Jünger altern
Früher hatte ich Angst vor solchen wie mir
Die tun, was sie denken und denken, was sie sagen
Die barfuß in Schuhen sitzen
Die eigenen Füße achten
Zweifel nicht verhehlen
Mottenlöcher in der Jacke übersehen
Die nicht jeden Tag duschen und früh aufstehen
um zu hören, wie die Sonne aufgeht
Die mit Enten sprechen, mit Bäumen, mit Grashalmen, als wären sie ihresgleichen
Die laut singen, auf dem Fahrrad, in einer Sprache, die sie selbst erfinden
Die nicht nur sonntags dichten
Die sich für die falschen Dinge schämen, nicht für die richtigen
Die Obdachlosen Guten Tag sagen wie Kollegen
Die das eine Hosenbein hochkrempeln, das andere nicht
Die sich langweilen, wenn sie keinen eigenen Gedanken spüren
Die zu alt sind für Miniröcke und trotzdem welche tragen
Die herumzappeln, im Kino, in der Sauna, an Tischen, im Leben
Die sich Raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen
Manche wollen mich klein machen
Sie sagen, ich lache zu laut
Sie sagen, ich lächle zu leise
Sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab
Früher hatte ich Angst vor solchen wie mir
Heute versuche ich, mir selbst ähnlicher zu werden
Tag um Tag
jünger altern
hallo "klara",
bin fast nicht hier, doch wenn ich einen mit deinem nick entdecke, schau ich rein,
und schreib sogar spontan was dazu,
so sätze wie ...die laut singen, auf dem fahrrad, in einer sprache, die sie selbst erfinden... oder ...die sich raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen... oder ...sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab... gefallen mir gut, und bei dem da ...die obdachlosen guten tag sagen wie kollegen... täten narzisstische schreibhälse sich beim schreiben verschlucken, so eine aussage findet sich nicht nicht oft unter gebirgen/müllhalden von texten, den da ...die das eine hosenbein hochkrempeln, das andere nicht... find ich lustig, einen hab ich nicht ganz verstanden ...die sich für die falschen dinge schämen, nicht für die richtigen..., wäre spannend, zu wissen, welche intension da beim schreiben zwischen den zeilen geschwebt hat,
so dahingeschneit.
bin fast nicht hier, doch wenn ich einen mit deinem nick entdecke, schau ich rein,
und schreib sogar spontan was dazu,
so sätze wie ...die laut singen, auf dem fahrrad, in einer sprache, die sie selbst erfinden... oder ...die sich raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen... oder ...sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab... gefallen mir gut, und bei dem da ...die obdachlosen guten tag sagen wie kollegen... täten narzisstische schreibhälse sich beim schreiben verschlucken, so eine aussage findet sich nicht nicht oft unter gebirgen/müllhalden von texten, den da ...die das eine hosenbein hochkrempeln, das andere nicht... find ich lustig, einen hab ich nicht ganz verstanden ...die sich für die falschen dinge schämen, nicht für die richtigen..., wäre spannend, zu wissen, welche intension da beim schreiben zwischen den zeilen geschwebt hat,
so dahingeschneit.
Danke für dein Feedback.
Bei der Unklarheit habe ich auch überlegt, wie rum es richtig ist, das wäre vielleicht etwas für die Frageecke.
Was ich sagen will:
nicht für Dinge schämen, die für lyrich in Ordnung sind, aber von außen als peinlich gelten
für Dinge schämen, die von außen betrachtet als in Ordnung gelten, für lyrich aber nicht
Bei der Unklarheit habe ich auch überlegt, wie rum es richtig ist, das wäre vielleicht etwas für die Frageecke.
