Mag jemand ein Susan-Cataldo-Gedicht mit übersetzen?

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Klara
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Beitragvon Klara » 14.06.2019, 17:27

Poem for the Family
by
Susan Cataldo

Before I went to sleep, the soft lamplights
from the tenements across the street,
still, in the night, resembled peace.
There is something I forgot to be grateful
for. But I’m not uneasy. This poem
is enough gratitude for the day. That leaf
tapping against the window, enough
music for the night. My love’s even
breathing, a lullaby for me.
Gentle is the sun’s touch
as it brushes the earth’s revolutions.
Fragrant is the moon in February’s
sky. Stars look down & witness,
never judge. The City moves
beneath me, out of sight.
O let this poem be a planet
or a haven. Heaven for a poet
homeward bound. Rest my son’s head
upon sweet dreams & contentment.
Let me turn out the light to rest.
Zuletzt geändert von Klara am 15.06.2019, 11:19, insgesamt 2-mal geändert.

flyy
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Beitragvon flyy » 22.06.2019, 01:03

Entschuldigt bitte mein spontanes Einmischen, bin gerade
beim Querlesen auf diesen Threat gestoßen.

Überhöht ihr nicht diese Zeilen?

My love’s even
breathing, a lullaby for me.


Will sie hier nicht einfach nur sagen, dass allein das (regelmäßige)
Atmen ihres Liebsten für sie (wie) ein Schlaflied ist?

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 22.06.2019, 04:23

Quoth hat geschrieben:Ja, Kernfrage: Sind "revolutions" die Erddrehungen oder Revolutionen - ich habe Aufruhr geschrieben. Das erste passt für die abendliche Stunde: Die Erde dreht sich ja aus dem sie "fegenden" (Pjotr), "streichenden" (Klara) Sonnenlicht heraus. Doppeldeutigkeit? Wann wurde das Gedicht geschrieben? Kommt es darauf an? Gruß Quoth

Ich denke auch, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Frieden am Textanfang und den Revolutionen in der Textmitte. Ich meinte meine "drehende Erde" auch im doppeldeutigen Sinn (alles dreht sich, wendet sich). Und mit der Zeit bürstet die Sonne alles Rauhe wieder glatt (Optimismus). Aber im Englischen ist "revolution" auch eine ganz normale technische Umdrehung, und deshalb ist da die Doppeldeutigkeit eher fifty-fifty, also balancierter, während im Deutschen die "Revolution" nur eines sein kann, da geht die Doppeldeutigkeit verloren wenn ich direkt "Revolution" oder "Aufruhr" schreibe.

"Susan Cataldo (1952 - 2001) was born in the Bronx": http://www.yourdailypoem.com/listpoem.jsp?poem_id=638


Will sie hier nicht einfach nur sagen, dass allein das (regelmäßige)
Atmen ihres Liebsten für sie (wie) ein Schlaflied ist?

Ja, könnte auch doppeldeutig sein:
"Even" = "sogar" oder "gerade".
"is breathing" = "am Atmen sein (ist atmend)" oder "ist das Atmen"

Ich übersetzte: "Mein Liebster haucht sogar, ein Schlaflied für mich."
Alternative: "Meines Liebsten gleichmäßiges Atmen, ein Schlaflied für mich."

Das Atmen (the breathing) wirkt einschläfernd, weil es gleichmäßig (even) ist?

Ich bin nicht ganz überzeugt von dieser Alternative. In Bezug auf "subjektive Klänge" (sounds like) sagt man eher "to me" als "for me". It sounds like a lullaby to me. (to my ears)

Demnach müsste das Original eher lauten:
My love’s even breathing, like a lullaby to me.
My love’s even breathing, a lullaby to me.

Letztendlich kürzt sich das ohnehin zu einem subjektiven Geschenk: Ein Wiegenlied in meinen Ohren. So der so.

