Vision und Wirklichkeit

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Erman

Beitragvon Erman » 19.01.2018, 18:16

Mit dem Aufbruch zu uns selbst
verurteilen wir uns zur Entfremdung,
bewusst.
Manchmal befürchte ich, ich könnte es lieben,
genauso, wie ich es weiß,
die noch mehr geneigten Fruchtbäume der Freuden zu lieben.
In der Verdrängtheit sammle ich Bilder:
Bilder der Stimmen, Bilder, Bilder, Bilder - der Geschehnisse.
Mit der dünnen Linie des Traums flechte ich Umrisse,
füttere Düfte verschiedener und vergangener Lieben.
In zarten Urnen,
mit den Farben der Zwetschgen-Bäume
lackiert, wie in Honig eingetaucht.
Das Herz ist ein Museum seltener Werte.
Manchmal sind die Nächte eng wie die Haut.
Ich, der Maler der inneren Mauern.
Ich, der auf sprödem Gerüst der Erinnerung
seine vernachlässigten Fassaden bemalt,
belebt in sich die gefleckten Nichteigenschaften,
schmückt die Kapelle der Nachhaltigkeit für seinen toten Traum.

Wie die trauerende Mutter ihr totes Kind,
lege ich die verstorbene Natur auf mein Bett. Jene blaue Rose.
Eingemauert unter Glasfresken habe ich meine einzige Ikone.
Blaue Augen, die Trauer schweigen.
Auf wen blicken sie nun?
Mitten im Traum hat sie mich ausgeträumt.
Mitten in der Wahrheit riss die Nabelschnur.
Großvaters Taschenuhr -
stehen geblieben auf der Ewigkeit.
Verbrannter Olivenzweig, im Rauch die Tage und Jahre verbunden
mit dem Duft meiner Vergänglichkeit. Mutters Brot hat sie geteilt
und all meine Liebe zerfiel zu Körnchen.
Ich, Maler der vergessenen Mauern,
male die tote Natur, die lebt.
Dann bin ich aus Luft,
die irgendwo ist und war.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 20.01.2018, 08:05

Hallo Erman,

schön, dass du noch Gedichte einstellst. Bitte aber auch daran denken, dass Foren von der Kommunikation leben und wenn niemand kommentiert oder ein Kommentator auf seine Kommentare keine Antwort bekommt, nimmt das den Spaß ordentlich raus, den es machen könnte.

Dieser Text kommt wieder ermanmächtig um die Ecke. Irgendwie erinnert er mich an Texte von Nietzsche, die sind auch so geballt und voller Willen zur Entdeckung, fordern und überfordern mich als Leser. Auch wenn du es nicht gerne hörst, hier würde ich auch die Prosasetzung mal in Erwägung ziehen.

Ein Gedicht über die mögliche Unmöglichkeit der Selbstfindung. Die große Fragestellung, was einen ausmacht, die Lieben, die Eltern/Großeltern, das Erlebte, das Erträumte, das Erlebtgeträumte, oder haben sich die Wände der Kindheit nach innen gestülpt? Kann ich überhaupt selbstbestimmt an diesem angesammelten Seinhaufen noch was ändern, finden? Natürlich bleibt das unbeantwortet, dennoch regt es an.

Und du findest wieder starke neue Bilder, vertraust dich deinem Fluss blind an.

die noch mehr geneigten Fruchtbäume

'noch mehr' klingt für mich ungelenk aber 'stärker' auch, hm.

lackiert, wie in Honig eingetaucht.

"ein" gestrichen klänge besser?

Eingemauert unter Glasfresken

Eingegossen?

Mutters Brot hat sie geteilt
und all meine Liebe zerfiel zu Körnchen.

zerkrümelte?

Meisterlichkeiten (für mich):

In zarten Urnen,

Manchmal sind die Nächte eng wie die Haut.

lege ich die verstorbene Natur auf mein Bett

Mitten im Traum hat sie mich ausgeträumt.
Mitten in der Wahrheit riss die Nabelschnur.

Dann bin ich aus Luft,
die irgendwo ist und war.

Grüße
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)


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