Was ich sagen will:
nicht für Dinge schämen, die für lyrich in Ordnung sind, aber von außen als peinlich gelten
für Dinge schämen, die von außen betrachtet als in Ordnung gelten, für lyrich aber nicht
dann ist diese zeile im Text die essenz von dem hier und nach meinem sprachgefühl dann so rum genau richtig, und passend in der länge, danke fürs erklären, es ist schon eine fein reflektierte beschreibung jenes zustands, illustriert in bildschönen facetten, den der titel lapidar in zwei worten ausdrückt, und erinnere mich jetzt daran, dass ich dieses lyriche fahrrad mit einer gitarre schon mal in echten worten gesehen habe.
Ich finde mich selbst in dem Gedicht wieder.
Streichen würde ich die zweite Zeile, weil sie erklärt, was in dem Gedicht passieren wird, ehe es noch richtig angefangen hat.
Erinnert sich jemand an den Sponti-Spruch "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben"?
Jetzt sind wir die Leute, vor denen wir uns selbst gewarnt haben.
Streichen würde ich die zweite Zeile, weil sie erklärt, was in dem Gedicht passieren wird, ehe es noch richtig angefangen hat.
Erinnert sich jemand an den Sponti-Spruch "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben"?
Jetzt sind wir die Leute, vor denen wir uns selbst gewarnt haben.
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
gefällt mir sehr!
und ja, diese von zefira angesprochene zeile würde ich auch streichen oder allenfalls erst ans ende setzen.
und ja, diese von zefira angesprochene zeile würde ich auch streichen oder allenfalls erst ans ende setzen.
....dann ist das nachfolgende aber kein daumenkino mehr
zeile eins und zwei gehören, für mich, zusammen,
eine einleitung, die kraftvoll wirkt wie ein statement, könnte durchaus auch doppeldeutig sein, und diesem gesetzten mir in der ersten,
über facetten dieser Haltung, mein ich
also weglassen. tschüss satz. kann an unterschiedlichen leseweisen liegen.
ich lese wohl aus dem text mehr temperament heraus.
zeile eins und zwei gehören, für mich, zusammen,
eine einleitung, die kraftvoll wirkt wie ein statement, könnte durchaus auch doppeldeutig sein, und diesem gesetzten mir in der ersten,
über facetten dieser Haltung, mein ich
also weglassen. tschüss satz. kann an unterschiedlichen leseweisen liegen.
ich lese wohl aus dem text mehr temperament heraus.
hallo klara,
der text spricht mich an. zugleich schwingt für mich selbstgefälligkeit darin mit, und eine grundfrage bleibt offen - im einzelnen:
der einstiegssatz - durch den folgenden absatz nochmal extra hervorgehoben. "Die tun, was sie denken und denken, was sie sagen" ist eindeutig positiv. es wird impliziert, dass sich lyr.ich so verhält, andere nicht. lyr.ich ist somit "besser" als andere. der eindruck entsteht auch deshalb, weil dieses statement so ganz ohne zwischentöne, ohne relativierung oder einschränkung daherkommt, und besonders herausgestellt wird.
durch diesen einstieg geprägt lesen sich auch andere passagen so, als würde sich lyr.ich "gut" vorkommen:
Die eigenen Füße achten
Zweifel nicht verhehlen
Obdachlosen Guten Tag sagen wie Kollegen
sich Raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen
"selbstgefälligkeit" ist übrigens ein spannendes wort, finde ich - einerseits ist es in der regel klar negativ konnotiert im sinne von "sich über andere stellen, für etwas besseres halten", wörtlich drückt es aber etwas anderes aus, nämlich schlichtweg: gefallen an sich selbst zu finden. und damit genau das, was dieser text m.e. ausdrücken möchte: mehr und mehr "selbst" zu sein; sich dementsprechend zu verhalten, ohne sich von konventionen und erwartungen behindern zu lassen.
auf der einen seite halten das sich "konventionell" verhaltende menschen oft nicht gut aus:
Manche wollen mich klein machen / Sie sagen, ich lache zu laut / Sie sagen, ich lächle zu leise
> "zu laut lachen / zu leise lächeln" ist eine schöne gegenüberstellung!