Genauer gesagt sind das zwei Teile, die jeweils doppeldeutig sein können:

Teil 1: "My love’s even breathing" = "Meines Liebsten gleichmäßiges Atmen" oder "Mein Liebster haucht sogar ..."
Teil 2: "... for me" = "für meine Wahrnehmung" oder "für meine Person"

Vielleicht sind ja beide Teile tatsächlich doppeldeutig gemeint. Aber dann bietet auch meine Übersetzung diese Doppeldeutigkeit an:

"Mein Liebster haucht sogar, ein Schlaflied für mich."

Man beachte das Komma (im Original).

"Mein Liebster haucht sogar."

"Ein Schlaflied für mich." ("Das ist für mich ein Schlaflied" -- oder "Das ist ein Schlaflied für mich".)

"für mich" ist doppeldeutig. Der "für"-Pfeil zeichnet eine Beziehung. Diese Beziehung ist doppeldeutig. "Für" meine Sinne oder "für" meine Person. Schlussfrage: Wie groß ist der Unterschied zwischen den beiden Deutungen?



Habe meine Meinung geändert. Würde jetzt so übersetzen:

"Meines Liebsten stetes Atmen, ein Wiegenlied für mich."

(Außerdem "Wiegenlied" statt "Schlaflied", weil der stete Atemrhythmus wiegend ist.)


Aber das "sogar" passt besser zum Kontext der vorausgegangenen "genug für heute", "genug für diese Nacht". "Sogar" mein Liebster tut jenes ... also das ist alles wahrlich genug, genug, genug.

Schwierig! :-)

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birke
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Beitragvon birke » 22.06.2019, 10:40

spannend... besonders schwierig finde ich auch die stelle mit den "revolutions"... also, hier noch meine übertragung:


Gedicht für die Familie

Bevor ich schlafen ging, schienen die weichen Lichter
der Wohnungen gegenüber in der Nacht noch friedlich.
Da ist etwas, wofür ich vergaß dankbar zu sein.
Aber ich bin nicht unruhig. Dieses Gedicht
ist genug Dankbarkeit für den Tag. Das Blatt,
das leise ans Fenster klopft, genug
Musik für die Nacht. Meine Liebe
atmet, ein Schlaflied für mich.
Zärtlich ist die Berührung der Sonne,
wenn sie die drehende Erde bürstet.
Der Mond duftet am Februar-
Himmel. Sterne blicken herab & sind Zeugen,
urteilen nie. Die Stadt bewegt sich
in meiner Nähe, nicht sichtbar.
Oh, lass dieses Gedicht ein Planet sein
oder Hafen. Himmel für einen Dichter
auf der Heimfahrt. Bette den Kopf meines Sohnes
auf süße Träume & Zufriedenheit.
Lass mich das Licht löschen um zu ruhen.




zwei kleine Änderungen noch vorgenommen, da im Originaltext auch in der vorletzten Zeile nochmal das "&" vorkommt, habe ich es auch in der Übersetzung übernommen und die Stelle mit den Zeugen noch geändert, da es als Verb alleinstehend ("zeugen", bezeugen) schlecht funktioniert...

.
Zuletzt geändert von birke am 22.06.2019, 12:11, insgesamt 3-mal geändert.
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

Klara
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Beitragvon Klara » 22.06.2019, 11:30

Flyy: Das habe ich mit dem Doppelpunkt auszudrücken versucht. Und Pjotr hat es auch nicht überhöht finde ich.

PJotr, deinen Text finde ich sehr poetisch! Ganz zart! Mein Favorit bis jetzt. Das Laub, das ans Fenster tippt, gibt dieses Gefühl, glaube ich, gut wieder.
Es ist ja so schön vielsinnig, das Gedicht, mit dem Sehen, dem Hören und Lauschen, das IMMER mit Fühlen verbunden ist (ob man will oder nicht), das Berühren/Bürsten/Fegen, das Duften/Riechen, und Gott irgendwo, der angesprochen wird, ohne genannt zu werden, der da drin ist, da unten, oder da oben, auf jeden Fall in der Nähe, irgendwie...
Genauso wie die gestreichelte, beduftete, warm schimmernde Planet Erde will der Text berührt werden von allen Sinnen, ein Sinnenplanet für den Sinnenplaneten.

