September

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.09.2011, 11:19

September

Später Morgen legt
über Häuserzeilen Sommerkleider
und wenn das Licht die Blätter bleicht
fließt Silber

Abendgeister, Nebelfahnen stehlen
mit ungeliebten Worten
die Wärme von der Haut -
wir stricken uns Gedanken in die Jacken

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.09.2011, 11:21

Mein "Tagwerk", auf dem Weg zum Zahnarzt und auf dem Behandlungsstuhl. (Die Septembersonne in den Straßen war so schön)

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leonie
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Beitragvon leonie » 07.09.2011, 20:47

Liebe Amanita,

ich bin hin-und hergerissen, ich mag Deine Bilder und die Sprachkraft darin, aber ich finde es schade, dass Du diese Ebene hier immer wieder verlässt und es dann so "erklärend" oder wertend wird.

z.B. "wenn das Licht die Blätter bleicht" oder auch "mit ungeliebten Worten"

Ich fände die zweite Strophe viel stärker, wenn die Abendgeister das Subjekt blieben:

Abendgeister, Nebelfahnen stehlen
die Wärme von der Haut,
stricken uns Gedanken in die Jacken.


Der Einstieg hingegen gefällt mir außerordentlich gut.


Liebe Grüße

leonie

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.09.2011, 20:53

leonie, das Bleichen ist doch überhaupt nicht wertend!

Über die ungeliebten Worte würde ich noch diskutieren ...

ich hatte erst "flirrt Silber", ist das besser?

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leonie
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Beitragvon leonie » 07.09.2011, 21:20

Nein, aber das das Licht die Blätter bleicht ist für mein Empfinden sehr erklärend...

ich finde "fließt Silber" sehr schön, ich hätte aber lieber nur das Bild, ohne die Erklärung, dass das Licht es auslöst.

Das meinte ich an dieser Stelle...


Liebe Grüße

leonie

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.09.2011, 21:35

Liebe leonie!
Das Licht bleicht aber gar keine Blätter! Das geht in Wirklichkeit nicht. Sollte nur den Herbst anklingen lassen, aber da ist es ja genau anders herum - die kürzeren Licht-Zeiten (+ Kälte) lassen das Blattgrün absterben, "bleichen".

poeta

Beitragvon poeta » 03.10.2011, 07:28

hallo amanita,

so wage ich es also als neuling, zum gegenbesuch bei dir anzutreten. :smile:
dein septembergedicht finde ich sehr ansprechend, besonders mag ich den späten morgen, der sommerkleider breitet, das ist sehr bildlich anschaulich und vermittelt mir eine wundervolle zum spätsommer/frühherbst passende stimmung.
fast noch lieber mag ich, die abendgeister/nebelfahnen, die die wärme stehlen und topfavourit ist der letzte vers mit dem gedankenstricken. ich würde allerdings, glaub ich, die worte vorher (V2) rausnehmen, sie schieben sich so sperrig dazwischen und verwischen das bild des wärmeklaus.
auch mit dem bleichen der blätter und dem fließenden silber habe ich assoziativ probleme, weil mir weder bleich noch silbern in die farbskala des spätsommers zu passen scheinen, die wenigstens in meinem empfinden von warmen, kräftigen bis erdigen farben dominiert wird. vielleicht geht es ja nur mir so?

mein gesamteindruck ist aber ein sehr positiver, die "querverstrebung" von sommerkleidern zu jacken ein weiterer aspekt, der nachhal(l)tigkeit gibt.

liebe grüße, poeta

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 03.10.2011, 09:22

Hallo poeta, danke für Dein Auseinandersetzen mit meinem Text.

Das Silber bezieht sich auf das tiefe Sonnenlicht, das Äste, Blätter, Blüten so intensiv anstrahlt.

Beim Entrümpeln meinen kleinen Gärtchen bin ich im übrigen auch immer wieder erstaunt, wieviel Weiß und Grau ich da rausreiße im Spätsommer. Da ist nicht viel vom Indian Sommer, wenn ich die Sommerastern entsorge, die Hortensien ihre Farbintensität verloren habe oder die Phloxreste Mehltau (=grauweiß) angesetzt haben. Ich assoziiere den Spätsommer immer auch mit unschönen hellen Tönen, hab in einem anderen Text mal geschrieben "knochenweiß".

Auf die "ungeliebten Worte" könnte ich zwar auch verzichten, mir war es aber zum Zeitpunkt des Schreibens zu wenig, wenn diese Unholde nur Wärme stehlen. Das weiß man ja, dass es nun kälter wird. Ich wollte ein unangenehmes Kälterwerden illustrieren.

Aber vielleicht gibt es ja noch neue Lösungen, es muss alles nicht so bleiben wie es da steht.

Max

Beitragvon Max » 03.10.2011, 15:28

Hallo Amanita,

ich mag den Text ganz gern.

Ich stimme dir auch zu, dass das Bleichen der Blätter eher beschreibend als wertend ist (wobei: werden sie wirklich bleich?). Bei den ungeliebten Worten wäre ich eher Leonies Meinung - mir ist auch nicht ganz klar, welche Roille sie im Kontext des Gedichtes spielen.

