die nacht arrangierten, vertieften, berückten.

oh! geheiligter rausch zur ordnung, blasser ramon, des schöpfers rausch worte der see anzuordnen,
worte von duftigen durchgängen, schwach besternt, und von uns selbst und unseren ursprüngen, in spukhafteren grenzungen, schärferen klängen.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 09.03.2018, 21:15

Danke für den Vorschlag, aram. Der Grund, warum ich fragte, ist eben, dass die Übersetzungen so unterschiedlich sind.

Ich kannte von dem Gedicht anfangs nur das, was in dem Buch zitiert wird, also jene beiden letzten Strophen. Ich dachte sogar erst mal, das sei das ganze Gedicht.
Die Heldin in Mrs. Grimes' Buch, eine einfache Kellnerin, liest sehr viel und vertieft sich in dieses Gedicht in fast besessener Weise. Es interessiert sie dabei nicht, etwas über Key West zu erfahren, wer Ramon Fernandez ist oder etwas über Wallace Stevens. Sie will das Gedicht aus sich selbst heraus verstehen, weil sie meint, dass es ihr etwas Besonderes und Wichtiges zu sagen habe. Nun kann es ja kein Zufall sein, dass Mrs. Grimes gerade dieses Gedicht gewählt hat und aus diesem die beiden letzten Strophen. Ich habe über die die dem Roman vorangestellte Übersetzung (gibt es hier) gehirnt und am Ende gedacht, jene "schöne Sucht nach Ordnung" müsse der Grund sein, warum Dichter überhaupt dichten, und das sei das Thema der beiden Strophen. Der Drang, die Welt mit Worten zu erfassen, "in geistigeren Grenzen, kühneren Lauten" ordnet das Chaos, reduziert die Banalität der Wirklichkeit und gibt ihr Zauber.
Diese Deutung passt zu dem Grimes-Buch und der lesenden Heldin.

Nun klingen aber andere Übersetzungen der letzten beiden Strophen bei weitem nicht so freundlich. Karin Graf, die Übersetzerin in meinem Buch, spricht von "gespenstischeren Zonen, kühneren Klängen". Kann man "ghostly" wirklich sowohl mit "gespenstisch" als auch mit "geistig" übersetzen?

Rainer G. Schmidt übersetzt so:
Oh! Gesegnete Ordnungswut, bleicher Ramon,
Wüten der Schöpferin, um die Worte des Meers zu ordnen,
Worte von duftenden Pforten, fahl bestirnt,
Und von uns selbst und unsren Ursprüngen,
In gespenstischeren Abgrenzungen, schrilleren Lauten.

Mit "Schöpferin" ist hier wohl die Frau gemeint, die zu Beginn des langen Gedichts singt - im Original "the maker". Na gut, das macht vielleicht keinen so großen Unterschied, aber die Worte "Ordnungswut" und "schrill" schaffen ene ironische Distanz, von der ich gerne wüsste, ob sie dem Gedicht angemessen ist. Ich habe, als ich mir das Buch bestellte, einige Zeit geschwankt, welche Ausgabe ich nehmen soll, und mich dann gegen die zuletzt zitierte entschieden (siehe dazu hier bei culturmag). Aber es geht ja nicht darum, was ich lieber mag, sondern was dem Original eher entspricht. Ich kann leider nicht genug Englisch, um solche Feinheiten richtig einschätzen zu können. ...
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