Birke: die gebürstete drehende Erde - wunderbar!

Quoth, dein "Liebling" und deine "&"-Zeichen regen mich zum Nachdenken an.

Herzlich
klara

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 23.06.2019, 08:25

Danke, Klara :-)

Noch ein Gedanke zu den "Wohnungen", "Häusern", gegenüber ...

Das Wort "tenement" kannte ich noch aus einem guten alten Queen-Song von 1974 ("Tenement Funster"). Deshalb habe ich dieses Wort wohl besonders empfindsam aufgenommen.

Ich glaube, dass Cataldo bewusst "tenements" schrieb anstatt "houses" oder "flats". Vor allem jetzt, da ich weiß, dass sie in der Bronx wohnte und wohl auch dort dieses poetische Szenario aufschrieb. "Tenements" sind im engen Sinn Mietshäuser. Die sehen nicht so schick aus wie manch andere Häuser. In New York sind das, denke ich, vor allem diese großen mehrstöckigen Backsteinhäuser, an denen außen diese stählernen Feuertreppen angebracht sind, deren unterste Leiter hochgeklappt ist, damit man nur von oben heruntergehen kann. Jedenfalls benutzt sie den Begriff sicherlich, um das Bild "farbiger" zu machen, mehr in Richtung "Arbeiterschicht" und so weiter. Deshalb würde ich das schon im engen, nicht im weiten Sinn übersetzen.

Fotos:
https://www.qwant.com/?q=Tenement&t=images

(Ich benutze kein Google mehr, nur noch Qwant.)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 23.06.2019, 09:09

Hallo Klara, die &-Zeichen habe ich von der Autorin übernommen, und der Liebling ergab sich vielleicht aus einem Irrtum: Ich habe in "my love" den kleinen schlafenden Sohn hineingedeutet. Dagegen spricht, dass es ein Familiengedicht sein soll - und zur heilen Familie gehört auch der Vater. Hier darf ich vielleicht meinen einzigen, aber starken Vorbehalt dem schönen Gedicht gegenüber äußern: dass es zu schön, zu harmonieselig ist. Gruß Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Klara
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Beitragvon Klara » 23.06.2019, 12:43

Hallo Quoth,
als mehrfach alleinerziehende Mutter (grauslige Worte! ganz normale Angelegenheit!) widerspreche ich vehement: Zu einer Familie gehören Menschen, die für Kinder sorgen. Ob es sich dabei um (biologische oder sonstwelche) Väter, Mütter, Omas, Onkel oder Geschwister handelt, ist für "Familie" egal. Schau, sogar Jesus war Sohn einer Patchwork-Familie, mit königlichen Onkeln und unzähligen Geschwistern :-)
Demnach läse auch ich "my love" zum schlafenden Kind hingedacht. Und durch die Tenements und eine irgendwie doch - wenn auch verhohlene ("not uneasy") innere Unruhe, die zumindest als latente Drohung oder erinnerung durchscheint, lese ich es auch nicht als harmonieselig, eher als beschützend, den geborgenen Moment behütend. Draußen tobt und bedroht die Welt, und ihr Toben ist einen Moment lang schön.

Herzlich
Klara

Quoth
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Beitragvon Quoth » 25.06.2019, 21:26

Ja, Klara, hast Du nicht noch so ein schönes Gedicht für uns zu übersetzen? Ich verlasse mich ganz auf Deinen guten Geschmack! Gruß Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Klara
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Beitragvon Klara » 29.06.2019, 09:30

Lieber Quoth,

wie wäre es hiermit?
https://www.poetryfoundation.org/poems/ ... manishness

Dann mache ich einen neuen Faden auf.

Oder etwas länger, vielleicht danach, mal wieder französisch?
https://genius.com/Jacques-prevert-la-g ... -annotated


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