/beim wäsche aufhängen/

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Benutzeravatar
birke
Beiträge: 5424
Registriert: 19.05.2012
Geschlecht:

Beitragvon birke » 22.11.2015, 00:47

beim wäsche aufhängen
erwog ich
ein gedicht zu schreiben
und dann dachte ich an dich
an deine sorge
an deinen wortgesang
und ich dachte mir
die worte rund
und rund am himmel der mond
besänftigt die menschen
durch die wäsche fährt
ein scharfer wind




("doch" vor "durch die wäsche fährt" gestrichen/ "sorge" statt "sorgen")
Zuletzt geändert von birke am 29.11.2015, 14:55, insgesamt 2-mal geändert.
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

aram
Beiträge: 4509
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 09.12.2015, 02:58

liebe birke,

mit dem ende gehts mir ähnlich wie amanita, es enttäuscht mich - das liegt aber nur am "scharf"en, das mich langweilt - unter streichung dieses einen wortes fände ich das ende fein.

zweiter punkt der mir nicht einleuchtet: die verbindung von "wäsche aufhängen" und "am himmel der mond" - ersteres stelle ich mir schwerlich nachts bei mondlicht vor, und wiewohl der mond auch tagsüber sichtbar am himmel stehen kann, glaube ich nicht, dass er diesfalls "die menschen besänftigt". (was mir als trockene tell-aussage erscheint, aber ok)

ansonsten gern gelesen (ja das "erwog" beim "wäsche aufhängen" ist in diesem text essenziell), und ja "deine sorge" ist bisschen sehr unspezifisch, aber dann wird ja die ausdrucksebene "wortgesang" nach vorne gestellt, finde ich gut. "rund / und rund" macht mich bisschen nachdenklich, aber ok auch hier. (dieses flapsige, sich objektiv/wertend gebende 'aber ok' bedeutet nur ganz subjektiv, dass ich beim lesen an diesen stellen zwar leicht irritiert/skeptisch innehalte, aber nicht aussteige)


variante:


beim wäsche aufhängen
erwog ich
ein gedicht zu schreiben
und dann dachte ich
an deine sorge
deinen wortgesang
und dachte mir
die worte rund
weil rund am himmel der mond
besänftigt die menschen
und durch die wäsche fährt
ein wind





runde grüße.

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 6788
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 09.12.2015, 03:24

Hallo Aram,

heißt das, Du warst enttäuscht, weil das Ende hart statt weich war? Weil das Happy End fehlt?

Ich finde, in Deiner Variante, ohne diese Schärfe, dreht sich das Schlussbild geradezu ins Gegenteil: nicht nur auf der Härteskala, auch auf der Heiterkeitsskala, denn so flau erinnert mich das eher an Flatulenz :-)
(Das liegt natürlich an der Kombination mit "durch die Wäsche fährt".)


Ahoy

P.

aram
Beiträge: 4509
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 09.12.2015, 03:31

Pjotr hat geschrieben: heißt das, Du warst enttäuscht, weil das Ende hart statt weich war? Weil das Happy End fehlt?

hallo pjotr, nein, ich lese dieses ende nicht weich oder happy, sondern offen mit tendenz ins bedrohliche.
"und durch die wäsche / fährt ein wind" ist für mich aus der abschließenden wendung zum vorangehenden heraus schon ausreichend scharf, ich assoziere 'wind of change'.
während ich "scharfer wind" als unnötig aufgedrückt, bemüht empfinde.


Pjotr hat geschrieben: diese nun flaue Variante erinnert mich eher an Flatulenz :-)
.-)
Zuletzt geändert von aram am 09.12.2015, 03:40, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 6788
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 09.12.2015, 03:39

Aha. Aber das "bedrohliche" vermisse ich in Deiner Variante; vielleicht ist der nackte "Windbegriff" allein zu schwach.

Vielleicht den Begriff selbst durch einen bedrohlicheren ersetzen?

Durch die Wäsche fährt ein Schirocco :-) (Oder was auch immer für einer. Dummerweise gibts einige dieser Ströme auch als Auto ...)


Apropos "tu etwas mond an das ..." und "Wäscheaufhängen" ...

"Moonlight washing line": https://youtu.be/qzpiTYirLzM

Ich schweife ab ...
Zuletzt geändert von Pjotr am 09.12.2015, 03:43, insgesamt 1-mal geändert.

aram
Beiträge: 4509
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 09.12.2015, 03:41

Pjotr hat geschrieben:vielleicht ist der nackte "Windbegriff" allein zu schwach.
habs gerade ergänzend editiert: wind > wind of change.
..wofür sollte 'wind' denn hier am ende in diesem gesamtkontext sonst stehen?

