jünger altern

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klara
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Beitragvon Klara » 19.04.2026, 11:06

Jünger altern

Früher hatte ich Angst vor solchen wie mir
Die tun, was sie denken und denken, was sie sagen

Die barfuß in Schuhen sitzen
Die eigenen Füße achten
Zweifel nicht verhehlen
Mottenlöcher in der Jacke übersehen
Die nicht jeden Tag duschen und früh aufstehen
um zu hören, wie die Sonne aufgeht
Die mit Enten sprechen, mit Bäumen, mit Grashalmen, als wären sie ihresgleichen
Die laut singen, auf dem Fahrrad, in einer Sprache, die sie selbst erfinden
Die nicht nur sonntags dichten
Die sich für die falschen Dinge schämen, nicht für die richtigen
Die Obdachlosen Guten Tag sagen wie Kollegen
Die das eine Hosenbein hochkrempeln, das andere nicht
Die sich langweilen, wenn sie keinen eigenen Gedanken spüren
Die zu alt sind für Miniröcke und trotzdem welche tragen
Die herumzappeln, im Kino, in der Sauna, an Tischen, im Leben
Die sich Raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen

Manche wollen mich klein machen
Sie sagen, ich lache zu laut
Sie sagen, ich lächle zu leise
Sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab

Früher hatte ich Angst vor solchen wie mir
Heute versuche ich, mir selbst ähnlicher zu werden
Tag um Tag

jondoy
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Beitragvon jondoy » 21.04.2026, 18:50

hallo "klara",
bin fast nicht hier, doch wenn ich einen mit deinem nick entdecke, schau ich rein,
und schreib sogar spontan was dazu,

so sätze wie ...die laut singen, auf dem fahrrad, in einer sprache, die sie selbst erfinden... oder ...die sich raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen... oder ...sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab... gefallen mir gut, und bei dem da ...die obdachlosen guten tag sagen wie kollegen... täten narzisstische schreibhälse sich beim schreiben verschlucken, so eine aussage findet sich nicht nicht oft unter gebirgen/müllhalden von texten, den da ...die das eine hosenbein hochkrempeln, das andere nicht... find ich lustig, einen hab ich nicht ganz verstanden ...die sich für die falschen dinge schämen, nicht für die richtigen..., wäre spannend, zu wissen, welche intension da beim schreiben zwischen den zeilen geschwebt hat,

so dahingeschneit.

Klara
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Beitragvon Klara » 22.04.2026, 08:53

Danke für dein Feedback.
Bei der Unklarheit habe ich auch überlegt, wie rum es richtig ist, das wäre vielleicht etwas für die Frageecke.
Was ich sagen will:
nicht für Dinge schämen, die für lyrich in Ordnung sind, aber von außen als peinlich gelten
für Dinge schämen, die von außen betrachtet als in Ordnung gelten, für lyrich aber nicht

jondoy
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Beitragvon jondoy » 22.04.2026, 23:04

dann ist diese zeile im Text die essenz von dem hier und nach meinem sprachgefühl dann so rum genau richtig, und passend in der länge, danke fürs erklären, es ist schon eine fein reflektierte beschreibung jenes zustands, illustriert in bildschönen facetten, den der titel lapidar in zwei worten ausdrückt, und erinnere mich jetzt daran, dass ich dieses lyriche fahrrad mit einer gitarre schon mal in echten worten gesehen habe.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 02.05.2026, 00:29

Ich finde mich selbst in dem Gedicht wieder.
Streichen würde ich die zweite Zeile, weil sie erklärt, was in dem Gedicht passieren wird, ehe es noch richtig angefangen hat.

Erinnert sich jemand an den Sponti-Spruch "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben"?

Jetzt sind wir die Leute, vor denen wir uns selbst gewarnt haben.
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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birke
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Beitragvon birke » 02.05.2026, 10:40

gefällt mir sehr!
und ja, diese von zefira angesprochene zeile würde ich auch streichen oder allenfalls erst ans ende setzen.
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

Klara
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Beitragvon Klara » 03.05.2026, 09:39

danke - ihr habt recht (Recht??)!
Die zweite Zeile kann ersatzlos weg.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 03.05.2026, 17:42

....dann ist das nachfolgende aber kein daumenkino mehr

zeile eins und zwei gehören, für mich, zusammen,
eine einleitung, die kraftvoll wirkt wie ein statement, könnte durchaus auch doppeldeutig sein, und diesem gesetzten mir in der ersten,

über facetten dieser Haltung, mein ich

also weglassen. tschüss satz. kann an unterschiedlichen leseweisen liegen.
ich lese wohl aus dem text mehr temperament heraus.


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