auf der anderen seite entgeht es lyr.ich anscheinend, dass seine dadurch erforderliche selbstbehauptung, teils auch im schmerz (Sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab) mit einer dargestellten idealisierung der eigenen werte und des eigenen verhaltens einhergeht, bar jeder relativierung oder selbstironie, was eben "selbstgefällig" wirkt - sonst würde eine eher apodiktische, schwarz-weiß aufzählung von verhaltensweisen nicht völlig ungebrochen angeführt.
das lässt darauf schließen, dass sich lyr.ich in einem "kampf" befindet, in dem gewisse zwischentöne zwangsläufig untergehen müssen. die verletzung und selbstbehauptung wird auch direkt angesprochen.
so gesehen ist das ein sehr spannender text.
die für mich offen bleibende grundfrage: warum hatte lyr.ich früher angst vor menschen, die sich selbst ernst nehmen / gradeheraus sprechen / ihre bedürfnisse respektieren / sich nicht an oberflächlichen konventionen aufhalten?
dabei liegt es vielleicht auch an meiner person, dass diese "angst" mir eher fremd und damit kaum nachvollziehbar ist - denn wenn ich darüber nachdenke, finde ich die erklärung, dass - evtl. ausgehend von der pubertät, in der erst unter schmerzen rauszufinden ist, "wer man überhaupt ist", auch in den folgejahren äußere, oberflächliche konventionen als "schutzgebendes gruppenverhalten" erlebt werden, identität durch gruppenzugehörigkeit, die durch "abweichende" in frage gestellt werden kann, die somit angst auslösen können. erst in zunehmendem alter erfolgt die besinnung auf das eigene, und lösung aus "gruppendruck".
falls der text so gemeint ist, ist meine frage beantwortet.-)
danke an die autorin, und viele grüße.
Hallo Aram,
danke für deine Gedanken zum Text.
Ich finde jedoch wenig Gefallen daran.
"Selbstgefälligkeit" ist aus meiner Sicht durchaus negativ konnotiert und wird nicht wörtlich gelesen/gesendet. Da hieße es dann eher "selbstbewusst", selbstsicher", "glücklich" oder "zufrieden". "Selbstgefällig" meint, dass die Person, die man damit in Verbindung bringt, zu Unrecht mit einer Leistung oder was auch immer zufrieden ist. Dass sie denkfaul, womöglich bräsig ist und keine Selbstkritik kennt. Wenn du dieses Wort und damit sein Klangumfeld verwendest, argwöhne ich, dass es in der Absicht geschieht zu verletzen - nicht schlimm, aber hinreichend unangenehm.
Wer eine andere oder einen Text als "selbstgefällig" bezeichnet, tut dies nach meiner Erfahrung (auch ich verwende mitunter dieses Wort) in der Absicht abzuwerten - und schreibt sich selbst die Vollmacht dafür zu, imaginiert also eine (auch moralische) Hierarchie zwischen be/abwertender Person und der be/ab/ge/werteten Sache/Person. Mithin kann es vielleicht sogar selbstgefällig sein, eine andere Person/Sache als selbstgefällig ab- - und sich selbst dadurch aufzuwerten.
Selbstgefällige Menschen und Texte sind unangenehm, stoßen ab.
Es ist immer wieder interessant, wie verschieden Zeilen gelesen werden können.
Dass Menschen mit der eigenen Leistung oder sich selbst zufrieden sind, gesteht man nach meiner Wahrnehmung eher den männlichen unter ihnen zu. Bei den weiblichen wird schneller fehlende Selbstkritik, Qualität, Tiefe etc. unterstellt.
,
Dass es ein pathetisches Gedicht ist, finde ich auch, also, wie du schreibst, "bar jeder relativierung oder selbstironie", wobei ich bei "apodiktisch" oder "schwarz-weiß" ebensowenig mitgehe wie bei der Behauptung es handle sich um eine "idealisierung der eigenen werte und des eigenen verhaltens". Das mag jedoch an der Selbstgefälligkeit liegen, die sich ja dadurch auszeichnet, dass sie von der selbstgefälligen Ichhaftigkeit nicht als solche erkannt wird. Wer will schon selbstgefällig sein?
