WORT DER WOCHE ~ Techtelmechtel ~

Hier ist Raum für Fortsetzungsgeschichten, das Wort der Woche, interne Schreibwettbewerbe und alle anderen literarischen Projekte, bei denen mehrere Saloner zusammenarbeiten
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birke
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Beitragvon birke » 15.07.2022, 09:40

WORT DER WOCHE

- jede Woche ein neues Wort als Musenkuss -
Lyrik, Prosa, Polyphones, Spontanes, Fragmente, Schnipsel, Lockeres, Assoziatives, Experimentelles
- alles zu diesem Wort - keine Kommentare - alles in einem Faden - 7 Tage Zeit -


~ Techtelmechtel ~
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 21.07.2022, 09:21

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Klara
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Beitragvon Klara » 03.08.2022, 10:41

Konrad

Er gab kein Foto von sich preis und ließ sich mehrfach anlächeln, ehe er reagierte. Sie verabredeten sich für ein blindes Datum im Biergarten. Konrad war zehn Jahre älter als Sandra, hager, klein, und hatte ein zerfurchtes Gesicht. Er trug ein dunkles Hemd und eine helle Hose - einen „Freizeitdress“, dessen hohe Qualität nicht angeberisch wirkte: Er war gutbetucht, Manager, Tennisspieler, Segler. Sie versuchte, seine hessische Mundart zu überhören und lud ihn zur Apfelschorle ein. Mindestens eine Stunde lang würde sie wohl mit ihm sprechen müssen, alles andere wäre unhöflich, er hatte das per Kurznachricht klargestellt, als sie ihn für ein 30-Minuten-Treffen zwischen zwei andere Termine hatte schieben wollen. Da habe er ja gar keine Zeit, sie zu küssen, hatte er sich lustig-locker beschwert und ein „bei Sympathie lach“ zugefügt. So stand es auf dem Bildschirm: „bei Sympathie lach“. Dennoch hat sie ihn getroffen. Dass sie diesen Mann nicht würde küssen wollen, hatte ihr Körper in Sekundenbruchteilen gewusst, bevor ihr Gehirn überhaupt Ja oder Nein denken, bevor Konrad auch nur „Hallo“ sagen und so tun konnte, als freue er sich, sie zu sehen. Vermutlich reagierte sein Körper ähnlich gleichgültig.

Sandra bemühte sich, etwas Nettes an ihm zu finden, an seinen kleinen, freundlich blickenden, egoistischen Augen, an seinem vorsichtigen, sehnsüchtigen Mund. Er versuchte, ihr zuzuzwinkern, während er ihr darlegte, was für ein interessanter und entspannter Kerl er sei und was für eine Frau er brauchte: eine, die ihn nicht einengte, denn er war arg beschäftigt mit Segeln, Tennis, Freunden und Cluburlaub. Er schilderte seine letzte „Beziehung“, wie sehr er dort „eingeengt“ gewesen und deshalb auch „Schluss gemacht“ hätte. Von Sandras Seite aus bestand keine Gefahr der „Einengung“, aber das konnte er ja nicht wissen. Sie ermutigte ihn zum Reden; die Zeit musste irgendwie herumgebracht werden, ohne dass sie sich unnötige Blößen gab. Sie betrachtete sich von außen und dachte, was bist du für ein Arschloch. Sie hörte sich an, was er dachte, was er wollte, was ihm wichtig war. Reisen. Ruhe. Tennis. Er hatte große Angst, wegen des Virus auf der Intensivstation zu landen und bewunderte den Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. „Ich hänge ihm an den Lippen“, sagte er. Sandra entgegnete, dass sie dazu eine andere Meinung habe, aber die interessierte ihn nicht, er war völlig mit sich selbst beschäftigt, ließ keinen fremden Gedanken an sich heran. Also hielt sie den Mund. "Du hörst so aufmerksam zu", lobte er, nannte sich „Single aus Überzeugung“, aber das könne „sich ändern…“ Sandra hörte die bedeutsamen drei Punkte mitschwingen, mit denen er sie wohl anspornen wollte, sich um ihn zu bemühen, aber ihretwegen konnte Konrad Single bleiben, bis die Welt unterging. Statt um ihn bemühte sie sich, dieses Treffen irgendwie zum Ende zu bringen, ohne unhöflich zu wirken. Daher freute sie sich, als sich der Mann, den sie aus dem mittlerweile verstorbenen Lieblingscafé kannte und früher mal hätte küssen mögen, an ihren Tisch stellte. Für einige Minuten lenkte er sie von der Vergeblichkeit ab.