Liebe Grüße
Max

Kurt
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Beitragvon Kurt » 05.10.2011, 13:32

Liebe Amanita,

zunächst möchte ich erwähnen, dass ich kein begeisterter Leser von Belletristik noch von Lyrik bin. Doch nun, durchs Internet, ergibt sich eine Möglichkeit, mich der Poetik zu nähern, kann Auseinandersetzungen mitverfolgen und eigene Schlüsse ziehen, alles nicht uninteressant.

Die Sprach(e)/bilder in deinem Gedicht finde ich schön.

„wir stricken uns Gedanken in die Jacken“ kann ich allerdings schlecht nachvollziehen. Vielleicht wäre es besser zu schreiben „wir stricken uns Jacken in Gedanken“.

Aber, wie gesagt, ich bin ungeübt, würde aber gerne von dir wissen, was du dir dabei überlegt hattest.

LG Kurt
"Wir befinden uns stets mitten im Weltgeschehen, tun aber gerne
so, als hätten wir alles im Blick." (Kurt)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 05.10.2011, 15:17

Hallo Kurt, wenn Du "eigentlich" gar keine Lyrik liest, freue ich mich besonders, wenn Du hier gelandet bist. Dass Du die Sprache, die ich benutze, schön findest, lese ich natürlich auch sehr gern.

Wir stricken uns Gedanken in die Jacken - da sind in der Tat einige Vorstellungs"stränge" drin. Ich habe früher viel gestrickt und weiß, dass man dabei etwas "mitlaufen lassen" kann mit dem Faden, also im einfachsten Fall einen zweiten Faden. Das Wort Faden steht hier im Forum wiederum für "Beitrag" oder Statement, was zwar auf das Länger-und-Längerwerden hinweist, aber eben auch auf Gedankenstränge.
Weiterhin dachte ich an die "eingebackenen" Sprüche in den Glückskeksen. Oder daran, dass man mitunter hört "dann mach dir warme Gedanken, wenn dir so kalt ist".

Ich ziehe mir eine wärmende Jacke an und empfinde sie als freundlich... Herbst- und Winterabende können ja auch gemütlich-genüsslich sein, auch wenn (oder weil) es draußen unwirtlich ist.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 05.10.2011, 15:22

Hallo Amanita,

ich bin hier schon öfter vorbeigekommen und konnte nie richtig festmachen, was mich hier stört. Ich denke es ist vor allem das Stocken und Innehalten zwischen den Strophen, wo doch gerade an der Stelle vom Fließen erzählt wird.

...
fließen silbern
Abendgeister, Nebelfahnen
stehlen Wärme von der Haut -
wir stricken uns Gedanken in die Jacken


So wäre es für mich in sich stimmiger. Der Anfang gefällt mir gut, auch wenn ich unschlüssig bin, ob es nicht heißen müsste: und wenn das fehlende Licht die Blätter bleicht

Wie du siehst, irritieren mich die "ungeliebten Worte" auch. Da weder Geister noch Nebel selbst sprechen, lese ich es als Worte, die aus den Menschen kommen, mit denen sie den Herbst "belegen", was für mich mit den "wärmenden" Gedanken in den Jacken kollidiert. Die Worte stehlen Wärme, aber die Gedanken (die ja aus Worten bestehen) wärmen? Ich bräuchte sie hier jedenfalls nicht und weiß auch nicht so genau, was hier im Kontext gemeint ist mit Worten, die nicht geliebt werden?

Den Titel finde ich nicht gerade einfallsreich oder verlockend reinzulesen. :)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 05.10.2011, 15:29

Sorry, Flora, für den Titel. Der gibt aber ja gar nicht vor, originell sein zu wollen :razz:

Der "Bruch" ist doch Morgen - Abend. Und die ungeliebten Worte beziehen sich auf Nebel, Dunkelheit, Kälte - eben das, was man als negativ empfindet. Aber, siehe oben: Man kann ja was draus machen aus den Abenden: Passende Jacke, 'n Glas Wein, was lesen ... ein gutes Gespräch - eine anheimelnde Atmosphäre. Und die lebt ja von den eigenen Gedanken.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 05.10.2011, 19:51

Hallo Amanita,

Der "Bruch" ist doch Morgen - Abend.
Für mich nicht. Bei den Sommerkleidern bin ich schon beim Mittag, weil es sonst nicht warm genug wäre und beim Silber beim Abend. Und für mich wird das behauptete "fließen", das ich auch inhaltlich so im Text sehe, leider sofort wieder an der Silberstaumauer gestoppt. .-)
Und die ungeliebten Worte beziehen sich auf Nebel, Dunkelheit, Kälte - eben das, was man als negativ empfindet.
Hm, dann bin ich wohl der falsche "man", weil die Worte Nebel, Dunkelheit und Kälte ebensowenig wie die Tatsachen selbst, für mich nicht per se negativ belegt sind. Dazu braucht es schon den entsprechenden Kontext, den ich hier weder hören noch sehen kann? "Abendgeister, Nebelfahnen" klingt für mich weich und geheimnisvoll und so sehe ich das auch vor mir, mit einem leichten Gänsehautfrösteln, aber nicht negativ.

Liebe Grüße
Flora
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