Die Selbstironie hole ich hier mal schnell nach:
Vielleicht kann Selbstgefälligkeit auch ein Schutz sein vor als übergriffig oder unangemesssen empfundener Kritik?
Auch dass in einem Kampf "gewisse zwischentöne zwangsläufig untergehen müssen", würde ich nicht unterschreiben, wohl aber, dass nicht in jedem kurzen Text alle Facetten eines Kampfes zum Ausdruck kommen müssen.
Was deine Schlussfrage betrifft, möchte ich die Antwort schuldig bleiben, weil ich meine eigenen Texte nicht interpretieren möchte.
Das machen Leser wie du doch viel besser!
danke für deine Gedanken zum Text.
Ich finde jedoch wenig Gefallen daran.
"Selbstgefälligkeit" ist aus meiner Sicht durchaus negativ konnotiert und wird nicht wörtlich gelesen/gesendet. Da hieße es dann eher "selbstbewusst", selbstsicher", "glücklich" oder "zufrieden". "Selbstgefällig" meint, dass die Person, die man damit in Verbindung bringt, zu Unrecht mit einer Leistung oder was auch immer zufrieden ist. Dass sie denkfaul, womöglich bräsig ist und keine Selbstkritik kennt. Wenn du dieses Wort und damit sein Klangumfeld verwendest, argwöhne ich, dass es in der Absicht geschieht zu verletzen - nicht schlimm, aber hinreichend unangenehm.
Wer eine andere oder einen Text als "selbstgefällig" bezeichnet, tut dies nach meiner Erfahrung (auch ich verwende mitunter dieses Wort) in der Absicht abzuwerten - und schreibt sich selbst die Vollmacht dafür zu, imaginiert also eine (auch moralische) Hierarchie zwischen be/abwertender Person und der be/ab/ge/werteten Sache/Person. Mithin kann es vielleicht sogar selbstgefällig sein, eine andere Person/Sache als selbstgefällig ab- - und sich selbst dadurch aufzuwerten.
Selbstgefällige Menschen und Texte sind unangenehm, stoßen ab.
Es ist immer wieder interessant, wie verschieden Zeilen gelesen werden können.
Dass Menschen mit der eigenen Leistung oder sich selbst zufrieden sind, gesteht man nach meiner Wahrnehmung eher den männlichen unter ihnen zu. Bei den weiblichen wird schneller fehlende Selbstkritik, Qualität, Tiefe etc. unterstellt.
,
Dass es ein pathetisches Gedicht ist, finde ich auch, also, wie du schreibst, "bar jeder relativierung oder selbstironie", wobei ich bei "apodiktisch" oder "schwarz-weiß" ebensowenig mitgehe wie bei der Behauptung es handle sich um eine "idealisierung der eigenen werte und des eigenen verhaltens". Das mag jedoch an der Selbstgefälligkeit liegen, die sich ja dadurch auszeichnet, dass sie von der selbstgefälligen Ichhaftigkeit nicht als solche erkannt wird. Wer will schon selbstgefällig sein?
Die Selbstironie hole ich hier mal schnell nach:
Vielleicht kann Selbstgefälligkeit auch ein Schutz sein vor als übergriffig oder unangemesssen empfundener Kritik?
Auch dass in einem Kampf "gewisse zwischentöne zwangsläufig untergehen müssen", würde ich nicht unterschreiben, wohl aber, dass nicht in jedem kurzen Text alle Facetten eines Kampfes zum Ausdruck kommen müssen.
Was deine Schlussfrage betrifft, möchte ich die Antwort schuldig bleiben, weil ich meine eigenen Texte nicht interpretieren möchte.
Das machen Leser wie du doch viel besser!
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