Konrad rutschte kaum wahrnehmbar in Richtung Stuhlkante, bereit zum Kampf. Durch ein Rucken des Kopfes, eine herrische Geste, einen veränderten Klang in der Stimme machte er deutlich, dass er die Anwesenheit von Sandras Bekanntem als Übergriff auf sein Territorium auffasste. Der Bekannte seinerseits zeigte viel mehr Interesse an ihr als bei anderen Begegnungen. In Andeutungen erzeugte er den Eindruck, dass er Sandra schon länger und intimer kannte. „Ich bin gleich wieder weg“, versprach er dem Kurzzeitrivalen, „obwohl Sandra auch mit zweien fertig wird, haha. Lass uns mal wieder quatschen“, schloss der Bekannte, zu Sandra gewandt, legte ihr seine Hand auf die Schulter, die war warm, und setzte sich dann an einen eigenen Tisch. Auch dies war ein Anspruch, den er dem anderen voraushatte: Ihn, den Bekannten, würde Sandra sicher wieder treffen, ohne sich anzustrengen, während er, Konrad, sich darum bemühen, sie erst überzeugen müsste. Sandra war fasziniert, fühlte sich wahrgenommen, obwohl es albern und nutzlos war, denn sobald die Rivalitätssituation der Männer vorbei war, verloren sie das Interesse an ihr. Konrad wandte sich wieder den eigenen Vorlieben und uninteressanten Geschichten zu, und der Bekannte verschwand mit seinem Pad in der Tiefe des Biergartens, um zu arbeiten und ab und zu tiefsinnigen Blickes aufzuschauen.

Konrad versuchte, sie zu beeindrucken, aber eher unengagiert.

Auf ihre wenigen Äußerungen ging er kaum ein; es war, als hörte er schlecht, als führte ein Selbstgespräch, für das sie einen willkommenen Anlass bot. Er zeigte sich angerührt von sich selbst, während er von Briefen erzählte, die er als heimwehkranker Jugendlicher an die Mutter geschrieben habe. Da wurden seine Augen feucht, gerührt von der Erinnerung an die eigene Kindheit. Da war auch sonst keine „Gemeinsamkeit“, an der sie sich hätten festhalten können, und als sie ihre fast erwachsenen Kinder erwähnte, war das wie eine Tür, die sich schloss. Mit Kindern wolle er sich nicht belasten, führte er nun wortreich aus und als Beispiel seine letzte, „einengende“ Freundin an, die, wie seine anderen „Verflossenen“ deutlich jünger war als er. „Ich hätte das nicht machen dürfen“, sagte er, „ich hätte mir keine Frau mit Kindern aufhalsen sollen, aber man hat ja auch Gefühle“. Dann stand er auf, kam ihr zuvor, das Geplauder zu beenden, und sie ärgerte sich, dass sie sich darüber ärgerte, denn sie wollte ja nicht mal für ihn in Frage kommen! Zum Abschied zwang er ihr eine steife Umarmung auf und überraschte sie unangenehm mit einem trockenen Spitzlippenkuss. Sie wendete sich ab und ging schnell davon.

Das trockene Gefühl, das seine Lippen auf ihren hinterlassen hatten, störte sie wie ein schlechtes Parfüm; den ganzen Abend wischte sie daran herum - und mit dem Halstuch, um nicht ihre Haut mit seiner unwillkommenen Berührung zu kontaminieren. Leichter Ekel überkam sie, ein Überdruss, ein „Habe ich es dir nicht gesagt, Sandra“-Genervtsein, und die lästige Erinnerung an seine Aufforderung „Erzähl doch mal was von dir, ich weiß ja gar nichts“, als hätte er ein Anrecht auf Wissen-von-ihr, und als wüssten sie nicht beide zu gut, dass ihn nichts, was sie sagen könnte, interessierte, da er ja gar nicht zuhörte, nur in sich hineinhörte und wartete, bis er wieder „dran“ war.


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