für (drei gedichte, gewidmet)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Benutzeravatar
Werner
Beiträge: 613
Registriert: 08.05.2014
Geschlecht:

Beitragvon Werner » 13.08.2019, 20:58

für Jürgen Becker

und
es ist ein gröbkörniger tag

wie sand kies moränen im blick auf den einen schatten
der lange still steht und sich dann
plötzlich bewegt
ums haus
über die straße vor dem haus
bis er weitergeht
in eine andere fotografie

[die im abend verschwimmt
mit deinem eigenen leben]

auf der du keinen mehr kennst

.

für Nicolas Born

unterwegs die häuser alle hatten weiße fenster

gelbe drehkreuze in den scharnieren
eine rote zeichnung unter dem neuen lack
schaut piwitt aus rom herunter auf die straße
ich beobachte die radfahrer mit ihren gefetteten ketten
wie sie am flussufer gegen die strömung fahren
talwärts ziehenden lastkähnen entgegen
beladen mit schwermut die einen
die anderen mit leichtem licht aus den bergen
lang fallen die schatten der lenker und räder
hinaus auf die treibende flut
ich gedenke dem wasser
der stadt

.

für Pier Paolo Pasolini

die zeichnung auf dem käferflügel wies scharfe konturen auf
filmschnitte im grauen chinin
marschierten junge faschisten durch ein drehbuch pasolinis
er schrieb es in erinnerung an ein treffen in weimar
später am strand von ostia
die stelle ist bekannt
fehlte ihm die zeit für ein letztes gebet
[verschwamm im abendhimmel
graues chinin]

Nikolaus
Beiträge: 45
Registriert: 25.07.2019

Beitragvon Nikolaus » 13.08.2019, 21:42

Hallo Werner!

Diese drei Widmungen mag ich. Auch das ungewöhnliche, die drei in einen "Block" zu stellen.

Für mich persönlich enorm hetausstechend ist das "für" an Jürgen Becker. Es ist wirklich besonders. Ich mag die Bilddarstellung darin extrem. Sie unterscheidet sich von den Bilderprojizierungen der beiden anderen Texte (und, wie ich finde, den meisten deiner mir bekannten Texte) sehr. Vielleicht habe ich aber auch auf mysteriöse Weise einen besonderen Zugang. Wer weiß. Aber vielleicht ist DAS die Kunst: subtil Zugänge zu ermöglichen.
Für mich ist es (d)ein Meisterwerk. Danke!

Herzliche Grüße - Niko

Benutzeravatar
Werner
Beiträge: 613
Registriert: 08.05.2014
Geschlecht:

Beitragvon Werner » 17.08.2019, 17:12

Vielen Dank lieber Niko für die Zustimmung.

Entstanden sind diese drei Widmungen vor wenigen Wochen einzeln, spontan, in kurzer Reihenfolge hintereinander, wie sie dastehen. Es sind quasi die noch unbearbeiteten Rohfassungen. Im Sommer habe ich die Angewohnheit an warmen Tagen abends auf dem Balkon zu sitzen und nebenbei Gedichte zu lesen. Da nahm ich mir mal wieder nach langer Zeit diejenigen von Jürgen Becker (Beispielsweise am Wannsee) und Nicolas Born (Gedichte), beide in der Bibliothek Suhrkamp, die mich schon länger begleiten, zur Hand. Die Zitate, die am Anfang der Gedichte stehen stammen aus dem Gedicht "Eine Zeit in Berlin" (Becker) und "Dienstag 16. August 77". Zu Pier Paolo Pasolini las ich, dass er in jungen Jahren, 1942/42, in meiner Geburtsstadt Weimar war. Hier der Link: http://www.literaturland-thueringen.de/ ... aziergang/

In der Tat war der "grobkörnige Tag" von Becker eine Steilvorlage für mich als Geologe, so dass die folgenden Worte nur so auf das Papier flossen ...

Auch sollte in den Gedichten der jeweilige "Ton" der Vorlage irgendwie erhalten bleiben, und doch ein eigenes Gedicht von mir sein. Ich denke, es ist gelungen?

Dass die drei ursprünglich einzelnen Gedichte zu einem einzigen Gedicht zusammenflossen, ist der Tatsache geschuldet, dass ich sie als ein Gedicht zu einer Veröffentlichung einreichen wollte ... und sie passen in dieser Art zusammen. Eine "zufällige" Auswahl, eine "zufällige" Zusammenführung ... und doch wieder nicht "zufällig"! Neu, originär?! Das ist irgendwie das tolle an Lyrik.

Danke nochmals.

Herzlichst, werner

aram
Beiträge: 4350
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 23.08.2019, 23:53

hallo werner,

diese texte scheinen mir ruhiger, selbstbewusster/selbstgewisser, fließender, gefühls- und ausdruckstärker als viele, die ich von dir im lauf der jahre hier gelesen habe - das finde ich bemerkenswert und deshalb möchte ich es dir rückmelden.

besonders bezieht sich das auf die ersten beiden, doch auch 'pasolini' liest sich fein - in diesem finden sich wieder geografische bezeichnungen mit mächtiger bedeutungsaura, die auch etliche deiner früheren texte anreichern/gut klingen lassen, aber dennoch wenig kohärenz bieten - ein wenig wie 'namedropping' - aber hier empfinde ich sie nicht als 'zuviel'.

vollends gefallen mir dann die texte, die ohne auratische spezifische ortsangaben operieren, also die beiden ersten - und nochmal am allerbesten der erste.

schatten, der sich zu bewegen beginnt, und die art, wie das in worte gesetzt ist, empfinde ich als dramatische höhepunkte eines durchgängig homogen und ausdrucksvoll wirkenden, ruhig und knapp geführten textes.