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 6788
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 09.12.2015, 03:51

Ja, aber der "wind of change" kann auch etwas erfreuliches bedeuten; er muss nicht notwendig bedrohlich sein. Vorausgeht ein Gedanke des Besänftigens. Wird durch den Wind dieses Besänftigen nun flau erwärmt, oder hart durchschnitten? Die genaue Bedeutung kann ich in Deiner Variante nicht herauslesen.




durch die tücher
schneiden winde

aram
Beiträge: 4509
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 09.12.2015, 04:18

du hast recht das hab ich ganz schlecht ausgedrückt (hooooffentlich kriegen wir die scorpions wieder raus ausm denksystem.-) ich meinte wind steht (allgemein) für veränderung.
und welche art veränderung hier angesprochen ist, ergibt sich für mich aus 'sorge'.
'wind' stünde in diesem text somit für zwei gegensätzlich zu bewertende dinge: einmal gutes/schnelles trocknen der wäsche, und einmal veränderung im kontext von etwas sorgenvollem. diese ambivalenz finde ich fein und kann sie im literarischen sinn fein genießen, "scharf" überwürzt sie mir.

aram
Beiträge: 4509
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 09.12.2015, 04:43

Pjotr hat geschrieben:"Moonlight washing line": https://youtu.be/qzpiTYirLzM

mensch pjotr was haust du hier für hämmer rein.-o ...mit soner stereoauflösung hab ich den klassiker noch nie gehört, kommt am notebook gut.
..schön dass dir moonlight washing line hier eingefallen ist. obwohl auch der arnold keine wäsche bei mondschein aufgehängt hat, sondern selektiv abgenommen .-)


Pjotr hat geschrieben:Durch die Wäsche fährt ein Schirocco :-)
Ich schweife ab ...
..unter den dümmlichen kommentaren auf der facebookseite eines rechtspopulistischen politikers, der demnächst auch noch an die macht kommen wird in ö, ist auch einer, wo jemand der unabhängig von belichtungsfragen auch nicht gut deutsch konnte schrieb: "haider starb den mehrtürertod".
so jetzt reichts aber ich sag nix mehr und verlinken tu ich den schrott auch nicht. gut nacht.

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 6788
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 09.12.2015, 04:57

die tücher
trocknen

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5746
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 09.12.2015, 07:44

ganz genau! Es ist der scharfe Wind, der mich stört!

Benutzeravatar
birke
Beiträge: 5424
Registriert: 19.05.2012
Geschlecht:

Beitragvon birke » 09.12.2015, 09:31

danke, aram für deine ausführliche beschäftigung mit dem text, und pjotr ebenfalls, sehr anregende diskussion!

ein paar gedanken dazu:

die „schärfe“ (oder etwas anderes; vielleicht auch "kalter"??) muss unbedingt bleiben. nur „wind“ wäre mir viel zu beliebig. ich halte meine texte gern möglichst offen, aber hier braucht der text für mich die spezifizierung des windes unbedingt.

und – zum mond und dem wäscheaufhängen im mondschein *g* (was ja durchaus möglich wäre ;-) ): was aber, wenn der hier nur in den gedanken des lyrichs auftaucht? und wenn vielleicht gar nicht der mond selbst besänftigt, sondern vielmehr der gedanke daran?

lg
birke
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

aram
Beiträge: 4509
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 09.12.2015, 14:19

birke hat geschrieben:was aber, wenn der hier nur in den gedanken des lyrichs auftaucht?
im text ist die gedankenebene ja explizit ausgeführt bis unmittelbar vor den mond-satz, mit dem sie nicht weitergeführt wird. das weist auf einen perspektivwechsel an dieser stelle, der gegen eine solche deutung spricht - warum sonst wechselt hier die aussagesform? - genau aus diesem grund hab ich in meiner variante 'weil' geschrieben, um den wechsel aufzulösen und den satz in die gedankliche reflexion mit reinzunehmen.
Zuletzt geändert von aram am 09.12.2015, 14:50, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Zefira
Beiträge: 5727
Registriert: 24.08.2006

Beitragvon Zefira » 09.12.2015, 14:49

was aber, wenn der hier nur in den gedanken des lyrichs auftaucht? und wenn vielleicht gar nicht der mond selbst besänftigt, sondern vielmehr der gedanke daran?


Ich habe das Gedicht nie anders gelesen als so.
Als Tatsache zu behaupten, dass der Vollmond (=rund) die Menschen besänftigt, wäre recht gewagt. Bei vielen ist bekanntlich das Gegenteil der Fall. Ich denke, dass der Mond nur in der Vorstellung des Wäsche aufhängenden Ichs diese Macht hat.
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Quoth
Beiträge: 1853
Registriert: 15.04.2010
Geschlecht:

Beitragvon Quoth » 09.12.2015, 21:22

Erinnert mich an dieses Foto von Lartigue.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste