Wach stehlen sie mir wovon ich träume

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Erman
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Registriert: 07.12.2017

Beitragvon Erman » 22.12.2017, 11:32

Gewissen über das Vergessen.
Hoffnung ist Luxus. Ewige Nacht im Blut
droht ausgedachtem Auge mit blinder Wand.
Feuer, dunkel hinter sich, gleich wie als Erster
zu lieben - so liebe ich. Ich kann mich nicht erinnern.
Weiß ich, was ich wusste, weiß ich, was ich wissen werde?
Einsames Skelett, verlorener Name.
Wunderbar im Einklang mit der Leere,
die sich die Unfruchtbarkeit der Blume und des Winters merkt.
Ich bin der bekümmerter Liebhaber dieser Blume,
die hinter mir die Sonne anlockt und die Leere
in eine Nachtigall verwandelte, als der ungleiche Altar
mich berührte und in Staub verwandelt hat.
Doch mit der Vergesslichkeit habe ich die Welt
getrocknet und bewahre sie
für alle Zeiten vor Zeit und Staub.
Wo sind die Orte, wenn der Wind weht
und die Verwüstung verschiebt?
Wo ist mein wunderbarer Stern?
Niedrigkeit. Vergebens - die Sehnsucht.
Ich lese das Lied auf den Knien.
Altar, der sich im Wesen, im leeren Stein
öffnet, wo der Schweif des letzten Sterns ist,
dessen Glanz nie trügt.
Ein Lächeln zeigt die einzig ungerade Linie,
die viele Dinge gerade biegen kann. - Erman

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 05.01.2018, 20:11

Hier jedoch spricht mich nicht eine Zeile an, oder löst etwas aus, oder lässt mich etwas entdecken. Auch sprachlich nicht. Auf mich wirkt es wie ein gescheiterter Versuch ein expressionistisches Gedicht schreiben zu wollen.
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Eule
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Beitragvon Eule » 08.01.2018, 22:57

Ich lese die meisten Bilder hier in einer elementaren Ebene der Verzweiflung, die nicht leicht auszuhalten ist. Diese begegnet den meisten Menschen zumindest medial sehr häufig.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Klimperer
Beiträge: 1852
Registriert: 21.11.2012

Beitragvon Klimperer » 11.01.2018, 07:53

Der Titel lässt gleich an die Traumwelt denken, aber da ist man auf dem Holzweg.
Die einzigen Träume, die sich zu wiederholen pflegen, und von denen man sagen kann, dass man davon träumt, sind Alpträume.
Es handelt sich eher um Tagträumen, um einen Tagtraum.
Dem Dichter ist das Vergessen, das fortschreitende Vergessen bewusst. Sein eigenes oder das von der offensichtlich geliebten Person?
Hoffnung, ein Luxus, etwas, dass man sich kaum leisten kann, etwas, das von der Realität in Frage gestellt wird.
Alles führt in eine Sackgasse. Der erträumte Blick wird von der Härte der Tatsachen geleugnet.
Vierte und fünfte Vers lassen an einen Komet denken.
Man vergisst, wie man geliebt hat.
Der siebente Vers ist eine klare Beschreibung des Todes. Zustand, der in den nächsten zwei Versen verdeutlicht wird.

"Ich bin der bekümmerter Liebhaber dieser Blume,
die hinter mir die Sonne anlockt und die Leere
in eine Nachtigall verwandelte, als der ungleiche Altar
mich berührte und in Staub verwandelt hat."
Das sind Vers 10 bis 13.

Hier sagt der Dichter deutlich, worum es geht. Er liebt immer noch diese Person.
Als er sie anfangs liebte verwandelte sich seine Leere in eine Nachtigall, das heißt, sie war eine lyrische Quelle für ihn.

" Doch mit der Vergesslichkeit habe ich die Welt
getrocknet und bewahre sie
für alle Zeiten vor Zeit und Staub."
Diese lyrische Aussage könnte man so interpretieren: Nach einer romantischen Phase hat der Dichter einen Kern "nüchterner" Lyrik aufbewahrt, der ihn befähigt, weiterhin, wenn auch anders, zu schreiben.

Die letzten acht Verse sind eine Mischung aus Ode und Elegie.
Am Ende erscheint wieder der Komet.
Man kann sich fragen, welches der Stern ist, "dessen Glanz nie trügt".
Die Liebe, würde ich sagen.


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