das ist keine detailkritik - ich habe die texte vorhin ein, zweimal gelesen, ihrer atmosphäre nachgespürt, und schreibe jetzt ohne nochmal nach oben zu schauen -
für mich ist das 'lyrische mysterium' immer eine art ganzes, das unmittelbar ankommen kann
(was keineswegs mit 'angenehm zu lesen' gleichzusetzen ist, kann auch verstörend oder dekonstruiert oder sonstwas sein, trotzdem ist es 'als ganzes', als fluss wahrnehmbar und als solches mehr oder weniger stimmig erlebbar)
bevor (rezeptiv gesprochen) es in innere und äußere bezüge und gelegentlich aussagen aufsplittert, da es farben und spannungen in detaillierteren ebenen und konstellationen birgt.

doch können weder details, noch aussageinhalte, noch konstuktionen und montagen, wie 'fehlerfrei' sie auch sein mögen, dieses 'grundgefühl' hervorbingen, dieses erleben als offenes geschlossenes.

und ich gebe zu, bei fast allen deiner bisherigen texte solches vermisst (d.h. also einfach 'nicht empfunden') zu haben, was dann zu einem analysierenden leseblick führt, der gewisse (in vielen deiner gedichte oft gleichartig, wenn auch in variation wiederkehrende) schemata, bausteine als kunstgriffe wahrnimmt/interpretiert, die als solche dann nicht gefallen können.
- tatsächlich fehlt aber bloß der schoß eines ganzen (oder auch halben ganzen, dass dann fast immer halb voll und fast nie halb leer wirkt - egal - jedenfalls ja, sprache ist weiblich), um die aufbauelemente als dienlich zu erleben, statt als leere oder gar falsche behauptung.

ob du mit diesen ausführungen was anfangen kannst oder nicht ist mir nicht so wichtig/ kein anspruch oder erwartung, es ist auch nur EIN leseblick -meiner- darin holprig beschrieben -- was ich dir aber in jedem fall gerne vermitteln möchte, ist, dass mich nun diese drei texte in ihrer bewegten ruhe ansprechen - in wirklich besonderm maß der erste.

schön dass du zu diesen texten gefunden hast - danke.

postskriptum - habe jetzt deine an niko gerichteten erläuterungen gelesen - spannend dass du auch in dieser reihenfolge geschrieben hast, der erste text ist am weitesten von dem weg was ich bisher von dir lesen konnte, der zweite auch noch weit, der dritte wendet sich ansatzweise dahin zurück, bleibt aber eigen - u. was aus meinem kommentar eh hervorgeht ist, dass ich die texte unabhängig gelesen habe - klar haben sie verbindendes und man kann sie gut zueinander stellen, auch als strophen eines textes montieren warum nicht, aber ich hab jeweils eigenständige texte gelesen, die sich auch strukturell durchaus voneinander abheben.

Benutzeravatar
Werner
Beiträge: 613
Registriert: 08.05.2014
Geschlecht:

Beitragvon Werner » 04.10.2019, 17:01

Danke aram!

nun, weimar und ostia finde ich jetzt nicht so mit bedeutungsaura, das sind letztlich ganz normale orte und bekannt, ostia gehört ja quasi zu pasolini, weimar vielleicht nicht so ganz ... schön, dass dir die gedichte gefallen. und, ich probiere gerne immer bisschen aus, versuche, nicht immer dasselbe zu machen, wechsle ton und stimmen (denke ich jedenfalls)??? ja, die texte sind weniger kryptisch oder magisch-surreal als andere texte eine zeit lang. jetzt komme ich, nach eher gedichten / gesängen in richtung langgedicht und stark kryptisch / magisch-surreal wieder auf die kürzere form zurück und zu mehr klarheit / einfachheit, was früher eine meiner maximen war ... damit auch verständlicher und besser lesbar?!

seltsamerweise habe ich aber gerade mit den längeren und "kryptischen" gedichten / gesängen, die 2012 z.T. schon im "hautsterben" in zarten anfängen angelegt sind und sich 2016 im "herzecho.lyrische sonogramme" schon besser herauskristallierten und im typoskript für meinen vierten gedichtband überhand nehmen -- er wird aus 3 x 13 gesängen (wie ich die gedichte darin nenne) auf ca. 80 seiten (manche einzelgedichte /-gesänge über zwei bis max. sechs seiten, eine im minimum) bestehen -- die bessere resonanz. so habe ich damit 2018/19 eine schöne zusage von einem richtig guten, professionellen und sehr renommierten verlag in berlin erhalten. das buch, mein vierter gedichtband, wird voraussichtlich im frühjahr 2021 dort erscheinen (verlagslektorat steht noch aus). ich werde zu gebener zeit darüber informieren. aber, das nur am rande.

nichtsdestotrotz kann ich deine "kritik" oder dein "unbehagen" an etlichen meiner gedichte nachvollziehen. sie ist legitim und aus sicht des lesers, also dir, unbestritten. ich werde darüber nachdenken, sehe ich mich doch immer als lernenden, der sich weiter entwickeln will, was die qualität der gedichte anbelangt, insbesondere auch im hinblick auf mögliche veröffentlichungen.

ja, das hier ist aus der neuen serie, bisher noch weitgehend unbearbeitetes "rohmaterial" und teil der ersten sammlung für den nächsten, fünften gedichtband ... ich schreibe relativ viel neben meiner vollzeitarbeit als ingenieurgeologe an einem ingenieurbüro, wo ich mich im alltagsgeschäft hauptsächlich mit baugrund-, altlasten- und grundwasseruntersuchungen, erdstatischen berechnungen und bemessungen von Baugrubensicherun gen /-verbauen, stützmauern etc. beschäftige.

vielen dank nochmals!


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 13 Gäste